Islamischer Imperialismus

Hartmut Krauss

Kriegerische Expansion und islamischer Imperialismus1

Bereits die Zeit unter dem ersten Kalifen Abu Bakr (632 – 634) ist geprägt durch die militärischen Befriedungsfeldzüge gegen jene abtrünnigen Beduinenstämme, die sich nur Mohammed verpflichtet gefühlt hatten und sich nach seinem Tode vom Islam lossagten. In diesen sog ‚Riddahkriegen’ (riddha: Abfall vom Islam bzw. Aufkündigung der Unterwerfung unter die Umma) ging es folglich um die gewaltsame „Rückbekehrung“ zum Islam und der damit verbundenen Abgabepflicht. Der erfolgreiche Abschluss dieser Befriedungskriege resultierte in der nahezu vollständigen Islamisierung der arabischen Halbinsel.

Unter dem zweiten Kalifen Umar (634 – 644) wurde dann das Kriegswesen des jungen islamischen Staates zur imperialen Eroberungsstreitmacht ausgebaut. Dabei spielte auch die Notwendigkeit und Möglichkeit eine Rolle, den kriegerischen Energien der „rückbekehrten“ und neu unterworfenen Beduinenstämme ein Ventil zu verschaffen und sie mit der Aussicht auf reiche Beute in eine dem islamisch-aristokratischen Expansionismus förderliche Richtung zu lenken. So eroberten die muslimischen Araber

in einer ersten großen Welle bis 656 die byzantinischen Gebiete Syriens und Palästinas (636), Ägyptens (640 – 642), Armeniens (642), die nordafrikanische Cyrenaika (Barqa 642/43) und stießen 647 nach Africa (das heutige Tunesien) vor. Das Sassanidenreich verlor Mesopotamien (636/37), Aserbaidshan (nach 642) sowie bis 651 die iranischen Kernprovinzen Fars, Kerman und Sistan“ etc. (Autorenkollektiv 1985, S. 116).

Nach der Überfahrt der Muslime von Nordafrika nach Spanien im Jahre 711 und der Bezwingung des letzten Gotenkönigs Roderich geraten dann innerhalb von drei Jahrzehnten die gesamte Iberische Halbinsel sowie Teile von Südfrankreich unter islamische Herrschaft.

Dieser frühmuslimische Eroberungserfolg ist nun auf ein multikausales Zusammentreffen von u. a. folgenden günstigen Bedingungen zurückzuführen:

a) Die angrenzenden Großreiche – Byzanz und der Iran der Sassaniden-Dynastie – besaßen an ihren Rändern keine geographischen Barrieren und waren weitgehend unbefestigt. Zudem waren beide durch erschöpfende Kriege gegeneinander geschwächt und deshalb relativ unstabil. Zudem erinnerten die ersten Angriffe der Muslime an die gewohnten Überfälle arabischer Stämme und wurden von daher in ihrer neuen religiös-herrschaftsexpansiv ausgerichteten Tragweite unterschätzt. Als dann die Gefahr

in ihrem ganzen Ausmaß deutlich wurde und die beiden Großreiche mit massiven Aufgeboten reagierten … war der entscheidende Zeitpunkt für eine erfolgreiche Abwehr bereits verpasst, zu fest schon hatten sich die Muslime in ihren Zielregionen etablieren können“ (Noth 1987, S. 62f.).

b) Die Bevölkerung in den Grenzregionen stand zum Teil in konflikthaften Beziehungen zu dem byzantinischen bzw. sassanidischen Herrschaftszentrum, war insofern nicht sonderlich loyal und versprach sich von der neuen muslimischen Unterwerfungsmacht eine Verbesserung der Lebenslage. Hier mag auch der Umstand eine Rolle gespielt haben, dass die muslimischen Eroberer zwar Unterwerfung und Tributzahlungen, aber keine Konversion zum Islam verlangten2.

c) Der Islam stimulierte in mehrfacher Hinsicht eine überlegene, weil besonders ausgeprägte Kriegermentalität: Gegenüber der überlieferten altarabischen Stammesmentalität mit ihrem partikularen Freund-Feind-Denken wird nun die Einheit der Umma in den Vordergrund gerückt und gegen einen neuen Feind ausgerichtet: die Nicht-Muslime in ihren unterschiedlichen Varianten. Zudem ,bedienen’ die koranischen Offenbarungen an vielen Stellen3 das traditionelle arabische Kriegsheldentum, indem die Teilnahme am „Heiligen Krieg“ als „Gottesdienst“ verehrt wird und den Kämpfer im Todesfall ins Paradies und damit in unmittelbare Gottesnähe bringt. Auf diese Weise avanciert die bereits in der altarabischen Überlieferung hoch angesehene kriegerische Praxis zu einer höchst verdienstvollen religiösen Tätigkeit. Insbesondere heiligt und verherrlicht der Islam ein aktivistisches Märtyrertum, wonach im Kampf gefallene Muslime geradewegs ins Paradies einmarschieren.

Aus ihrer tribalistischen Tradition – und diese unter islamischem Vorzeichen fortsetzend – brachten die Muslime schließlich zwei wichtige Vorzeichen mit, die ihre kämpferischen Aktivitäten wesentlich bestimmt und zu deren dauerhaftem Erfolg entscheidend beigetragen haben: ein hohes Maß an Beweglichkeit, verbunden mit einer erstaunlichen Fähigkeit zur Improvisation, und die Verfügung über ein großes und leicht zu aktivierendes Reservoir an personellem Nachschub in ihrer Ursprungsregion, eben auf der Arabischen Halbinsel“ (ebenda, S. 69f.).

