Das „Massaker von Tantura“ revisited

Dr. Gudrun Eussner
08. Juni 2019
Eine Antwort auf die Besprechung des Buches von Ilan Pappé: Die ethnische Säuberung Palästinas.

Aus Anlass der Neuerscheinung. Von Heiko Flottau, NachDenkSeiten, 8. Juni 2019

Ein Artikel vom 17. Juni 2008, mit aktualisierten Links

Maurice Ostroff schreibt am 8. Juni 2008 einen Offenen Brief an Barbara Harvey und David Finkel, die sich weigern, den 60. Jahrestag der Gründung Israels zu feiern, solange die Palästinenser noch leiden, und die dies, am 22. Mai 2008, in der Detroit Free Press deren Lesern mitteilen. Die beiden sind Vorstandsmitglieder der Ortsgruppe Detroit von Jewish Voice for Peace, einer Vereinigung aus Oakland, Kalifornien: Israelis und Palästinenser. Zwei Völker, eine Zukunft. „Völker, hört die Signale!“ 

Sie beklagen 700 000 vertriebene Araber, inzwischen 7 Millionen Flüchtlinge, von denen die meisten in 58 camps, Lagern, lebten, sowie drei exemplarisch aufgelistete Massaker, das von Deir Yassin, von Tantura und von Dawayameh. Ich schaue mir in den Google-Bildern einige Fotos von palästinensischen Flüchtlingslagern an, sie bestehen aus festen Häusern, das Jenin refugee camp, after the Israeli incursion, April 2002, ein unbenanntes Camp und Schülerinnen in der Schule des Camps, vor kämpfenden fundamentalistischen Muslimen aus dem Lager fliehende Palästinenser, Schilderungen gehören dazu von zu vielen Menschen auf allerengstem Raum. Man sieht auch ein brennendes Camp und ein Zeltlager aus dem Jahr 1952, Soweit eine Auswahl der Camps

MENARA Working Papers No. 27, December 2018
PALESTINE AND THE ARAB–ISRAELI CONFLICT:
100 YEARS OF REGIONAL RELEVANCE AND INTERNATIONAL FAILURE
Karim Makdisi, MENARA Project, 27 December 2018

Was die Massaker angeht, so beziehe ich mich im folgenden auf das „Massaker von Tantura„, über das ich aus meinen Recherchen, vom September 2003, weiß, daß es dieses Massaker nicht gegeben hat. Teddy Katz, der Student und Friedensaktivist von Gush Shalom, Mitstreiter des Uri Avnery und Schüler des Ilan Pappé, verursacht mit seinen Behauptungen und Lügen einen Skandal, den ich im Artikel Flucht und Vertreibung der Palästinenser in deutschen Online-Medien geschildert habe; zu lesen ab Anmerkung 34.

Made-Up Massacre. By Meyrav Wurmser, the weekly Standard, September 10 [!], 2001

Wie man an den Ausführungen von Barbara Harvey und David Finkel sieht, kann es dem „Massaker von Tantura“ bis heute nichts anhaben, daß es erfunden ist. Ich schaue nach, was der Massakerstand ist, und siehe da, es werden von Google laufend mehr Massaker Israels sowohl auf den internationalen als auch auf den deutschen Seiten gelistet. Es erinnert an den Spruch, der über Carlos Gardel umgeht: Er singt von Jahr zu Jahr schöner.

Debunking Old Lies: Focus on Tantura. SNAPSHOTS, a CAMERA Blog, June 5, 2015

Massacre Israel bringt 626 000 Angebote.  Am 8. Juni 2019 sind es 30 100 000, in 0,59 Sekunden.

Die Angebote vom September 2003 habe ich seinerzeit nicht gezählt. Nun versuche ich es im weltweiten Web mit Tantura massacre; es gibt 7 210 Angebote [9 660, in 0,42 Sekunden. Stand: 8. Juni 2019], darunter bei YouTube den im April 2005 durch die USA tingelnden Teddy Katz, der seine Version über die Regierungen Israels verbreitet. Snowshoe Documentary Films: for social and economic justice hat von Teddy Katz‘ Auftritt einen 90-minütigen Film gedreht. Er ist in Ausschnitten auf YouTube zu sehen. [Inzwischen gibt es ein Dutzend.]

Video #1 wird so eingeführt:

Teddy Katz, israelischer Friedensaktivist (Gush Shalom) tourte im April 2005 durch die USA und versuchte, den Amerikanern mitzuteilen – Juden und sonst wem der zuhören würde – aufzuhören, israelischen Regierungen Blankoschecks auszustellen. Katz kam auch, um über die Verwüstung durch israelisches Militär, nach dessen siegreichem Krieg von 1948, von Tantura und weiteren 552 palästinensischen Küstendörfern zu berichten.

