Opferverliebtheit – die einzige Liebe der Genderfeministen?

Gerhard Amendt

Im Anschluss an die 68er-Bewegung und die Ausbreitung radikaler Varianten des Feminismus hat sich ein wenig schmeichelhaftes Bild von zeitgenössischer Männlichkeit ausgebreitet. Männer abzuwerten ist zur misandrischen Alltagsroutine in Presse, Wissenschaft und Pädagogik geworden. Viele suchen die Ursachen für diesen schlechten Ruf in Politikvarianten des Verdammungsfeminismus (Amendt 2004), obwohl es diesen als soziale Bewegung seit geraumer Zeit so lebendig gar nicht mehr gibt. Allenfalls äußern sich noch einige persönliche Exemplare, die nicht müde werden, Männer abzuwerten, und dabei mehr von ihrer persönlichen Abneigung gegenüber Männern mitteilen als von der Art, wie Männer wirklich sind und wie sie sich in Beziehungen verhalten.

Andere Feministinnen wiederum suchen die Gründe in dem, was sie selbst veröffentlicht haben. So haben schon im Sommer 2001 Ikonen der modernen Frauenbewegung, der misandrischen Männerbeschimpfung müde, ihre eigenen Positionen zum Geschlechterdiskurs neu formuliert. Es waren Revisionen, die sie vollzogen. So sagt die Friedenspreisträgerin Doris Lessing, dass sie »zunehmend schockiert über die gedankenlose Abwertung von Männern ist, denn die dümmsten, ungebildetsten und scheußlichsten Frauen können die herzlichsten, freundlichsten und intelligentesten Männer niedermachen, ohne das irgendjemand was dagegen tut«. Die Abwertung des Männlichen sei »so sehr Teil unserer Kultur geworden […], dass sie kaum noch wahrgenommen wird«. Und letztlich erklärt sie die »Emanzenkultur für denkfaul und heimtückisch« (Lessing 2001).

Am weitesten ging die Revision der französischen Philosophin Julia Kristeva. In der Internetausgabe der New York Times vom 14. Juli 2001 sprach sie sich gegen das Konzept von Multikulturalität aus, nach dem die Identität des Einzelnen von der Zugehörigkeit zu einer Gruppe ausgehe. So hatte der Multikulturalismus erklärt, dass Gesellschaften durch Gruppenidentitäten von Männern und Frauen, Schwarzen und Weißen, Homosexuellen und Heterosexuellen, Türken und Deutschen etc. bestimmt würden. Kristeva machte rückwirkend geltend, dass solche Zuordnungen allenfalls mit archaischen Stammeszugehörigkeiten zu vergleichen seien, dass das aber gerade kein Indiz für Demokratie und Menschenrechte sei. Obwohl sie diese Position lange selber gefördert hatte, meinte sie, dass »die Gruppenidentität, die von einigen Feministinnen, Schwulen und ethnischen Führern als Steigbügel für ihre nachdrückliche Rechtfertigung genutzt werde, unzeitgemäß und totalitär sei. Die Freiheit des Individuums« – eben unbesehen, ob schwarz oder weiß, männlich oder weiblich etc. – »gehe dem Communitarismus voraus und die politische Betonung von sexuellen, ethnischen und religiösen Identitäten zersetze die Demokratie« (Kristeva 2001). Folglich ist auch Politik, die Identität aus dem Gegensatz von Mann und Frau herleitet, letztlich demokratiefeindlich und totalitär, wie das der Feminismus in staatlichen Bürokratien hinlänglich demonstriert.

Durchaus in diesem Sinne ist die gängige Diskriminierung von Männern das Ergebnis multikultureller Gruppenidentifizierung. So zählt eben nicht mehr der einzelne Mann in seiner Individualität, sondern nur seine Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht (Hormonausstattung, Penis, DNS, Hirnstruktur etc.). Aus dieser Zugehörigkeit zu einer Gruppe wurden zahlreiche Vorurteile über Männer abgeleitet. Ein typisches ist: »Der Mann auf der Straße ist ein potentieller Misshandler […] von Frauen« (Kavemann/Lohstöter 1984, S. 10). Es ist die Gruppenzugehörigkeit, die ihn dazu macht, nicht, was er tut oder unterlässt. »Die individuellen Besonderheiten des prügelnden Ehemannes treten hinter seiner Zugehörigkeit zum herrschenden Geschlecht zurück« (Honig 1986, S. 45). Er wird nicht als »Herr Müller« oder »Herr Meier« beurteilt, weil ihm Eigenschaften als Angehöriger einer Gruppe zugeschrieben werden. Diese seien naturhaft und trotz Kultur für Veränderungen nicht erreichbar. Daraus leiteten Autorinnen männliche Herrschaftsphantasmagorien und implizite Ohnmachtzustände über Vagina oder weibliche Hormonausstattung, DNS etc. ab.

Anders formuliert: Wenn ein Roma Zigaretten stiehlt, sind alle Roma Diebe, und wenn ein Jude Bankier ist, dann sind alle Juden Bankiers. »Das heißt für die Frau, die Männer ihres sozialen Umfelds mit anderen Augen zu sehen, immer misstrauisch und wachsam zu sein« (Kavemann/Lohstöter 1984, 10).