Dabei wurden die muslimischen Eroberungserfolge trotz – oder vielleicht auch wegen – der begrenzten Kontrolle der frühislamischen Herrscher über die militärischen Ressourcen der Umma erzielt. Zum einen existierte keine übergeordnete Kampf- bzw. Militärpflicht, so dass die Teilnahme am Djihad stets durch Werbung, religiöse Propaganda, Inaussichtstellung von Beute, Drohung etc. mobilisiert werden musste. Zum anderen hatte sich – im Unterschied zu Mohammed – keiner der frühislamischen Kalifen als längerfristig erfolgreicher und unmittelbar beteiligter Militärführer persönliche Verdienste erworben. Damit vollzog sich die arabisch-islamische Expansion ohne die direkte Mitwirkung der „Stellvertreter des Propheten“. Dem entsprach eine relative Aktions- und Entscheidungsfreiheit der jeweiligen muslimischen Kampfeinheiten, die so weit ging, dass die Eroberung Ägyptens und Spaniens ohne Wissen der Herrscher erfolgte.

Es ist als ein schwerwiegendes Defizit des frühislamischen Kalifats anzusehen, daß sich eine spezifische Verpflichtung der kämpfenden muslimischen Einheiten auf die Kalifen im Rahmen der futūh nicht hat entwickeln können, daß eher das Gegenteil der Fall war, nämlich eine Stärkung der (kriegerischen) Autonomie der erobernden Gruppen und ihrer jeweiligen Anführer“ (Noth 1985, S. 89).

Auch in Reaktion darauf entwickelte sich das islamische Heerwesen dann zunehmend in Richtung auf die Erstellung bezahlter Söldnerverbände.

Als expansive Eroberungsgemeinschaft wurde die frühislamische Umma weitestgehend von ihren nicht-muslimischen Untertanen finanziert, wobei hier folgende Haupteinnahmequellen dieser imperialen ‚Okkupationsökonomie’ hervorzuheben sind:

1) Die auf Gewaltanwendung und/oder Gewaltandrohung basierende Aneignung und Verteilung der Kriegsbeute mit dem Kalifen als oberstem Beuteverteiler. Grundlegend war hier der „Ur-Diwan“ des zweiten Kalifen Umar, d. h. die Erstellung eines rangabgestuften Verzeichnisses der Beutebezieher, in dem der Anteil an der Kriegsbeute nach religiösem Verdienst (Teilnahme am Djihad) und Abstammung (genealogische Nähe zum Propheten) genau festgelegt war. Je höher der Rang, desto höher der Platz in der Liste und umso höher der Beuteanteil.

2) Die Entwicklung einer absolut obligatorischen Individualsteuer für Nichtmuslime, deren Höhe je nach Zeit und Ort stark variierte. Die Einnahmen der Umma setzten sich folglich aus zakat (Almosensteuer) von Muslimen sowie Beute-Fünftel, gizya (Kopfsteuer) und harag (Bodensteuer) von Nichtmuslimen zusammen, wobei gizya und harag den eigentlich wesentlichen Teil des Steueraufkommens gebildet haben. Vor diesem „unterwerfungsökonomischen“ Hintergrund wird deutlich, dass das oftmalige Desinteresse der herrschende Muslime an Zwangskonversionen weniger mit ‚Toleranz’ als vielmehr mit der nachhaltigen Sicherung von Einnahmen zu tun hatte4.

3) Neben der Aneignung von sachlicher Kriegs- und Eroberungsbeute sowie der Eintreibung von Tributzahlungen basierte der vormoderne islamische Imperialismus materiell auch auf dem Handel und der Ausbeutung von Sklaven5. Dabei diente natürlich zum einen die Versklavung von größeren Teilen der unterworfenen nichtmuslimischen Bevölkerung in den Eroberungsgebieten als Hauptquelle. Zum anderen wurden aber immer wieder in Zeiten akuten Sklavenmangels auch islamisierte Völker unter dem Vorwand versklavt, bei ihnen handle es sich gar nicht um echte Muslime. Während sich diese Praxis vor allem in Afrika abspielte und Schwarzafrikaner betraf, so gingen später (ab 1360) die osmanischen Türken dazu über, bis zu einem Fünftel der christlichen Kinder zu versklaven, unter Zwang zu bekehren und den männlichen Anteil der Betroffenen zu fanatischen Elitekämpfern auszubilden, den sog. Janitscharen. Wie der amerikanische Historiker Robert Davis anhand von Quellenstudien ermittelt hat, wurden zwischen 1530 und 1780 bis zu 1,25 Millionen weiße christliche Gefangene auf den Sklavenmärkten Nordafrikas zum Kauf angeboten. Zwar gelangten vereinzelt die Söhne von freien muslimischen Vätern und Sklavinnen in höchste Ränge bis hin zum Kalifenamt, während Militärsklaven (Mamluken) sogar die Macht eroberten und in Ägypten von der Mitte des 13. Jahrhunderts bis 1517 innehatten, aber diese Sachverhalte vermögen nicht die Leiden der Masse der islamisch versklavten Menschen zu relativieren oder zu beschönigen, die einer maximalen Ausbeutung in Salzbergwerken, im Baumwollanbau, in Zuckerrohrplantagen oder bei der Trockenlegung von Sümpfen unterlagen.

