Dr. Mai für mutiges Engagement ausgezeichnet

„Dem Menschen ist es mehr vonnöten, erinnert als belehrt zu werden“

Für sein vielfältiges Schaffen und sein mutiges Engagement wird Dr. Klaus-Rüdiger Mai mit dem Deutschen Schulbuchpreis 2019 ausgezeichnet. Wir veröffentlichen die Laudatio auf den Preisträger und gratulieren unserem Autor für die verdiente Auszeichnung.

„Dem Menschen ist es mehr vonnöten, erinnert als belehrt zu werden“

Anmerkung Josef Kraus:

“ ….. hiermit übermittle ich mit Einverständnis des Autors das Manuskript der Festrede „Wie progressiv muss Konservatismus sein?“, die Prof. Dr. Peter Hoeres (Universität Würzburg) anlässlich der Verleihung des Deutschen Schulbuchpreises an Dr. Klaus-Rüdiger Mai am 2. November 2019 in Würzburg gehalten hat. (siehe unten; GB)

Zudem verweise ich auf das äußerst lesenswerte Buch, das Peter Hoeres ganz aktuell Mitte Oktober veröffentlicht hat: „Zeitung für Deutschland: Die Geschichte der FAZ“. Es geht um 70 Jahre Geschichte der FAZ (gegründet 1949).

Siehe https://www.beneventobooks.com/produkt/zeitung-fur-deutschland-2/

Einen guten Wochenstart wünscht

JK

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Peter Hoeres
Wie progressiv muss Konservatismus sein?

