Medienspiegel

Rundbrief Dezember 2018

Veröffentlicht

Berlin, 20. Dezember 2018

Gerd Held

 

Werte Leser, Kollegen und Freunde,

 

Dies ist die Dezember-Ausgabe meines Rundbriefs, die auf den vergangenen Monat (und ein wenig auch auf das ganze Jahr 2018) zurückblickt und Texte vorstellt, die auf meiner Webseite www.gerdheld.de in der Rubrik Der Monat zu lesen sind.

 

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Das sehr knappe Abstimmungsergebnis über den CDU-Vorsitz ist ein Ereignis, das die politische Entwicklung des vergangenen Jahres recht gut wiederspiegelt. Dabei geht es weniger um die Frage, inwieweit Kamp-Karrenbauer tatsächlich in jeder Hinsicht eine Merkel-Fortsetzung ist und inwieweit Merz tatsächlich auf der Höhe der Aufgaben einer Alternative für Deutschland ist. Wichtiger ist der Vorgang, dass das Bedürfnis nach einem Richtungswechsel und die Suche nach einem Ausweg aus dem Erosionsprozess, dem Deutschland unübersehbar ausgesetzt ist, an Breite gewonnen hat. In diesem Punkt fügt sich Deutschland – endlich, möchte man sagen – in die politische Entwicklung in anderen Ländern ein. Die Wahl Trumps in den USA und die bemerkenswerte Behauptung der Republikaner in den Mid-Term-Wahlen zeigt eine ähnliche Zweiteilung der politischen Landschaft. Die hartnäckige Auseinandersetzung um den EU-Austritt Großbritanniens ebenso.

 

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Und nun zeigt sich auch in Frankreich mit der Bewegung der „Gelbwesten“ (gilets jaunes) eine breite, tief im Lande verankerte Gegenbewegung gegen ein Macron-Lager, das gerade noch für sich allein den Anspruch erhob, die aktiven Bewegungskräfte Frankreichs zu repräsentieren. Das Macron-Lager nannte sich „La France en marche“ und wollte sich über alle Alt-Parteien erheben. Das war ein Schachzug, der mit einem Schlag „jenseits aller Parteigrenzen“ einen politischen Alleinvertretungsanspruch installieren wollte. „Die Anderen“ sollte es gar nicht mehr geben. Man dachte, man könnte die Nichtwähler, die die Wahlbeteiligung bei den Macron-Wahlen unter 50% hatte sinken lassen, schlichtweg ignorieren – als hätte dieser Teil des politischen Frankreichs keine politischen Interessen mehr! Als säßen diese Menschen irgendwo „abgehängt“, „ängstlich“, „resigniert“ oder einfach nur „stumpf“ auf dem Sofa! Dann kamen die „gilets jaunes“ und zeigten vor allem eins: dass es ein anderes „France en marche“ gab, einen großen Sektor der Gesellschaft, der einen Großteil der Arbeit der Nation trägt. Und zwar gerade der physischen Arbeit, die sich in unserer heutigen Zeit nicht in der Mitte der großen Städte vollzieht, sondern in der engeren und weiteren Peripherie. Das war exakt der gesellschaftliche Sektor, der in den USA Trump an die Regierung brachte, und der in Großbritannien die Mehrheit für den Brexit herstellte. Auch in anderen Ländern lässt sich das beobachten und hat auch hier mancherorts -zum Beispiel in Mittel-Ost-Europa – neue Regierungsmehrheiten hergestellt.

 

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Zwei Dinge verdienen es, in der Bilanz des Jahres 2018 festgehalten zu werden. Erstens kann die Tatsache auch in Deutschland nicht mehr ignoriert und verdrängt werden, das es eine politische Opposition gibt, die einen sozialen Sektor repräsentiert, der aktiv ist, der kraftvoll ist, der in der Arbeitswelt verankert ist und hier oft belastende und ermüdende Tätigkeiten aushält (mit eigenem Stolz und auch mit eigenem Humor), die in dem sozialen und politischen Sektor des „Weiter-So“ als unerträglich gelten. Es gibt inzwischen eine vielfache Erfahrung, dass diejenigen, die für sich beanspruchen die Zukunft  zu repräsentieren, dann, wenn sie einmal in die Arbeitswelt der Anderen geraten, dort schnell wieder verschwinden – weil die Arbeit dort nicht „intelligent“ oder „kreativ“ genug ist, oder weil die „work-live-balance“ nicht stimmt.