Die Gründungszeit des Islam basierte zunächst noch ganz auf der altrabisch-beduinischen Ökonomie der gewaltsamen Aneignung des Mehrprodukts in Form der Beute und des Tributs. Die ‚naturwüchsige’ Grundlage bildete das Recht des Stärkeren und trieb aus sich eine Kultur der unmittelbaren Gewaltandrohung, -anwendung und Unterwerfung hervor. Daraus ergab sich eine hierarchisch-herrschaftliche Unterteilung der Stämme in schwächere (tributpflichtige) und stärkere (tributeinziehende), in kämpfende und zahlende, wobei sich insbesondere ein Herrschaftsverhältnis zwischen Raubökonomie betreibenden Nomaden und agrarischen Oasenbewohnern verfestigte. Zunächst dominierte die Aneignungsform des beduinischen Raubs, die ghazu, d. h. die überfallartige Erbeutung („Razzia“) von beweglichen Gütern, die man auf dem Rücken von Tragtieren (Pferde und Kamele) fortschaffen konnte. Komplizierter war dann die Aneignungsform des fai. Dabei handelte es sich

um die Beute an liegenden Gründen, einschließlich der Bewohner. Da sie nicht mobilisiert werden konnte, war sie gegen Tribut den alten Besitzern zu lassen. Diese Institution hatte sich erst in der Zeit nach Mohammed ausgebildet und war eine Form der Aneignung, die sich als Folge der Eroberungen im Bereich agrarischer Kulturlandschaften einstellte“ (Diner 2007, S. 197).

Die Gründung und Expansion des Islam ist dann mit dem Dominanzwechsel von der tragbaren Beute zur Tributentrichtung verbunden und führte schließlich zur Erhebung langfristig angelegter Zwangsabgaben: Kopfsteuer (jizya), Grundsteuer (haraj) und Ertragssteuer (usr). Da die zum Islam übergetretenen Menschen in den eroberten Gebieten nur die niedrigere Ertragssteuer (usr) entrichten mussten, und nicht – wie die „Ungläubigen“ – die viel höhere Kopf- und Grundsteuer (die nicht unter einem Viertel des Werts der Ernte lag), liegt es auf der Hand, dass es aus fiskalischen Gründen zu Massenübertritten zum Islam kam. Um den damit verbunden Einnahmeausfällen zu entgehen, wurden unter dem Kalifen Omar II. (reg. 717-720) die bekehrten Nichtaraber von der Kopfsteuer befreit, dafür aber gleichzeitig zur Grundsteuer herangezogen. Zusammenfassend kann festgehalten werden:

Die Wandlung des beduinischen Beute-Prinzips in Tribut und später in Steuern entwickelte sich zur Omajjadenzeit (661-750) und wurde unter den ihnen nachfolgenden Abbasiden abgeschlossen“ (ebd. S. 200).

In geschichtsblinder Manier wird heute – gerade auch von kulturrelativistischer und poststrukturalistischer Seite – sehr oft vergessen, dass viele Länder der „Dritten Welt“ nicht nur Objekte des westlichen industriekapitalistischen Kolonialismus waren, sondern bereits zuvor den islamischen Imperialismus, den „erfolgreichsten Imperialismus der Weltgeschichte“ (Flaig), zu erleiden hatten und somit die Erfahrung einer historisch geschichteten „Doppelkolonisation“ in sich tragen. Gerade der islamische Imperialismus hat die prämuslimischen Wurzeln zahlreicher Kulturregionen wie z. B. Iran, Syrien, Indien, Nordafrika etc. gekappt und „hegemonialideologisch“ verunglimpft. Diese Verdrängung und Geringschätzung der vorislamischen Vergangenheit besteht weiter,

wodurch die historische Vorstellungskraft der meisten Muslime stark eingeschränkt und ihr intellektueller Horizont sehr geschmälert wird“ (Warraq 2004, S. 279).

So wurde zum Beispiel in Algerien nach der Unabhängigkeit die französische Sprache in einseitig-destruktiver Sicht als

Symbol kolonialistischer Unterdrückung“ aus dem Schulunterricht verbannt und gleichzeitig völlig außer Acht gelassen, dass das Arabische selbst eine Kolonialsprache ist. „Der arabische Imperialismus zwang dem Volk, dessen Muttersprache das Berberische war, nicht nur eine neue Sprache – das Arabische – auf, sondern überzeugte dasselbe Volk auch noch davon, dass sie selbst ethnische Araber seien, was nicht der Fall ist, und bearbeitete sie dahingehend, eine Religion anzunehmen, die ihren eigenen religiösen Traditionen fremd war. Sich fünfmal am Tag in Richtung Arabiens zu verbeugen dürfte das vollendete Symbol dieses kulturellen Imperialismus sein“ (ebenda, S. 278).

Entgegen dem ebenso zählebigen wie tatsachenwidrigen Mythos von der islamischen Toleranz gilt es neben der ökonomischen Auspressung und muslimischen Massensklaverei insbesondere auch die konkrete Beherrschungsform der Dhimmis näher zu betrachten. Zuvor ist aber noch auf Folgendes zu verweisen:

Wie aus den überlieferten Chroniken bekannt ist, waren die frühmuslimischen und späteren Eroberungen durchwegs mit Massakern, Verheerung und Vernichtung verbunden. Bei der Unterwerfung Syriens unter dem ersten Kalifen Abu Bakr wurden z. B. 4.000 Bauern (Christen, Juden, Samariter) ermordet. Ähnlich ging es zu bei der Eroberung Mesopotamiens von 635 bis 642 oder der kriegerischen Einnahme Ägyptens und Armeniens. Manchmal wurde gar die Gesamtbevölkerung abgeschlachtet und vielerorts Frauen, Kinder und Alte getötet. Die Behauptung, die Ausdehnung der islamischen Herrschaftskultur mit dem Schwert sei eine Ausnahme gewesen, wie „islamische Führer“ in einem offenen Brief an Papst Benedikt XVI. vom 12. Oktober 2006 behaupteten, entspricht nicht der Wahrheit. Im Gegenteil, in allen Eroberungsgebieten waren ähnliche Gräueltaten zu verzeichnen6. Auf der arabischen Halbinsel wurde eine Politik der religiösen Säuberung betrieben und Arabien mit Ausnahme des Jemens „juden- und christenrein“ gemacht – eine Maßnahme, die später auch von den Almohaden und Almoraviden in Spanien nach dem Ende des Kalifats 1031 erneut angewandt wurde. Pogrome gab es 889 in Elvira und 891 in Sevilla gegen Christen, im marokkanischen Fez 1033 mit über 6.000 Toten, 1066 in Granada mit 1.500 getöteten Familien7, 1135 in Cordoba und 1235 in Marrakesch gegen Juden.

Die (antijüdischen, H. K.) Pogrome im christlichen Herrschaftsgebiet“, so Flaig (2006, S. 37), „sind kein Ruhmesblatt der europäischen Kultur; aber ihre Ausmaße bleiben zurück hinter jenen der islamischen Welt. Wir brauchen dringend eine vergleichende Geschichte religiöser Unterjochung.“

Die infolge der Eroberungen durchgeführte Islamisierung zahlreicher Völkerschaften beinhaltete auch eine interkulturelle Synthese mit zum Teil fatalen Konsequenzen. Als Beispiel mag hier die Verbindung von mongolischem Kulturerbe und islamischer Herrschaftskultur dienen, wie sie der berüchtigte und blutrünstige Despot Timur der Lahme, auch Tamerlan genannt, repräsentierte. Er brachte Tausende Hindus um und errichtete aus ihren abgeschlagenen Köpfen eine Siegessäule. Ebenso führte er eine systematische Vernichtung von Christen in Mesopotamien durch, der Zehntausende zum Opfer fielen. Seine grausame Herrschaftspraxis

stellt eine bisher historisch noch nie vorgekommene Synthese von mongolischer Barbarei und muslimischem Fanatismus dar, und er symbolisiert jene fortgeschrittene Art primitiven Abschlachtens: den im Dienste einer abstrakten Ideologie durchgeführten Mord als Pflicht und heilige Sendung“ (Grousset zit. n. Warraq 2004, S. 324)

Im Gegensatz zum schönfärberischen Mythos vom Goldenen Zeitalter gegenseitiger Achtung und Gleichberechtigung unterlag der „Rest“ der überlebenden und nicht zwangsbekehrten Bevölkerung in den eroberten Gebieten – neben der oftmals willkürlich erweiterten Tributabpressung – einem politisch-kulturellem Zwangsregime gezielter Entrechtung, Herabwürdigung und Demütigung:

1) Gemäß der koranischen Vorgabe aus Sure 9, Vers 29, nach der die christlichen und jüdischen Schriftbesitzer solange zu bekämpfen sind, bis sie u. a. „den Tribut aus der Hand gedemütigt entrichten“, sollte die Steuereinziehung in einer erniedrigenden öffentlichen Zeremonie erfolgen, um die Dhimmis daran zu erinnern, dass sie den rechtgläubigen Muslimen unterlegen seien. Aufschlussreich ist hier der Hinweis des Korankommentators al-Zamakhshari (1075-1144):

Die djizya (Kopfsteuer, H. K.) soll ihnen unter Herabwürdigung und Demütigung abgenommen werden. (Der Dhimmi) soll persönlich erscheinen, zu Fuß und nicht zu Pferd; er soll während der Zahlung stehen, indes der Steuereintreiber sitzt. Der Steuereintreiber soll ihn am Kragen packen, ihn dabei schütteln und anherrschen: ‚Entrichte die djizya!’ und wenn er sie zahlt, soll er ihn in den Nacken schlagen“ (Zit. n. Warraq 2004, S. 317).

2) Die Dhimmis durften weder öffentliche Ämter bekleiden noch durften sie in irgendeiner Form Gewalt über Muslime ausüben. In einem Rechtsstreit durfte ein Dhimmi nicht gegen einen Muslim aussagen, so dass der muslimische Prozessgegner immer obsiegte. Handelte es sich bei einem eindeutigen Opfer einer Gewalttat um einen Dhimmi, so sank die Strafgebühr für den Muslim automatisch um die Hälfte. Auch konnte ein Muslim wegen Tötung eines Dhimmis nicht hingerichtet werden. Übte umgekehrt ein Dhimmi körperliche Gewalt gegen einen Muslim an – auch im Falle legitimer Selbstverteidigung – dann wurde ihm entweder die Hand abgehackt oder er wurde hingerichtet. Folgerichtig durften die unterworfenen Schriftbesitzer auch keine Waffen tragen und besaßen demnach nicht den Status „vollwertiger“ Männer. Nobel ausdrückt kodifizierte das islamische Recht damit die absolute Wehrlosigkeit des Dhimmis.