Der Aufruf, die Geschlechterbeziehungen nach Vorurteilen wahrzunehmen, gleicht im Prinzip der Dynamik, mit der zur Feindschaft gegenüber Fremden oder zum Antisemitismus aufgerufen wird. Mit der Mobilisierung der Gruppensozialpsychologie werden Vorurteil sowie rassistische oder geschlechtsspezifische Diskriminierung gefördert.

Bei Honig (1986) können wir, wie bei der Mehrheit der Männer, eine typische Verleugnung mütterlicher Gewalttätigkeit beobachten. Sie zeigt sich daran, dass Honig von Männern/Eltern(!) als potenziellen Schlägern/Vergewaltigern und brutalen Repräsentanten des Patriarchats/der elterlichen Gewalt spricht. Er wagt es nicht, die Mutter als Tätliche beim Namen zu nennen. Verschroben äußert er deshalb, dass es nicht nur eine patriarchale, sondern auch eine elterliche Gewalt gibt. Worin der Unterschied besteht, erklärt er nicht.

Damit wird verständlich, warum feministische Gruppen, Feministinnen in Regierungsbürokratien und vor allem Mitarbeiterinnen von Frauenhäusern aus ihrer Gruppenzugehörigkeit Feindseligkeit gegenüber Männern zum tragenden Element ihres Arbeitsalltages machen und Hass und Verachtung als angemessene Antwort auf den Gruppenfeind erleben. Dabei verläuft Psychodynamik nach dem bekannten Modell: wir, die guten Frauen innerhalb der Gruppe, und draußen die bösen Männer der Feindesgruppe.

In den Anfängen der 68er- und Frauenbewegung hatte dieser Gegensatz von Freund und Feind etwas spielerisch Vorwurfsvolles und vor allem den Anschein des Vorübergehenden. Immerhin verflüssigten sich althergebrachte Rollenverständnisse, und solche Neubestimmungen gehen zeitweise recht ruppig über die Bühne. Allerdings verwandelte sich das Spielerische über die Jahre nicht in eine versöhnende Verständigung über neue Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Mit dem Aufkommen diverser Feminismusvarianten geschah das Gegenteil. Das Spielerische verfestigte sich immer mehr zur heute herrschenden Ideologie von Frauen als den guten Opfern und Männern als den bösen Tätern.

Warum Frauen in den verschiedenen Schichten der Gesellschaft sich weitgehend unwidersprochen als Opfer der Geschichte haben abstempeln lassen, ist weitgehend unerforscht. Auf jeden Fall ist es weder in Parteien, Verbänden, Kirchen noch in Institutionen wie der Wissenschaft zu einer Zurückweisung des Opferstatus für Frauen gekommen. Ganz augenscheinlich hat das Denken in Gruppenidentitäten Frauen ihrer Individualität beraubt. So hat eine zwanghafte Suche nach allen möglichen Facetten weiblicher Opferexistenz eingesetzt, die den weiblichen Opferstatus als universell ausweisen sollte. Diese Suche ist bis heute nicht beendet. Damit hatte sich die Aufbruchstimmung der neuen Frauenbewegung, die auf Selbstermächtigung (empowerment) und Befreiung von männlicher Versorgung setzte, unter der Hand in eine depressiv gestimmte Weiblichkeit verwandelt. Diese zielte nicht mehr ab auf Befreiung, sondern trat diesen Anspruch an Feministinnen und letztlich einen von diesen zurechtgestutzten, Frauen fördernden Staat ab. Allenfalls in der heutigen Generation der jungen Frauen lässt sich ein sprachloses und teils verbietendes Staunen beobachten, wenn sie in der Literatur, an Schulen oder Universitäten als »Opfer des Patriarchats« klassifiziert werden.

Auf dieses Szenarium vermeintlich nur von Männern zu verantwortender Verhältnisse mussten Männer eine Antwort finden. Sie standen nicht nur als »Misshandler, Vergewaltiger und Patriarchen« da, sondern sie wurden schlechterdings für alles, was sich in der modernen bis hin zur archaischen Gesellschaft an Konflikten ereignete, verantwortlich gemacht. Dazu zählen die Kälte der instrumentellen Vernunft, Pornografie als Gewaltaufruf, zerstörte Umwelt, Krieg, ebenso Diskriminierung von Frauen, Verlust der Religiosität, Gewalt in Partnerschaften und gegen Kinder, und all das, was durch die vermeintliche Universalität des weiblichen Opferstatus und durch die Unendlichkeit der überlieferten Geschichte wirksam war, noch immer wirksam ist und fürderhin sein wird (Rave 1991; Günther 1997).

Aber bedeutsam war und ist bis heute nicht nur die Reaktion der Männer auf ihre eigene Abwertung, sondern ebenso, ob sie ihre Söhne gegen Vorurteile und Verdammnis schützten. Die geradezu grenzenlose Duldsamkeit von Frauen, sich widerspruchslos als Opfer, Benachteiligte, Vergewaltigte, Perspektivlose, Diskriminierte oder Gedemütigte öffentlich stilisieren zu lassen, übersah eines: Je kleiner Frauen sich machten oder von Feministinnen machen ließen, umso geradezu wahnhaft allmächtiger geriet das Bild über die Männer (Farrell 1995). Die Verdammnis der Männer idealisiert sie zugleich als Allmächtige.

