Medienspiegel

Der reale Theodor W. Adorno

Wotan will das Ende

Der Rechtsradikalismus wird wiederkehren, solange das Kapital triumphiert: Theodor W. Adornos Erklärungen für den Erfolg der NPD in den späten Sechzigerjahren gelten auch heute noch.
Bezahlschranke

https://www.zeit.de/2019/31/theodor-w-adorno-rechtsradikalismus-kapitalismus-buch

Mainstream-Medien jubilieren, der reale Theodor Adorno bleibt (oft) auf der Strecke

von Dr. habil. Heike Diefenbach

(…) „Wenn „mdr Kultur“ „[z]um 50. Todestag des Philosophen“ textet „Wie Adorno den Rechtsradikalismus erklärte“, dann ist das insofern sachlich falsch als Adorno Rechtsradikalismus überhaupt nicht erklärt hat, sondern lediglich in einem Vortrag aus dem Jahr 1967 über „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“, darüber spekuliert hat, was im Zusammenhang mit Rechtsradikalismus eine Rolle spielen könnte – und dies ist eine wohlwollende Beschreibung des Vortrages; man stößt im Vortrag nämlich fast nur auf Leerformeln wie die, nach der „[d]ie gesellschaftlichen Voraussetzungen für den Faschismus [fort]bestehen, weil sich die Versprechen von Freiheit und Gleichheit in der Demokratie für viele nicht eingelöst haben“ – obwohl es doch gerade Faschisten sind, die persönliche Freiheiten einschränken und Gerechtigkeitsprinzipien außer Kraft setzen. Dass der alte, ziemlich nichtssagende Vortrag von Adorno im Juli diesen Jahres posthum in Buchform und auf den Markt gebracht wurde – von Suhrkamp für die Kleinigkeit von Euro 10 – darf wohl angemessen als Mitnahmeeffekt im Zeitgeist bezeichnet werden.“ (…)

https://sciencefiles.org/2019/08/06/mainstream-medien-jubilieren-der-reale-theodor-adorno-bleibt-oft-auf-der-strecke/

Kommentar

von Michael Mansion:

Zu Thomas Assheuer in „Die Zeit“ vom 25. Juli 2019

Wotan und das Ende

Aspekte des neuen Rechtsradikalismus

Es wäre allemal despektierlich von einer Exhumierung zu sprechen, wenn der Suhrkamp-Verlag einem Urgestein der Frankfurter Schule, in diesem Falle Theodor W. Adorno, das Wort zu Aspekten des neuen Rechtsradikalismus erteilt.

Die Frage ist vielleicht: Warum gerade jetzt?
Adorno verstarb zwar schon am 06. August 1969, aber das muss nicht bedeuten, dass er uns heute nichts mehr zu sagen hätte.
Dies auch und gerade dann, wenn für die aktuelle Linke der Kapitalismus, dessen kultureller Habitus für Adorno von essentieller Bedeutung war, eher etwas ist, worin sie sich als Parasiten eingerichtet haben. Ein akzeptabler Gegenentwurf steht noch aus und ihre Kritik beschränkt sich auf das Prinzip der Umverteilung und weniger auf das, was man zu Adornos Zeiten als Klasseninteressen definierte.

Das wirft die Frage auf, was eigentlich im aktuellen Bezug ein Rechter ist?

Weniger im Bemühen dies zu klären, jedoch den Spuren des großen Denkers auf den Wegen der Nachkriegsrepublik folgend, unternimmt Thomas Assheuer in der „Zeit“ bei seiner Buchbesprechung den Versuch, die kapitalistische Krisendynamik in den Dienst der sozialen Abstiege und Deklassierungen zu stellen. Das ist ein guter altlinker Brauch.

Zu Adornos Zeiten kamen, wie T. A. richtig erwähnt, noch einige andere Bedrohungsszenarien hinzu, was wiederum die Frage, warum dann (bei primär ökonomischer Deutung), nicht alle zu Kommunisten geworden sind, höchstens mit der Angst vor demselben beantwortet.

Dass die Nazis die ökonomisch-soziale Frage schon in ihrem Namen mit verbalem Linksbezug zu verankern wussten, wäre zu erwähnen.

Zu erwähnen wäre auch, der aktuell und ursächlich als Erklärungsmodell für rechte Umtriebe nicht mehr so taufrische Vertrag von Versailles.

Assheuer erwähnt richtigerweise die Schwäche des Nationalstaates, aus der die Rechte dämonisch Honig sauge.

Da kann man dann wie etwa Arnold Gehlen oder Alexander Grau auch zu der Erkenntnis gelangen, dass der sich überfordernde und ergo schwache Nationalstaat (den man via Brüssel ohnehin abschaffen will) die Tendenz aufweist, politische Vernunft durch Hypermoral zu ersetzen.

Ganz zweifellos konnte sich Adorno noch an die Politik Hitlers erinnern. Das sei ganz unbenommen und er wusste um das Prinzip des „Überwertigen“ im Staats und Nationalverständnis, wo dies für die Überlegenheit einer Rasse in Stellung gebracht wurde; ein Aspekt, welcher in der autochtonen deutschen Bevölkerung kaum mehr auch nur rudimentär nachweisbar ist.

Ein solches „Objekt rechtsradikalen Begehrens“ findet sich auch in keinem gelegentlich noch so dummen Gebrüll.

Was sich jedoch in dem leider oder Gott sei Dank missglückten Versuch, einer sich in den angeblichen Ähnlichkeiten von Adornos Zeiten spiegelnden rechten Gesinnung findet, ist der durchscheinende Versuch einer Instrumentalisierung eines marxistischen Denkers, dessen Aura dafür herhalten muss, „Alt und Neufaschisten quer durch die Gesamtbevölkerung“ ausmachen zu wollen, seien dies nun die ermittelten Europafeinde, die Gegner einer muslimischen Massenmigration, die Zweifler an der grünen Klima-Theorie oder der Energiewende. Allesamt Rechte.

Ihnen droht der Ausschluss aus dem Kreise der Gesitteten.

Dass Adorno die Ansicht vertrat, man könne mit den Rechten nicht reden, da sie als autoritätsgebundene Charaktere unansprechbar seien, war aus der Sicht seines Erfahrungshorizontes wohl richtig.

Das lässt aber die Frage unbeantwortet, wer sich bei aktueller Lage der Dinge einem Diskurs zu stellen hätte? Die verursachende politische Klasse oder das für gravierende Fehler teuer zahlende Volk?

Vielleicht lässt sich ein Teil der intellektuellen „Zeit“-Leser von einem missbräuchlich in Stellung gebrachten Adorno (noch) beeindrucken. Er selber hätte sich wohl eher angemessener „in Zeit“ gesetzt gesehen. –