Betrachtungen zur post-kapitalistischen Systemalternative

Alfred Müller:

„Eine Wirtschaft die tötet“

Rainer Zitelmann:

„Kapitalismus ist nicht das Problem sondern die Lösung“

und einem Verweis auf Dr. Horst Müllers

„Das Konzept Praxis im 21. Jahrhundert“

von Michael Mansion.

Alfred Müller fragt im Vorwort, ob es sein kann, dass das kapitalistische System seine Anziehungskraft und Glaubwürdigkeit verliert?

Die vielfältigen Krisen und Bedrohungen sind keine Zufälle und resultieren aus der kapitalistischen Produktionsweise selbst.

Schönheitsreparaturen bleiben sichtbar wirkungslos, aber die andere Frage lautet: Was ist eigentlich Sozialismus?

Kann eine „Direkte Demokratie“ die kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse aufheben und auflösen?

Kann die Digitalisierung bei der Wirtschaftsplanung hilfreich sein?

Der Autor geht im 1. Kapitel auf die zentralen Widersprüche des Kapitalismus ein, als einer Welt der Freiheit, wo diese bei genauerem Hinsehen die Freiheit des Kapitals und seiner Agenten ist.

Auch alle Umverteilungsmaßnahmen können letztendlich die Form der Primärverteilung nur unwesentlich beeinflussen oder dämpfen.

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer, während das System insgesamt instabiler wird.
Auch aus der letzten Finanzkrise haben die Banken offenbar nichts gelernt, aber die Party wird nicht ewig dauern können.
Die Immobilien und Mietpreise sind erheblich gestiegen, was den Besitzenden nutzt, den Schwachen aber schadet.

Der Autor beruft sich auf das „Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung“, sowie auf die Universität Oxford und unterstellt eine durch weitere Automatisierung und Digitalisierung steigende Arbeitslosigkeit von 40 – 50% in den nächsten 20 Jahren. Erschreckend hierbei ist vor allem die Zahl der jungen Arbeitslosen in der EU mit einer offiziellen Zahl von 16% von Menschen unter 25 Jahren. Hinzu kommt die hohe Zahl der sog. prekären Jobs.

Die Reallöhne in der G20-Staaten sind trotz guter Konjunktur nur minimal gewachsen. Immer weniger Menschen können von ihrem Lohn auskömmlich leben. In Deutschland betrifft das mehr als jeden dritten Beschäftigten.

Auch in den USA nimmt die Armut zu, während zugleich auch die Profitrate insgesamt sinkt und auf niedrigem Niveau stagniert.

Die Investitionen in den produktiven Sektor nehmen ab, Überkapazitäten türmen sich auf und die Wirtschaft rutscht in eine schleichende Dauerkrise, wobei zunehmend Arbeitsplätze ins Ausland verlagert, Steuerparadiese nicht ausgetrocknet werden und alleine dem deutschen Staat reichlich 17 Milliarden an Steuereinnahmen (A.M.) entgehen.

Die öffentliche Infrastruktur zerfällt zusehends und die Schuldenberge von Städten, Kommunen und Ländern nehmen zu.

Unterfinanzierte staatliche Einrichtungen, privatisierte Krankenhäuser und das Verscherbeln öffentlichen Eigentums, sind allemal Ausdruck einer Abwärtsentwicklung.

Ein ganzes Kapitel ist dem nicht abgeschlossenen Prozess einer Gleichstellung der Frauen gewidmet, aber da hätte man sich ein wenig aktuelle Kritik am auch durch die Frauenbewegung befeuerten Genderismus gewünscht und vom Sexismus wäre zu sagen, dass seine Dimension kaum klassisch zu nennen ist, sondern zunehmend muslimisch dominiert, mit ausdrücklicher Genehmigung der Genderbewegten.

Ob dann die beklagte und hier kritisierte Teilhabe an gesellschaftlicher Macht nicht auch auf einen Teil Eigenverschulden zurückzuführen ist, wäre eine interessante Frage und die Sache mit der sich ausbreitenden Ellenbogenmentalität oder der Korruption haben wir zur Not schon gewusst, wie auch die Tatsache, dass die Politik eine Getriebene der Konzerne ist, wo man selbstverständlich (auch) an unserem (Konsum-) Verhalten interessiert ist, was durch eine sog. smarte Überwachungs-technik geleistet wird.

Man könnte sarkastisch hinzufügen, dass angesichts der Fehlerquoten der aktuellen politischen Klasse, nur noch ein paar Unternehmen imstande sind, einige Zukunftsaufgaben zu leisten und eine Bestandssicherung zu garantieren.

Zumindest weiß man sich dort verständlicherweise der Wirklichkeit verpflichtet.

Wenn der Autor ein Recht auf informelle Selbstbestimmung einfordert, sollte er die Frage stellen, worauf diese sich berufen kann in Zeiten groß angelegter medialer Desinformationskampagnen.

Eine Schuldknechtschaft ganzer Länder wurde in Europa durch den Euro losgetreten und sein Paradox findet in der Merkel-Doktrin „Scheitert der Euro,–dann scheitert Europa“ eine Entsprechung.
Eine wachsende regionale Ungleichheit verschärft krisenhafte Entwicklungen innerhalb und außerhalb der Nationalstaaten.
A.M. macht einen grundsätzlichen Unterschied, wenn es um entwicklungsspezifische Wachstumsraten geht. Große und weitgehend autoritär verwaltete Länder wie China oder Indien beziehen ihre Expansionsdynamik nicht zuletzt aus ihrer bzw. einer Ausgangsbasis relativen Mangels.

Die Europäische Zentralbank versucht seit einiger Zeit mit einer Null-Zins-Politik und Liquiditätshilfen in Billionenhöhe das Auseinanderdriften zu verhindern, aber es profitieren nur die Starken.

Die gleichen, bzw. gleichwertigen Lebensbedingungen zwischen den Regionen und den Volkswirtschaften der EU sind im Grunde Zweckpropaganda.

Wirtschaftssanktionen und militärische Aktionen sind die internationale Begleitmusik der großen Akteure.

Warum aber mit deutschen Waffen der Terror in Mexiko angetrieben wird, vermittelt sich nicht so leicht, weil es dort genügend Gründe gibt, auch mit amerikanischen, italienischen oder israelischen Waffen erfolgreich zu killen.

Ein Satz des Autors wie: „Gelieferte Waffen führen zu Vertreibungen, gewaltsamer Unterdrückung, enormen Verwüstungen und ungeheuren Verbrechen“, duldet keinen Widerspruch, weil er nachweislich richtig ist, zugleich aber weismachen will, dass das ohne deutschen Waffenexport nicht mehr so wäre.
Das könnte dem „Osservatore Romano“ entnommen sein, was nicht abwertend gemeint ist, aber es ist wenig zielführend im Sinne einer neuen Gesellschaftsformierung, die mehr sein muss als ein Ostermarsch.

Es ist auch nicht so neu, dass der Kapitalismus seine Feinde als Kommunisten denunziert, wobei sich das Blatt ja gerade wendet und er sie in Rechtspopulisten verwandelt.

Hinter der kapitalistischen Fassade lauert das Verbrechen“. Kann es sein, dass man sich hier nur versehentlich in die 68er versetzt fühlt oder will uns der Autor an etwas erinnern, was wir zu verdrängen begonnen haben? Haben wir das?

Nein,–haben wir nicht; aber zugleich steckt nicht hinter jeder kapitalistischen Unternehmensgründung ein Verbrechen bzw. ein Verbrecher oder gar ein Kartell. Dies schon eher hinter einer Shisha-Bar in Bochum, aber die bauen da ja auch keine Autos.

Es ist ein bisschen verwunderlich, wenn sich eine Kapitalismus-Kritik nicht auf die einer inhärenten Logik der Kapitalverwertung stützt und eher moralisiernd daher kommt.

