Medienspiegel

Doch da schreitet keiner an der Seite …

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Die Funktionärskaste der SPD verzweifelt bei der Suche nach der Seele der eigenen Partei.

Ein Kommentar.

https://www.tagesspiegel.de/politik/volksparteien-doch-da-schreitet-keiner-an-der-seite-/23685596.html

Kommentar GB:

Die SPD leidet m. E. zum einen dem Verlust von mehr als der Hälfte ihrer Wähler und – vor allem – der Mitglieder. Die Partei sollte sich vielleicht einmal fragen: wer ist wann aus welchen Gründen gegangen? Zum anderen fällt die Lernblockade der Partei auf. Während der rechte Flügel, die Seeheimer Partei Deutschlands, sich nach wie vor am Kapitalinteresse orientiert, gleichsam als Betriebsrat des Gesamtkapitals, deliriert der linke Flügel in den bunten Räuschen der Postmoderne; darin übrigens ist der linke Flügel der SPD dem entsprechenden Flügel bei den Grünen und in der LINKEN zum Verwechseln ähnlich.

Wenn die Parteiführung dann durch Frau Nahles versichert, die SPD wolle sich erneuern, und wenn man in den darauf folgenden Wochen eklatante Beispiele dafür findet, daß sie genauso wie bisher weitermacht, nur mit erhöhtem Tempo, dann fragt man sich doch, warum Frau Nahles überhaupt etwas gesagt hat. Da  hilft es auch nichts, wenn Herr Gabriel anscheinend eingesehen hat, daß man mit postmodernen Minoritätenpolitiken gegen die jeweiligen Majoritäten  nicht mehrheitsfähig ist. Das hätte man vorher wissen können. Aber man hat lieber Partialinteressen übermäßig Gewicht gegeben: ein schwerer Fehler.

Ein Grund, warum das so ist, ist dieser hier:

„Die SPD erliegt aber der Gefahr, auf den Landeslisten Frauen und Männer zu platzieren, deren politische Überzeugungen denen der eher link stehenden Funktionären nahe sind. Dass die sozialdemokratische Basis konservativer denkt und fühlt als die Funktionärsschicht, zeigt sich immer wieder. Der Einfluss der Funktionsleiten erleichtert, dass in den Parteien Karrieren gefördert werden, deren Ziel nie etwas anderes als das des Berufspolitikers gewesen ist. Von den Schüler- und Jugendorganisationen über eine Studienentscheidung, die im Parlament nützlich sein kann (eher Politologie als Wirtschaftswissenschaften, eher Sozialwissenschaften als Ingenieur) bis hin zur Mitarbeit im Büro einer Abgeordneten oder eines Abgeordneten verläuft die Kette. Diese Inhouse-Karrieren funktionieren dank der Landeslisten. Sie bieten sichere Aufstiegschancen, haben aber mit dem beruflichen Alltag der Wähler kaum etwas gemeinsam. Das bringt dann – nicht nur in der SPD – jene Politiker hervor, die in Krisensituationen gönnerhaft ankündigen, man müsse nun aber „mit den Menschen reden“ – so, als würde ein Individuum auf einer höheren Entwicklungsstufe das Gewimmel unter ihm überblicken, und abwägen, wie man das Volk zur Einsicht bringt.“