 

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Die Tatsache, dass sich im Laufe des vergangenen Jahres eine neue Breite und Qualität des anderen gesellschaftlichen Sektors gezeigt hat und die neue politische und moralische Konkurrenz, die das eröffnet, eigentlich unübersehbar ist, bedeutet nicht, dass das abfällige Gerede – insbesondere in den Medien und insbesondere in Deutschland – damit beendet wäre. Nein, unverdrossen wird hierzulande die Mär von den „Ängsten“ der Menschen (zum Beispiel angesichts der Migrationswelle) weitererzählt, womit man die Auseinandersetzung in der Sache gar nicht erst eingeht, aber sich selber schon den Titel des „Mutigen“ reserviert hat. Tolle deutsche Zustände: Diejenigen, die die Zügel schleifen lassen und darauf setzen, dass es schon irgendwie gutgeht, wollen als die Mutigen gelten.

 

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Die zweite Wahrheit, die mit der neuen Knappheit der Mehrheiten verbunden ist, besteht darin, dass die Opposition in Deutschland ihrerseits nicht ignorant sein sollte, sondern die Gesellschaftshälfte, die ihr gegenübersteht, ernst nehmen sollte. Die Überhöhung der Person Merkel und die Zuspitzung aller politischen Auseinandersetzung auf das „Merkel muss weg“ darf nicht dazu führen, dass man sich mit dem sozialen Sektor, der sie trägt, nicht sorgfältig und aufrichtig beschäftigt.

 

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Das sind zwei Wahrheiten, die wir mit ins Jahr 2019 nehmen sollten: Dass die Opposition in Deutschland und anderen Ländern selbstbewusst als große gesellschaftliche Kraft auftreten kann, und dass es zugleich eine zweite große gesellschaftlichen Kraft gibt, die die bisherigen Verhältnisse und das Weiter-So billigt – und sie tut das nicht deshalb, weil sie dazu gezwungen ist oder von irgendwelche höheren Mächten verführt würde. Auch dieser gesellschaftliche Sektor hat seine inneren Gründe. Ja, wir haben eine gesellschaftliche Zweiteilung – und wenn man so will: ein „gesellschaftliche Spaltung“. Aber das ist nichts Schlimmes. Es ist kein Zeichen, das unser Land verloren wäre. Denn es ist keineswegs so, dass nur eine einmütig zusammenhaltende Gesellschaft geschichtliche Entwicklungskraft hätte. Das ist eine ganz schädliche und einschüchternde Vorstellung. Ein Ammenmärchen. In Wirklichkeit kann sich ein Richtungswechsel gar nicht anders durchsetzen, als dass er zunächst nur von einem Teil der Gesellschaft verfolgt würde, während der andere den Status-Quo vertritt. Mit anderen Worten: gesellschaftliche Teilungen sind bei großen politischen Aufgaben unvermeidlich und auch notwendige Stadien, ohne die das politische Handeln gar nicht anfangen könnte.

 

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Die Opposition sollte ihren Weg gehen und zugleich versuchen, ihn dem sozialen Sektor des Weiter-So verständlich zu machen. Dabei wäre es wichtig, eine Frage in den Vordergrund zu stellen, von der die Anhänger des Weiter-So zwar bisweilen sprechen, aber die sie nicht wirklich beantworten: die Entwicklungsfrage. Das lässt sich sehr gut beim Problem der Massenmigration zeigen.