Deshalb konnte aus dem Blick geraten, dass allenfalls eine Minderheit von ihnen an den Schaltstellen der Macht steht und den Größenfantasien feministischer Mannsbilder entspricht. Hier deutet sich etwas Rückwärtsgewandtes, d.h. psychisch Regressives, unter Feministinnen an. Nämlich die heimliche Erwartung, dass Männer doch weiterhin stark sein mögen, dass sie aber ihre Stärke nur zum Wohl und nach den Wünschen der Frauen einsetzen. Damit diese nicht enttäuscht werden, und vor allem, damit sie für die Erfüllung ihrer Wünsche nicht selber einstehen oder gar kämpfen müssen. Der Wunsch, dass Männer die allmächtigen Besorger sein mögen, ist als Subtext in allen feministischen Schriften enthalten. Letztlich sind das aber dann die alten Arrangements zwischen Männern und Frauen, an denen klammheimlich festgehalten wird. An anderer Stelle werde ich auf eine politische Manifestation dieser Wunscherfüllung zurückkommen, die umgangssprachlich nichts anderes meint als: Männer bessert euch, dann dürft ihr auch die alten bleiben.

Jean Elshtain Bethke hat schon 1990 zu erklären versucht, warum sogenannte patriarchalische Macht im Mittelpunkt feministischer Ideologie steht: »Mythen der männlichen Macht werden oft dann gerne behauptet, wenn Männer gerade nicht in den selbstsicheren Weisen dominieren, wie der Mythos es verheißt« (ebd., S. 134–135). Demnach wäre das zornige Aufbegehren gegen die Männlichkeit eher Ausdruck von Enttäuschung über deren verlorene Stärke und entspräche dem geheimen Wunsch, dass die alte männliche Stärke doch wiederkehren möchte. Das könnte auch als Angst der Frauen vor den neu gewonnenen Freiheiten interpretiert werden (Bernard 1981). Einer Angst zum Beispiel vor den Freiheiten, wie sie dank der hormonellen Verhütung schlagartig den Frauen verfügbar wurden.

1 Stark sei der neue Mann und auch verlässlich

Wie haben nun Männer auf die rasant um sich greifende Abwertung reagiert, die zugleich auch eine ihrer Väter, Großväter und Urgroßväter war? So wenig, wie alle Reaktionen benannt werden können, so ist doch eine unübersehbar: Die meisten Männer haben durchaus hörbar zu all dem geschwiegen. Zumindest bei oberflächlichem Hinsehen könnte der Eindruck entstehen, als hätten die alltäglichen Abwertungen unter ihnen keine Resonanz ausgelöst und als würde sie all das unberührt lassen. Das mag damit zusammenhängen, dass die Zeitungen, die sie lasen, über solche Themen wie das Erleben ihrer Männlichkeit als Be- und Versorger als naturhafte Festlegung ohne Bewegungsfreiheit, nicht berichteten. Oder dass sie darin nur das ihnen bekannte Nörgeln ihrer Ehefrauen erkannten, welches sie zu mehr Einsatz und höherem Einkommen motivieren sollte.

Aber alle Reaktionen waren individuell geprägt und entsprachen nicht den Klageliedern über »die Männer« als einem einheitlich verfassten Geschlecht, wie es die feministische Theorie in ihren Täterfantasien entwickelte. Doch jenseits des vordergründigen Schweigens, der verweigerten Antworten und der sichtbaren Arroganz gegenüber »endlosen Nörgeleien« gab es unter Männern etwas sehr viel Tieferliegendes, das bislang übersehen wurde und das das Schweigen der Männer bis zum heutigen Tage eigentümlich beredt macht.

Wie immer die feministischen Entwertungen der Männer ausfielen, es waren stets Klagerufe, die gegen sie und sogar männliche Kinder und Jugendliche gerichtet waren (Amendt 2001). Letztlich reimten sich alle darauf, dass Männer als Geldverdiener, als Liebhaber, als Väter oder Gestalter der Gesellschaft versagt hätten. Das bezog sich nicht nur auf die Gegenwart, sondern war im großen Rundumschlag der unbestimmten Kampfkategorie vom »zeitlosen Patriarchat der letzten Tausende von Jahren« eine Verurteilung aller erdenklichen Männlichkeitsweisen. Eben nicht nur im europäischen, sondern im globalen Maßstab jenseits aller nationalen, ethnischen, kulturellen, rassischen, ökonomischen und sozialen Unterscheidungen. Danach konnte kein Mann für sich selber, auch nicht rückwirkend für Väter und Großväter, Folgendes beanspruchen: Ich bin ein Mann oder mein Vater war ein Mann, der stolz darauf sein kann, unter Einsatz seiner Kräfte – früher nicht einmal selten unter Einsatz seines Lebens – für Frau und Kinder verantwortungsvoll gearbeitet, gesorgt und in der Gemeinschaft sich betätigt zu haben. Und genauso wesentlich war es für das Selbstwertgefühl eines Mannes, dass seine Ehefrau dies anerkannte und dadurch die Arbeitsteilung bestätigte, die ihm die Bewährung außer Haus vorbehalten hatte. Erst über diese Anerkennung haben Männer ihre Arbeit als sinnstiftend erlebt. Arbeit allein leistet das nicht. Aus der Familie haben sie die emotionale Gewissheit bezogen, dass ihre Arbeit sinnvoll ist und geschätzt wird. Selbst wenn es über die monotone Arbeit nicht viel zu berichten gab (Amendt 2006). Der Genderfeminismus hat diese Übereinkunft zwischen Männern und Frauen für die Gegenwart und Vergangenheit als Selbsttäuschung klassifiziert. Wie weit ihm das gelungen ist, sei einmal dahingestellt. In dieser oder jener Weise haben Männer die weltbewegende Abwertung allerdings stillschweigend, zumindest ohne hörbare Gegenrede hingenommen (Nathanson/Young 2001, 2006).

