Armageddon im Orient ?

Buchbesprechung:

Michael Lüders: Armageddon im Orient /

Wie die Saudi Connection den Iran ins Visier nimmt

(C.H.Beck-Verlag)

von Michael Mansion

Der Autor darf als Kenner der politisch-religiösen Verhältnisse in der arabisch-muslimischen Welt bezeichnet werden.

Das Thema seines Buches widmet sich dem höchst brisanten Geschehen, welches die Rolle Saudi-Arabiens in einer verhängnisvollen Schlüsselposition sieht. Ölreichtum und eine wahabitisch-salafistische Ideologie, sind eine Gemengelage, begleitet von exorbitantem Wohlstand, bei zugleich rückwärts gewandtem, reaktionärem Herrschafts-Habitus mit beträchtlicher Innen- und Außenwirkung.

Als Vorgeschichte beschreibt Lüders die gelungene Unterwerfung weiter Teile des heutigen Saudi-Arabiens durch die saudisch-wahabitische Allianz in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts nach exakt der Methode, wie sich uns aktuell das Vorgehen des sog. „Islamisches Staates“ offenbart, einer erfolgreichen Verbindung von Religion und Gewalt.

Ibn Sauds Aufstieg nach dem 1. Weltkrieg, verkörpert dabei eine Strategie, die auf Eliteeinheiten setzt, deren rund 150 000 Kämpfer fanatische Schlächter und Räuber waren, welche eine enorme Menge an kulturellen Artefakten zerstörte und im Grunde als „Das Original“ des Islamischen Staates gelten können.

Das Interesse einer westlichen Weltmacht wie Großbritannien beruhte derweil nicht alleine auf dem Erdöl, sondern auch auf der Sicherung der Seewege in dieser Region.

Der Persische Golf war de facto ein britisches Binnengewässer.

Lawrence von Arabien habe – so der Autor – mit verdeckten Karten gespielt. Nominell unterstanden Kuweit und die Provinz al Hasa osmanischer Herrschaft. Tatsächlich aber hatten dort die Briten das Sagen und mit ihnen ihr neuer Verbündeter Ibn Saud.

T. E. Lawrence war von Kairo aus in den Hidschas entsandt worden. Er überredete König Hussein zu einem Aufstand gegen die Türken. Fast gleichzeitig aber verhandelten London und Paris über ein Geheimabkommen. Dieses nach seinen Unterzeichnern Sykes-Picot – Abkommen genannte Vertragspapier, schaffte koloniale Einflussbereiche, bei denen Paris Syrien und der Libanon, sowie London der Irak, Transjordanien und Palästina zugeschlagen wurde.
Hussein durchschaute das und veranlasste in der Folge die Ausrufung eines Großsyrischen Reiches, wenngleich ohne Bestand aufgrund europäischer Intrigen und fortgesetzter Stammesrivalitäten.

Die Unterstützung Ibn Sauds durch die Briten mit Waffen und ihre Einwilligung zur Eroberung des Hidschas mit der Folge vieler Massaker und einer beispiellosen Flüchtlingswelle, machte sie zu Geburtshelfern Saudi-Arabiens, indem sie Ibn Saud gegen Hussein in Stellung brachten.

Sie waren es schließlich auch, die Saudi-Arabiens Grenzen im Norden festlegten. Das Königreich Saudi-Arabien wurde 1932 von Ibn Saud ausgerufen.

Mit seinem Zentrum beim Hofrat in Riad, war das Land ohne Bürgertum und Arbeiterschaft und ohne nennenswerte Verwaltungsstrukturen, eine mittelalterliche Clan-Gesellschaft, die ihre zumindest pekuniäre Erweckung ab 1938 durch die riesigen Erdölvorkommen erfuhr.

Hiermit wächst zugleich die Rolle der USA als einem Verteidiger Saudi-Arabiens, im Sinne der eigenen wirtschaftlichen und strategischen Interessen.

