Medienspiegel

Helmut Schmidt: Weltbevölkerung explodiert, Europa schrumpft

Am 18.03.2016 veröffentlicht

Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt äußert sich im Interview mit NZZ-Journalisten über die einerseits explodierende Weltbevölkerung und die andererseits sehr niedrigen europäischen und deutschen Geburtenraten.

Wie viele werden wir in Zukunft sein?

Zum diesjährigen Weltbevölkerungstag am 11. Juli dürften über 7,7 Milliarden Menschen auf der Erde leben. In den 1960er und -70er Jahren, als noch die Angst vor einer globalen „Bevölkerungsexplosion“ grassierte, hätte sich das wohl niemand träumen lassen. Seither hat sich die Weltbevölkerung mehr als verdoppelt und statt der Sorge um ein unaufhörliches Wachstum der Menschheit grassiert aktuell eine Gegenthese: Schlagzeilen wie „Leerer Planet“ (Der Spiegel, 18.05.19) oder „Die Bevölkerungsexplosion fällt aus“ (Spiegel Online, 23.06.2019) vermitteln den Eindruck, dass wir uns um das Thema Bevölkerungswachstum keine Gedanken mehr machen müssen. In ihrem Buch „Empty Planet“, das in besagten Artikeln zitiert wird, behaupten die Autoren Darrell Bricker und John Ibbitson sogar, dass sich die Weltbevölkerung bald auf Schrumpfungskurs begeben wird. Die beiden Kanadier sind der Meinung, dass die Zahl der Menschen zwischen 2040 und 2060 ihren Höhepunkt erreichen und dann unaufhaltsam abnehmen wird. Sterben wir also in nicht allzu ferner Zukunft aus?

Ein Blick in die Zukunft

Wer wissen möchte, wie sich die Weltbevölkerung künftig entwickeln dürfte, greift für gewöhnlich auf die Schätzungen der Vereinten Nationen zurück, die sich in der Vergangenheit als relativ zuverlässig erwiesen haben. Auf Basis seit 1950 gesammelter Daten treffen die UN-Statistiker für jedes Land Annahmen zur Entwicklung von Sterblichkeit, Geburtenziffern und Wanderungen und leiten daraus ab, wie sich die globale Bevölkerung bis ins Jahr 2100 entwickeln dürfte. In der mittleren Variante ihrer jüngsten Hochrechnung, die in der Öffentlichkeit meist als die wahrscheinlichste eingestuft wird und welche die UN-Experten Mitte Juni 2019 veröffentlicht haben, gehen sie davon aus, dass die Weltbevölkerung von heute 7,7 Milliarden auf 9,7 Milliarden im Jahr 2050 und bis 2100 auf 10,9 Milliarden Menschen anwachsen wird. Voraussetzung dafür ist, dass die Kinderzahl je Frau in den Entwicklungsländern stetig sinkt und die Lebenserwartung gleichzeitig steigt – so wie es zuvor in allen weiter entwickelten Staaten geschehen ist.

Wie viele Menschen künftig auf der Erde leben werden, hängt deshalb zu großen Teilen von der Entwicklung in Subsahara-Afrika ab, wo 33 der 47 am wenigsten entwickelten Länder liegen und wo die Geburtenziffern im weltweiten Vergleich noch am höchsten sind. In der mittleren Variante ihrer Vorausschätzungen gehen die UN-Statistiker davon aus, dass die Geburtenziffer in den Ländern südlich der Sahara von heute durchschnittlich 4,7 Kindern pro Frau bis zum Ende des Jahrhunderts auf das bestandserhaltende Niveau von 2,1 sinken wird. Genau diese Annahme kritisieren der Sozialwissenschaftler Bricker und der Journalist Ibbitson. Ihrer Ansicht nach dürfte die Geburtenziffer in den Ländern südlich der Sahara deutlich schneller sinken, als von der UN angenommen – vor allem aufgrund der immer stärker voranschreitenden Urbanisierung, die den Zugang zu Bildung und die Emanzipation der Frauen erleichtert.

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