Da von dieser Entwertung kein Lebensbereich und keine historische Periode ausgenommen war, strengten sich die Genossen der 68er-Bewegung an, es den Frauen »besser zu besorgen«, als die Väter es den Müttern besorgt haben sollen. Die 68er-Genossinnen hingegen sahen, neben der vaginalen Selbstbesichtigung mittels Spekulum in der Frauengruppe, kaum eine Chance, ihre Sexualität selbst so zu verändern, dass sie befriedigender ausfallen würde. Sie wurden nur zaghaft aktiv, entdeckten aber weitaus entschlossener die Mängel der männlichen Genossen beim Sex. Teile des Feminismus versuchten diese Debatte dadurch zu beenden, dass sie Frauen empfahlen, zur Homosexualität zu wechseln, um repressiver Männersexualität ein für allemal zu entrinnen. Daraus wurde allerdings nichts. Aber dieser Vorschlag erklärt, warum viele Feministinnen, vor allem die in Frauenhäuser arbeitenden, eine Männer hassende Ideologie entwickelten. Nicht selten ging es darum, die eigene Homosexualität zum politischen Konzept zu erheben.

Deshalb hatten schon in den 90er Jahren Wissenschaftlerinnen diesem Feminismus entgegengehalten, dass hinter den überbordenden Schuldzuweisungen an Männer sich wohl Zweifel an den eigenen Fähigkeiten der Frauen zur Selbstermächtigung verstecken könnten. Anstatt sie zum Schmieden ihres Glücks zu ermutigen, würde abermals in tradierter Manier letztlich auf Beglückung durch Männerhand gesetzt. Da die Opferverliebtheit (Amendt 2004) mit so viel Hingabe, wenn nicht zwanghafter Besessenheit gepflegt wurde, wäre eher von einem politisch motivierten weiblichen Masochismus (im Gegensatz zum psychischen in der Vergangenheit) unter Feministinnen zu sprechen. Die Vertreterinnen dieses Komplotts waren politisch sadistisch und fügten Frauen Schaden zu, weil dies eigene Lust- und Herrschaftsfantasien beflügelte.

2 Zwischen Abwertung der Männlichkeit und deren gleichzeitiger Verherrlichung

Die wenigen Männer, die auf die Abwertung des Männlichen reagierten, waren von zwei Motiven beherrscht. Zum einen wollten sie die tiefe Beschämung und die Ungewissheit darüber, was gute Männlichkeit denn überhaupt sein könne, nicht wortlos hinnehmen. Und zum anderen konnten sie sich, ganz im Zeichen einer von der Nähe zur Mutter geprägten Kindheit, nicht davon befreien, sich auch im erwachsenen Leben weiterhin für Frauen verantwortlich zu fühlen (Amendt 1999; Nitschke 1980, S. 129ff.). An diesem verinnerlichten Motiv änderte sich auch dadurch nichts, dass die Mutter zwischenzeitlich durch andere Frauen ersetzt worden war. Dies ist eine grundlegende Erfahrung, die viele Jungen während ihrer Kindheit machen. So wird die Mutter zu einem dominanten Teil ihres inneren Selbstbildes, der ihnen auch als Erwachsenen noch als Kompass den Umgang mit Frauen vorgibt. Unterstützt wurde dies vom Vater, der dafür das lebendige Vorbild bot, wenn er es zuließ, dass die Mutter unbegrenzt auf den Sohn zugreifen konnte. Und wenn er fehlte, wie bei vielen Männern der 68er-Generation, die noch zu Zeiten des Nationalsozialismus oder im Anschluss daran geboren wurden, dann erschloss sich das Wesen der Männlichkeit für diese Söhne vorwiegend aus den Erwartungen, die die Mütter an ihre Söhne als den Statthaltern des Männlichen und als Ersatz für den Vater in der Familie hatten (Amendt 1999). 20 Prozent der Männer waren Halbwaisen, ihre Mütter also Witwen, die auf sich gestellt waren.

Vor diesem emotionalen Hintergrund waren die ersten Reaktionen ausgesprochen mutig. Auch wenn sie dem tradierten Arrangement der Geschlechter nichts Neues hinzufügten, sondern nur dessen Psychodynamik veränderten. Je mehr aber die Frauenbewegung zur puren Schuldzuweisung regredierte, umso sprachloser reagierten Männer auf den Mehltau, der sich über die Beziehungen der Geschlechter legte. Je bärbeißiger der Feminismus, umso schweigsamer die Männer! Das gar nicht seltene Schweigen von Männern in Partnerschaftskonflikten entfaltete sich angesichts der kollektiven Beschämungen und Schuldzuweisungen zu einer ähnlichen, jedoch kollektiv wirksamen Sprachlosigkeit.