Was soll ein Satz wie: „Die NATO-Staaten sind für Millionen Ermordete verantwortlich“. Ja ja,–auch die spanischen und portugiesischen Conquistadores stehen für gut 20 Millionen ermordete Indianer, für die es kein Holocaust-Denkmal gibt.

Die Reihe ließe sich fortsetzen und ob nun Naturzerstörung immer und grundsätzlich kapitalistisch formiert ist, darf getrost auch marxistisch bezweifelt werden.

Richtig ist derweil, dass auch die bürgerlichen Anhänger der Grünen das fortgesetzte Wachstum anbeten, weil es ihrer Klasse bislang genutzt hat und eine aktuell befeuerte phänomenologische Betrachtung nachhaltig vor weitreichenden Erkenntnissen bewahrt.

Warum sich der Autor auf eine Erdtemperaturbegrenzung von von 1,5°C einlässt, wenn er die sog. Klimakatastrophe aufhalten will und dabei zu der Erkenntnis gelangt, dass wir zu viele unterschiedliche Produkte herstellen, die zugleich leider unseren Wohlstand generieren, wird in der Erkenntnis nicht aufgelöst, dass ständig Millionengewinne in die Kassen der Kapitalisten fließen.

Er fordert jedoch systemüberwindende Lösungsansätze, weil – so der Autor – das Klima mit dem Kapitalismus nicht zu retten ist. Das haben wir befürchtet.

Da darf auch das sich nur langsam zersetzende Plastik nicht fehlen, wobei er zumindest in West-Europa kapitalistisch getrennt entsorgt wird.

Im kapitalistischen Afrika und im ebenso kapitalistischen Indonesien eher nicht, weshalb er sich dort an den Küsten ein strudelndes Stelldichein gibt.

Die Behauptung, Nahrungsmittel gebe es reichlich und die Weltlandwirtschaft (was ist das?) könne problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren, müsste geprüft werden und man käme vermutlich zu der Erkenntnis, dass riesige Getreidemengen aufgrund unsachgemäßer Lagerung vergammeln, der andere Teil weitestgehend der Korruption zum Opfer fällt, während das was übrig bleibt – und das dürfte der geringere Teil sein – nicht transportiert werden kann, weil hierfür die Infrastruktur fehlt. Ob das ein durch und durch nur kapitalistisches Problem ist, darf bezweifelt werden.

Dass ein großer Teil der Menschheit keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser hat, ist leider auch kein nur kapitalistisch zu deutender Fakt, was übrigens leicht von jedem oder jeder zu erfahren ist, die mal im Bereich Entwicklungshilfe gearbeitet haben.
Die meisten Toten verursacht nach wie vor die Malaria, aber das ist in der Tat nicht zuletzt ein kapitalistisches Problem, weil die Pharma-Konzerne kein Interesse an einem Markt haben, der nicht profitabel ist.
Was aber spricht eigentlich gegen die Produktion eines wirksamen Mittels in den Schwellenländern, die ausreichend entwickelt sind, um das leisten zu können?

Der vom Autor zitierte Jean Ziegler irrt, wenn er behauptet, jedes verhungernde Kind werde kapitalistisch ermordet.
Die toten Kinder sind die Folge der autoritär-patriarchalisch strukturierten meist muslimischen Männergesellschaften und ihrer fatalen Vermehrungswut bei gleichzeitiger Verweigerung einer praktikablen Geburtenkontrolle.
Den von der UN erdachten (Peter Sutherland) famosen Ausweg aus diesem Dilemma, erwähnt der Autor nicht.

Dieser läuft darauf hinaus, die überschüssigen, meist sehr jungen Männer nach Europa zu verfrachten (Gunnar Heinsohn), womit man vor allem die Gefahr von Bürgerkriegen bannen will, diese jedoch in Europa möglich werden lässt.

Richtig ist der Hinweis des Autors auf die Vertreibung von Teilen der Landbevölkerung im Mittel und Süd-Amerika durch international agierende Lebensmittelkonzerne. Wenn diese mit der korrupten politischen Klasse dieser Länder kooperieren, ergibt sich eine heikle Situation, weil dieses Problem dann nur noch militärisch zu lösen ist. Das Volk müsste sich also der Solidarität der Militärs vergewissern können.

A.M. irrt allerdings mit der Behauptung, dass es den Ländern des globalen Südens immer schlechter geht. Das hält einer unvoreingenommenen Betrachtung nicht stand und es liegt in der Hand der dortigen sog. politischen Eliten (die oft in London und Paris studiert haben) für akzeptable Rahmenbedingungen zu sorgen.

Es muss sehr genau hingeschaut werden, wer welche Abhängigkeiten schafft, verwaltet oder gewaltsam einfordert.

Der Militärputsch in Chile von 1973 hatte eine klare ökonomische Zielsetzung vor allem im Hinblick auf die Kupfervorkommen des Landes, welche die Allende-Regierung nationalisiert hatte. Davon wird noch die Rede sein.
Es gibt ähnliche Interventionen, wo es eine weniger ökonomische und eher strategische Zielsetzung gibt.

Die Großmächte sind ihrem Wesen nach auch dann imperialistisch, wenn sie vorgeben sozialistisch zu sein. Das liegt im Wesen von Großmächten, die deshalb groß sind, weil sie eine imperialistische Politik machen. Wenn sie aufhören sich auszudehnen und ihre Handelswege zu ihren Gunsten abzusichern, hören sie auf zu existieren, wie historisch am Römischen Reich exemplarisch ersichtlich.

Es wäre wissenschaftlich zu klären, wie ein Sozialismus in einem großen Land ohne imperiale Anmaßung überlebensfähig wäre.

Das von Autor sehr richtig erkannte Problem der Schwellenländer ist eine dort beheimatete überbordende Korruption. Es verschwinden große Geldmengen im Drogenhandel, der zugleich eine gewisse Alternativlosigkeit geltend macht.
A.M. enttäuscht aber wenn er schreibt, die Entwicklungshilfe würde nach außen als Wohltätigkeit gepriesen, diene jedoch in Wirklichkeit den Geschäften der Konzerne oder der Flüchtlingsabwehr (?).

Das ist sachlich trotz aller Pleiten, Pechs und Pannen falsch.

Die Politik der Abhängigkeiten wird auf ganz anderen Programmen bedient und hier hätte sich doch die Möglichkeit ergeben kritisch zu fragen, ob etwa das chinesische Modell längerfristig nicht nachhaltiger ist als das bisherige, meist nur wenig erfolgreiche Modell einer Hilfe zur Selbsthilfe.

Dass der Autor dann zugleich beklagt, Entwicklungshilfe würde für die Flüchtlingsintegration zweckentfremdet, ist zunächst sachlich richtig, passt aber nicht zu seinem Vorwurf der Flüchtlingsabwehr.

Richtig ist dagegen, dass die aktuellen Programme der EU, sowie die Gründung der Europäischen Entwicklungsbank, die Investitionsbedingungen der europäischen Konzerne verbessern sollen, was ja noch einen Sinn ergäbe, wenn man nicht zugleich den Exodus der jungen Männer vor allem auch aus Afrika buchstäblich betreiben würde, sind sie es doch, die ihre Länder aus der Krise führen müssen.

Auch die sich ausbreitenden Wüstenregionen sind kein kapitalistisches Ungemach, sondern primär eine Folge fortlaufender Bürgerkriege (Walter Michler/Weißbuch Afrika). Die Menschen werden mit ihrem Vieh in die meist noch trockeneren unwirtlicheren Regionen vertrieben und das Vieh weidet dort auch noch das allerletzte Grün ab.

Mit seinem Ruf nach unbegrenzt offenen Grenzen in Europa und vor allem in Deutschland, fordert der Autor bewusst oder unbewusst die Aufgabe einer Kontrolle der EU Außengrenzen und damit die Aufgabe jeder Staatlichkeit.

Damit steht er nicht allein, sondern liegt gewissermaßen im Trend.

