Erosion des Leistungsprinzips

„Individueller Leistungsaufwand garantiert Erfolg immer weniger“

https://www.wiwo.de/erfolg/beruf/wann-sich-leistung-lohnt-individueller-leistungsaufwand-garantiert-erfolg-immer-weniger/25126088-all.html

Kommentar GB:

Das Thema Leistungsprinzip kommt heutzutage selten vor, daher ist dieser Artikel sehr empfehlenswert; sien Fazit lautet:

„Zehn Jahre wirtschaftlicher Aufschwung haben zu Reallohnerhöhungen geführt. Dennoch sagen Sie, viele Leute hätten das Gefühl, ihre Arbeit werde ungerecht beurteilt und nicht wertgeschätzt. Was sagt das über unsere Leistungsgesellschaft aus?
Das ist nicht ganz untypisch, Ansprüche entstehen oft in einer Aufwärtsbewegung. Viele glauben bei einer Verbesserung der allgemeinen Situation, nicht genug daran zu partizipieren. Die Frage nach dem Ungerechtigkeitsempfinden gehörte von Beginn an zu unserer Leistungsgesellschaft. Alle fühlen sich ungerecht behandelt – die einen glauben zu viel abgeben zu müssen, andere sind der Ansicht zu wenig zu haben. Die Gesellschaft setzt sich gar nicht mit den komplexen Strukturen dahinter auseinander. In welchem Verhältnis stehen zum Beispiel Leistung und Märkte? In der Gesamtheit betrachtet werden nicht diejenigen honoriert, die sich am meisten angestrengt haben. Trotzdem berufen wir uns weiter auf das Leistungsprinzip, weil Verteilung allein nach Bedürftigkeit oder Egalitätsprinzipien weder funktioniert, noch geteilter Wunsch ist. Wir machen beständig die Erfahrung von Ungerechtigkeit, halten aber am Prinzip der Leistungsgerechtigkeit fest. Weil es ja irgendwie im Kleinen wie der Arbeitsgruppe oder dem eigenen Umfeld durchaus funktioniert. Eine leistungsgerechte Gesamtgesellschaft wird es allerdings nie geben.“

Abgesehen von der Frage, was „Leistung“ jeweils ist und wie sie ggf. gemessen werden kann, die ich hier – obwohl wichtig – ausklammere, scheint mir ein theoriegeschichtlicher Hinweis angebracht zu sein.

Karl Marx Sichtweise zufolge gilt das Leistungsprinzip („Jedem nach seinen Leistungen“) in der „kapitalistischen Produktionsweise“ und im „Sozialismus“, und zwar wegen bestehender Knappheitsverhältnisse, die zwingend berücksichtigt werden müssen.

Erst in einer (utopischen) „kommunistischen“ Gesellschaft kann und soll aufgrund dann erwarteter  gesellschaftlicher Überschüsse bzw. des erwarteten gesellschaftlichen Reichtums das Leistungsprinzip durch das Bedürfnisprinzip ersetzt werden („Jedem nach seinen Bedürfnissen“).

Marx zielte also in historischer Perspektive auf gesellschaftliche Reichtumsakkumulation bis hin zum Überfluß ab, um im Falle der Erreichens dieses zumindest die wesentlichen Knappheiten (also die Armut) überwindenden Entwicklungsstandes perspektivisch das Leistungsprinzip ablösen zu können, weil es unter solchen (fiktiven) Bedingungen in der Tendenz nicht mehr gebraucht würde und daher seinen Sinn verlöre.

Bei heutigen Interessengruppen, die sich politisch die verfügbaren Steuermittel selbst zuweisen, scheint die kryptokommunistische Ansicht zu bestehen, man könne sich beliebig bedienen, denn es sei ja genug da, und wenn nicht, dann könne man leicht die Steuern erhöhen.

Es wird von ihnen also eine dürftig kaschierte nackte Verteilungspolitik zu ihren eigenen Gunsten und zu Lasten der machtpolitisch einflußlosen Steuerzahler betrieben; eine Ausbeutung der Steuerzahler durch minoritäre politisch einflußreiche Machtgruppen mit Zugriff auf die staatlichen Budgets könnte man das nennen.

Und so erleben wir heute den „Kommunismus im Kapitalismus“, der eine Farce ist, nämlich als minoritäre Räuberei an der machtlosen „schweigenden Mehrheit“ der Steuerzahlern.

Also wären Steuersenkungen das nächstliegende Mittel der Wahl, um dieser Entwicklung zu begegnen. Eine Senkung der Mehrwertsteuer (Umsatzsteuer) zum Beispiel könnte ein Beginn sein; sie käme der Massenkaufkraft zugute.