Medienspiegel

Interview mit Günter Buchholz für „Nasz Dziennik”

Anmerkungen zur Kritik der Gender Studies

Es geht im folgenden Interview um das Thema „Gender“ und „Gender Studies“ sowie deren praktische Bedeutung für die polnische Gesellschaft, und zwar mit Blick auf die bisherigen deutschen Erfahrungen.

1. Sie betreiben ein Portal [http://www.gender-diskurs.de/], das den Fortschritt der Genderideologie an deutschen Universitäten in der Welt der Wissenschaft verfolgt und vor dieser Ideologie warnt. Können wir sagen, dass es an deutschen Universitäten einen Gender – Sieg gab?

Die Gender-Ideologie ist an deutschen Hochschulen beginnend mit der Kanzlerschaft Schröders durch die an Gender Mainstreaming (GM) orientierte Regierungspolitik von oben nach unten durchgesetzt worden. Die Bundesregierung folgte damit der UN- und der EU – Politik. Entsprechendes gilt für Österreich; auch in der Schweiz ist ähnliches zu beobachten.

Das betrifft die Hochschulgesetze der Bundesländer, die Hochschulräte, die Hochschul-präsidien, die Einrichtung und die zügige Vergrößerung der Gleichstellungsabteilungen sowie die Einrichtung von Gender – Professuren aus gesonderten Budgets (Professorinnen-Programm).

Gemessen daran kann zur Zeit zwar von einem Sieg gesprochen werden, aber es gibt passiven Widerstand, denn die Gender – Ideologie wird weithin nicht akzeptiert.

2. Warum kämpfen Sie gegen die Genderideologie?

Die Gender – Ideologie schadet der Wissenschaftlichkeit der Hochschulen.

Die Gender-Professorinnen behaupten, und zwar zu Unrecht, es handele sich bei den Gender Studies um Wissenschaft. Das trifft jedoch nachweisbar nicht zu. Es gibt z. B. weder eine Forschungsfrage, noch eine Methode, noch einen abgegrenzten Erklärungszusammenhang, noch gibt es anerkannte und relevante Ergebnisse bzw. Erkenntnisse.

Gender Studies sind daher ein politisches und kein wissenschaftliches Projekt.

So etwas gehört – erstens – prinzipiell an keine Hochschule. Und zweitens verursachen diese Stellen – geschätzt etwa 250 im deutschsprachigen Raum – beträchtliche gesellschaftliche Kosten zu Lasten der Steuerzahler, und zugleich zu Lasten alternativer Verwendungen dieser Finanzmittel. Drittens schaden sie den wissenschaftlichen Fächern an den Hochschulen dadurch, daß sie mit Unterstützung der Präsidien schrittweise in diese einwandern, obwohl sie fachlich nicht gebraucht werden.

3. Wie war die Abfolge der Aktionen der Linken, die zu diesem Sachverhalt geführt hat? Was waren die Parolen dieser Schlacht?

Im Zuge der Herausbildung des Feminismus-Genderismus ging es ab Beginn der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts erstens um die „Emanzipation der Hausfrau“ zugunsten eigener weiblicher Erwerbsarbeit und zu Lasten der traditionellen Familie, und zweitens ging es um die „Normalisierung der Homoerotik“ (bzw. -sexualität).

Die einleitende politische Kampagne richtete sich unter publizistischer Führung einer Lesbe gegen den § 218 Strafgesetzbuch, der Abtreibung unter Strafe stellte. Das Ergebnis war eine Aufweichung dieses Verbotes, und zwar durch die Zulassung der sogenannten „sozialen Indikation“, die dann im Rahmen der vorgeschriebenen Beratung der Frauen sehr weit ausgelegt werden konnte und tatsächlich so ausgelegt wurde. Parallel wurde das Eherecht – im Ergebnis zu Lasten der Männer – so reformiert, daß Ehescheidungen erheblich erleichtert wurden. Durch das so erhöhte Zerfallsrisiko geriet die traditionelle Familie unter Bestandsdruck, der bis heute anhält.

Der Genderismus entwickelte sich ausgehend von der Entkriminalisierung der männlichen Homosexualität und der Herausbildung der 2. Welle der Frauenbewegung unter Einschluß der lesbischen Frauen während der 70er Jahre und mündete ganz überwiegend in die Partei „Die Grünen“, die Ende der 70er Jahre gegründet wurde, und die diese Interessen bis heute besonders energisch vertritt.

Die bereits durch das deutsche Grundgesetz von 1949 garantierte Gleichberechtigung von Mann und Frau (Rechts- und Chancengleichheit) wurde nun als nicht mehr hinreichend angesehen; es begann der Kampf um die Durchsetzung der „Gleichstellung“, nämlich einerseits einer sozioökonomischen „Gleichstellung im Ergebnis“ statt „Gleichberechtigung (bzw. Chancengleichheit)“, andererseits Gleichstellung im biopolitischen Sinne, d. h. im Sinne vollständiger gesellschaftlicher Gleichstellung der Minorität der Nicht-Heteronormalen (ca. 5 %) mit den Heteronormalen; in Deutschland bis hin zur „Ehe für alle“ und bis hin zur Kindesadoption.