Unglaubwürdig macht er sich, wenn er dem EU-Kapital Sklavenhendel unterstellt. Dieser findet sehr wohl statt und ist damit zugleich eine nie beendete „Spezialität“ muslimischer Communitys.

Es ist nämlich sehr wohl ein Unterschied, ob man Slavenhandel oder sklavenähnliche Arbeitsbedingungen kritisiert.

Wo Sklavenhandel legal ist, ist dies ein Teil der beklagenswerten Kultur. Schlechte Arbeitsbedingungen können derweil vertraglich aufgehoben werden.

Richtig ist die Kritik am direkten Einfluss multinationaler Konzerne im Zusammenhang mit agrarischen Monokulturen.

Zu prüfen ist in diesen Fällen jedoch immer, in wie weit die politische Klasse der Länder, in denen es noch einen Regenwald gibt, Alternativen zur Abholzung hätte und wie weit man sie (oder sie sich selbst) an die Wand manövriert haben.
Die Crux der Sache ist das Wohlstandsversprechen in seiner westlich konnotierten Beschaffenheit, welche für agrarisch strukturierte Länder nur um den Preis hoher und wachsender Schulden einzulösen ist.

Es ist eine altlinke Forderung, die sinnlos scheinende Werbung samt ihren Seligkeitsversprechen möglichst abzuschaffen. Dies wäre sicher ebenso erholsam wie die Befreiung von schlechter Musik.

Es muss uns dann aber klar sein, dass das Internet samt allen schönen Filmchen nicht mehr kostenlos wäre.

Dass einige besonders reiche Leute teure Gemälde ersteigern, mag bei den veranschlagten Summen die alte Gerechtigkeitsfrage aufwerfen, für die es immer eine Berechtigung gibt.

Zugleich verdanken wir einigen sog. Mäzenen den ungehinderten Zugang zu großen Kunstwerken. Sie hätten für das Geld auch Nobel-Sportwagen kaufen können. Haben sie aber nicht.

Man hätte im Feudalismus zugunsten der Armen auch auf den Bau von Schlössern verzichten können, die wir heute mit oder ohne diese Frage bewundern.
Der moderne Kapitalismus, der ein Sozialkapitalismus ist (Horst Müller), verschafft die Illusion quasigerechter Teilhabe z.B. durch das in die Kritik geratene Auto. Im Stau stehen dann alle ob im Ferrari oder im Fiesta. Der Stau ist somit die Verkehr gewordene Demokratie.

Die individualisierte und sich zugleich entpersönlichende Massengesellschaft, begreift sich als kollektiv erlöste Konsumenten-Community.

Wird der Konsum im Falle einer Krise auf das Nötigste begrenzt, wird dieser Zustand als unfrei und demütigend empfunden, weit mehr übrigens als das Verbot über bestimmte Dinge zu reden.

Gleichberechtigte Teilhabe an politischer Prozesshaftigkeit ist ein eher selten geäußerter Wunsch.

Wenn der Autor aus kriminellen Vorkommnissen in einer oder zwei deutschen Kliniken schlussfolgert, dass sich „sogar Tötungen von alten und kranken Menschen in Kliniken und Heimen häufen (weil dies durch den Kapitalismus intendiert ist?), dann macht das eine fundierte linke Kritik (die es ja sein will) kaputt und desavouiert sie.

Das Gesundheitswesen wird deshalb privatisiert, weil sich der Staat aus seiner sozialen Verantwortung mehr und mehr verabschieden will. Das ist als Erklärung ausreichend, macht kapitalistische Logik deutlich und muss auf Alternativen verweisen.

Es vergeht kein Tag, an dem Ausländer, Muslime und dunkelhäutige Menschen nicht diskriminiert, angegriffen, benachteiligt, ausgegrenzt, verfolgt und sogar getötet werden“. Wo, Herr Müller?

Allerdings vergeht mittlerweile kein Tag, wo die Muslime in Europa nicht gewalttätig und übergriffig werden, auch wenn solche Fälle weitestgehend medial unter Verschluss gesetzt werden, so gut das irgend möglich ist.

Im Dunstkreis von solcherlei „rassistisch geprägter Gefährdung“ gegenüber den Migranten, verortet der Autor neonazistische Tendenzen, zu denen er auch frauen- und umweltfeindliche (?) Aktivitäten zählt.
Frauen werden also von Neonazis bedroht und das, was hier für Umweltfeindlichkeit gehalten wird, trägt die Züge einer Neonazi-Tendenz.
Das wird ihm selbst ein Großteil der Grünen kaum abnehmen.

Es ist schade, dass dieses strukturell gut aufgebaute Buch nicht weiterführend (also wie im Titel versprochen) und vor allem empirisch nachweisbar argumentiert, was eine Voraussetzung für ableitbare Thesen wäre.

Der Hinweis auf den hilflosen Staat (Seite 101) hätte doch enormes Potential.

Hier aber tritt er nur als ein Handlanger des Kapitals in Erscheinung, was nicht erklärt, warum er gerade so schwach ist und genau deshalb politische Vernunft durch Hypermoral ersetzt (A. Gehlen/A. Grau).

Oder nehmen wir den Verfall des Parlamentarismus auf der Seite 105. Kein Wort hier zur permanent steigenden Unterdrückung einer notwendigen Diskurskultur. Kein Wort zu den Einschränkungen der Meinungsfreiheit, wo ganze Problemfelder (dadurch) auch der wissenschaftlichen Betrachtung und Analyse entzogen werden. Kein Wort zu dem mehr als seltsamen Umgang mit der einzig noch verbliebenen Protestpartei.

Im Kapitel „Hauptursache der gegenwärtigen Bedrohungen“ geht der Autor auf eine ganze Reihe kapitalbasierter Widersprüche ein, mit keinem Wort jedoch auf das Problem, das der Euro verursacht hat, was schon sehr verwundern muss.

Unter „Kapitalismus – ein Auslaufmodell“ findet sich auf Seite 113 eine interessante Formulierung, wo im Rekurs auf Marx vom „Bildungsprozess des Kommunismus“ die Rede ist, welcher zu vermitteln imstande wäre, dass die Vorteile einer alternativen Produktionsweise das kapitalistische Herrschaftssystem ablösen können, zugleich mit dem Marx´schen Verweis auf vermutlich kaum zu verhindernde Bürgerkriege, die man aktuell aber eher dort verorten würde, wo Allah-bewegte Muslime, zusammen mit einem Mob aus Antifa und Grünbewegten gegen die Rassisten Front machen, während in einigen Stadtteilen längst das „Zivilrecht der Sharia“ praktiziert wird und die islamische Sittenpolizei durch die Straßen patroulliert.

Der sich (vom Autor so angedeutet) selbst überholende Kapitalismus, dessen Produktionseffizienz seine systemische Formierung im Hinblick auf die Besitzverhältnisse längst hinter sich gelassen hat, steht in der Tat an einem Scheideweg, was zugleich mehrere Optionen offen lässt.

Die Frage ist doch aber, welche Anstöße (außer Lohnforderungen) die organisierten Arbeitnehmer selbst geben können, was wiederum voraussetzt, dass sie sich nicht vermeintlich auf Augenhöhe mit den Besitzenden wähnen, sondern ein Bewusstsein ihrer Klassenwirklichkeit haben.

Spätestens die sog. Digitalisierung, die vom Autor berechtigt als Beschleuniger und Arbeitsplatzkiller gesehen wird, kann zugleich unmissverständlich das innersystemische Grundproblem offen legen.

Dieses besteht darin, dass es mit Hilfe der Digitalisierung möglich wird, die Produktionsabläufe noch effizienter zu gestalten. Eine ganze Reihe von Produkten wird dabei nochmals billiger, so dass eine Situation entsteht, wo immer weniger Mehrwert generiert werden kann. Arbeitslosigkeit auf der einen Seite und eine sinkende Profitrate auf der anderen, gefährden den Markt, wobei zu einer solchen Überlegung unbedingt hinzu gehört, dass wir schon länger hinsichtlich der Geld- und Zinspolitik in einer Zone nie dagewesener Unwirklichkeit zumindest in dem Sinne leben, dass sie nicht ausreichend erforscht ist. Das andauernde politische „weiter so“ versucht Normalität zu simulieren, ist jedoch Ausdruck verzweifelter Ahnungslosigkeit.

