Die Digitalisierung: Ein „Leuchtturm-Projekt“ der Bundesregierung

Armin Nassehi ist ein interessanter Zeitgenosse, und die Digitalisierung ist vor allem deshalb ein brisantes Thema, weil sie sehr viel mit Herrschaft zu tun hat, was in der aktuellen Diskussion, die ja eher keine ist, nicht deutlich wird. Hier folgt nun keine Rezension, sondern nur ein knapper Hinweis, um auf das Buch aufmerksam zu machen. 

Michael Mansion

Betrachtungen zu Armin Nassehis Buch:

Muster: Theorie der digitalen Gesellschaft“

v. Michael Mansion

Da Deutschland auf dem Gebiet der digitalen Technik eher nicht zu den führenden Nationen gehört, ist dies möglicherweise auch eine Erklärung dafür, dass ein seitens der Bundesregierung durchaus favorisiertes Projekt nicht sichtbar in die öffentliche Debatte gestellt ist.

Ist dies auch kein Alleinstellungsmerkmal für die Akzeptanz von Projekten hierzulande, so bedeutet das zugleich nicht, dass das Thema kein Interesse fände.
So hat der Autor dieser Zeilen vor etwa zwei Jahren an einer Podiumsdiskussion im saarländischen Dillingen teilgenommen, wo ernsthaft die Frage in den Raum gestellt wurde, ob die Digitalisierung als eine Chance oder eher kritisch zu beurteilen sei.
Die etwas seltsame Dichotomie dieser Frage war bereits Ausdruck eines Missverständnisses, welches zwischen dem logischen Verlust von Arbeitsplätzen und den Gewinnern einer technischen Revolution angesiedelt ist.

Dies ruft die soziologische Betrachtung auf den Plan, bei der man sich wünscht, die Betrachterin oder der Betrachter seien wenigstens so ein bisschen praktisch orientiert.

Sowas gibts nicht? Weit gefehlt!

Mit Armin Nassehi hat sich jemand der Sache angenommen, der in seinem Leben schon an ganz und gar analogen Autos herumgeschraubt hat und uns wissen lässt, selbst er sähe sich aktuell an seinem modernen Fahrzeug kaum imstande, mehr als die Wischerblätter oder mal ein Rad zu wechseln.

Aber ganz unabhängig von einer damit einhergehenden, anwendungsbezogenen und hier ganz ehrlich zugegebenen Hilflosigkeit, hat sich der Autor nicht nur darüber, sondern auch über das Gedanken gemacht, was diese Technik nicht nur aus dem Auto, sondern auch aus uns macht.

Jenseits unseres Gefühls von Entmündigung, mündet unser Empfinden bisweilen in eine Romantisierung der Analogtechnik und A.N. meint, man fühle sich gelegentlich an die Naturromantik des 19. Jahrh. erinnert.

Die neue Technik wird – wie so oft – zunächst als Störung wahrgenommen, in welcher ein Quantum von Kränkung mitschwingt.
Das ist eine interessante Anmerkung, weil sich dieser Fakt eher aus der distanzierten Betrachtung erschließt.
Bei allen Risiken und sichtbar auch negativen Auswirkungen dieser Technik erkennt Nassehi, dass sie in alle unsere Lebensbereiche eingreifen wird.

Für den Wissenschaftler stellen sich je nach Herkunft unterschiedliche Fragen, aber der Autor versucht sich an einer verständlichen Kurzform, die das Problem übergreifend sichtbar werden lässt.
Dabei begreift er „Das Digitale“ als eine grundsätzliche, jedoch nicht in dieses Wort zu kleidende menschliche Bestrebung, alle Dinge in Form des Entschlüsselbaren handhabbar werden zu lassen, sich ihrer allzeit in ihrer unverwechselbaren Form auf Abruf zu versichern.

So gesehen produziere die Digitalisierung so etwas wie eine „Verdoppelung der Welt“ in Form digitaler Daten, die man miteinander in Beziehung setzen kann.

Neben der bisherigen Möglichkeit einer Spiegelung der Welt durch die Schrift und fototechnische Verfahren, sowie deren Sammlung, eröffnet die Digitalisierung durch das ihr eigene Verfahrensmuster eine codierte „Beschreibung“ von Dingen und Personen, sowie deren kurzfristige Abrufbarkeit in Datenform.

Die Verknüpfbarkeit dieser Daten hat bereits ihren Siegeszug angetreten.
Alle bekannten komplexen Systeme arbeiten nach diesem Muster, das eines von Rekombinierbarkeit ist.

A.N. sieht darin eine Urerfindung der Moderne im Sinne einer radikaleren Variante dessen, was in der Moderne immer schon praktiziert wurde.

Es sei dies nichts anderes, als eine (moderne) Form der Zentralisierung von Herrschaft, womit ein brisanter gesellschaftlicher Bezug angedeutet wird, der sich nicht damit zufrieden gibt, nur einige Aspekte zu beleuchten, die einer umfassenden Beurteilung der digitalen Gesellschaft nicht genügen.

Dabei erinnert das Verfassungsgrundrecht auf körperliche Unversehrtheit, welches der aktuelle Bundesaußenminister kürzlich keinesfalles als ein Recht auf Sicherheit verstanden wissen wollte, so ein wenig auch an das Verfassungsrecht auf informationelle Selbstbestimmung, das sich dann wohl eher auf die digitale Freiheit für you tube und Instagram nach dem Motto berufen wird, es handele sich hier um eine neue Liberalität, mit der wir umgehen lernen müssen.

Das sieht der Autor wohl ebenso und verweist auf frühere Formen der Selbstoptimierung durch das Schreiben. Zu fragen wäre, wer damals imstande war, welchen öffentlichen Raum schreibend zu erreichen?

Auch die Buchkultur habe immer eine Selbstvervollkommnung durch Bücher angestrebt. Na ja,—das ist wohl eher selten gelungen.
Eine Kritik an der digitalen Kultur sei – so der Autor – in vielem unaufgeklärt.

Das müssen wir dann wohl so hinnehmen und hoffen auf weiteren soziologischen Beistand für eine neue Aufklärung, die uns, die wir das technische Geschehen mehrheitlich nicht begreifen, in einer Art von doppelter Angst zurücklässt.

Schließlich sind wir nur ungern rückständige Fortschrittsverweigerer, aber zugleich ist das Gefühl von Herrschaft (bzw. beherrscht zu werden) ein Stück diffuser geworden.

Auch wenn es als permanente Überwachungsstrategie weder angewandt, noch sichtbar sein sollte, so macht die Digitalisierung das Recht auf informelle Selbstbestimmung zu einer Fiktion, die es schwer hat, an sich selbst zu glauben.

Ob die Soziologie imstande sein wird, das jeweilige „Muster“ von Herrschaft exakt ausfindig zu machen, ist eher unwahrscheinlich.

Der aktuelle Zustand der Republik, welcher einer von Agonie ist, lässt das Gegenteil vermuten.

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