Mit den seit dem späten 18. Jahrhundert entwickelten politischen Begriffen „links“ bzw.“rechts“ lassen sich allerdings diese Interessen und diese politischen Prozesse schwerlich sinnvoll benennen. Wichtig ist, sich den kleinschrittigen aber über Jahrzehnte andauernden Charakter dieser Prozesse vor Augen zu führen. Der Marsch durch die politischen Institutionen war erfolgreich, das muß man heute feststellen.

4. Welche Fehler und Unterlassungen wurden von der konservativen Seite begangen, um den Weg für die Verbreitung der Genderideologie durch die deutschen Universitäten freizumachen?

Ich vermute, daß das gesamtgesellschaftlich alles gar nicht beachtet oder jedenfalls nicht ernst genommen wurde. Es schien ja zunächst nur um isolierte und vertretbare Einzelforderungen zu gehen, deren größerer Zusammenhang dabei entweder ganz übersehen oder vernachlässigt wurde. Es wäre allerdings mit dem zu rechnen gewesen, was man den „Fanatismus der Interessen“ nennen könnte. Aber in der obrigkeitlichen deutschen Tradition rührt sich so bald kein Widerstand, wenn überhaupt.

Bis zu der autoritativen Reform der Hochschulen Mitte der 90er Jahre – kein „linkes“ Projekt! – hatte ein wesentlicher Machtschwerpunkt bei den gewählten Hochschulsenaten gelegen, seitdem liegt sie beim Präsidium. Daher ist es jetzt hochschulintern schwierig, Widerstand gegen die Genderideologie zu entfalten, weil diese von der politischen Ebene über die Präsidien durchgesetzt werden kann. Und es gibt intern Mittel finanzieller Art, um widerstrebende Hochschullehrer auf die gewünschte Linie zu bringen. Direkte Eingriffe in andere Fächer sind allerdings nicht möglich; es wird also eher ein indirekter Einfluß ausgeübt.

Die Hochschulsenate hätten mutmaßlich die Genderideologie blockiert, jedenfalls in den meisten Fällen. Deshalb ist die autoritative Wende im Hinblick auf die Aufbauorganisation der Hochschulen ein entscheidender Wendepunkt gewesen: die Bedingung der Möglichkeit der Durchsetzung der Genderideologie.

5. Womit beschäftigen sich Gender-Fakultäten heute? Kann man das „Wissenschaft“ nennen? Warum sind Gender Studies so schädlich und gefährlich?

Zur ersten Frage gebe ich eine exemplarische Antwort (Humboldt-Universität Berlin) durch ein Zitat:

Gender Studies untersuchen  an der HU die Bedeutung, Herstellung, Konstitution, Verhandlung und Relevanz von Geschlecht und Geschlechterverhältnissen, ihre Wirkweisen und ihren Wandel – in, zwischen und mit unterschiedlichen Disziplinen und theoretischen Ansätzen.

Pfeile
Forschungsschwerpunkte der Gender Studies an der HU sind:

  • Wissen und Wissenskritik
  • Interdependenzen
  • Normierung und Transformation
  • Codierung und Kulturtechniken

Ein besonderer Schwerpunkt in der Forschung am ZtG waren in den vergangenen Jahren ebenfalls die Forschungen zur Frauen- und Wissenschaftsgeschichte der FWU bzw. HU. Transdisziplinäre Forschung als Herausforderung in den Gender Studies wurde in besonderer Weise in der Graduiertenausbildung im Graduiertenkolleg „Geschlecht als Wissenskategorie“ erprobt.

Einen detaillierten Einblick in die Vielfältigkeit der aktuellen Forschungsprojekte und -perspektiven vermittelt die Forschungsdatenbank.” (…)

https://www.gender.hu-berlin.de/de/forschung/forschungsprojekte

(…)”

Die zweite Frage habe bereits weiter oben verneinend beantwortet.

Gender Studies sind nach meiner Auffassung ein Wissenschaftsbluff.

Zur dritten Frage habe ich mich ebenfalls bereits weiter oben geäußert.

6. In Polen verteidigt der Minister für Hochschulbildung die Genderforschung unter dem Motto der Verteidigung der Meinungsfreiheit, der Autonomie der Universitäten und des Pluralismus der Ansichten. In welcher Beziehung stehen diese Slogans zu Gender Studies?

Was der Minister hier vorbringt, das mag ja für Volkshochschulen eine angemessene Sichtweise sein, nicht aber für wissenschaftliche Hochschulen. Wissenschaft ist eine philosophisch-erkenntnistheoretisch und wissenschaftstheoretisch präzise bezeichnete Kategorie: Wissenschaft erklärt oder deutet etwas, je nachdem, ob es sich um Formal- oder Realwissenschaften oder ob es sich um Kulturwissenschaften handelt. Und Wissenschaft operiert mit je speziellen Methoden. Hochschulen dürfen daher m. E. ihrem Daseinszweck nach nichts anders tun, als wissenschaftliche Forschung und wissenschaftlich fundierte Lehre zu betreiben. Was es sonst noch geben gab, das gehört jedenfalls nicht an die Institution Hochschule.