Die sich hier auftürmenden Probleme wird die politische Klasse weder mit einer erneuten Geldflut, noch mit einer neuen Exportoffensive lösen können.

Kommen weitere innenpolitische Destabilisierungsfaktoren hinzu, dürfte die Lage brisant werden.

Den systemischen Fall der Profitrate sieht Marx nicht als den folgerichtigen Untergang des Kapitalismus, wohl aber in seiner weiteren Folge Stagnation und eine Elendstendenz.

Der Autor ist dort zu loben wo er einige Klassiker und Apologeten des Marxismus zu Wort kommen lässt, wo diese sich mit Theorien eines Übergangsszenarios beschäftigen, in welches der entwickelte Kapitalismus irgendwann gerät.
Es werden unterschiedliche Sichtweisen und Strategien aufgezeigt.
Das reicht von Henryk Grossmann bis Sahra Wagenknecht und ihrer alternativen Idee eines offenen Marktes ohne neofeudale Tendenzen, leistungslose Einkommen und die Vererbbarkeit einer Kontrolle von Unternehmen.

Von Michael Hudson über Silvio Gesell bis zu Thomas Piketty geht es sowohl um das (zu erwartende) Ende des Kapitalismus und den dann unaufschiebbaren „Eingriff“, welcher seinerseits nur dialektisch, also in Widersprüchen darstellbar sein dürfte oder, anders gesagt, in unterschiedlichen z. T. divergierenden Modellen.

Die weiter sinkenden sog. Grenzkosten der Produktion lassen ein Wettbewerbsmodell nicht mehr attraktiv erscheinen.

Der Markt funktioniert nicht mehr. Der Arbeitsaufwand verringert sich (Paul Mason).

Eine nahezu kostenlose Produktion dehne das Angebot an freien Gütern aus, hebe die alte Marktlogik auf und damit zugleich das Waren-Eigentumsrecht.

Es entwickeln sich nachkapitalistische Eigentumsformen.

Die neue Informationstechnologie kann nach Mason den Kapitalismus buchstäblich auflösen. Sie zersetzt den Marktmechanismus, höhlt Eigentumsrechte aus und zerstört die Beziehung zwischen Einkommen, Arbeit und Profit.

Eine andere Theorie (E. Altvater/D. Graeber) geht davon aus, dass die Begrenztheit von Naturraum und Ressourcen den Kapitalismus zur Aufgabe zwingt. Das wirft die Frage auf, welches System im Falle einer zerstörten Umwelt noch anwendbar ist?

Wolfgang Streeck sieht den Kapitalismus an einer Überdosis seiner selbst zugrunde gehen. Er spricht von einem kumulativen Verfall durch bislang nicht erprobte Funktionsstörungen, nachlassendes Wachstum, oligarchische Umverteilung, Aushungerung der öffentlichen Sphären, Korruption und internationale (?) Anarchie.

In der Tat ist eine naheliegende Chaotisierung der Gesellschaft eine höchst wahrscheinliches Szenario, wenn man es nicht bereits als existent unterstellt.

A.M. erwähnt 15 ökonomische und ökologische Faktoren, die aus seiner Sicht zur Auflösung des Systems führen. Dabei hebe lediglich Streeck in Übereinstimmung mit Kurz hervor, es gebe gute Gründe, dass der Kapitalismus nicht revolutionär abgeschafft würde, sondern von selbst verendet.

Ob dies dann ein stiller Tod sein wird, sei mal dahingestellt.

Müller kritisiert die seiner Meinung nach bürgerliche Theorie, den Kapitalismus als substantiell unterschiedlich im Sinne von mehr oder weniger ausbeuterisch begreifen zu wollen, weil – wie er richtig unterstellt – die Marx´sche Definition sich dadurch nicht verändern kann. Es dürfte aber schwer fallen, den Ausbeutungscharakter einer südafrikanischen Goldmine 1 zu 1 auf den Bergbau in Europa übertragen zu wollen.

Es ist doch gerade der sich sozialer gebende Kapitalismus, dem man diese reformfähige Eigenschaft hat abtrotzen müssen. Das schneidet ja zugleich von seinen inneren Widersprüchen nichts ab.

Zugleich wird vom Autor auf die unterschiedlichen Kapitalismustypen hingewiesen.

Interessant ist sein Denkansatz, dass nicht das Monopol die endzeitlich widersprüchliche Crux der Kapitalwirtschaft ist, sondern die Oligopole, weshalb er keine Machtanhäufung durch Monopole sieht.

In den Oligopolen sei zudem der Wettbewerb nicht aufgehoben und entgegen der Lenin´schen Theorie einer Innovationsabnahme aufgrund von Marktvermachtung, sei festzustellen, dass es gerade die Konzerne seien, die Innovationsprozesse gestalten. Der Rest werde zyklisch, als schubweise Basisinnovation, sowie in Teilen von Universitäten und der Wirtschaft geleistet.

Wichtig und richtig der Hinweis, dass stets (nur) die Realwirtschaft der bestimmende Wirtschaftsfaktor ist und eben nicht die Finanzwirtschaft. Sie ist ohne eine Wertschöpfung aus der Produktion nicht überlebensfähig.

Müller geht dann auf die Verfechter des Kapitalismus ein, denen er im Sinne möglicher Systemalternativen eine Verstocktheit und blinden Aktionismus unterstellt.

Da würde ihm Rainer Zitelmann widersprechen, der das, was er als linken Untergangsaktionismus beschreibt, in einem Lichte sieht, das einer analytischen Betrachtung nicht stand hält.

Wenn Sie sich für Gleichheit interessieren, dann haben sie das falsche Buch gekauft“, meint er gleich einleitend.

In der Tat führt er eine ganze Reihe nachweisbar guter Beispiele dafür auf, wie man als Linker besser nicht argumentieren sollte.

Er beschäftigt sich nachhaltig mit dem für die Betroffenen unsäglichen Leidensweg auf der mit verlogener Propaganda gepflasterten Straße zum „Paradies der Arbeiter und Bauern“, die gelegentlich und garnicht so selten in den Tod führte.

Die Tragik der Marx´schen Theorie besteht ganz wesentlich wohl darin, dass sie keine Staatsdoktrin ist und auch nicht sein kann. Ihr Missbrauch in diesem Sinne hatte bisweilen verheerende Ausmaße.

Die gescheiterten Versuche des sog. Realsozialismus haben dafür gesorgt, dass bisher alle Anstrengungen, Alternativen zum Kapitalismus zu entwickeln, trotz aller sichtbaren Anzeichen krisenhafter ökonomischer Entwicklungen, im günstigsten Falle ein Nischendasein unter Fachleuten führen.

Rainer Zitelmanns Beurteilung solcher Versuche der seiner Meinung nach unbelehrbaren Nostalgiker, fallen weniger freundlich aus und erinnern fatal an diesbezügliche Auslassungen von Franz Josef Strauß in Zeiten, als es im Deutschen Bundestag noch eine Streitkultur gab.

Zitelmann hat eine interessante Biographie und dabei eigentlich so gut wie nichts ausgelassen. Vom Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW) über ein tète à tète mit dem Maoismus bis zum Journalismus und freier Unternehmertätigkeit, sind ihm einige Ebenen gesellschaftlichen Seins durchaus vertraut.

Er ist von dieser Warte aus gesehen ja auch ein erfolgreicher Mensch und man wundert sich ein wenig, mit welcher Vehemenz er gegen jeden Gedanken wettert, den er als sozialistisch verortet. Das wirkt wie eine Abrechnung.