Katz beginnt seinen Vortrag so: „Ich liebe Israel. Ich möchte auch in Zukunft israelischer Staatsbürger bleiben. Aber ich mißbillige sehr alles, was von den israelischen Regierungen über Generationen hin getan wurde. Jedesmal habe ich mehr gegen das, was meine Regierung tut. Zunächst uns, den Israelis, und dann auch den Palästinensern. Weil sie Palästinenser umbringen – aber sie machen unsere Bürger zu Mördern und zu sehr, sehr schlechten Charakteren.“

In dem Video spricht er davon, daß er in seinen Jugendjahren alles geglaubt habe, was ihm Eltern und Lehrer über Israels Geschichte erzählten, über die Heilige Generation von 1948; das hätte sich aber geändert. Für Israelis seien alle ihre Kriege Heilige Kriege, wann immer sie über ihre Kriege sprechen, sind es Heilige Kriege; wir sind nicht einfach eine Nation, nein, wir sind das auserwählte Volk. Ariel Sharon ist für ihn George Double U Sharon usw.

Zur Einführung des Videos #3, in dem er über das „Massaker von Tantura“ berichtet, heißt es:

Teddy Katz, ein Jungakademiker der Haifa Universität, interviewte mehr als 100 Personen – Araber und Juden – für seine Magisterarbeit darüber, was in Tantura geschah, einem der 553 Küstendörfer, die 1948 durch den neuen israelischen Staat zerstört wurden. Gemäß den Augenzeugen und Teilnehmern, die Katz interviewte, wurden etwa 270 bis 280 Dorfbewohner in einem von der Alexandroni Brigade befehligten Massaker abgeschlachtet. Als die Geschichte sehr zum Leidwesen von Katz vorzeitig öffentlich wurde, versuchte die Universität von Haifa, sich von ihrem Jungakademiker und seiner These zu distanzieren, obgleich sie diese vorher angenommen und hoch gelobt hatte. Daraufhin wandte sich die Universität von Haifa gegen den beamteten Professor Ilan Pappe, weil er Katz‘ These verteidigt hatte.

Am 22. April 2005, eine Woche nach Katz‘ Vortrag in Olean, West New York, stimmte die Association of University Teachers (AUT), die Vereinigung der Hochschullehrer von Großbritannien, für einen akademischen Boykott Israels, in dem sie besonders den Fall des Teddy Katz sowie zwei Universitäten zitierte, Bar Ilan und Haifa. Katz, das Mitglied der israelischen Friedensgruppe Gush Shalom, reiste im April 2005 zu einer Serie von Vorträgen durch die USA.

Die Serie #3, zum „Massaker von Tantura“, beginnt Teddy Katz bei unterlegter arabischer Hintergrundmusik mit diesen Worten: All of the men of Tantura were taken to the cemetery of the village, and they put them in line, and they ordered them to begin digging, and every line that finished digging, that was shot and fell down to the hole, which, I guess reminds at least a few of you to something that has to do with Germans. Alle Männer von Tantura wurden zum Friedhof des Dorfes gebracht, und sie ließen sie in einer Reihe antreten, und sie befahlen ihnen, anzufangen zu graben, und jede Reihe, die mit Graben fertig war, wurde erschossen und fiel ins Loch hinunter, was zumindest einige von Ihnen an etwas erinnern wird, das mit Deutschland zu tun hat.

So wäre die Alexandroni Brigade mit 270 bis 280 Männern verfahren. Die Information habe er von einem Juden, der im ersten Interview berichtet habe, er hätte die Toten unter die Erde bringen müssen und hätte vor Entsetzen bei 230 Toten aufgehört zu zählen. Erst zwei Jahre später habe er Filmleuten, die zum 50. Jahrestag Israels und zur Verherrlichung der Taten von Tantura der glorreichen Armee des auserwählten Volkes einen Film drehten, von 270 bis 280 Toten berichtet; das habe aber nicht veröffentlicht werden dürfen, er habe es später im Filmmaterial gefunden. Teddy Katz erzählt von der Benotung, die er zunächst erhält, 97/100, das Examen habe er in excellent grade „B“ bestanden; er sei daraufhin vorgesehen gewesen für einen Wettbewerb der besten wissenschaftlichen Arbeiten, betreut sei er worden von Ilan Pappé, einem der besten Professoren der Welt.

Dann berichtet er, wie die Maariv durch Amir Gilat, einen Studienkollegen, der auch für den Geheimdienst des israelischen Militärs arbeite und dem er davon erzählt habe, an seine These vom „Massaker in Tantura“ gekommen sei und darüber im Januar 2000 einen Artikel veröffentlicht habe. Das sei ihm gar nicht recht gewesen, weil er seine Recherchen zuerst im Journal for Palestine Studies hätte veröffentlichen wollen. Das ist die Zeitschrift des im Jahr 1963 in Beirut gegründeten, sich als unabhängig bezeichnenden Institute for Palestine Studies. In der Zeitschrift gibt es drei Funde, das „Massaker“ wird nicht in Frage gestellt. Zwei Artikel sind von Ilan Pappé. In einem Beitrag in französisch berichtet Professor Ilan Pappé über die „Affäre Tantura“, im anderen über die Forschungsergebnisse von Teddy Katz und die Anklage gegen ihn.