Der sogenannte „Migrationspakt“ (die Abstimmung darüber hat auch sofort zwei Lager offenbart) hat nämlich exakt bei der Entwicklungsfrage seinen blinden Fleck. Er kann überhaupt nicht erklären und begründen, wie aus Migration (dem ganz oberflächlichen, isolierten Vorgang der Fortbewegung von einem Land zum anderen) Entwicklung entstehen soll.  / (Hervorhebungen GB)

Er verdeckt diesen blinden Fleck mit kruden Floskeln, Geschichte „schon immer“ durch Migrationen gemacht wurde und dass in der heutigen Globalisierung (also etwas, was nicht „schon immer“ da war) die Migration besonders positiv sei. Dass gerade aus Gründen der Entwicklungsfähigkeit in der Geschichte unserer Neuzeit begrenzte Territorialstaaten mit Eigenverantwortung (und dafür mit harten Zugangsbegrenzungen) gebildet wurden, wird ignoriert. Und zugleich wird bei dem UN-Vorhaben „Migrationspakt“ ignoriert, dass die Vertragsgrundlage der Vereinten Nationen (ihre Charta) die Souveränität und territoriale Integrität ihrer Mitgliedsstaaten ist und die große Vermischung durch eine ausufernde Massenmigration ein Anschlag auf die UN selbst ist.

 

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Die Dezember-Ausgabe von Der Monat, die Sie auf meiner Homepage www.gerdheld.de finden, enthält zwei Texte, die sich in diesem tieferen Sinn mit dem Migrationspakt und seiner mythischen Überhöhung der Mobilität auseinandersetzen:

 

Zum anderen habe ich drei ältere Texte aus meinem Archiv in diesen „Monat“ eingestellt. Auch hier geht es, wenn man so will, vertiefend um die Entwicklungsfrage – nämlich um die Bedeutung der Dinge in unserer modernen Welt. Diese Welt kann als eine Welt beschrieben werden, deren geschichtliche Signatur darin besteht, dass sie – in einem unvergleichlich größeren Maße als alle bisherigen Zeitalter – eine gegenständliche Welt ist und die Wahrnehmung und Tätigkeit der Menschen auf Gegenstände bezogen ist. Und dies wird in einem Bereich und in einer Jahreszeit deutlich, den wir eigentlich nicht mit dem Gegenständlichen verbinden: mit dem Religiösen und mit der christlichen Weihnacht. Advent und Christi Geburt haben sich erst in der Neuzeit zur wichtigsten christlichen Ritus mit der breitesten Popularität entwickelt und hier hat sich eine ganz eigene Gegenstandswelt entwickelt, die wir von Kindheit an in unserer Erinnerung bewahren und in unserem Leben weiterführen. Und das hat durchaus eine tiefere, religiöse Logik: Denn Christi Geburt auf Erden ja die Zuwendung Gottes zu dieser Welt in ihrer Gegenständlichkeit und zu den Menschen in ihrem Leben, wie sie es hier auf Erden führen. Und diese Gegenständlichkeit ist ja kein reines Menschenwerk, sondern ist von Gott vorgegeben und in ihrem ganzen Reichtum in Moderne sichtbarer und fühlbarer als in allen Zeitaltern vorher. Ich habe diese Texte in den „Monat“ aufgenommen, weil ich im Deutschlandfunk im Rahmen der Sendung „Streitkultur“ eine Diskussion mit Pirmin Spiegel (Misereor Deutschland) zum Thema „Kaufrausch zu Weihnachten – Konsum begrenzen oder grenzenlos konsumieren“ bestritten habe (gesendet am 8.12.2018). Es war ein sehr freundlich geführtes Gespräch, das aber in der Sache zeigte es – beginnend beim Titel-Wort „Kaufrausch“, das ja schon eine blinde, lieblose Raffgier gegenüber den Dingen – den Unterschied zwischen einer rein mitmenschlichen Deutung von Weihnachten und einer tieferen gegenständlichen Deutung. Die Texte „Aus dem Archiv“ sind:

 

Ich wünsche Ihnen allen, liebe Leser, Kollegen und Freunde, eine gesegnete Weihnacht und für das kommende Jahr Gesundheit, ein unverzagtes Herz und einen klaren Kopf.

Ihr

Gerd Held