Man wird bei ihm den Verdacht nicht los, es gehe ihm wie einigen sog. Altlinken, deren recht kümmerlicher marxistischer Fundus sie immer schon beliebig systemkompatibel gemacht hat.

Ihr Abschied vom Linkssein war (für sie) eher eine Befreiung aus selbst gewählter geistiger Kasernierung, die sich bei gebildeten Marxisten eher nicht einstellt.

Interessant in diesem Zusammenhang sein Rekurs auf Marx, dem er zubilligt, dass er einen Zusammenhang von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen gesehen habe, jedoch angeblich in der falschen Reihenfolge.

Zitelmann meint also, die Produktionsverhältnisse seien es, die erst die Produktivkräfte hervorbrächten. Also am Anfang war die Fabrik und dann der Arbeiter und das Bewusstsein bestimmt das Sein.

Ja,—natürlich auch, aber die Prozesshaftigkeit ist nun mal wichtig und sie ist genau andersherum.

Dennoch muss ein solcher Denkfehler eine kritische Theorie nicht desavouieren und R. Z. ist im Hinblick auf seine Hinweise auf enormes menschliches Leid, welches unter dem Banner von Sozialismus und Kommunismus angerichtet wurde, unbedingt zuzustimmen.

Dabei macht er – wie auf dem Buchcover angekündigt – eine Zeitreise durch 5 Kontinente.

Wesentlich und durchaus zeitgemäß ist seine Betrachtung Chinas hinsichtlich der fürchterlichen Folgen vom „Großen Sprung“ bis zur sog. „Kulturrevolution“, hin zu einer marktbasierten Wirtschaftsform und sog. Sonderzonen mit gemischten Formen von Eigentumsverhältnissen unter staatlicher Kontrolle.

Dabei wurden wesentliche institutionelle Innovationen nicht im Politbüro der KPCh erdacht wie er meint und Tobias ten Brink zitiert, sondern von namenlosen Akteuren vor Ort eingeführt, häufig in Form von sog. regelverletzenden Strategien.

Der Autor folgert vermutlich nicht zu Unrecht, dass die Wirtschaft Chinas auch deshalb besser läuft als die Russlands, wobei man ja sehen muss, dass die ehemalige SU sich nicht mehr sozialistisch nennt. Chinas auch weiterhin existierende Planwirtschaft kenne nicht mehr die ehemals rigiden Vorgaben des traditionellen Typs.

R. Z. unterstellt eine in China vollzogene Umdeutung klassischer Begriffe der sog. Planwirtschaft mit der Folge eines quasi-kapitalistischen Systems.

Was sich kommunistisch nenne, sei die Fassade für einen gesteuerten Kapitalismus, der sich in einer historischen Verpflichtung befindlich begreife.

Eine unvermeidlich entstehende Ungleichheit habe man bewusst in Kauf genommen, um die Wirtschaft voran zu bringen.

Zudem sei diese Ungleichheit dort am geringsten, wo die Wirtschaft floriere.

Den 14. Parteitag der KPCh macht der Autor zum Initiator einer nach 1992 einsetzenden Liberalisierung und Abwendung vom zuvor primär staatsdienstlichen Sektor der Ökonomie.

Man wird die Entwicklung in China im Rest der Welt schon aus begründetem Eigeninteressen aufmerksam verfolgen und es wird sich herausstellen, ob staatliche Eingriffe, wie vom Autor als grundsätzlich negativ dargestellt, weiterhin so gesehen werden können, falls die „Logik der Märkte“ durch die Produktivkräfte selbst außer Kraft gesetzt würde.

Beim Thema Afrika unterstellt R. Z. wohl nicht unberechtigt, dass der chinesische Weg erfolgreicher ist als die klassische Entwicklungshilfe, zumal nach Angaben der Weltbank etwa 85% der Hilfsgelder nicht zweckdienlich verwendet werden.

Dies wussten wir aber schon ohne das chinesische Beispiel spätestens durch Brigitte Erlers Buch „Tödliche Hilfe“, mit dem sie sich bekanntlich schon vor Jahren unbeliebt gemacht hatte.

Natürlich gibt es in den Köpfen (wohl sogar mehrheitlich) ein falsches Afrika-Bild von einem Katastrophenkontinent, aber Afrika ist vielschichtig und vor allem sehr groß.

Ob aber das, was der Autor in Afrika als Sozialismus (Nasserismus in Bezug auf Ägypten) ausgemacht haben will, die Crux allen Übels ist, sei dahingestellt.

Die dortigen sog. Eliten haben meist in Frankreich oder England studiert und wurden dabei eher nicht durch erworbenes Wissen bekannt, sondern durch Korruption und Fehlentscheidungen.

In agrarisch strukturierten Ländern ist ein Sozialismus zudem nicht vorstellbar, weil es für die zugrunde liegende Theorie keine Bezüge gibt.

Fehlende politische Strukturen und Institutionen, die erwähnte Korruption und zunehmende Bürgerkriege zwischen ethnisch- religiösen Gruppen und verfeindeten Stämmen, bei einem permanenten Überhang an jungen Männern ohne Arbeit und Zukunftsperspektive (Gunnar Heinsohn), haben den Kontinent weit mehr zerrissen als der oft zitierte Kolonialismus.

Sehr richtig erinnert das Autor daran, dass Bodenschätze wie etwa Öl auch ein Fluch sein können und dies nicht nur, wenn (wie vom Autor nicht erwähnt) die Royal Dutch Shell in Nigeria eine der Ölförderung geopferte verwüstete Natur zurücklässt und die Mehrheit der Bevölkerung hiervon finanziell nichts hat, sondern auch dann, wenn die amtierende politische Klasse den Geldsegen falsch investiert oder nicht nachhaltig, wie man heute sagen würde.

Diese Erkenntnis macht aber den in einem anderen Kapitel versuchten Vergleich zwischen Chile und Venezuela nicht logisch.

Chile ist ein seit langem sehr entwickeltes Land mit einer motivierten und gebildeten Arbeiterklasse.

Als Rohstofflieferant (Kupfer) erlebte es nach der Nationalisierung seiner Bodenschätze durch die Allende-Regierung (Unidad Popular) in 1973 einen Militärputsch, der vom CIA gesteuert wurde und im Westen große Zustimmung erfuhr.

Das kann man (wie der Autor) gut finden, sollte sich dann aber mal nach der Substanz des eigenen politischen und demokratischen Bewusstseins fragen.

Venezuela erlebte dagegen als ein keineswegs entwickeltes Land unter Hugo Chavez zunächst einen Aufschwung, wobei schon unter dieser mit sozialistischem Anspruch auftretenden Regierung viel zu wenig Investitionen im produktiven Sektor zustande kamen. Ganz im Gegenteil kam es z.B. zu einer regelrechten Vertreibung der Coca-Cola Filiale als einem angeblichen „Symbol des Imperialismus“ ohne dass es für die Arbeitnehmer eine Alternative gegeben hätte. Am Maracaibo-See kam es an den dortigen Öl-Förderanlagen zu Entlassungen amerikanischer Spezialisten, weshalb in der Folge große Ölmengen in den See liefen. Ein bis heute nicht bewältigtes und vom Westen kaum beachtetes Desaster.

Unter der Regierung des völlig überforderten Nicolás Maduro wirkte sich der fallende Ölpreis verheerend aus, während der Sprit in Venezuela selbst fast verschenkt wurde und wird, aktuell jedoch sogar knapp geworden ist, weil sich ein grauer Markt mit den Nachbarländern entwickelte, der nun Engpässe verursacht.
Nicht jede Idiotie muss zwingend sozialistisch sein,—kann sie aber!

Süd und Mittelamerikas Problemzonen werden ja mehrheitlich kapitalistisch verwaltet und das, was man dort gemeinhin unter Sozialismus versteht, ist im günstigsten (wenn man so will auch im ungünstigsten) Falle eine Form von Sozialdemokratie mit erkennbar rechtsstaatlichen Strukturen, die dort eine Seltenheit darstellen.