Es war der Schriftsteller Volker Pilgrim, der aus den beschämt schweigenden Männern der 68er-Bewegung herausfiel. Er stellte sich den »patriarchatspolitischen« Schuldzuweisungen mutig entgegen, um nicht an den Schamgefühlen zu ersticken, die die feministischen Unwerterklärungen auslösten. Er tat das in dem Buch Muttersöhne, das 1986 erschien und das vor allem unter Frauen großes Interesse fand.

Was unterschied Volker Pilgrim von der Mehrheit der schweigenden Männer? Zuerst einmal nahm er die Vorwürfe des Feminismus über die missratene Geschichte des Abendlandes als ein Produkt zerstörerischer Männlichkeit ernst (vgl. Mitscherlich 1985, 1987). Zu diesem Zweck nahm er sich so ungleiche Figuren wie Teddy D. Roosevelt, Hitler und Stalin vor – in einer nicht angemessenen Verkürzung von Geschichte auf Einzelpersönlichkeiten. An missratenen Männern wollte er Fehlentwicklungen festmachen. Er gab ihnen den Namen »Muttersöhne«.

Zwischen der Eigenart ein Muttersöhnchen zu sein und der zerstörerischen Männlichkeit sah er einen Zusammenhang, der bislang allenfalls in Psychotherapien, aber nicht in politischen Diskursen thematisiert worden war. Wenn Männer destruktiv sind, dann hat das auch mit ihrer unaufgelösten Bindung an die Mutter zu tun. Das ist der psychische Kern von Muttersöhnen. Sie können keine selbstbewusste Männlichkeit entwickeln, weil ihr inneres Leben, sozusagen ihre Seele, von einer dominanten Mutter beherrscht wird. Sie sind weder Herren im eigenen Haus noch selbstbestimmt in dem, was sie als erwachsene Männer mit anderen Frauen tun. Das Zerstörerische, das von ihnen ausgeht, beruht folglich auch auf ihrer Kindheitsgeschichte, die sie nicht abschließen können, weil die Mutter in ihnen weiterhin den Ton angibt und ihrem autonomen Handeln nur begrenzten Raum gewährt. Die Rolle der Männer außerhalb der Familie und im Verhältnis zu anderen Frauen beruht somit zu einem Teil auf verinnerlichten Erwartungen der Mutter der frühen Kindheit (Greenson 1986; Schmauch 1995; Stoller 1974).

Damit steht Volker Pilgrim in einer Tradition, die im Alltagsbewusstsein der Menschen, den Sozialwissenschaften und der Psychoanalyse verankert ist. Demnach machen Männer und Frauen ihre Geschichte gemeinsam, ihre gute wie ihre schlechte und die widersprüchliche ebenso. Nicht nur das Glück entspringt dem gemeinsamen Handeln, sondern auch das Unglück und die alltäglichen Konflikte.

Mit dem Klischee von den guten Frauen und den bösen Männern versuchte der Feminismus diese Alltagsweisheit auszulöschen. Aber Pilgrim wollte sich diesen Versuchen nicht beugen, und die Frauen, die sein Buch lasen, haben fasziniert auf diesen Zusammenhang geblickt. Denn gerade die Nähe zu ihren Söhnen, anders als zu den Töchtern, war Frauen als eine tief befriedigende Erfahrung nur zu geläufig. Aber viele Frauen sind sich bewusst, dass aus dieser Nähe auch Probleme entstehen können.

Mit eigener Forschung unter Mitwirkung von 2.000 Frauen habe ich diese schillernden Seiten erforscht. Viele Frauen fühlten sich dadurch entlastet, dass es ein wissenschaftliches Interesse für diese Brisanz gab (Amendt 1994). Denn die Idealisierung von Mütterlichkeit im Gefolge des Nationalsozialismus und in dessen Fortsetzung durch den feministischen Mainstream hatte sie bislang daran gehindert, kritische Gefühle zum Sohnesverhältnis zu äußern (Amendt 1999). Der Feminismus hat mit seinem polarisierten Bild von den bösen Männern und den guten Frauen diese unter eine rassistisch begründete Idealisierung gezwungen, die mit dem Bild von der reinen arischen Frau des Nationalsozialismus weitgehend deckungsgleich ist. Die historische Kontinuität im Denken von Weiblichkeit und Mütterlichkeit wurde bislang von der Wahrnehmung ausgeschlossen. Auf solche Parallelen hat Götz Aly 2008 in seinem Buch Unser Kampf hingewiesen, wobei er erstaunlicherweise keine geschichtliche Beziehung zu den Müttern im Nationalsozialismus und der Politik der Töchter in der 68er-Bewegung herstellte. Das ist umso erstaunlicher, als er gerade diese »Überlieferung der 68er« aufzeigen wollte. Pilgrim war zumindest gegen die Mütter aufgestanden, die ihre Söhne zu Muttersöhnen machen. Er sagte, dass Mütter selbst hervorbringen, was sie jetzt bedauerten oder worunter sie litten. Dies hat jedoch nur sehr indirekt das Verhalten der Mutter- und Großmuttergeneration während des Nationalsozialismus eingeschlossen.

