Medienspiegel

Die identitätslinke Läuterungsagenda

Gastautor / 10.07.2019 /

Dies ist ein Auszug aus der Einleitung zum Sammelband: „Identitätslinke Läuterungsagenda. Eine Debatte zu ihren Folgen für Migrationsgesellschaften“, herausgegeben von Dr. Sandra Kostner, hier bestellbar. Neben der Herausgeberin äußern sich im Band zwölf Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. 

Dr. Sandra Kostner promovierte an der University of Sydney zum Bildungserwerb der zweiten Generation griechisch- und italienischstämmiger Schüler in Deutschland und Australien. Sie arbeitet gegenwärtig als Migrationsforscherin an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd.

Von Dr. Sandra Kostner.

Hier nur ein Kernzitat aus ihrem Buch:

(…) „Obwohl die Kontexte und Formen variierten, schälten sich immer mehr zwei Konstanten heraus: die eine in Bezug auf die Personen, die Läuterungsdemonstrationen inszenieren, die andere hinsichtlich derjenigen, die sich – nicht immer freiwillig – auf der Empfängerseite solcher Demonstrationen wiederfinden. Die Empfänger- beziehungsweise Opferseite umfasst Personengruppen, die in der Vergangenheit in unterschiedlichem Maße Ausgrenzungen, Ungleichbehandlungen und Abwertungen ausgesetzt waren, aus denen Benachteiligungen resultierten, deren Folgen bis in die Gegenwart reichen. Zu diesen Gruppen gehören Indigene, Afroamerikaner, Migranten, Frauen und die LGBTQIA-Community. Die Geber- beziehungsweise Schuldseite besteht im Grunde aus allen, die nicht der entsprechenden Opfergruppe angehören und daher per se für die jeweiligen Ungleichbehandlungen verantwortlich gemacht werden.

Diese Zwangszuweisung von Schuld- und Opferidentitäten, durch die Menschen quasi in Identitätsgefängnisse eingesperrt werden, bildet aus meiner Sicht die Grundlage jener spezifischen Form der Identitätspolitik, die ich identitätslinke Läuterungsagenda nenne.

Den Begriff identitätslinke Läuterungsagenda habe ich deshalb gewählt, da diese Agenda von Personen konzipiert und vorangetrieben wird, die sich politisch links verorten, aber an einem entscheidenden Punkt von den traditionellen Zielen linksgerichteter Politik abweichen. Dieser Punkt betrifft das für die Linke zentrale politische Ziel der Gerechtigkeit: Identitätslinke verstehen darunter nicht mehr soziale Gerechtigkeit, sondern Identitätsgerechtigkeit.“ (…)

„Während sich das Modell der sozialen Gerechtigkeit an den Lebensumständen von Menschen orientiert und darauf ausgelegt ist, die soziale Durchlässigkeit der Gesellschaft zu erhöhen, liegt der Identitätsgerechtigkeit ein starres Gruppenkonzept zugrunde. Die mit diesem Konzept einhergehende Kultivierung von Schuld- und Opferidentitäten verringert die soziale Durchlässigkeit der Gesellschaft und greift ihren liberalen Kern an, indem sie das Prinzip der gleichen Freiheit für Individuen der Vision einer absoluten Gleichheit von Gruppenidentitäten opfert. Menschen werden dergestalt auch ihrer Individualität beraubt, denn ihre vielfältigen Lebensumstände und Persönlichkeitsmerkmale spielen bei dieser Gerechtigkeitsvision keine Rolle mehr – schlimmer, sie stehen ihr sogar im Weg. Einzig und allein das Merkmal, das die Identitätslinken zur Aufteilung von Menschen in Opfer- oder Schuldgruppen heranziehen, bestimmt nunmehr, wer Ansprüche an die Gesellschaft stellen darf und wer diese zu erfüllen hat.“ (…)

https://www.achgut.com/artikel/die_identitaetslinke_laeuterungsagenda

https://www.amazon.de/Identit%C3%A4tslinke-L%C3%A4uterungsagenda-Migrationsgesellschaften-Impulse-Gesellschaft/dp/3838213076