3) Im Alltag mussten die Christen und Juden besondere Kleidungsstücke oder Farben tragen (eine historische Anknüpfungsgrundlage für den späteren Judenstern). Während ein Muslim eine Christin oder Jüdin heiraten konnte, durfte ein Nichtmuslim keine Muslimin ehelichen. Auf illegitime Ehen und Liebesbeziehungen stand die Todesstrafe. Auch war es den Dhimmis aus Gründen der Demütigung verwehrt auf Pferden zu reiten, so dass sie im Bedarfsfall nur auf Esel zurückgreifen konnten. Zudem durften sie keine öffentlichen religiösen Feiern abhalten und nicht missionieren, während es ihnen gleichzeitig untersagt war, Angehörige von der Konversion zum Islam abzuhalten. In einem „Pakt des Umar“ aus der Regierungszeit des Umar Abd-ul-Azis (717-720) heißt es u. a.:

Wir werden in unseren Städten oder in deren Umgebung keine neuen Klöster, Kirchen, Einsiedeleien oder Eremitagen bauen. Wir werden, weder bei Tag noch bei Nacht, diese Gebäude reparieren, wenn sie baufällig geworden sind oder wenn sie innerhalb muslimischen Wohngebieten liegen. … Wir werden den Muslimen Respekt zollen und ihnen unsere Sitze überlassen, so sie sich setzen wollen. Wir werden nicht versuchen, den Muslimen in irgendeiner Weise zu ähneln. … Wir werden unsere Stirnlocken scheren. Wir werden unsere Kruzifixe oder Bücher nicht auf Straßen und Marktplätzen der Muslime ausstellen. Wir werden unsere Schellen in unseren Kirchen nur sehr leise schlagen, und niemals in Gegenwart von Muslimen. Noch werden wir bei unseren Begräbniszügen unsere Stimmen laut erheben. Wir werden unsere Häuser nicht höher bauen, als die Häuser der Muslime erbaut sind“ (zit. n. Warraq 2004, S. 319).

Auch in dieser systematisch unterworfenen Form war der Status der Dhimmis im Grunde nie geschützt, sondern permanent gefährdet und konnte zu jeder Zeit in die Sklaverei führen8.

So berechtigt und begründet die kritisch-wissenschaftliche Durchleuchtung und Bewertung der Herrschaftsinteressen der christlich-europäischen Kreuzfahrer „für sich“ auch ist, so ergibt sich doch aus der einseitigen Fokussierung auf die Kreuzzüge bei gleichzeitiger Ausblendung der vorhergehenden djihadistischen Expansion und islamischen Unterdrückungspraxis ein falsches und desorientierendes Geschichtsbild. Unhaltbar ist demnach insbesondere die Darstellung des ersten Kreuzzuges als willkürlicher (unprovozierter) militärischer Angriff auf ein friedliches und passives Opfer, das selbst keinerlei Anlass zu einer kriegerischen Antwort gegeben hat. Dabei bleiben zum Beispiel die folgenden vorausgehenden Ereignisse im Dunklen:

Seit der muslimischen Eroberung Jerusalems im Jahre 638 bis zum Vorabend des Aufrufs zum ersten Kreuzzug wurde ein riesiger Teil der christlich besiedelten Gebiete erobert und islamisiert. Speziell die Christen im „Heiligen Land“ wurden vielfach gedemütigt, vertrieben und massakriert. Robert Spencer9 führt zum Beispiel folgende Geschehnisse an:

Zu Beginn des neunten Jahrhunderts wurden die Verfolgungen so grausam, dass eine große Zahl von Christen nach Konstantinopel und in andere christliche Städten floh. Im Jahr 937 wüteten Muslime am Palmsonntag in Jerusalem und plünderten und zerstörten die Kirche auf dem Kalvarienberg sowie die Auferstehungskirche. Im Jahr 1004 ordnete der Fatimidenkalif [als „Fatimiden“ wird die von Fatima, der jüngsten Tochter Mohammeds, abstammende mohammedanische Dynastie bezeichnet, Anm. d. Red] Abu ´Ali al-Mansur al-Hakim, die Zerstörung von Kirchen, das Verbrennen von Kreuzen und die Aneignung von Kirchenbesitz an. In den darauf folgenden zehn Jahren wurden 30.000 Kirchen zerstört, und unzählige Christen traten zum Islam über, um ihr Leben zu retten.

Im Jahr 1009 ließ al-Hakim die Grabeskirche in Jerusalem zusammen mit mehreren anderen Kirchen, darunter die Auferstehungskirche, zerstören. Im Jahr 1056 vertrieben die Muslime 300 Christen aus Jerusalem und verbaten europäischen Christen, die wieder aufgebaute Grabeskirche zu betreten.

Als die seldschukischen Türken im Jahr 1077 Jerusalem einnahmen, versprach der Seldschuke Emir Atsiz bin Uwaq, die Einwohner zu verschonen. Sobald jedoch seine Männer die Stadt betreten hatten, ermordeten sie rund 3.000 Menschen.“

Vor diesem Hintergrund waren im März 1095 auf dem Konzil in Piacenza Gesandte aus Konstantinopel erschienen, um die bewaffnete Unterstützung des Papstes und der westeuropäischen Adligen zu erbitten. Und so war es dann durchaus nicht aus der Luft gegriffen, wenn Papst Urban II. im November 1095 auf dem Konzil in Clermont als Begründung des Kreuzzuges folgendes anführte:

Es ist unabweislich, unseren Brüdern im Orient eiligst die so oft versprochene und so dringend notwendige Hilfe zu bringen. Die Türken und die Araber haben sie angegriffen und sind in das Gebiet von Romanien (Byzanz) vorgestoßen, bis zu jenem Teil des Mittelmeeres, den man den Arm Sankt Georgs (Bosporus) nennt; und indem sie immer tiefer eindrangen in das Land dieser Christen, haben sie diese sieben Mal in der Schlacht besiegt, haben eine große Anzahl von ihnen getötet und gefangengenommen, haben die Kirchen zerstört und das Land verwüstet. Wenn ihr ihnen jetzt keinen Widerstand entgegensetzt, so werden die treuen Diener Gottes im Orient ihrem Ansturm nicht länger gewachsen sein“ (Zöllner 1990 nach dem Bericht des Chronisten Fulcher von Chartres, S. 49).