Ratschläge sind Schläge, Festreden sollen aber ein Fest, in unserem Fall eine Ehrung und Auszeichnung, schmücken. Gleichwohl möchte ich unserem Preisträger einige Reflexionen, Überlegungen, Wünsche und Warnungen für seine noch auszuarbeitende Theorie und Programmatik eines progressiven Konservatismus mitgeben, sozusagen als Auftrag, Hilfestellung und Reibungspunkt zugleich. Ich möchte dabei zunächst drei Gefahren, ja Fallen der aktuellen Debatte über den Konservatismus aufzeigen und sodann drei Postulate aufstellen.
Die Frage, was denn konservativ sei, scheint sich bestens für Rundfragen zu eignen. Periodisch wird sie gestellt, aber seit Armin Mohlers Polemik gegen den „Gärtner-Konservatismus“ von 1962 ist dabei nicht allzu viel hängen geblieben. Mohler antwortete damals auf die Frage nach dem Konservativen im „Monat“, Melvin Laskys Zeitschrift des Kongresses für kulturelle Freiheit, die bekanntlich von der CIA alimentiert wurde. Die war freilich so liberal, dass damals auch Christkonservativen wie Eugen Gerstenmaier oder ehemalige Protagonisten der Konservativen Revolution wie Hans Zehrer das Wort erteilt wurde.
In der Zeitschrift Indes, welche im Jahr 2015 die gleiche Frage aufwarf, waren Konservative dagegen kaum mehr vertreten. Tatsächlich versuchten der durch den Mob an der Humboldt-Universität verschreckte Politikberater Herfried Münkler und der Spross der Bielefelder Schule Paul Nolte das Thema zu entschärfen. Nolte gab dabei den Kalauer zum Besten, sich als „linkskonservativer Liberaler“ zu bezeichnen, so ähnlich wie das weiland Joachim Gauck getan hatte. Ich kann nur sagen: Solch ein Bekenntnis verlangt schon einigen Bekennermut, Respekt, Herr Professor!
Mustert man schließlich die durchaus lesenswerte soeben erschienenen Sammlung von Miniaturen über das Motiv „konservativ?!“ von Michael Kühnlein bei Duncker & Humblot, so fällt auf, dass der Herausgeber ausreichend Großdenker der Linkspartei wie Petra Pau und Bodo Ramelow, der Grünen wie Cem Özdemir und Jürgen Trittin, der Sozialdemokratie wie Peter Feldmann – mich grausts als Frankfurter! – und den sympathischen Ralf Stegner, ferner
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der Freidemokraten wie Nicola Beer und Leutheusser-Schnarrenberger und der Union wie Dorothea Bär und Armin Laschet versammelt hat. Die einzige Partei, die sich offensiv zum Konservatismus bekennt, fand jedoch keinen Platz in diesem Buch. Den Oppositionsführer im Deutschen Bundestag qualifizierte auch sein weithin bekannter Essay „Anleitung zum Konservativsein“ nicht für die Erhellung der Frage, was konservativ sein könnte. Autoren wie Michael Klonovsky, Günter Maschke, Thorsten Hinz oder Karlheinz Weißmann und auch Klaus-Rüdiger Mai, die in den vergangenen Jahrzehnten nun einiges zum Thema publiziert haben, fanden ebenfalls keine Aufnahme.
Damit haben wir schon die erste Gefahr vor Augen: die der Entschärfung und Entpolitisierung. Während die politische Kategorie „rechts“ dadurch entpolitisiert wird, dass sie kriminalisiert wird, geschieht dies im Falle des Konservativen durch eine gezielte Verharmlosung. Konservativ sein ist dann ein Gefühl, eine Stimmung, die jeder irgendwie auch in sich trägt und die von der Bewahrung der Errungenschaften der Revolution, vulgo des Sozialstaates, bis zur Beschwörung einer „lebensklugen Mitte“ (so Jens Spahn) reichen, die bei letzterem allerdings locker ohne die aristotelische μεσότης,-Lehre auskommt.
Die Zerstörung des Begriffs ist dadurch noch wesentlich größer als bei dem rein funktionalistischen Verständnis, demnach konservativ alle bewahrenden Institutionen und Personenverbände seien, also etwa auch die kommunistische Orthodoxie. Oder dass Konservative vor allem humane Fortschrittsverzögerer seien.
Denn hier, im Falle der Entpolitisierung, wird der Begriff seiner politischen Bedeutung entkleidet und erhält seine Trennschärfe allenfalls dann, wenn er gegen rechts mobilisiert werden soll. Ansonsten ist er belanglos, tut keinem weh, kann aber auch nicht zu einer Integrationsideologie avancieren, da er nichts Verbindliches enthält, keine Feindschaften kennt und keine Programmatik. Der Begriff tendiert dann dazu, eine Catch-all-Phrase zu werden, im Pluralismus der Gemütslagen und Stimmungen unterzugehen.
Von daher war ich etwas skeptisch, als unser Preisträger deklamierte, ein progressiver Konservatismus müsse „das Erbe der klassischen Sozialdemokratie und des klassischen Liberalismus“ annehmen. Meiner Meinung nach sollte ein solcher Konservatismus die beiden genannten Fundamentalströmungen eher im Hegelschen Sinne aufheben, also bewahren, sistieren und auf eine höhere Stufe entwickeln. Denn in er Tat geht es derzeit an
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Universitäten, in Parlamenten und im Netz um die Bewahrung des Kerns bürgerlicher Freiheiten, um die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit. Und in der Tat geht es auch um die Anliegen des gemeinen Volkes und der arbeitenden Mittelschicht in weitem Sinne. Diese wurde unlängst vom Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung Thomas Krüger als Problemgruppe ausgemacht worden, da sie für Populismus anfällig sei, aber schlecht vom Erziehungsministerium, also den beauftragten staatlichen und halbstaatlichen oder alimentierten Agenturen des Staates gegen rechts, zu erreichen sei. Wenn die Rechte und Interessen dieser Mittelschicht wieder in den Blick zu bekommen, sozialdemokratisch sein sollte, dann kann ich freilich dem Ansinnen, dieses Erbe anzutreten, voll zustimmen.