Mit liebender Hand hätten sie ihre eigenen Unterdrücker oder die ihrer Töchter herangezogen. Da die familiäre Erziehung damals noch mehr als heute in den Händen der Frauen lag, war diese Überlegung von Pilgrim für Frauen nachvollziehbar. Denn was für Hitler, eine seiner Beispielfiguren, galt, musste für das Heer der unbekannten Muttersöhne genauso gelten – wenn auch politisch weniger folgenreich. Immerhin war in den 80er Jahren die Bereitschaft zum aufklärerischen Diskurs noch so weit verbreitet, dass besprochen werden konnte, wie Frauen ihre Söhne für die eigenen Bedürfnisse instrumentalisieren. Unter der feministischen Opferideologie setzte dann allerdings ein mächtiger Verdrängungsschub ein, der bis heute noch wirksam ist (Amendt 2008).

Die feministische Verleugnung setzte dabei an, dass Frauen keine Fehler gemacht und keine Verantwortung für den Nationalsozialismus und die Shoah haben können, weil sie von der Geschichte ausgeschlossen gewesen seien. Dass Geschichte aber auch in der Familie gemacht wird, durfte nicht thematisiert werden. Das gilt ebenso für die Töchter. Wer in der Gefolgschaft von Volker Pilgrim auf die familiäre Geschichtsmächtigkeit der Frauen bestand, die in die Gesellschaft und die Generationen hineinwirkte, der musste sich anhören: »Ach ja, wenn etwas schiefgeht, sind die Mütter an allem Schuld!« Dieses Bonmot hatte es in sich. Es unterstellte den Insistierenden etwa, dass Frauen allmächtig seien, was vielen Männern den Atem verschlug und sie das Feld räumen ließ. Die anderen schreckten zurück, weil sie als getreue Söhne gelernt hatten, dass man eine Frau nicht mit der Verantwortung für ihr Handeln konfrontieren darf. Das Bonmot wurde zum Signum dafür, dass Mütter der Kritik schutzlos ausgesetzt werden sollen. Das war riskant in einem Land, in dem nicht nur das Titanic-Prinzip »Frauen und Kinder zuerst« noch immer gilt, sondern wo schlummernde Reinheitsvorstellung von Weiblichkeit mit religiösen Elementen der Marienhaftigkeit und rassistischen Wertschätzungen aus der Zeit des Nationalsozialismus sich gegenseitig potenzieren.

3 Muttersöhne – das Werk missbräulicher Frauen

Wenn gesellschaftliche Veränderungen einsetzen, geht Gewohntes über Bord. Das war auch typisch für den Ausgangspunkt der 68er-Bewegung (Aly 2008), zumal damit verdrängte Fragen an beide Eltern, Vater wie Mutter, nach deren Verantwortung für die Verhältnisse während des Nationalsozialismus und im Hinblick auf die Shoah aufgeworfen wurden. Wie Männer auf die Beschämung reagierten, als ihnen vom Feminismus die Totalverantwortung für gesellschaftliche Konflikte aufgebürdet wurde, habe ich angedeutet (Mitscherlich 1985, 1987). Diese Bürde hat sich als Schuld niedergeschlagen. Vergleichbare Schuldgefühle wurden unter Frauen ausgelöst, als Pilgrim ihnen vorhielt, dass die Muttersöhne, von denen sie sich als »wohlmeinende und besserwisserische Patriarchen« drangsaliert fühlten, doch von ihnen selber hervorgebracht worden seien. Anders als Männer reagierten sie nicht so sehr mit Arroganz und Wegsehen, sondern mit der Vorhaltung, dass Männer sich nur ihrer eigenen Verantwortung entziehen wollten. Beide Geschlechter haben Schuldgefühle, aber sie wählten damals offenbar spezifische Wege des Umgangs damit.

Nachdem Pilgrim nun aber am ideologischen Pfeiler »weiblicher Ohnmacht« tiefe Kratzspuren hinterlassen hatte, zog er die Notbremse. Er wollte Müttern zwar Schuld, aber keine Verantwortung zuweisen. Deshalb wollte er die Vermutung zerstreuen, dass »die Frau als Mutter […] ›schuld‹ an der verhängnisvollen Entwicklung des Sohnes zur Gewaltneigung [sei].« Damit hat er die Frauen »kastriert«. Sie dürfen machen, was sie wollen, aber Verantwortung müssen sie keine übernehmen. Und so sprach er lieber von »unwissentlicher Verursachung, besser von der Wirkung, die die unterdrückte Frau in der Funktion der Mutter auf den Sohn hat, am besten von der Verstrickung, in die das Patriarchat die Mütter und Söhne zwingt, allein zu dem Zweck, um neue Gewaltspezialisten zu erhalten, die diese Gesellschaft für ihren Fortbestand braucht« (Pilgrim 1986, S. 260).

Pilgrims Logik endet in einem verantwortungsethischen Puzzle, einer geschlechterpolitischen Achterbahnfahrt. Denn es geht um den Kern der Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Nach Pilgrim tragen entweder Männer Verantwortung oder anonyme gesellschaftliche Verhältnisse, nicht jedoch Frauen.