Ob Afrika ein zweites Asien werden kann fragt der Autor. Das ist schwer vorauszusagen. Das Klima und eine nicht vorhandene Kultur der Arbeit sprechen dagegen. Es wäre schon mal ein Fortschritt nicht zu verhungern, eine Leistung, die von den afrikanischen Staaten zu erbringen wäre, die klimatisch, von der Bodenbeschaffenheit und mit einer gewissen politischen Stabilität gesegnet dazu imstande wären und davon gibt es einige und sie sind nicht sozialistisch verfasst.

Es entwickelt sich dort jedoch langsam eine Unternehmerschaft und ein Mittelstand, was durchaus zu begrüßen und der Entwicklung von Märkten dienlich ist.

Warum das Inseldasein der DDR in einem Crash endete, der glücklicherweise unblutig verlief, das hätten wir gewusst und ob man Nordkorea für sozialistisch halten will, ist eher eine Frage des Temperaments oder einer neuen Theorie, was ja zugleich nicht bedeutet, dass Südkorea demokratisch wäre weil es kapitalistisch ist.

R. Z. verweist berechtigt auf die hohen Bildungsausgaben von 20% der Staatsausgaben in Südkorea, was für ein kapitalistisches Land wohl einmalig sein dürfte.

Was den Drill angeht, der Nordkorea – so der Autor – an einer vernünftigen Entwicklung hindert, so findet dieser sich wohl ebenso häufig in kapitalistischen Ländern in jeweils unterschiedlichen Formen und vor allem auch in der Bildung (siehe etwa Japan).

Wenn Thatcher und Reagan England und Amerika reformiert haben, so muss der industrielle Niedergang Großbritanniens ebenso verwundern, wie der sich in den USA zu dieser Zeit ausbreitende „Rost-Belt“, dem jetzt jemand zu begegnen versucht, den man an dieser Front nicht vermutet hatte und dem man in Europa den Stempel eines anmaßenden Idioten aufgedrückt hat, auch weil er es gewagt hat, Handelsdisparitäten und nicht eingehaltene Verträge (Verteidigung) beim Namen zu nennen, sowie die islamische Herrschaftskultur nicht wie in Europa freundlich zu begünstigen.

Es mutet ein wenig grotesk an, wenn R.Z. resummiert, Reagan, Thatcher und Erhard (?) hätten nicht nur den klassischen Sozialismus marxistischer Prägung abgelehnt, sondern auch den Wohlfahrtsstaat.

Ludwig Erhard hat also den Wohlfahrtsstaat abgelehnt? Das war uns bislang neu und wird uns vermutlich bereichern.

Der nordische „Sozialismus“ am Beispiel Schweden offenbart einen sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat der für vergleichsweise wenig Einwohner viel Geld ausgeben kann und seit Jahrzehnten von einer Art Familiendynastie regiert wird.

Sich daran abzuarbeiten, um die Mängel umfassender Bürokratie, staatlicher Gängelung oder auch staatlichen Wegsehens sichtbar werden zu lassen, lohnt der Mühe nicht, wie man von den in Schweden lebenden Menschen leicht erfahren kann.

Vergleichsweise gut geht es ihnen aber noch immer und auch das Zurückfahren staatlicher Sozialleistungen ist keine Abkehr vom Sozialismus, weil es diesen in Schweden nicht gibt und nie gegeben hat.

Richtig bleibt die Feststellung des Autors: „Den Menschen geht es dort besser, wo wirtschaftliche Freiheit herrscht“. Zumindest diese Ansicht teilt der Autor ungesagt mit Karl Marx.

Wir wissen aber auch schon einige Zeit, dass es einer gewissen demokratischen Kontrolle bedarf, weil wir den Staat sonst garnicht bräuchten. Er ist bekanntlich im Dienst der Schwachen tätig, um es mal zu vereinfachen, weil die Starken ihn nicht brauchen. Sie können sich nämlich alles kaufen. So einfach ist das.

Der Versuch des Autors, die sog. Finanzkrise von 2007/2008 nicht mit Art und Methode der Kapitalverwertung in Zusammenhang bringen zu wollen – ist vorsichtig ausgedrückt – nicht haltbar.

Wir erleben doch gerade durch die damit in einem direkten Zusammenhang stehende EU-Finanzpolitik, wie Verluste gnadenlos sozialisiert und damit eben nicht von denen beglichen werden, die sie verursacht haben.

Das bedeutet zugleich ja nicht, dass andere Formen der Kapitalverwertung keine Krisen verursachen können.

Im Zusammenhang mit der Euro-Problematik spricht R. Z. zwar von falschen Regulatorien und beruft sich auf Hans Werner Sinn und er stellt sachlich richtig fest, dass die Euro-Krise die europäischen Staaten auseinandergerissen hat.

Was er nicht sagt ist, dass der Euro eine ganze Menge an Profiteuren erzeugte und dies waren vor allem die großen Unternehmen.

Steigende Lebenshaltungskosten haben bei den sog. kleinen Leuten Gehälter und Renten halbiert: Im Grunde ein Jahrhundertbetrug!

Im Kapitel 10 stellt R. Z. fest, warum die Intellektuellen den Kapitalismus nicht mögen. Welche denn?—möchte man fragen. Die meisten sind mit ihm in aller wohlbestallten Bescheidenheit recht zufrieden und glücklich.

Hier offenbart sich zugleich der zentrale Denkansatz des Autors, für den Intellektuelle – wen immer er damit meint – böse Antikapitalisten sind, die das Prinzip der Volkswirtschaft nicht verstanden haben.

Diese – und deshalb hält er sie für gefährlich – werden nicht aufhören, ein Bündnis mit den DDR Altkadern (mit welchen?), die sich in PDS und Linkspartei verstecken zu suchen, weil sie es nicht verschmerzen können, ihre kulturelle Hegemonie (?) verloren zu haben, obwohl sie diese doch gerade (fernab vom alten Marx) in Gestalt einer bourgeoisen Hypermoral belehrend inszenieren.

Die FAZ meint, Zitelmeiers Buch tröste in Erkenntnis dessen, dass der „Geist“ nicht mehr vorwiegend links beheimatet sei. Ach—-war er das?

Zugleich kritisiert sie den Autor dort, wo seine Bedenken gegen eine verordnete und undemokratische EU-Politik durchaus Hand und Fuß haben, wo er also in einem konservativen Sinne klar denkt.

Es ist nicht ohne Witz, wenn R. Z. eine „DDR Light“ als ein von Linken dominiertes „Neues Deutschland“ heraufdämmern sieht, während die gerade herrschende und kaum links zu nennende politische Klasse eine Politik betreibt, die eindeutig dem erklärten Willen der Bevölkerungsmehrheit widerspricht.

Da hilft es auch wenig, wenn die FAZ einen angeblich noch existenten Wählerwillen beschwört, von dem sie annimmt, dass er das Schlimmste verhindert. Nein,—er hat es in die Welt gesetzt.

Aber zurück zu Alfred Müller, der grundsätzlich nicht an technische Selbstheilungskräfte im Rahmen einer neuen ökonomischen Gestaltung glaubt und viel eher an sich dadurch bedingende Selbst-Auflösungserscheinungen der systemischen Faktizität.

Für Marx hat der technische Fortschritt bekanntlich Sprengkraft im doppelten Sinne einer Überwindung des alten und einer Konstituierung des neuen Systems.

Die Linkspartei – so der Autor – will dieses (das alte System) parlamentarisch überwinden (was augenblicklich eher nicht zu beobachten ist) und verbliebe so in einem bürgerlichen Sozialismus à la SPD stecken.

Ja, aber wir waren uns doch zuvor schon mal einig darin, dass eine Revolution eher nicht zu erwarten ist, weil dazu jede sichtbare Bereitschaft fehlt und wenn sich das System selbst überwindet, dann ist es doch ohnehin egal. Oder?