Die USA erhalten vorzugsberechtigt Öl und garantieren im Gegenzug die Sicherheit der Saudis. Ein verhängnisvoller Deal!

Es entstanden die uns heute bekannten Erdölkonzerne und eine Reihe von CIA-Aktionen, in deren Folge sich die USA ihren Zugriff auf das Erdöl mit rücksichtslosen Operationen sicherten.

Die Entmachtung Mohammed Mossadeghs in Iran, nach dessen Verstaatlichung der Ölquellen im Jahre 1953, muss hier als besonders unselige Aktion gesehen werden, in deren Gefolge ein vom CIA und vom britischen M6 lancierter Putsch, Schah Reza Pahlewi und in der weiteren Folge Ayatollah Chomeni an die Macht brachte. Ein für jegliche Hoffnung auf Demokratisierung verheerender Verlauf. Zudem erschien die westliche Politik nach dem 2. Weltkrieg zunehmend widersprüchlich. Ihr Freiheitsversprechen erschien als bloße Rhetorik, die brutale Machtpolitik verschleiern soll.

Im Gegenzug verstärkten sich antiwestliche Ideologien.

Dass es die USA waren, die 1957 den Grundstein für die iranische Atomindustrie legten (Atoms for Peace), mag bizarr erscheinen, aber die Kooperation zwischen Israel und Iran in 1979 im „Projekt Flower“ ist es auch, entsprach jedoch einer diplomatischen Gemengelage, die gegenseitige Vorteile im Auge hatte.

Die iranische Revolution von 1979 sieht der Autor als verspätete Antwort auf den Putsch gegen Mossadegh in 1953, wo alle Ansätze einer parlamentarischen Demokratie zerstört und nach 1979 mehr und mehr in eine religiöse Autokratie überführt wurden.

Eine Entwicklung, die der Westen leicht anprangern konnte, ohne seine Mittäterschaft dabei ins Kalkül zu ziehen.

Dass ein mit westlichem Know How bewaffneter Iran der Sicherheit des Staates Israel nicht zuträglich ist, wird zwar erkannt, aber wenn die Antwort die Kündigung des Atomwaffen-abkommens ist, kommen Zweifel auf.

Unheilige Allianzen gab es auch bei der Unterstützung Saddam Husseins mit Waffen und Geld durch die USA und Saudi-Arabien.

Ein zentraler Vorwurf, der sich gegen Iran richtete, gründete sowohl in einigen Anschlägen gegen Landsleute, die dem iranischen Geheimdienst zugeordnet wurden, aber auch auf Irans Unterstützung der Hisbollah in Permanenz, sowie die 1989 gegen Salman Rushdie ausgesprochene Fatwa.

Dass der Westen – oder besser die westlich orientierten Staaten – ihre späteren Feinde zuvor meist gut mit Waffen versorgten, mag nachdenklich stimmen, ist jedoch sowohl erklärbar, als auch einer Logik der internationalen Waffenmärkte geschuldet.

Die Waffenbruderschaft der USA und Saudi-Arabiens gegen die Russen in Afghanistan ist sicher auch kein Ruhmesblatt an diplomatischer Weitsicht und führte bekanntlich zu einer Aufrüstung der Mudschahiddin. So konnte sich das Haus Saud als Schutzmacht der Sunniten präsentieren und zugleich gegen Teheran punkten.

Osama Bin Laden, ein saudischer Staatsbürger, wurde zur Schlüsselfigur. Pakistan erhielt Militärhilfe, wobei der CIA meist saudisches Geld und amerikanische Waffen verteilte.

Der Autor konstatiert die Entstehung eines giftigen Cocktails, der den Europäern nach 9/11 einen anhaltenden Flüchtlingstreck beschert habe, wobei er nicht sagt, wer sich aus welchen Gründen auf den Weg gemacht hat, weil die Anzahl der Flüchtlinge aus den direkt vom Krieg betroffenen Gebieten, gemessen an der Gesamtzahl gering ist.

Im Irak hatten die Amerikaner offensichtlich keinen Plan, was nach dem Krieg geschehen sollte.