Gerade aus der neutralen Sicht eines kritisch-humanistischen Atheismus sticht die interkulturell gegensätzliche Verarbeitungsweise der Kreuzzüge ins Auge: Während im europäischen Westen vielfach eine vom christlichen Modell der „Feindesliebe“ degenerierte und vom geschichtlich halbblinden „Antiimperialismus“ desorientierte , bisweilen „masochistisch“ anmutende ‚Selbstgeißelung’ vorherrscht, dominiert auf islamischer Seite eine absolut selbstgerechte, von der eigenen Verursachungslast völlig unbeeindruckte ideologische Inszenierung, welche die Kreuzzugserfahrung als permanentes Munitionsdepot für antiwestliche Propaganda ausbeutet. So kann es auch nicht verwundern, dass in Anbetracht dieser islamischen Grundeinstellung die djihadistischen Terroristen von al-Qaida dieses Feindbild aufgreifen, auf die Gegenwart übertragen und ihr programmatisches Pamphlet „Erklärung der internationalen Front für den Heiligen Krieg gegen die Juden und Kreuzfahrer“ nennen. Worum es den radikalen Protagonisten der islamischen Herrschaftskultur tatsächlich geht, hatte schon vorher der Gründer der Muslimbruderschaft, Hassan al-Banna, klar umrissen:

Dann wollen wir, dass die Fahne des Islam wieder über diesen Landschaften weht, die das Glück hatten, eine Zeitlang unter der Herrschaft des Islam zu sein und den Ruf des Muezzins Gott preisen zu hören. Dann starb das Licht des Islam aus und sie kehrten zum Unglauben zurück. Andalusien, Sizilien, der Balkan, Süditalien und die griechischen Inseln sind alle islamische Kolonien, die in den Schoß des Islam zurückkehren müssen. Das Mittelmeer und das Rote Meer müssen wieder islamische Binnenmeere wie früher werden“ (zit. n. Flaig 2006, S. 35).

Nach der Herrschaftszeit der Umayyadendynastie (661-750) kam es dann unter dem Kalifat der Abbasiden und seiner Nachfolgestaaten (750 bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts) auf der Grundlage der imperialen Eroberungsökonomie sowie der feudalen Ausbeutung10 zu einer Blüteperiode innerhalb der islamischen Herrschaftskultur, in deren Rahmen ein Aufschwung in Kultur und Wissenschaft zu verzeichnen war. Die generierende Basis hierfür war aber nicht das islamische Bedeutungssystem mit seinem ‚gottesknechtschaftlichen’ Glaubenskern, sondern vielmehr die partielle Übernahme sowie die „Anzapfung“ der verschiedenen kulturellen Wissens- und Überlieferungsspeicher in den Eroberungsgebieten wie griechische Philosophie, jüdische, persische und indische Hochkultur etc. Im Grunde implizierte diese Entwicklung die Entstehung einer interkulturell vielgestaltigen höfisch-weltlichen Gegenkultur zur puristischen islamischen Orthodoxie. Kalifen und Feudalherren fungierten als Mäzene von Philosophie, Literatur, Poesie und Musik11, und mit der schnellen Verbreitung der Papierherstellung seit dem 8. Jahrhundert stieg die Zahl der Kopisten von Büchern erheblich an. So soll Bagdad Ende des 11. Jahrhunderts bereits 100 Buchhändler gehabt haben. Allerdings hat Singer (1987, S. 293) eine Tatsache klargestellt,

die bis heute von Legenden überwuchert und entstellt ist: Sowohl die Übertragung arabischer Wissenschaft, die auf der Grundlage des griechischen Erbes gediehen und ausgebaut worden war, als auch die Einflüsse arabischer Literatur auf das europäische Mittelalter vollzogen sich allein in Gebieten und an Orten, die der islamischen Herrschaft entrissen worden waren und christlichen Fürsten unterstanden. Nirgendwo konstatieren wir eine Weitergabe islamischer Gelehrsamkeit an Ungläubige auf muslimischem Territorium.“

Insbesondere die Einflüsse von Aristotelismus und Neuplatonismus spiegelten sich in den Arbeiten der Philosophen wider. Al Kindi (gest. 873) betonte gegen die islamische Orthodoxie die Kausalität der materiellen Welt, Ibn Sina (lat. Avicenna, 980-1037) hob die Selbständigkeit der Philosophie gegenüber der Religion hervor und Ibn Ruschd (lat. Averroes, 1126- 1198) entwickelte ein im Ansatz bereits rationalistisches Weltbild, in dem die aktive Vernunft bzw. der ‚tätige Intellekt’ als unsterbliches Gattungsvermögen der Menschen bestimmt wird.

Nicht Mohammed, sondern Aristoteles ist für Avicenna und ganz scharf bei Averroes die höchste Inkarnation des Menschengeistes; deutlicher kann die Wissenschaft als absolut nicht ausgedrückt werden“ (Bloch 1985, S. 484).

Auch kühne Freidenker wie al-Razi (865-925) und al-Ma’arri (973-1057) treten auf und artikulieren eine radikale Religionskritik, die den Koran als absurde, gefälschte und schädliche Fabel ansieht12. Entscheidend aber ist nicht nur, dass sich diese ‚Glanzzeit’ im Wesentlichen auf extraislamische Quellen stützte, sondern auch, dass sie auf den entschiedenen Widerstand der orthodoxen islamischen Geistlichkeit als Hüter der islamischen Rechtgläubigkeit stieß und sich somit letztlich als kulturintern nicht tradierungs- und institutionalisierungsfähig erwies13.

