Birgit Kelle: Gender Gaga

Buchbesprechung:

Birgit Kelle:
Gender Gaga

v. Michael Mansion

Im Untertitel heißt es:

Wie eine absurde Idee unseren Alltag erobern will“.

Das wirft die grundsätzliche Frage auf, wie es zu absurden Ideen kommt.
Kann es sein, dass sie nicht isoliert, sondern im Gefolge von anderen Absurditäten auftreten und gewissermaßen deren „Windschatten“ nutzen?

Nun wäre ja das Bemühen, Diskriminierung vermeiden zu wollen, nicht schon per se eine Absurdität, kann jedoch zu einer solchen werden, wenn Diskriminierung garnicht dort stattfindet, wo man sie zu bekämpfen trachtet.

Das Antidiskriminierungsgesetz vom 18. August 2006 hat mittlerweile einige Veränderungen erfahren und hat das Prinzip der Gleichbehandlung zum Ziel.
Gleichbehandlung im Sinne des durch Art. 1 GG. festgelegten Verweises auf die Menschenwürde, erhält in Art. 3 und Art. 33 eine ganz wesentliche Präzisierung und Rechtsgestalt durch den Begriff der Gleichberechtigung, welcher keiner Ergänzung bedarf und in sich unmissverständlich ist.

Das GG kennt deshalb den Begriff der Gleichstellung aus gutem Grunde nicht, weil diesem eine Unschärfe anhaftet, welche die aktuelle Verwirrung befeuert, was wiederum zur Installation unendlich vieler Gleichstellungsbeauftragter geführt hat, welche u.a. damit beschäftigt sind, einen zahlenmäßigen Gleichstand bei Männern und Frauen etwa im öffentlichen Dienst herstellen zu wollen und dies offenbar ungeachtet der einzufordernden Qualifikation.

Einen solchen Akt erleben wir gerade auch durch Fr. von der Leyen bei der Besetzung von EU-Posten, wobei sie sich in diesem Falle um kein Grundgesetz und keine Verfassung scheren muss, weil es bekanntlich kein EU-Volk gibt, welches sich als alleine zuständiger Souverän eine gemeinsame Rechtsgrundlage geben könnte. Sie agiert also in einem quasi rechtsfreien Raum.

Was aber ist das eigentlich Ideologische an der Gender-Debatte?
Die Autorin hat den Werdegang von der Antidiskriminierungsagenda über die Sprache, die hierbei die zentrale Rolle spielt, aufmerksam und humorvoll im Blick.
Die bisher gelebte und eher selten hinterfragte Mann/Frau-Geschlechtlichkeit wird fluide, wenn man unterstellt, dass unterschiedliche sexuelle Präferenzen in den Rang eines gleich zu behandelnden (neuen) Geschlechts erhoben werden.

Dies aber ist die Strategie von „Gender-Mainstreaming“,welche zugleich unterstellt, dass Geschlechter ausschließlich soziale Konstrukte seien, die ein herrschaftsbesetztes Unwesen treiben.

Ganz im Gegensatz übrigens zur ehemals politisch linken Gewichtung der sozialen Prägungen und ihrer gesellschaftlich trainierten Rollenbilder und Relevanz, wird hier der Hebel nicht am Vorbild einer Gleichberechtigung im ökonomischen Denkraum angesetzt, sondern bei der sexuellen Präferenz.

Birgit Kelle versteht es dabei glänzend, den dadurch entstehenden Wirrwar der neuen „Geschlechterbilder“ offen zu legen.

Die vermeintliche Liberalisierung, von bislang sowohl sprachlich, als auch in der Praxis unterstellten Diskriminierungen, führt so zu einer nachgerade abenteuerlichen Veränderung von Sprache und Schrift im öffentlichen Raum, sowie zu Änderungen der Lehrpläne in den Bereichen Sexualkunde und des (antidiskriminierenden) Schreibens.