Die zweite Gefahr ist das bloßes starre Festhalten am Überkommenen, die Iteration auch dort, wo eine Erkenntnis dessen, was ist, eine realistische Lagebeurteilung zu Reformen, ja zur Haltung einer kritischen Historie im Sinne Nietzsches, also einem Abschneiden lebensfeindlicher Traditionen führen müsste. Das Laster des bloßen Beharrens besteht in der Ignoranz; Ignoranz dessen, was sich in Wissenschaft und Lebenswelt tut, Pauschalablehnung ohne Kenntnis der Phänomene.
Die dritte Gefahr ist ein Allgemeinplatz, überall anzutreffen, selten unterfüttert. Er besteht in der These, der Konservatismus habe keine Theorie und sei auch nicht theoriebedürftig. Die Konsequenz ist, dass jeder meint, drauflos spekulieren zu können und seine persönlichen Wünsche aufzuschreiben und dann darüber dann das Etikett „Common Sense zu kleben. Das ist auch bei dem erwähnten Duncker & Humblot-Band der Fall. Wie verhält es sich nun mit der These? Auch konservative Denker selbst haben sie ja vertreten. Der Nominalist Armin Mohler sah überall nur Konkreta, die „All-Gemeinheiten“ waren sein Horror.
Einen Karl Marx mit einer geschlossenen Theorie haben die konservativen tatsächlich nicht, einen Hegel auch nicht? Das wäre ein großer Streit. Es gibt bekanntlich die Rechts- und Linkshegelianer und die These eines genuin liberalen Hegels, die etwa der Philosoph Ludwig Siep vertritt, hat auch viele Anhänger. Das Schwierige bei Hegel ist, das dialektisch-dynamische Element mit dem Telos und dem Ende dieser Bewegung zusammenzubringen.
Im Endeffekt ist Hegel mit seiner Theorie der bürgerlichen Gesellschaft in dem Sinne konservativ, dass er seine Gedanken auf die Wirklichkeit richtet, diese aber eben aus dem Geist grundgelegt wird (die Wirklichkeit wird also nach dem Geist zugerichtet, wie man spotten könnte). Ich möchte Hegel aber nicht zum konservativen Meisterdenker stilisieren.
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Vielmehr geht es mir darum zu erkennen, dass durchaus eine konservative Haltung, die Hegel später einnahm, als er über die Schrecken der Französischen Revolution erschauderte (hinter die er freilich anders als einige Romantiker nicht zurückwollte), mit einer Großtheorie zusammenpasst.
Und wenn der Konservative von einer skeptischen, aber auch im Sinne Max Schelers auf die Sonderstellung des Menschen im Kosmos zielende Anthropologie ausgehen sollte, dann bedarf es ja schon auf diesem Feld der Philosophie und der theoretischen Grundlegung. Das setzt sich fort über die Staats- und Gesellschaftstheorie, über die Wirtschaftsphilosophie, die jenseits des Ordoliberalismus häufig ein kaum bestelltes Feld der Konservativen ist, und endet noch nicht bei der Rezeption der Naturwissenschaften. Wenn wir den Konservativen schließlich als einen auf die Transzendenz hin geöffneten Menschen vorstellen, dann ist hier gerade kein Eklektizismus gefordert, sondern eine stringente und ausdifferenzierte Auffassung von Religion.
Ins Positive gewendet, brauchen wir also einen trennscharfen, polemischen Begriff von Konservatismus, wir brauchen eine entwicklungsfähige, auf die Veränderungen und Revolutionen reagierende Theorie – Revolutionen sind ja, siehe Burke, de Maistre oder de Bonald – Sternstunden des konservativen Denkens – und wir benötigen überhaupt eine Theorie des gegenwärtigen Zeitalters und eine Anthropologie, die auf die umstürzenden Erkenntnisse der Reproduktionsmedizin, Hirnforschung und Genetik reagiert und diese in eine soziologische Theorie des Digitalzeitalters und der Globalisierung integriert. Das möchte ich nun nicht alles allein unserem Preisträger aufbürden, sonst wären diese Ratschläge wirklich Schläge. Aber ich möchte ihn ermutigen, weiter daran zu arbeiten, dass wir Konservative eben nicht wie Wirtschaftsminister Peter Altmaier meint, permanente Verlierer sind, sondern realistische Betrachter der Lage, aus der furchtlos Konsequenzen zu ziehen sind.
Als vordringlich erscheint es ferner, durchaus eine konkrete konservative Programmatik zu entwerfen, sonst gerät man in die Defensive, in die Rolle des ständigen Aufhalters ohne Alternative. In der Wendezeit 1989/90 befanden sich die Konservativen bei der Diskussion über eine neue deutsche Verfassung durchgehend in der Defensive anstatt offensiv eigene Alternativvorschläge zu den linken Forderungen nach einem Recht auf Arbeit und Ähnlichem zu formulieren. In der Zeitschrift Criticon wurden damals entsprechende Alternativentwürfe entfaltet, sie wurden aber in der politischen Sphäre nicht aufgenommen und versandeten. In
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den zentralen Politikfeldern EU, Euro, Migration, Umweltpolitik und Gender sollten also konkrete, auch juristisch machbare Vorschläge erarbeitet werden, von einer institutionellen Reform der EU und des Eurosystems über ein europäisches Asylrecht und einer Politik der Ressourcenschonung bis hin zu einem Family Mainstreaming anstelle des Gender Mainstreaming.