Der Machtzuwachs der Schiiten führte vorhersehbar zu einem Rachefeldzug der Sunniten, was zu einem strukturellen Verfall der staatlichen Organe führte. Es entstand eine sunnitische Widerstandsbewegung, aus der gewalttätige Gruppen hervorgingen, darunter auch der IS.

Was die Saudis angeht, so erkennt der Autor zwei Grundzüge ihres Herrschaftssystems. Es ist ein System aus Gehorsam und materiellem Anreiz. Die „Gastarbeiter“ also alle diejenigen, die notwendige Arbeiten verrichten, leben teilweise unter sklavenähnlichen Bedingungen.

Das Haus Saud funktioniert dabei wie ein Familienbetrieb. Eine klare Trennung von Staatshaushalt und Clan hat es nie gegeben.

Zugleich wird das viele Geld nicht in zukunftsweisende Projekte investiert, während der Autor ein nachgerade unglaubliches Beziehungsgeflecht zwischen Saudi-Arabien und den USA bloßlegt, an dem in den USA die alten Elite-Clans und ihr Pendant in der arabischen Welt mit seinen mittelalterlichen Strukturen partizipieren.

Auch weiterhin investieren saudische Unternehmen Milliarden in amerikanische Staatsanleihen und kaufen sich auch in deutsche Unternehmen ein.

Kronprinz Mohammed Bin Salam kündigte im März 2018 weitere Investitionen von 400 Milliarden in den nächsten 10 Jahren an. Diese „Maschine“ läuft von Reagen über Bush, über Clinton und Obama, bis hin zum jetzigen Präsidenten wie geschmiert. Man darf darauf gespannt sein, ob Trump, der dem Iran misstraut, sein Misstrauen ausdehnt. Die Folgen wären interessant.

Seine eigenen Machtansprüche versucht Riad neben seinen „Einkäufen“ in westliche Unternehmen mit ideologischem Furor und Moscheenbau (auch in Deutschland) und dem Export des reaktionären Wahabismus zu festigen.

In Iran denkt man dagegen langfristiger und strategischer. Der seit 2011 geführte Stellvertreterkrieg in Syrien, bei dem die westlichen Staaten unbedingt das Assad-System stürzen wollten, was Russland und der Iran zu verhindern suchten, ist fürs Erste mit einem Sieg der Assad-Unterstützer ausgegangen.

Der Autor unterstellt Teheran eine verlässliche Außenpolitik bei weiterhin prekärer Menschenrechtslage. Der permanente Vorwurf des Terrorexportes, dient meist der Begründung von Boykott-Maßnahmen und übersieht deutliche Liberalisierungstendenzen und Reformen.
Gemessen an Saudi-Arabien, sei der Iran fast ein Muster und Vorbild an Gewaltenteilung.

Michael Lüders verwahrt sich gegen die Behauptung, die libanesische Hisbollah sei eine Marionette oder 5. Kolonne Teherans, nur weil Israel behauptet, der Iran habe die „Partei Gottes“ aus antisemitischen Motiven ins Leben gerufen, was so nicht stimme.

Vielmehr sei der bedingungslose Abzug Israels aus dem vormals okkupierten Südlibanon in 1982 mit schweren Verlusten für die israelischen Streitkräfte nur schwer zu verkraften.

Inwieweit an der Vereinbarung zur Entwicklung von Kernwaffen durch Iran gezweifelt werden kann, ist letztlich eine Vertrauensfrage mit der Konsequenz, daran zu glauben oder auch nicht.
Es dürfte schwierig sein, handfeste Beweismittel vorzulegen.

Wahrscheinlicher ist es, dass der mit Bush 2001 an die Macht gelangte sehr konservative Clan, seine bekannte Formel Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat, als Rammbock wirtschaftlicher Interessen begreift, was bekanntlich vor Fehlern nicht schützt. Bislang konnte eine Wiederaufnahme des Bombenprojekts durch Teheran nicht nachgewiesen werden.