Wissenschaft und Philosophie“, so Renan, „gediehen zwar während der ersten Hälfte des Mittelalters auf muselmanischem Boden, doch geschah dies nicht wegen, sondern trotz des Islams. Kein muselmanischer Philosoph oder Gelehrter entging der Verfolgung“ (zit. n. Warraq, S. 376).

Und so ist mit Raddatz (2002, S. 100) festzustellen:

Die Vernichtung der Bücher des Averroes und sein Aufenthalt am Pranger vor der Moschee in Cordoba sind nur fragmentarische Beispiele für eine Vielzahl von Repressalien, denen kreatives, nichtorthodoxes Denken im Islam ausgesetzt war und ist.“

Im Gegensatz zu apologetischen Legenden war auch die islamische Herrschaft in Spanien (711-1492) keinesfalls eine Periode der Toleranz und friedlich-gleichberechtigten Koexistenz. Wie im gesamten islamischen Herrschaftsgebiet kam es auch hier immer wieder zu Aufständen, Niederschlagungen dieser Aufstände, größeren und kleineren Kriegen zwischen angrenzenden Hoheitsgebieten, Strafaktionen mit zahlreichen Opfern, Zerfall von Dynastien infolge ethnischer Streitigkeiten innerhalb der jeweiligen Militärverbände etc. Im Emirat und späteren Kalifat von Cordoba hatte sich schon recht bald unter al-Hakam I. (796-822) die besonders strenge malikitische Rechtsschule etabliert. Im Jahr 797 richtete al-Hakam I. ein Massaker mit tausenden Toten unter den Edlen Toledos an, die er zu einem Festmahl in den Alcázar bitten und dann umbringen ließ. Im Jahr 818 brach in Cordoba eine „Vorstadt-Revolte“ aus, an der sich auch Handwerker, Plebejer und Bauern der umliegenden Orte beteiligten. Der Aufstand wurde von den Truppen al Hakams I. grausam niedergeschlagen, die Vorstadt vollständig zerstört, viele Menschen hingerichtet und die gesamte Einwohnerschaft der Vorstadtquartiere ausgewiesen. Die Unterdrückung und Tributbelastung der Nichtmuslime führte zwischen 851 bis 859 erneut zu öffentlichen Schmähungen des Propheten und des Islam – „teils von klerikaler, teils von laizistischer Seite“ (Singer 1987, S. 278) -, woraufhin 45 Todesurteile ausgesprochen und vollstreckt wurden. Ein weiteres Zeichen der repressiven Intoleranz der muslimischen Herrschaftsträger war die ständige Abwanderung von christlichen Klerikern und Mönchen, die in der Zeit von 910-940 ihren Höhepunkt erreichte.

Es besteht kein Zweifel, dass sich (auch, H. K.) die Neumuslime, ob zu Recht oder Unrecht, benachteiligt und ungerecht behandelt vorkamen und, obwohl sie Muslime waren, genauso wie die Christen die verstärkte Orientalisierung von al-Andalus als Bedrohung empfanden. Ihr erwachender Widerstand war eine Reaktion auf die Drohung einer gründlicheren Islamisierung.“(ebenda, S. 279)

Unter al-Mansur, dem es gelungen war, den schwachen Kalifen Hisam II. faktisch zu entmachten, wurde auf Verlangen der Rechtsgelehrten nicht nur die berühmte Bibliothek von Cordoba mit angeblich über 400.000 Bänden „gesäubert“, sondern den christlichen Nachbarreichen in über fünfzig Feldzügen das Fürchten gelehrt, wobei 997 das Grab des Heiligen Apostels in Santiago de Compostela, das Nationalheiligtum des christlichen Spaniens, besetzt und zerstört wurde.

Nachdem in der Niedergangsphase des Kalifats von Cordoba im Zuge zahlreicher Bürgerkriege ebenso zahlreiche Kleinkönigtümer entstanden waren, die sich einerseits gegenseitig zu vernichten suchten und anderseits dem Druck der angrenzenden christlichen Reiche zu erwehren hatten, gewannen zunächst mit den Almoraviden und später dann mit den Almohaden islamisierte Berberstämme die Oberhand in Spanien, die einer rigoros-fanatischen Glaubensauslegung anhingen und somit das gerade Gegenteil von religiöser Toleranz verkörperten. Der Name der Almoraviden

leitet sich von al-Murabitun her, einer Festung für Glaubenskrieger, deren Dienst für Allah aus Gebet und Kampf gegen Andersgläubige bestand und deren Mitglieder sich dadurch auszeichneten, dass sie ihr Gesicht hinter einem Mundschleier (litam) verbargen“ (Aschmann 2004, S. 8).

Folglich handelte es sich bei den Almoraviden um eine Avant-garde bewaffneter Aktivisten, die von einer grenzüberschreitenden Islamisierungskampagne angetrieben wurden. Ihr Eifer richtete sich nicht nur gegen Religionsfremde, sondern ebenso gegen jene Muslime, denen sie religiöse Nachlässigkeit vorwarfen.

In al-Andalus hatten sich die Almoraviden durch ihre Sittenstrenge und ihren Rigorismus, aber auch durch Übergriffe der afrikanischen Soldaten herzlich unbeliebt gemacht“ (Singer 1987, S. 297).

