Medienspiegel

Egon Flaig: Die Niederlage der politischen Vernunft.

Wie wir die Errungenschaften der Aufklärung verspielen.

Buchbesprechung

von Michael Mansion

Wenn einer von der Niederlage der politischen Vernunft nicht nur spricht, sondern ihr den Titel seines Buches widmet, dann ist der Autor entweder sehr besorgt oder er befindet sich in einem Irrtum, was allerdings im Umkehrschluss bedeuten würde, dass wir den Beteuerungen der politischen Klasse glauben müssten, welcher allerdings nachzuweisen ist, dass sie den Kontakt zur Wirklichkeit weitestgehend verloren hat.

Exakt davon geht der Althistoriker Egon Flaig auch aus, denn er verortet die seit Jahren andauernde mediale Desinformationskampagne auf gleich mehreren Ebenen eines Wirklichkeitsverlustes und unterstellt der politischen Linken, bzw. denjenigen, die sich dafür halten, sie übten Verrat an den Errungenschaften dessen, was wir Aufklärung nennen.

Eine Mixtur aus moralisierender Grenzenlosigkeit, eine Negierung universaler Wahrheits-ansprüche und ein Kulturrelativismus, welcher antritt, national gewachsene Identität als ein vorgestriges Weltbild zu denunzieren, sind wesentliche Bezugspunkte des Autors.

Hinzu kommt eine kritische Betrachtung einer EU, deren supranationaler Anspruch im Sinne einer stückweisen Entlegitimierung der Nationalstaaten (und damit ihrer Bürger/innen) und ihrer Transformation in einen übergeordneten europäischen Gesamt-Staat ohne ein Unionsvolk, das Ende jeglicher gewachsenen Rechts- und Sozialordnung wäre.

Flaig spricht hier von einer „Zerstörung der Öffentlichkeit“.

Das Buch hat 11 Kapitel, sowie ein Vorwort und eine Nachbemerkung.

Der Autor ist um eine Gliederung bemüht, die auch aktuelle Metaphern aufgreift, um sie beeindruckend zu analysieren und bei Bedarf zu zerlegen.

Dabei wird deutlich, dass man es mit einem sprachgewaltigen Wissenschaftler zu tun hat, der sehr universell gebildet ist und neben seiner Wissenschaft auch in der Soziologie und der Philosophie beheimatet ist.

Das verschafft einen durchaus erhellenden Blick in die vermeintlichen Nebel aktueller Undurchsichtigkeiten, die sich strukturell als älter erweisen, als es die krisenhafte Situation erscheinen lässt.

Flaigs Ansinnen ist es, eine Prozesshaftigkeit transparent werden zu lassen, die aus einer ganzen Reihe von Komponenten besteht, deren Gestalt es zu analysieren gilt.

Die aktuell grassierende fatale Umdeutung kategorialer politischer Begrifflichkeiten, im Zusammenhang mit einer breit angelegten Denunziationskampagne gegen kritische Analysen und Wertungen, wenn diese dem medial verordneten Mainstream nicht entsprechen oder entgegenkommen, begreift der Autor als einen sehr ernst zu nehmenden Angriff auf die Substanz der Demokratie.

Dies alles wäre jedoch zu klein gedacht, denn Egon Flaig ist immer um einen Gesamtzusammenhang bemüht, der das nachgerade Unverständliche oder Absurde des Geschehens aufbricht und ihm seine sozialwissenschaftliche Bestimmung zuweist.
Ihm da zu folgen, ist ein intellektuelles Vergnügen, welches sich mit der eher traurigen Erkenntnis trifft, dass schon viel zu viel und zu lange in die falsche Richtung gelaufen ist und es schwer sein wird, korrigierend einzugreifen.

Flaigs Credo für die Überlebensfähigkeit einer intakten Gesellschaftlichkeit, bezieht sich auf das kulturelle Gedächtnis, das Verhältnis der Subjekte zum Gemeinsinn, deren Innovationsfähigkeit und einen weiteren Punkt, mit dem er sich (bewusst) angreifbar macht.

Es ist dies die Fähigkeit, Feindseligkeit zu begreifen, sie nicht in den Bereich des Nimmermöglichen und Niegewollten zu verweisen oder gar zu negieren.

Er macht am absurden Begriff der Fremdenfeindlichkeit fest, als ob sich eine solche Haltung denn vorab und ohne Kenntnis von Personen manifestieren könne. Sie setzt als Grundlage vielmehr voraus, dass sich der/die Fremde eindeutig feindlich, das eigene Wertesystem demonstrativ missachtend verhält.

Die daraus sich unmissverständlich ableitende provokante Feindschaft, muss als solche wahrgenommen werden, weil sie sich in wohlwollender Missachtung nicht auflösen lässt.

Das mag banal klingen, aber der Autor verortet in den westlichen Gesellschaften und nicht nur in Deutschland diesbezüglich ein die Wirklichkeit verleugnendes Verdrängungsverhalten breiter Teile der Bevölkerungen und sieht darin einen Hang zur Selbstaufgabe.

Nichts ist selbstverständlich! Auch keine Freiheitlich-Demokratische Grundordnung, wenn ihre aufklärerischen Grundwerte erfolgreich in Frage gestellt werden können und die Ansprüche an die Rechtsprechung einer relativierenden Deutung anheim fallen.

Es liegt dem Autor fern, grundsätzlich immer böse Absichten unterstellen zu wollen, wo er gesellschaftlichen Schaden dingfest macht und manchmal spürt man zwischen den Zeilen, wie er jeglichen sich aufdrängenden Gedanken an eine Verschwörung entschlossen von sich weist, weil sich auch ihm die Gemengelage als etwas erschließt, was man gelegentlich unheimlich nennen kann.

Prof. Egon Flaig ist ein exzellenter Intellektueller, der hier auf 400 Seiten ein zweifellos anspruchsvolles Buch geschrieben hat, das leider noch nicht als Taschenbuch zu haben ist.

Da es hier um eine sehr grundsätzliche Definition des demokratischen Seins ohne Verklammerung in einem einzigen gesellschaftlichen Phänomen geht, ist es nicht vermessen, von einer großartigen Arbeit zu sprechen, der man viel Erfolg wünscht. Sie konfrontiert uns dringend mit der Frage, welche Werte unserer Kultur wir unmissverständlich und ohne Abstriche zu verteidigen gedenken oder ob wir widerstandslos in einem bunten Relativismus versinken wollen, in dem das Gesetz des Stärkeren obsiegen wird.  –