Es gibt noch ein Video, The Trial of Teddy Katz (snowshoefilms #4), in dem Teddy Katz das Gerichtsverfahren schildert. Man findet es auf YouTube.

Sein Auftritt, vom 14. April 2005, an der St. Bonaventure University, N.Y., wird finanziert u.a. von der Olean Area Coalition for Peace and Justice (New York), dem Franciscan Center for Social Concern und dem Center for Non-Violence, beide Vereinigungen an der St. Bonaventure University. Teddy Katz‘ Propaganda wird bezahlt von Funktionären der katholischen Kirche.

Die Snowshoe Documentary Films: for social and economic justice, die Teddy Katz‘ Auftritt filmen, kündigen weitere Produkte an, einen Dreiteiler mit Norman G. Finkelstein beispielsweise: „Das winzige Israel ist der Welt zweiter Terrorstaat. Norman G. Finkelstein (De Paul, Chicago) erklärt die von Israel bestimmten Spielregeln: ihr bringt einen von uns um und wir 400 von euch; und so weiter. Der kleine Terrorstaat Israel, fast unempfindlich gegen die Weltmeinung, kann weitermachen zu töten und zu wachsen, solange er von den USA unterstützt wird. Prof. Finkelstein stellt die Kriegsverbrechen Israels in Gaza und im Libanon vor und erwähnt, daß Israels letzter Krieg gegen den Libanon zur Vernichtung der Hezbollah ein Desaster für Israel und eine Niederlage für die USA war.“ Und wie viele in den USA, beginnen die Israelis zu erkennen, daß ihre Regierungen sie selbstverständlich belügen.

Es folgt eine Vermutung darüber, daß das Radisson SAS Hotel in Amman am 9. November 2005 nicht von einem Selbstmordattentäter, sondern von Israelis zerbombt wurde, die im Dachstuhl Sprengstoff gelegt hätten. Links gibt’s anbei. Dann folgt der Dreiteiler mit Teddy Katz: Israel, Tantura & other crimes, auch die weiteren Dokumente sind lesenswert, Israel Shahaks Übersetzung von Theodor Herzl und Rabbi Fischmann: „Das Gelobte Land erstreckt sich vom Nil bis zum Euphrat, es schließt Teile von Syrien und vom Libanon ein“, nochmal Norman Finkelstein und seine Holocaust Industry bis zum Abwinken, Edward Said, Bush und Sharon Kriegsverbrecher usw.

Gegen Snowshoe Documentary Films ist die Junge Welt die Gartenlaube.

Dahin sind auch die Zeiten, als es für Massaker Israel 24 500 Angebote auf den deutschsprachigen Seiten gibt, heute [17. Juni 2008] sind es 217 000. Am 8. Juni 2019 sind es 527 000, in 0,49 Sekunden.

Von den ersten 20 handeln 19 von Massakern oder angeblichen Massakern, die Israelis an Arabern verüben. Nicht alle Artikel beinhalten also Anschuldigungen gegen Israel, es ist auch ein Massaker dabei, das an Israelis verübt wird, das an den israelischen Olympioniken, 1972. Sonst gibt es keine weiteren Massaker an Israelis, etwa durch arabische Selbstmordattentäter, von denen man doch hin&wieder liest; die sind keine Massaker, und wenn noch so viele Menschen dabei ermordet werden.

Das von Teddy Katz erfundene „Massaker von Tantura“ ist mit 11-13 Angeboten vertreten [143, am 8. Juni 2019], darunter mit Sätzen wie Und so, schreibt Schmidt, „löst sich das Massaker von Tantura in den Nebeln der ideologischen Phantasie auf“, in der NZZ, vom 18. Juni 2002. Der Autor weiß bereits zu der Zeit, daß es sich um eine Erfindung des Ilan Pappé-Schülers Teddy Katz handelt. Der Perlentaucher hat weitere Links dazu.

Anders der Muslim-Markt, der es neben der Belfour Declaration, vom 2. November 1917, und der UN-Resolution Nr. 181, vom 29. November 1947, unter dem Titel Chronik der Verbrechen aufzählt. Fünf weitere Einträge nehmen das „Massaker von Tantura“ für eine Tatsache. Die taz hat ebenfalls nicht mitbekommen, daß es sich um eine Verleumdung durch Teddy Katz handelt. Noch am 18. September 2004 hält Martin Zähringer die wiederlegte Version aufrecht und fügt weitere Märchen hinzu, beispielsweise, daß die Israelis behaupteten, sie hätten niemanden vertrieben. Linke schlucken wirklich alles, es muß nur ihren Vorurteilen entsprechen, dann setzt das logische Denken vollständig aus.

Die Lügen sind nicht zum Schweigen zu bringen; eine einmal in die Welt gesetzte gut vermarktete Behauptung lebt weiter, und keine Richtigstellung vermag es zu ändern.

17. Juni 2008 – aktualisiert am 8. Juni 2019