Angesichts der Vielzahl unterschiedlicher Sozialismen und der negativen Erfahrungen mit dem Realsozialismus sei – so der Autor – der Begriff Sozialismus ohne begriffliche und inhaltliche Konkretiseirung als Leitbild für eine nachkapitalistische Gesellschaft und Wirtschaftsform ungeeignet.

Es gibt ein großes und aufwändiges Kapitel zum Thema: „Sozialismus und Kapitalismus bei Marx und Engels“ mit vielen Literaturverweisen und Erklärungen. Das ist eine lobenswerte Fleißarbeit in Zeiten der allgemeinen und besonderen Begriffsverwirrungen besonders unter der sog. Linken.

Es ist auch durchaus mutig zu nennen, die Chance für eine Kapitalismusüberwindung in Formen von sog. „Direkter Demokratie“ zu sehen und zu suchen. Das reicht – so der Autor – von der Kindertagsstätte über die Bildung, die Medien, das berufliche Engagement, bis in die militärischen Strukturen, die Kommunen, die Wirtschaft und die Eheplanung(?).

Im Kapitel zur demokratischen Wirtschaftsplanung beruft sich der Autor dann auf Engels, der gefordert hatte, dass es in einer demokratischen Gesellschaft einen gemeinschaftlichen Plan unter Berücksichtigung aller Mitglieder der Gesellschaft geben müsse. Das wäre ja so etwas wie ein Zukunftsdiskurs.

Aber welche Zielsetzung könnte ein solcher Plan haben, wenn er sich wesentlich (nützlicher) von anderen Plänen unterscheiden soll? Was wäre das gesellschaftliche Ziel der Wirtschaft, die keine Profitwirtschaft mehr sein will?

Der Begriff einer Sozialwirtschaft (Horst Müller) kommt hier nicht vor, aber darauf wird im Folgenden noch eingegangen.

Der „Volkswirtschaftliche Perspektivplan“ (A. M.) ist eine Metapher, die an ähnliche Versuche vor allem dann erinnert, wenn von verbindlichen Planvorgaben die Rede ist.

Hier rächt sich z. T. ganz bitter, dass das Planungssystem etwa in der DDR nicht ausreichend wissenschaftlich untersucht wurde.

Die Vorstellung, mit Hilfe der Digitalisierung, eine Wirtschaftsplanung machen zu wollen, die Totlauf, Ressourcenverschwendung und Überproduktion vermeidet, unterstellt ungesagt eine Allwissenheit der Planung, sowie einen rein vernunftgesteuerten Impetus der Beteiligten.

Das wäre allerdings eine neue Menschheitserfahrung!

Wenn A.M. einerseits behauptet, der Markt dränge den Menschen Struktur und Sachzwänge auf und die Preise schwankten immer mit den Produktionskosten und nicht um ein unbekanntes Marktgleichgewicht, so verwundert der Glaube des Autors an eine durch und durch kluge digitale Planwirtschaft ebenso, wie seine Preistheorie, weil Preise für viele Produkte an der Börse und durch unendlich viele Käufe und Verkäufe (vor ihrem endgültigen Verkauf) entstehen und nicht durch einen marktbezogenen Wettbewerb.

Das Regulativ einer Marktwirtschaft ist die bekannte Mischform aus Zöllen, Steuern, Materialpreisen, Know-How, Effizienz, Infrastruktur und last not least einem relativ stabilen Arbeitsfrieden und großer Innovationsfähigkeit.

Natürlich kreist der Produktpreis auch um seine bzw. die Entstehungskosten, aber der letztendliche Verkaufspreis ist viel mehr als Arbeitskraft plus Material, plus Energieeinsatz, plus Distribution und Verkauf. Auch der Preis selbst ist mit einem Fetischcharakter behaftet, welcher dem Produkt z.B. durch ein bestimmtes Design vermittelt wurde. Das steigert nicht den Gebrauchswert der Ware, wohl aber den individuellen und damit nicht mehr „vernunftbedingten“ Wert.

So kann man den Markt auch wie Robert J. Shiller als einen der Täuschung und des Betruges bezichtigen, aber kann es nicht auch sein, dass er ein Reflex psychosozialer Vermittlungen ist, die im Produkt, in der Ware, ihre Entsprechung findet?

Wird die Staatsregulierung einerseits als indifferent gesehen, so wären die ihn ersetzenden Subjekte einer „freien Assoziation“ (Marx) zu benennen.

Ist der Staat dann nicht mehr da, hinweggefegt, zerfallen oder nur noch ein leeres Konstrukt?

Zugleich ist es ja nicht so, dass der kapitalistisch formierte Staat nicht plant.

Im Augenblick und bei sarkastischer Sicht wohl eher den eigenen Untergang, weil er sich gleich mehrfach sichtbar überfordert.

Sind aber solche Fehler ursächlich und alleine seiner kapitalistischen Formierung zuzuschreiben?

Zu verorten ist in jedem Falle ein Demokratie-Defizit, weil zumindest der deutsche Staat erkennbar gegen den Mehrheitswillen regiert wird und die politische Klasse nicht davor zurückschreckt, große Teile der eigenen Bevölkerung zu denunzieren.

Der Autor führt eine ganze Reihe wohl überlegter Kriterien auf, die eine demokratische Planwirtschaft zu berücksichtigen hätte und appelliert an alle Plankritiker, denn schließlich ist das genau Gegenteil eines Planes die Planlosigkeit, welche eher häufiger zu verorten ist.

Kann es nicht auch sein, dass sich neue gesellschaftliche Assoziationen bereits zeigen und nicht ausreichend wahrgenommen werden? Gibt es bereits Formen einer Planwirtschaft und was ist eigentlich mit dem Genossenschaftswesen?

Wie sind die zunehmenden Ge- und Verbotsstrategien (alternativlos) im politischen Denkraum zu beurteilen?

Ist ein Chaos nur diktatorisch zu verhindern, oder ist seine Vermeidung demokratisch indiziert?

Wie ist der aktuelle Denkraum mehrheitlich beschaffen?

Hat F.A. Hajek recht, wenn er unterstellt, dass die Hoffnung auf computerisierte Planung an der Interessenpolitk scheitert?

Beim wiederholt aufgegriffenen Thema der Digitalisierung und ihren zweifellos vorhandenen, auch planungstechnischen Möglichkeiten, verbreitet der Autor gelegentlich die Aura einer quasi schon vorhandenen „Künstlichen Intelligenz“, als ob denn eine Technik in irgend einer Weise, rein phänomenologisch und nur schon durch ihr Vorhandensein, die klassische Betrachtungsweise von Verfügung und Verfügungsgewalt außer Kraft setzt und ohne die naheliegende Frage zu stellen, welches Bewusstsein die „intelligente Maschine“ von sich selbst hat (J. Searl), um als ein intelligentes Objekt wirksam werden zu können. Ist ein solches Bewusstsein nicht nachweisbar, so entpuppt sich die KI als Schimäre.

Warum sollte übrigens die demokratische Substanz einer Gesellschaft zunehmen, wenn sie besser vernetzt ist? Selbstverständlich kann sie dadurch zunehmen, jedoch nur dann, wenn ein solcher, breit angelegter Akt der Wissensvermittlung die Schranken des Meinungskartells ohne Rücksichten sprengt und das erzeugt, was Demokratie wesentlich bestimmt,—ein kritisches Bewusstsein.

Witz-Videos, Katzenbilder und die letzten Urlaubsfotos machen die Runde.

Besserung ist nicht in Sicht.

Das Kapitel „Lösungsansätze im Postkapitalismus“ ist interessant und greift Bekanntes auf.

Das System einer Kreislaufwirtschaft findet mal wieder Erwähnung. Ebenso die notwendige Binnenmarktorientierung, die Außenhandels und Beschäftigungspolitik, die Einkommenspolitik, die Geld und Fiskalpolitik, sowie Soziales, Verkehr, Wachstum, Umwelt, Antikorruption, Online-Sicherheit, Verbraucher und Friedenspolitik und last not least auch die Entwicklungspolitik.