7. Gibt es derzeit in Deutschland Kreise, die das Vorhandensein von Gender Studies an Universitäten in Frage stellen? Wird Ihre Anti-Gender-Aktivität auf Resonanz und Interesse gestoßen?

Eine Aufgabe der Wissenschaft ist die Wissenschaftskritik, hier speziell die wissenschaftstheoretische Kritik an einer Ideologie, die über keine Wissenschaftstheorie – also auch keine Kriterien für gültige Ergebnisse – verfügt.

Die Genderideologie ist nahezu vollständig selbstreferentiell. Mit ihrem Übergreifen in andere Fächer, z. B. die Biologie hat sie allerdings fachlich-spezifischen Widerstand geweckt, wie die Bücher von Axel Meyer und Ulrich Kutschera zeigen. Auch das neue Buch von Schulze-Eisentraut / Ulfig gehört in diese Reihe (s. u.).

8. Sehen Sie neue Wege in der Invasion der Genderideologie? Dringt sie auch in die Schule in Deutschland ein?

Es gibt weitere, teils subkutane Wege: in der kommerziellen Werbung und im Unterhaltungsprogramm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens werden alle Möglichkeiten der Werbung für nicht-heteronormale Lebensweisen genutzt: man will offenbar im Massenbewußtsein verankern, daß es ganz normal sei, schwul oder lesbisch zu sein – man will nicht nur Tolerenz (Duldung), sondern viel mehr, nämlich Akzeptanz. Nicht – Heteronormalität soll sozialpsychologisch positiv bewertet werden. Dazu gibt es auf Ebene der Bundesländer ausgearbeitete Programme und Konzepte, um eben dies durchzusetzen. Analog wird übrigens mit Blick auf Immigranten verfahren.

Die Verbände der Lesben und Schwulen treiben das über die politische Ebene – vermittelt meist über die Partei der Grünen – voran. Es geht weniger um Sexualaufklärung an sich, die hierzulande prinzipiell nicht strittig ist, sondern um eine homoerotisch geprägte Aufklärung, die kritisch als „Frühsexualisierung“ bezeichnet wird. Hierzu allerdings gibt es eine gesellschaftliche Widerstandskampagne.

9. Steigen in Deutschland Zensur und Belästigung gegenüber Menschen, die Gender Studies kritisieren?

Ja, es gibt z. B. ein „Forschungsprojekt“ an der Universität Marburg, das vom Bundesforschungsministerium finanziert wurde, bei dem es lediglich darum geht, die Gegner des Genderismus im Sinne der Produktion von personalen Listen und Dossiers zu erfassen. Es geht dabei in keiner Weise um eine Auseinandersetzung mit inhaltlicher Kritik an den Gender Studies, vielleicht im Sinne einer Anti-Kritik, und also nicht über ein Reden „von“ den Inhalten, sondern lediglich um ein Reden „über“ die redenden und kritisierenden Personen: Feindaufklärung sozusagen. Wenn man die Kritik schon nicht widerlegen kann, dann kann man doch versuchen, die Kritiker zum Schweigen zu bringen. Und dazu gibt es durchaus Mittel unterhalb der Schwelle der Gewalt.

Das ist ein vollständig antiwissenschaftliches Verfahren, paßt aber aber genau zum ideologischen Charakter der Gender Studies.

10. Welchen warnenden Hinweis würden Sie an die Polen und die polnischen Behörden richten? Was nicht tun und was tun, um das deutsche Szenario und die Eroberung von Universitäten und Bildung durch die Genderideologie nicht zu verwirklichen?

Es sollte kompromiß- und ausnahmslos darauf geachtet werden, daß an Hochschulen ausschließlich Wissenschaft im strikten Sinne betrieben wird.

Und es sollte kein kleiner Finger gereicht werden, nirgendwo.

Denn dann, das ist die bereits gemachte Erfahrung, wird die Hand genommen, danach der Arm, und so weiter. Und es ist nie genug.

Die Büchse der Pandora sollte geschlossen bleiben.

Literaturangaben

Ulrich Kutschera
Das Gender-Paradoxon
Mann und Frau als evolvierte Menschentypen
Reihe: Science and Religion. Naturwissenschaft und Glaube
Bd. 13, 2. Auflage, 2018, 446 S., 24.90 EUR, 24.90 CHF, br., ISBN 978-3-643-13297-0

http://www.lit-verlag.de/isbn/3-643-13297-0

Axel Meyer

Adams Apfel und Evas Erbe

Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer – 24. August 2015

https://www.amazon.de/Adams-Apfel-Evas-Erbe-bestimmen/dp/3570102041

Alexander Ulfig/ Harald Schulze-Eisentraut (Hg.)

Gender Studies – Wissenschaft oder Ideologie?  – 28. Juni 2019

https://www.amazon.de/Gender-Studies-Wissenschaft-oder-Ideologie/dp/3868881425