Es entsteht so etwas wie ein Anti-Duden, der sich dreist über das auch weiterhin gültige und Duden-bezogene Rechtschreibgebot hinwegsetzt.

Bislang gibt es hierzu zwar Widerstand, aber es war nicht zu hören, dass die Studenten in Leipzig, Germanistik-Vorlesungen besetzt hätten, nachdem es dort nur noch Professor_innen gibt. Ob man dort die Professoren jetzt mit „Gnädige Frau“ anzusprechen hat, war leider nicht zu erfahren.

Die Autorin erkennt, dass gesellschaftliche Trends kaum zu stoppen sind, zumal sie immer in einem Kontext stehen.

Daher auch ihr noch heiter vorgetragener Verweis auf den aktuell möglichen Erwerb von Bonuspunkten etwa bei diverser Geschlechtlichkeit, Migrationshintergrund und dunkler Hautfarbe.

Die „Bunte Gesellschaft“ hat ein soziales Design kreiert, das sie für ausbaufähig hält und man fragt sich, ob es sich dabei um eine romantische Narretei oder um ernst zu nehmenden Schwachsinn handelt, der nötigenfalles medikamentös zu behandeln wäre.

In letzter Konsequenz lässt sich die deutsche Sprache nur um den Preis einer zur Unkenntlichkeit tendierenden Zerrissenheit „gendern“.

Der Gender-Begriff selbst ist unwissenschaftlich, da sein Verweis auf unterschiedliche sexuelle Präferenzen weder eine Neuigkeit, noch (durch ihn) eine Trennung von Entstehungs-Begründungs- und Verwendungszusammenhang (G. Buchholz) intendiert ist.

Hier gibt es nichts „Neues“, aber mehr als 220 „genderwissenschaftliche“ Projekte schaffen sich nach begründeter Meinung der Autorin ein eigenes, gut bezahltes Umfeld, welches genötigt ist, neue Unklarheiten zu gebären, auf dass die Arbeitsplätze erhalten bleiben.

So gesehen bewegt sich Gender im Umfeld einer Neudeutungshybris des gesellschaftlichen Seins, sehr ähnlich vieler bis noch vor einiger Zeit klar zu verortenden soziologischen Begriffe, die allesamt ins Wanken geraten sind.

Männer (und vor allem weiße Männer) haben das Elend der Welt auf dem Gewissen und neben den Frauen befinden sich alle diejenigen in einer erwünschten Opferrolle, denen sie strukturell zugedacht wird. Dieser Kreis ist beliebig ausdehnbar.

Der damit vielleicht verbundene wohlmeinend-moralische Weltrettungsanspruch, tut sich allerdings ein bisschen schwer mit einem neuen revolutionären Ethos, weil seine Theorie einzig und alleine mit der höchst unwissenschaftlichen Vorstellung verbunden ist, das gesellschaftliche Sein sei im Hinblick auf die Stellung von Mann und Frau eine ausschließlich herrschaftsbezogene und damit willkürlich gesetzte und von der Biologie unabhängige Zuordnung.

Die These lautet also, alle Zuordnungen in Frage zu stellen, kulturelle Unterschiede zu negieren und jeden Versuch einer historischen Kenntlichmachung der gewachsenen gesellschaftlichen Zusammenhänge als „Rechts“ zu denunzieren.

Die Autorin spricht hier von einer regierungsamtlichen Satireshow und es wäre gut, wenn es weiter auch nichts wäre.

Es ist jedoch zu befürchten, dass sich das Gender-Gaga bedeutungsschwanger in einem Umfeld breit machen wird, welches – stets besonders anfällig für restriktiven Unfug – und angefüllt mit weiterem Gaga, was gelegentlich als großes Projekt gehandelt wird, dieses Land länger- oder schon kurzfristig (?) in die Situation versetzen kann, international zu einer Lachnummer zu werden.

Weit entfernt sind wir davon nicht mehr.

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