Für die künftige EU-Politik schlägt der Autor vor, Rat und Kommission durch ein demokratisches Gesamträteorgan zu ersetzen. Die Macht beider Gremien sei aufzuheben. Eine neue EU-Verfassung (Wohl nach der „Überwindung der Nationalstaaten“?), sei durch eine Beteiligung der nationalen Räte zu erstellen und durch Volksabstimmung zu ratifizieren.

Der Autor will also offensichtlich das für eine verfassunggebende Versammlung nicht zur Verfügung stehende europäische Gesamtvolk durch eine Räteversammlung ersetzen, aber wie – bitteschön – soll denn diese Versammlung zusammengesetzt sein? Wer stellt welche und wieviele Räte?

Was übrigens macht man mit einer europäischen Arbeiterklasse, die weder so genannt, noch von der Lohnknechtschaft durch demokratische (mitbestimmende) Teilhabe, sondern allenfalls durch die Frührente erlöst sein will?

Man könnte sie mit ausreichend viel Zynismus einem Umerziehungslager überantworten, weil auch eine führende Rolle der Gewerkschaften und ihrem Personal eher nicht auszumachen ist.

Aber wer leitet dann das Lager?

Wenn das erstrebenswert revolutionäre Bewusstsein jetzt an der Klimarettung andockt und Kinderkreuzzüge veranstaltet, dann liegt der dialektische Umkehrschluss noch im Verborgenen, im „Noch Nicht“ eines Ernst Bloch, der sich jedoch der konkreten Utopie verpflichtet fühlte und Weltrettungen eher belächelt hätte.

Mit den revolutionären Arbeiterparteien steht es weltweit auch nicht zum Besten, so lange sie die Infiltration durch eine vormoderne und antidemokratische Herrschaftskultur nicht klar und eindeutig zurückweisen, anstatt sich in spätromantischer Einfalt einer nationalen Massenpsychose zu unterwerfen, die politische Vernunft durch Hypermoral ersetzt hat.

Der Autor weiß um das fehlende „Rezeptbuch“, aber je klarer seiner Meinung nach die Fundamente und Vorteile einer neuen Gesellschaft zu erkennen sind, um so größer die Zustimmung und Unterstützung. Das ist wohl wahr!

Die Grenzen und Möglichkeiten alternativen Wirtschaftens sieht er auch in Erwähnung des Genossenschaftswesens, der Peer-Common-Bewegung oder einer Gemeinwohl-Ökonomie, als wichtigen Schritt und Türöffner für eine postkapitalistische Transformation, was bedeutsamer wäre, als ein „Marsch durch die Institutionen“.

Reform oder Revolution sei – so der Autor – die falsche Fragestellung. Interessant sei höchstens die Ermittlung dessen, was das alte und falsche System (noch) stützt oder geeignet ist, zu seiner Überwindung beizutragen.

A.M. empfiehlt den Übergang vom Profit in ein Bedürfnissystem und beflügelt damit vermutlich ungewollt eine Debatte über eine sog. „Vernunftgesellschaft“, deren Apologeten jedoch die unterschiedlichsten Farben tragen können. Eine davon erleben wir gerade ganz ohne sozialistische Vorzeichen.

Seine Schlussbetrachtung beschreibt einen ganzen Katalog der für notwendig gehaltenen Maßnahmen und liest sich fast wie eine Gebrauchsanweisung.

Das darf sie auch in Zeiten, wo alle beklagen, dass es keine vernünftig scheinenden Vorgaben mehr gibt.

Alle diese benannten Punkte verdienen einen Diskurs, weil nur dessen dialektische Gestalt eine Tür aufstoßen kann, die uns zumindest von einem Schweigen befreit, einem Schweigen, welches Ausdruck von Verunsicherung, Konfusion und Angst ist.

Alfred Müllers Verweis auf den Übergang von einer Profit- zu einer bedürfnisorientierten Gesellschaft mag verdächtig klingen, weil es die Geister derer auf den Plan ruft, welche die Bedürfnisse bestimmen (wollen).

Viel dichter und klarer ist er am Problem, wenn er von einer Gemeinwohl-Ökonomie spricht.

Hier nähert er sich der Theorie von Horst Müller und seinem „Das Konzept Praxis im 21. Jahrhundert“ an, jedoch ohne dessen Anspruch einer emanzipierten Wissenschaftlichkeit, die sich philosophisch an Marx, Bloch, Wallerstein und Bourdieu orientiert. Bei H.M. geht es ganz wesentlich um die (Weiter-) Entwicklung der sozialistischen Theorie und ihrer Adepten im Focus aktueller Praxisbefindlichkeiten. Es geht um eine Weitung des geschichtlichen Blicks und eine Erläuterung der grundlagentheoretischen Zusammenhänge.

Im Verweis auf P. Bourdieu geht H. M. sehr vorsichtig mit dem Vernunftbegriff um, den er nicht verdinglicht wissen will. Gerade aktuell ist das brisant vor dem Hintergrund einer im offiziellen Denkraum schwindenden Akzeptanz von selbstbestimmter Wissenschaftlichkeit und sozialer Vernunft.

Eine ständige Bereitschaft zu wissenschaftlicher Reflexion ohne Abgleiten in elitäre Praxisferne als „Invariante der Richtung“ meint bei Bloch eine gesellschaftsgeschichtlich erworbene und immer wieder neu justierte positive Orientierung, im Auszug aus der bestehenden entfremdeten Wirklichkeit.

Es ist die gesellschaftliche Wirklichkeit, die es zu begreifen gilt und sie wird im Wechselspiel von technischer Entwicklung, zunehmend verlangsamter Reflexion, Antizipation und Reaktion bewegt, ideologisch aufgeladen, geleugnet, verstellt und schlimmstenfalls umgedeutet.

Die Krisen des 21. Jahrhunderts signalisieren den Eintritt in eine gesellschaftlich-geschichtliche Übergangsperiode, in der die kapitalistische Ausrichtung des Wirtschafts-und Gesellschaftslebens weiter in Probleme und Katastrophen führt, meint der Autor.

Die sichtbar gewordene Auszehrung der philosophisch-wissenschaftlichen Denkgrundlagen seien nicht hilfreich, wobei es darum gehen müsse, mit dialektischem Praxisdenken die sog. „Kritische Theorie“ (Horkheimer/Adorno) zu überschreiten.

Bei der tieferen Ergründung der Problemlage sind Marx und eine Reihe bedeutender Praxisdenker hilfreich im Rahmen der Profilierung einer erweiterten Wirklichkeits- und Wissenschaftsauffassung des angesprochenen Praxiskonzepts.

Auf dem Streitfeld der Gesellschaftswissenschaften geht es um die Erarbeitung eines praxiswissenschaftlichen Paradigmas – so der Autor – dessen integraler Charakter die Grundlagen einer Sozioökonomie in Opposition zu den herrschenden Wirtschaftslehren liefern muss.

Untersucht wird hier die Entwicklung vom Industriekapitalismus hin zum Sozialkapitalismus (H.Müller) und die Situation in den Übergangsgesellschaften im kapitalistischen Weltsystem und damit selbstverständlich auch in Europa.

Es gilt zu beweisen, dass eine/die gesuchte Systemalternative durchaus existiert.

Es geht um eine Perspektive für die wo immer auch sichtbaren Alternativbestrebungen, im Rahmen einer ökonomisch-politischen Emanzipation.

Es mag sein, dass Alfred Müller mit seinen Bedenken hinsichtlich der/einer Verwendung des Begriffes Sozialismus (hierfür) recht hat und Horst Müller wäre zu zitieren mit: “Die Nähe des Sozialismus,–noch wie hinter Panzerglas“.
Ob der Begriff sich im „Konzept Praxis“ positiv erlösen kann, muss man bei der aufwändigen Lektüre selbst entscheiden.