Der Name der Almohaden, die 1147 die Almoraviden besiegten, leitet sich vom arabischen Wort al-Muwahhidun = „Bekenner der Einheit Gottes“ ab. Ihr Führer Ibn Tumart, der sich 1121 zum Mahdi erklärte und Massenexekutionen gegen „unsichere Kantonisten“ befahl, lehnte die islamischen Rechtsschulen insgesamt ab (woraus wohl auch die Feindschaft gegenüber den radikal-malikitischen Almoraviden entsprang) und lehrte einen sittenstrengen und fatalistischen Islam mit Djihad-Zwang, der in seinen Grundzügen an den Wahabismus erinnert.

Dass der islamische Imperialismus keinesfalls nur von historischem Interesse ist, sondern in den Köpfen der islamischen Terroristen von heute immer noch als Antriebsquelle wirkt, zeigte sich unlängst in der Erklärung von „Al Quaida im islamischen Maghreb“, die nach den Terroranschlägen von Algier Mitte April 2007 in einer Erklärung folgendes Ziel propagierte: „Die Befreiung der islamischen Erde von Jerusalem bis nach Al-Andalus“14. Auch die Attentäter der Madrider Anschläge vom 11. März 2004 stellten ihr Verbrechen, bei dem 191 Menschen ermordet wurden, in den Kontext einer Wiedereroberung von Al-Andalus.

1Auszug aus: Hartmut Krauss Islam, Islamismus, muslimische Gegengesellschaft. Eine kritische Bestandsaufnahme, Osnabrück 2008, S. 56-74.

2Dabei handelte es sich um „Schriftbesitzer“, vor allem koptische und nestorianische Christen und Juden, und Anhänger des Zoroastrismus. „Auch diese wurden nun als ‚Schriftbesitzer’ qualifiziert, womit der Zwang entfiel, sie wie ‚Götzendiener’ unter allen Umständen zum Islam zu bekehren, und sich die Möglichkeit eröffnete, mit ihnen zu vertraglichen Vereinbarungen zu kommen“ (Noth 1987, S. 66).

3Vgl. exemplarisch Sure 4, Vers 74-76.

4„Lautete der Missionsauftrag Jesu, alle Völker zu bekehren, ihnen aber ihre politische Ordnung zu lassen, so besteht das Ziel des Islam darin, alle Nichtmuslime politisch zu unterwerfen, ihnen aber ihre Religion zu lassen, falls es Buchreligionen sind“ (Flaig 2006, S. 35).

5Der Einsatz von versklavten Arbeitskräften „ermöglichte den Arabern in den eroberten Ländern, ein Privatdasein zu führen und das wirtschaftliche Potential des fruchtbaren Halbmonds zu einem gewissen Teil auszuschöpfen“ (Goldziher zit. n. Warraq 2004, S. 283).

6Vgl. hierzu exemplarisch die Übersicht bei Warraq 2004, S. 304ff., Flaig 2006; Singer 1987, S. 276/277 und 301.

7„Dieses Unheil war ebenso schwerwiegend wie das, welches dreißig Jahre später die Juden des Rheinlands während des Ersten Kreuzzugs befallen sollte, doch ist es von der Wissenschaft nie sonderlich beachtet worden“ (Wistrich zit. n. Warraq 2004, S. 316).

8„Die schriftlichen Quellen für Palästina, Ägypten, Mesopotamien, Armenien und später Anatolien und für das safawidische Persien geben zu erkennen, dass die Familien, die die Zahlung der erdrückenden Kopfsteuer oder djizya nicht leisten konnten, statt dessen ihre Kinder dafür hergeben mussten, was ihnen dann von der djizya ‚erlassen’ wurde“ (Warraq 2004, S. 320).

9Robert Spencer im Interview mit „Zenit“ vom 4.11.2006. http://europenews.blogg.de/eintrag.php?id=315

10„Die feudale Ausbeutung in Gestalt der Natural-, in geringerem Maße der Geldrente wurde in erster Linie über verschiedene Formen der Pacht realisiert, die dem Pächter oft nicht mehr als ein Fünftel der Ernte beließ“ (Autorenkollektiv 1985, S. 124).

11So ließ der Abbasiden-Kalif al-Ma’mun (813-833) die Werke griechischer Philosophen – vor allem von Aristoteles – aus Byzanz holen und gründete das „Haus der Gelehrsamkeit“.

12So heißt es bei al-Ma’arri , der die Religion als „schädliches Unkraut ansieht“:

Die Hanifen sind im Irrtum, die Christen sind

Nicht auf dem rechten Weg, die Juden sind

Verwirrt, und die Zoroastrier irregeleitet!

Die Bewohner der Erde zerfallen in zwei Gruppen:

Die einen haben Vernunft, aber keine Religion,

Und die anderen haben Religion, aber keine Vernunft“ (zit. n. Warraq 2004, S. 387).

13„Gerade der Widerstand der Theologen und der Rechtsgelehrten im Islam hat verhindert, dass die aristotelische Lehre und die Philosophie im allgemeinen die breite Masse der Muslime je erreichen und vom Islam je ganz assimiliert werden konnten. So blieben sie bis auf Teile der aristotelischen Logik einer intellektuellen Schicht vorbehalten“ (Lexikon des Islam, Digitale Bibliothek 47, Freiburg 1991, S. 135).

14Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13 April 2007, S. 3.

Kommentar GB:

Der obige Text kann als kritischer Kommentar zu folgenden Veröffentlichung verstanden werden:

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/glen-w-bowersocks-wiege-des-islam-16132739.html