Es spricht vieles dafür, dass Washington und Tel Aviv in Iran auf einen Systemwechsel hinarbeiten. Aber wie sollte der aussehen? Immerhin haben alle bisherigen Boykott-Maßnahmen die konservativen Kräfte in Iran gestärkt.

Es scheint – so der Autor – als ginge es in der Region nicht wirklich um Konfliktvermeidung, sondern um Machtverteilung und das Zurückdrängen der sog. Schurkenstaaten. Zugleich gehen rund 10% aller amerikanischen Waffenexporte nach Saudi-Arabien, was dazu in einem seltsamen, aber zugleich bezeichnenden Kontrast steht. Saudi-Arabien verfügt über den drittgrößten Militäretat der Welt.

Die Kritik des Autors an der israelisch- amerikanischen Achse, etwa über Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, lässt die Frage unbeantwortet, ob es auf palästinensischer Seite und ihren Verbündeten überhaupt erkennbaren Friedenswillen und eine Abkehr vom Projekt der Vernichtung des Staates Israel gibt.

Der Trump-Regierung wirft Lüders vor, die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt nach Maßgabe eines ökonomischen Deals zu sehen.

Die pro-saudische Haltung auch der deutschen Bundesregierung, wenn sie sich etwa gegen die pro-iranischen Kräfte wendet, kann in der Gefolgschaftstreue zu den USA als konsequent bezeichnet werden.

Dass die saudische Politik, im Zusammenhang mit dem Krieg im Jemen, im Westen so wenig Aufmerksamkeit erfährt,liegt nach Meinung des Autors daran, dass man Russland als Hauptschuldigen im Syrien-Konflikt ausgemacht hat. Für das Desaster im Jemen sind die beiden Kronprinzen in Riad und Abu Dhabi, sowie vor allem die USA und Großbritannien mitverantwortlich. Die Kritik bleibt zurückhaltend und die Kriegsflüchtlinge aus dem Jemen erreichen nicht Europa.

Nach Ansicht des jemenitischen Botschafters bei der UNESCO, überlegen Riad und Abu Dhabi den Jemen unter sich aufzuteilen.

In Bezug auf Iran ist der Einfluss Israels, Saudi-Arabiens, Abu Dhabis und der vereinigten arabischen Emirate auf Washington erheblich.

Es geht ihnen darum, den letzten relevanten Widersacher westlicher Hegemonie auszuschalten oder so zu verheeren, dass er für ihre Quadratur nicht mehr gefährlich werden kann.

Es gäbe – meint der Autor – viele Gründe, die Politik Irans zu kritisieren, aber des Vorwurf des Revolutionsexports greift zu kurz.

Der westliche „Einsatz für Humanität und Menschenrechte“, ist angesichts seiner Bündnisse eine moralisierende Leerformel. Auch und vor allem in Deutschland wird das „Flüchtlingsproblem“ weniger politisch, d.h. im Sinne einer Struktur der Machtverhältnisse in den Herkunftsländern referiert, wobei auch klar würde, wie die Rolle Assads in Syrien einzuschätzen ist und mit wem man es zu tun hat, wenn man seine Gegner wohlgefällig aufnimmt.

War der Orient zu Goethes Zeiten ein Sehnsuchtsort, so ist er heute ein Kriegsschauplatz, wo Entscheidungen getroffen werden, die auch uns nicht in Behaglichkeit zurücklassen werden.

Der Autor fordert die Bereitschaft, vermeintliche Gewissheiten in Frage zu stellen, was vor allem dort geboten sei, wo moralisierende Bekenntnisse das sachliche Argument ersetzen und in eine Gesinnungsethik münden.

Den Phrasendreschern in Politik und Publizistik müsse der Spiegel vorgehalten werden und es gehe darum, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen.

„Sich fügen heißt lügen“ zitiert er zum Schluss Erich Mühsam.

Ein sehr informatives und faktenreiches Buch, das interessante Zusammenhänge transparent werden lässt, die man fast nicht für möglich hält.  –

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