Medienspiegel

Geopolitik: China – die neue Sowjetunion?

Die USA bereiten sich auf eine Ära der strategischen Konkurrenz vor
Was bedeutet die zunehmende Konkurrenz zwischen den USA und China für die Welt?
Lässt sich der Konflikt noch in Bahnen lenken, oder droht ein Krieg?
Kevin Rudd, früherer Premierminister Australiens, entwirft mögliche Szenarien.
Kevin Rudd 13.11.2018

https://www.nzz.ch/meinung/china-die-neue-sowjetunion-die-usa-bereiten-sich-auf-eine-aera-der-strategischen-konkurrenz-vor-ld.1430467

Kommentar GB:

Die Rivalität der USA mit Rußland zeigt sich am deutlichsten in der Ukraine-, Osteuropa- und NATO-Politik, für die Bündnistreue eingefordert und gewährt wird, obwohl die Spaltung Europas durch diese Politik gerade nicht in dessen Interesse liegt, ganz besonders nicht im west- und mitteleuropäischen Interesse, und selbstverständlich schon gar nicht in dem Rußlands.

Implizit ist diese osteuropäische Frontbildung auch gegen das chinensische Verkehrs-infrastrukturprojekt der „Neuen Seidenstraße“ gerichtet, weil dieses China ermöglichen wird, anfällige und von der Seemacht USA kontrollierte chinesische Seewege durch eurasische Landwege zumindest teilweise zu ersetzen. Die Entwicklung hin zu einer eurasischen Landmacht gilt es jedoch aus US-Sicht zu verhindern, weil ihre Einfluß in Eurasien dadurch stark eingeschränkt werden würde.

Eine zweite Frontlinie zwischen den USA und Rußland verläuft in Syrien, also im Nahen Osten mit seinen Energieressourcen. Die vermutlich als erfolgreich einzuschätzende Politik Rußlands dürfte, abgesehen von den Energieressourcen Irans, an dieser politischen Frontlinie überwiegend taktisch bestimmt sein. Ein ideologisch verläßlicher Bündnispartner des schiitischen Regimes im Iran dürfte Rußland sicherlich nicht sein, eher im Gegenteil.

Im Osten stehen die USA als die eine pazifische Seemacht (tatsächlich oder potentiell) in Japan, Süd-Korea, auf Okinawa, Taiwan und den Philippinen, während China versucht, seine Seewege unter Kontrolle zu bekommen, was die USA gerade verhindern wollen; daher der Konflikt im Südchinesischen Meer, aber ebenso um Myan-Mar (Birma), das faktisch zur chinenischen Einflußzone gehört und über Häfen am Golf von Bengalen verfügt. Die muslimische Hidjra wird in diesem Zusammenhang als Hebel gegen China genutzt, und dasselbe gilt für die islamrepressive innere chinesische Politik in ihren Westprovinzen. Der gemeinsame Nenner besteht in der Zielsetzung, nämlich darin, den weiteren Aufstieg Chinas zu hemmen, den die chinesische Führung umgekehrt weiter vorantreiben will. Die USA hingegen werden weiter versuchen, sich ihre derzeitige singuläre, aber erodierende globale Machtposition zu erhalten, die Kosten dafür sind jedoch sehr hoch. Die Überdehnung der politisch-militärischen Macht der USA dürften daher mittel- bis langfristig zu einem „Sinkflug des Adlers“ führen.

Die doppelte Frontstellung gegen Rußland einerseits und China andererseits treibt allerdings diese beiden geopolitischen Konkurrenten der USA in ein Bündnis, das in Eurasien ein beträchtliches Gewicht hat. Das ist aus Sicht der USA kontraintentional: daher das NATO-Manöver in Norwegen gegen das gemeinsame Großmanöver von Rußland und China. Aber immerhin ist es den USA gelungen, die EU von einer ihren Interessen entsprechenden eurasischen Politik abzuhalten, indem sie sich die EU untergeordnet haben. Diese mangelnde Fähigkeit, die wahren eigenen Interessen zu bestimmen und klug und angemessen zu vertreten, dürfte eine der zentralen Schwächen der EU-Politik sein, und der Grund hierfür ist wahrscheinlich der, daß sie politisch-intellektuell und politisch-personell nicht hinreichend unabhängig von den USA ist. In der gegenläufigen Iran-Politik zeigt sich dieses Spannungsfeld auf der politischen Oberfläche.

„Die Zukunft des chinesisch-amerikanischen Verhältnisses bedingt, dass die beiden Staaten sich auf ein strategisches Narrativ einigen können. Fehlt ein solches gemeinsames Bezugssystem, dann ist es nur ein kurzer Weg von strategischer Konkurrenz zur Entkoppelung, zur Konfrontation, zum Konflikt oder gar zum Krieg.“

Ich weiß zwar nicht, was dieses Gerede von einem „Narrativ“ hier soll, aber inhaltlich dürfte das ein insgesamt zutreffendes Urteil sein. Wenn Die USA allmählich absteigen, und wenn China allmählich aufsteigt, dann bleibt der Frieden genau dann erhalten, wenn beide Seiten diesen konfliktären Prozeß hinnehmen oder wenn sie seinen Austrag auf friedliche Mittel beschränken, wie das zur Zeit auf dem Feld der Handelspolitik zu beobachten ist.

Siehe:

Das Große Spiel – Geopolitische Strukturen und Entwicklungen