Medienspiegel

Vorsprung durch Kunst

Veröffentlicht
  • Von Nicholas J. Conard
  • Aktualisiert am 14.02.2017

Neandertaler wären, könnten wir sie treffen, uns Heutigen fremd. Nicht wegen ihres Äußeren, sondern weil ihre Kultur und Kommunikation anders waren. Über die Bedeutung figürlicher Kunst in unserer Ahnenreihe.

https://www.faz.net/aktuell/wissen/vorsprung-durch-kunst-das-glueck-der-neuen-menschen-14860383.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0

Kommentar GB:

Ich gestatte mir als fachlicher Laie folgende Plausibilitäts-Überlegungen hierzu:

1. Die Neanderthaler waren über einen wirklich sehr langen Zeitraum mit einer insgesamt wohl sehr dünnen Population an die eiszeitlichen Lebensbedingungen in der damaligen europäischen Tundra biologisch ebenso angepaßt wie ihre Beute, die Großtiere, die in dieser Tundra lebten.

2. Der moderne Mensch war hingegen ein biologisch unangepaßter Zuwanderer aus dem nahen Osten und kam wohl vor erst ca. 70 000 Jahren aus Afrika und vor erst ca. 40 000 Jahren nach Europa. Wie kam er mit dem ungewohnten subarktischen Klima zurecht? Und was geschah, als die letzte Eiszeit vor ca. 10 – 12 000 Jahren endete?

3. Nun, der gesamte subarktische Lebensraum verschwand nach und nach, also das gesamte Habitat in West- und Mitteleuropa, samt Flora und Fauna – mit der die Neanderthaler engstens verbunden bzw. deren Teil sie waren.

4. Es scheint mir deshalb naheliegend zu vermuten, daß die Neanderthaler ganz allmählich verschwanden und schließlich ausstarben, weil sie wie die Flora und Fauna untrennbarer Teil dieses Habitats waren. Wäre das richtig, dann wäre gerade ihre biologische Anpassung an die widrigen subarktischen Lebensbedingungen ihre Achillesferse gewesen. An die zügig anbrechende und bis heute anhaltende interglaziale Warmzeit haben sie sich anscheinend nicht mehr schnell genug und erfolgreich anpassen können, sowenig wie das ihrer Beute, dem  eiszeitlichen Großwild, gelang.

5. Weshalb fast immer darauf abgehoben wird, daß der direkte Kontakt mit dem modernen Menschen für dieses allmähliche Verschwinden und Aussterben ursächlich gewesen sein soll, das erschließt sich mir nicht. Denn angesichts der sehr geringen Anzahl der einen wie der anderen species sind gelegentliche Kontakte zwar möglich, aber unwahrscheinlich bis sehr unwahrscheinlich. Man muß bedenken, daß hier von der Fläche West- und Mitteleuropas die Rede ist. Es dürfte klar sein, daß sich Vertreter einer äußerst dünne Bevölkerung zweier species der Gattung homo, jeweils mit wenigen punktuellen Aufenthaltsorten (wie z. B. in den Höhlen der Schwäbischen Alb oder im Neandertal bei Düsseldorf) sich auf einer solch riesigen Fläche allenfalls sehr, sehr zufällig begegnen konnten. Und selbst wenn, dann wären die Folgen sicherlich punktueller Art geblieben, einerlei wie ein solcher Kontakt nun verlaufen sein mag.

6. Genetisch hat der moderne Mensch zwar einen geringfügigen Anteil an Neandertaler-DNA übernommen, aber dafür dürften eher die nachgewiesenen langdauernden nachbarschaftlichen Wohnverhältnisse beider species im Nahen Osten ursächlich gewesen sein als die vermutlich sehr seltenen Treffen im subarktischen Europa.

7. Daher ist es aus meiner Sicht sehr unwahrscheinlich, daß der damalige moderne Mensch mit dem allmählichen Verschwinden und schließlichen Aussterben des Neandertalers in irgendeiner kausalen Beziehung gestanden hat.  Wahrscheinlicher ist, daß es einer dünner werdenden  Neandertaler-Population immer schwerer gelang, sich durch Exogamie biologisch zu reproduzieren, so daß wahrscheinlich fatale Inzucht-Probleme aufgetreten sind.

8. Auf die Frage, warum der moderne Mensch überlebt hat, dürfte es zwei Antworten geben. Zum einen kamen die klimatischen Veränderungen dem modernen Menschen eher entgegen, während sie den Neandertalern schadeten, z. B. weil ihre gewohnten Beutetiere ausblieben oder abwanderten, und zum anderen, weil der moderne Mensch seine biologische Unangepaßtheit mit kulturellen Innovationen ausgleichen konnte, und darin lag ein enormes Entwicklungs-potential, über das der Neandertaler mutmaßlich nicht verfügte.

9. Das heißt: gerade die biologische Unangepaßtheit des moderne Menschen wäre der Grund für sein Überleben, indem nämlich unter diesem existenziellen Druck die kulturelle Entwicklung im weitesten Sinne zur Bedingung der Möglichkeit des Überlebens und zur steten Motivation eines innovativen problemlösenden Handelns wurde. Das Überleben wurde hier primär also nicht durch biologische Anpassungen gesichert, sondern durch im weitesten Sinn kulturelle Anpassungen mittels Erfindungen aller Art.  –