„Wo stehen die Deutschen in Europa?“

Kurzrezension zu Annette Heinisch:
„Wo stehen die Deutschen in Europa?“
von Dr. Andreas Mansion
Mit dem Essay „Wo stehen die Deutschen in Europa“ hat sich Annette Heinisch auf ein ebenso weites wie vermintes Feld begeben, zumal sie auf wenigen Seiten die bestimmenden historischen Kräfte von der Antike bis zur Gegenwart auf den Plan ruft, um die eingangs von ihr zitierte These Le Bons vom Volk als historischer Knetmasse der Vergangenheit zu belegen, wobei die „lateinischen“ Völker Europas zum Zentralismus und damit zur Staatshörigkeit tendierten, während die der römischen Unterwerfung entzogenen sich einen quasi naturwüchsigen Unabhängigkeitsdrang erhalten hätten. Vor allem die Briten und Germanen werden als Kronzeugen herangezogen, letztere, weil sie mit der Varusschlacht die Römische Invasion endgültig illusorisch machten, erstere weil sie offenbar ein antizentralistisches Gen in sich trügen.
Der Historiker, will er sich von der Sozialpsychologie nicht vom Weg abbringen lassen, muss hier Bedenken anmelden. So stand Britannien rund 400 Jahre unter römischer Herrschaft und hat mit seinen souveränen Königen (Elizabethan Age) und schließlich der Glorious Revolution von 1688/89 ein zentralistisches System enormen Ausmaßes geschaffen, das z.B. den Erwerb und Erhalt weltweiter Kolonien erst ermöglichte.
Auch der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg ist kein antizentralistischer, obwohl er sich gegen das Machtzentrum in London wendet. Er erwächst aus handfesten materiellen und machtpolitischen Interessen (no taxation without representation).
Die amerikanische Zentralisierung verkörpert sich schließlich auch in der Person eines Thomas Jefferson, der die Teilung des Landes im Bürgerkrieg befürchtete und „the knell of the Union“ (die Totenglocke der UNION) für das größte denkbare Übel hielt.
Für Deutschland wissen wir spätestens seit Münster und Osnabrück – das Mittelalter möchte ich für unseren Zusammenhang nicht bemühen – , dass der Kampf der evangelischen Stände für die Freiheit und ihren Glauben die ohnehin schwache Zentralgewalt der Habsburger weiter aushöhlte, jedoch an deren Stelle einen Frieden für den Reichs-Staat in Form eines Grundgesetzes schuf.
Übrigens wurde der Dreißigjährige Krieg zum kollektiven Trauma, sehr viel später  zum tagespolitischen Argument im Kampf um den deutschen Nationalstaat. Das wachsende Selbstbewusstsein des deutschen Bürgertums im Zeitalter der Industrialisierung führte bei der verspäteten deutschen Nation schließlich zum Bündnis von Bourgeoisie und dem auf Hegemonie setzenden Preußen. Die Schwungkraft der deutschen Nationalbewegung mündete letztlich in die Reichseinigung „von oben“. Königreiche, Großherzogtümer, Herzogtümer, Fürstentümer sowie wenige Freie Reichsstädte blieben allerdings erhalten, was der Idee des Bundesstaates bis heute entspricht.
Unbestritten bietet der heutige deutsche föderal organisierte Staat kulturell viele Vorteile, man sollte aber auch daran erinnern, dass, wie in der Migrationsfrage deutlich wurde, die Bundesstaaten als Staatsrechtssubjekte offenbar von Berlin nicht ernst genommen werden, was selbstverständlich gegen den Grundsatz des kooperativen Föderalismus verstößt.
Gegenwärtig ist jedenfalls die „Staatshörigkeit“ bei uns zumindest ebenso – wenn nicht gar stärker – ausgeprägt, als in einem fraglos zentralistischen Land wie Frankreich, wo die Gelbwesten den Apparat ganz anders erschüttert haben als die deutsche  Pseudolinke es je
gewagt hätte.
Was die Brüsseler Eurokraten mit ihrem speziellen Zentralismus – einhergehend mit massivem Demokratieabbau – planen, wird sich kaum durch ein den Deutschen auf magische Weise (die Briten sind bekanntlich schon ausgestiegen) organisch innewohnendes Verhältnis zum
Föderalismus aufhalten lassen, vielmehr tut radikale Aufklärung not über das, was auch die Autorin beklagt: eine wie auch immer geartete europäische Einheitskultur im entmündigten Dienst der Global Governance.