»Jeder Sohn wächst unter einer unterdrückten Mutter auf. Die Abschaffung der Gewalt des Sohnes wird gänzlich erst gelingen mit dem Ende der Unterdrückung der Frau« (Pilgrim 1986, S. 7). Die Freisprechung der Mutter folgt sodann auf dem Fuße: »Die Wirkung des universalen Verbrechens an den Frauen war riesenhaft. Die Frau verkam zu einem ängstlichen, sich selbst entfremdeten, hilflosen Männergebrauchsartikel. Die Wahrnehmung als Mensch sollte ihr nur noch in der sterilen Funktion(!) als Mutter möglich sein. Was Frauen schon früher hatten erleiden müssen – das Eingesperrtsein in körperlichen und burgmäuerliche Keuschheitsgürtel –, das drohte jetzt allen Frauen. Und also wurden die Riemen(!) zwischen Mutter und Sohn enger geschnallt. […] Der Verhängniskreislauf war geschlossen: Frauenunterdrückung, Sohnesbindung, Muttersohnausbildung, Lebenszerstörung« (Pilgrim 1986, S. 209). »Was Frauen auch tun, wie sie auch wirken, bei den Söhnen bildet sich das Muttersohn-Syndrom nur heraus, wenn sie zusammen mit unterdrückten Müttern aufwachsen. Seelische Größe, geistige Bedeutung, menschliche Stärke nützen den Frauen nichts, wenn sie im gesellschaftlichen Minus leben« (Pilgrim 1986, S. 316).

Indem Pilgrim über sich selber spricht, skizziert er doch das am weitesten verbreitete Selbstmissverständnis von Männern. Und zugleich wird damit die korrespondierende Erwartungshaltung von Frauen an Männer ausgedrückt, was sich zum jeweils vorherrschenden Arrangement der Geschlechter bündelt.

Offensichtlich ist das für Männer mit einem erheblichen Maß an Selbstverleugnung eigener Wünsche verbunden. Sie halten für eigene Interessen, was mehr oder weniger die Erwartungen von Frauen sind. Das reicht aber nicht, um eine erlebnisreiche Sexualität zu praktizieren, die die 68er-Bewegung anstrebte. Den Frauen ist das keineswegs entgangen. Sie haben dieser besonderen Variante des dienenden Mannes die Bezeichnung »Softi« verliehen. Einer, der glaubt, es Recht machen zu können, aber nicht merkt, dass Frauen doch auch das an Männern mögen, was sie gerade an ihnen kritisieren. Noch später hießen sie »Frauenversteher«. In der Genderliteratur zählen dazu Autoren wie Michael Kimmel, Klaus Theweleit, Michael Meuser, Harry Stoltenberg, Robert Cornell und andere. Diese Botmäßigkeit ohne erregende Dissonanz war nicht das, was Sexualität mit Leidenschaft erfüllen konnte. Der Softi wurde deshalb höhnisch verworfen. Aber hier zeigt sich, dass ein Wandel im männlichen Versorgen stattgefunden hatte. Es ging nicht mehr nur ums tägliche Brot, sondern mehr noch um Übernahme von Verantwortung für die sexuelle Zufriedenheit der Frau.

4 Die Angst der Frauen vor der Passivität der Männer

Heutzutage ist eines der großen Probleme vieler Männer, ihre eigenen Interessen und Wünsche zu bestimmen; eben jenseits der während der Kindheit bereits zugewiesenen Verantwortungen, die sie als Erwachsene in der Sorge für Frau und Kind weitgehend den einzigen Lebenssinn suchen lässt. Aus der Sicht der Männer können sich die Beziehungen zwischen den Geschlechtern nur verändern, wenn sie in Zukunft sich von der verinnerlichten Selbstinstrumentalisierung für Frauen losmachen können. Dies käme dem Ende einer weitgehend funktional bestimmten männlichen Identität gleich. Das geht aber nur gemeinsam mit Frauen in persönlichen Beziehungen. Der gemeinsame Aspekt, eben das, was Beziehungen in guten wie in schlechten Zeiten ausmacht, müsste wieder in den Mittelpunkt rücken. Das ist aber nur möglich, wenn die Gesellschaft sich aus den Fängen feministischer Ideologie befreit, wonach Männer Täter und Frauen Opfer sind. Diese Ideologie ist in Wirklichkeit die feministische Variante dessen, was früher traditionell als typisch weibliche Passivität und typisch männliche Aktivität ausgegeben wurde (Comas-Diaz 2007). Mit einem maßgeblichen Unterschied: Früher war die Passivität der Frauen nicht unerheblich von einer für Männer wie Frauen rigiden Arbeitsteilung erzwungen. Heute hingegen, in einer Zeit großer gesellschaftlicher Flexibilität und individuell gestaltbarer Lebensperspektiven, ist diese Passivität selbst zu verantworten. Und eigentümlicherweise propagieren die radikalsten Feminismusvarianten diese Passivität. Obwohl gänzlich im Gegensatz zur Frauenbewegung, die seit den späten 60er Jahren die Selbstermächtigung und das »self-empowerment« von Frauen ganz groß auf ihre Fahnen geschrieben hatte.

Selbstverständlich werden die Beziehungen von Männern und Frauen immer von Herrschaftsinteressen geprägt sein. Denn es gibt »engendered power« (Bethke 1990), eben geschlechtsspezifische Machtformen, über die Männer und Frauen verfügen. Denn Geschlechterbeziehungen sind generell machtverspielte Beziehungen, die nur in Ausnahmen als rein instrumentelle Gewaltzustände erscheinen. Diese weisen sowohl bei Männern als auch bei Frauen auf schwere Pathologien oder Charakterstörungen hin (Amendt 2009).

