Der Super-Euro-Finanzminister

Zur großen Sehnsucht nach dem guten Fürsten

von Gerd Grözinger

„Ökonomen haben immer gewarnt: Eine Währungsunion ohne gemeinsame fiskalpolitische Verantwortung erscheint im günstigsten Fall vielleicht als zeitweise stabil. Deutlich wahrscheinlicher ist aber, dass sie mit lang andauernden regionalen Ungleichgewichten zu kämpfen hat.[1] Jetzt scheint dies auch die Politik endlich begriffen zu haben. Der französische Präsident Emmanuel Macron thematisiert dieses Problem schon seit längerem, zuletzt etwa in Straßburg bei seiner Rede vor dem Europaparlament. Wo aber liegen die Ursachen des Problems?“ (…)

https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2018/mai/der-super-euro-finanzminister

Kommentar GB:

Der Autor hat einen sehr differenzierten und ausführlichen Artikel vorgelegt, der es unbedingt verdient, diskutiert zu werden. Er schließt wie folgt:

(…) „Nichts hat Europa am Ende mehr gespalten als die Politik der vorzeitigen Vergemeinschaftung durch den Euro. Wenn jetzt über die Korrektur einer schlecht konstruierten Gemeinschaftswährung nachgedacht wird – was zweifellos dringend nötig ist –, besteht aber eine große Gefahr. Diese hat Freud als „Schicksalsneurose“ bezeichnet, eine Variante des „Wiederholungszwangs“ von Neurotikern.[23] Ihm fiel auf, dass nicht wenige Menschen, auch ohne erkennbare neurotische Disposition, sich immer wieder freiwillig in Situationen begeben, in denen sie ganz ähnliche Enttäuschungen erleben und nie etwas daraus zu lernen scheinen. In unserem Fall wären das weitere Verschmelzungsvorstellungen, also noch mehr vorzeitige Vergemeinschaftungen. Ein als heilsbringend fantasierter Euro-Finanzminister fällt in diese Kategorie: Er löst nicht wirklich die anstehenden ökonomischen Probleme und entfremdet die EU vermutlich sogar weiter von ihren Bürgern. Er verdeckt dies zunächst aber mit einer schon geradezu elterlich konnotierten Scheinautorität: für Frankreich als nährende Mutter, für Deutschland als strafenden Vater.“

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