Am Beispiel von namhaften Muttersöhnen hat Volker Pilgrim zu zeigen versucht, wie weibliche Passivität sich auf die Ausgestaltung der Männlichkeit und somit auf die gesamte Gesellschaft auswirkt. Wer aber diese weibliche Macht verleugnet oder durch reales oder fantasiertes Leid staatliche Hilfsmaßnahmen im Sinne einer Flut Frauen fördernder und bevorzugender Gesetze auszulösen vermag, der ist weder schwach noch ohnmächtig. Er zeigt, welche Macht der Weiblichkeit zusätzlich zur erziehenden Macht über die Kinder in der Gesellschaft zufällt. Es trifft also durchaus zu: »Es mag ein großes Stück Aktivität notwendig sein, um ein passives Ziel durchzusetzen« (Freud 1990, S. 123). Und was im extremen Fall von aktiver Passivität als Terror des Leidens erscheint – eben als Sehnsucht danach, sich als Frau wie ein Opfer zu fühlen –, irritiert viele Männer. Es macht viele sprachlos, wenn nicht orientierungslos.

Zwar ist der Feminismus als soziale Bewegung versiegt und lebt nur noch im Dunstkreis bürokratischer Förderprogramme fort. Er bildet jedoch weiterhin die treibende Kraft, die Frauen als Opfer in einem Zustand politisch anerkannter Passivität halten möchte. Vor diesem Hintergrund ist der Ruf nach Veränderung der Männer eine hochambivalente Herausforderung. Sie sollen sich ändern, aber zugleich werden sie ganz traditionell wieder in die Pflicht genommen, die alte rettende Rolle zu spielen.

Anmerkungen

1 Zur Kritik an Margarete Mitscherlich, wonach das antisemitische Vorurteil männlich sei, vgl. Brainin/Ligeti/Teichert 1993.

2 Es mag sich hier bestätigen, was Mary Douglas (1981, S. 172) ausführte: »Im Hexenglauben kommt die Überzeugung zum Ausdruck, dass die Menschheit in zwei Hälften zerfällt: in die Guten und Reinen und die von Grund aus Niederträchtigen und Bösen, die eigentlich überhaupt nicht als Menschen zu betrachten sind.«

3 Eine hervorragende Darstellung dieser Tendenzen findet sich in der Günther 1997.

4 Hier geht es um introjizierte psychische Vorstellungen und nicht um die Teilhabe von Frauen am Arbeitsprozess als Zeichen von deren außerfamiliären Unabhängigkeit.

5 Da seit 1919 in Deutschland Frauen das allgemeine aktive Wahlrecht haben, mussten Männer die rollenspezifische Obsorge für die Frau im gesellschaftspolitischen Bereich nicht mehr fortsetzen. Hier hatten Frauen nicht mehr und nicht weniger wahlpolitischen Einfluss wie jeder Mann.

6 Das galt übrigens gerade auch für die befreite Sexualität.

7 Es sei hier lediglich darauf hingewiesen, dass es in der Frauenbewegung eine mächtige Strömung gab, die den Kampf um den weiblichen Opferstatus als Kampf um die weibliche Unschuld der »deutschen Frau« an Nationalsozialismus und Shoah betrieb.

Literatur

Aly, Götz (2008): Unser Kampf. Frankfurt (S. Fischer Verlag).

Amendt, Gerhard (1994): Wie Mütter ihre Söhne sehen. Frankfurt (Fischer Taschenbuch Verlag).

Amendt, Gerhard (1996): Die Wiederkehr der Geschichte in Liebesbriefen. In: Ulshöfer, Helmut (Hg.): Liebesbriefe an Adolf Hitler – Briefe in den Tod. Unveröffentlichte Dokumente aus der Reichskanzlei. 2. Aufl. Frankfurt (Verlag für Akademische Schriften).

Amendt, Gerhard (1999): Vatersehnsucht. Annäherung in elf Essays. Bremen: Institut für Geschlechter und Generationenforschung.

Amendt, Gerhard (2001): Mehr Respekt vor Kindern? Offener Brief an Christine Bergmann, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Leviathan 1, 3–10.

Amendt, Gerhard (2004): Über die These von der Verdammnis durch die Frauen. Das Parlament 46. URL: http://www.das-parlament.de/2004/46/Thema/005.htm.

Amendt, Gerhard (2006): Scheidungsväter. Frankfurt.

Amendt, Gerhard (2008a): I Did Not Divorce My Kids. Chicago (Campus Verlag/Chicago University Press).

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Anmerkung GB:

Dieser Text ist auf Wunsch des Autors Gerhard Amendt hier unter der obigen Überschrift veröffentlicht worden; erstmals jedoch unter dem folgenden Titel, der hier wunschgemäß noch einmal genannt wird:

Die Opferverliebtheit des Feminismus

oder: die Sehnsucht nach traditioneller Männlichkeit

Die Zukunft der Männer jenseits der Selbstinstrumentalisierung für Frauen

Es handelt sich hier auch um eine Replik auf den Beitrag von Tamara Wernli:

Haben Frauen eine Opfermentalität?