„Daß die Historie wie jede Wissenschaft als eine Seinsart des Daseins faktisch und jeweils von der ‚herrschenden Weltanschauung‘ ‚abhängig‘ ist“, schrieb Martin Heidegger bereits 1926 in „Sein und Zeit“ (S. 392). Das hat, wie man heutzutage überscharf beobachten kann, erhebliche Konsequenzen für das Selbstverständnis der westlichen Gesellschaften, denen im Schatten einer sogenannten postkolonialen Geschichtsbetrachtung moralische, politische, finanzielle und kulturelle Entschädigungsleistungen abgepresst werden, wobei das Schuldparadigma im Westen selbst hervorgebracht worden ist und am Leben erhalten wird.
Neben der Arbeit am theoretischen Fundament und an der programmatischen Ausgestaltung des konservativen Denkens sollte also ein spezielles Verhältnis zu Geschichte als Drittes hinzukommen und ausgearbeitet werden. Vornehm ist es, so Friedrich Nietzsche, ein Vorurteil für die Ahnen zu pflegen. Während sich die Gegenwart, zumindest die westliche, diese nur mehr in Verbrecherporträts imaginieren kann, ist die Empathie und Wertschätzung für die Vorfahren, die freilich nicht blind werden darf und mit einer kritischen Historie einhergehen kann, als Gegengift umso mehr zu pflegen. Alles andere ist Selbstzerstörung.
Konservative Geschichtspolitik müsste gegen die allseitige Kriminalisierung der europäischen Geschichte opponieren, gegen die Hetze gegen die sogenannten „alten weißen Männer“– ein echter Rassismus – gegen die Zerstörung geistiger, religiöser und ästhetischer Traditionen. Diese Traditionsbestände reichen im Falle unseres Vaterlandes von Bach bis Wagner, von Dürer bis Richter, von Eichendorff bis Walser, von Benz bis Zuse, von Albertus Magnus bis zur Reformation, vom Deutschen Idealismus bis zu Heidegger, vom Minnegesang bis zur Klassik und Romantik, von den Kathedersozialisten bis zum Ordoliberalismus.
Das Verhältnis zur Vergangenheit, das mir vorschwebt, kann man an der unlängst abgeschlossenen schöpferischen Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt illustrieren. Anders als die vorangegangene Rekonstruktion der Ostzeile auf dem Römerberg, die tatsächlich
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etwas Modellbauhaftes, etwas von Disneyland hatte, handelte es sich nun nicht um Mimikry, nicht um sklavische Rekonstruktion, sondern um einen Neuentwurf, der sich in Kubatur, Namensgebung und Anmutung an der im Bombenkrieg zerstörten Altstadt orientierte und dies unter Einbau von erhaltenen Spolien tat. Der Entwurf stammte übrigens von sogenannten Rechtspopulisten und wurde anfangs heftig befehdet. Auch jetzt polemisieren Architekturkritiker noch gegen diese gelungene Besinnung auf die Tradition wie überall, wo man nicht geschichtslos und inhuman baut.
Ein heutiger Konservatismus ist angesichts eines dominanten linken und linksliberalen Zeitgeistes nicht mehr status-quo-orientiert und vordergründig staatstragend. Er steht in Opposition gegen die Political Correctness, gegen die linke Identitätspolitik und gegen Sprachdiktate. Diese setzen einem Wissenschaftler immer mehr zu. In geisteswissenschaftlichen Zeitschriften ist es bereits weithin – noch nicht überall – Usus, bedenkenlos zu gendern, das heißt Fehlschreibungen mit Genderstern zu verwenden, um generische Maskulina zu verändern und ein angeblich drittes Geschlecht zu adressieren, das in Wahrheit eine Störung einer winzigen Anzahl von Personen ist. Diese Zudringlichkeit dringt bis in den privaten Schriftverkehr ein. In Mails, ja selbst in Bewerbungen schreit einem die demonstrativ ausgezeichnete Fehlschreibung entgegen, die auch das Private und Geschäftliche politisiert und aggressiv auflädt. Hier darf es kein Mittun und kein Kompromiss geben. Das ist ein Angriff auf die Sprache, die Natur, die Manieren.
Ein Konservatismus der gegen diese und andere neue Konventionen rebelliert, wird damit anarchisch und unkonventionell. Er setzt auf alternative Sichtweisen, vergessene Einsichten und originelle Begriffe. In diesem Sinne wäre er progressiv. Er kann dabei auf herausragende Denker der Vergangenheit und Gegenwart zählen, denn zweifelsohne waren und sind Thomas von Aquin und Romano Guardini, Martin Heidegger und Max Scheler, Ernst Jünger und Botho Strauß, Carl Schmitt und Arnold Gehlen, Gerhard Ritter und Thomas Nipperdey, Michael Klonovsky und Uwe Tellkamp, Hermann Lübbe und Roger Scruton, Josef Ratzinger und Kardinal Sarah vieles, aber nicht links oder linksliberal. Zu ergänzen wären hier freilich vom Preisträger Persönlichkeiten aus der protestantischen Arena, wo ich jenseits seiner Person und wenigen anderen derzeit nur eine geistige Wüste erkennen kann.

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Hierzu eine Stellungnahme von Michael Mansion:

Lieber Josef Kraus,

der Peter Hoeres-Beitrag ist ausgezeichnet und steht stellvertretend für eine dringend notwendige Debatte in Zeiten unsäglicher Sprachverwirrung, deren Unschärfe längst eine qualifizierte Auseinandersetzung erschwert bis verunmöglicht.
Gleiches muss jedoch auch im Spektrum der sog. Linken geleistet werden, denn diese offenbart sich mir eher als ein Verein moralisierender Spießer und Volkserzieher ohne noch erkennbare theoretische Substanz und Kulturbezug.

Das konservative Element kann ohne einen Widerpart nicht sein, durch den es herausgefordert wird. Das wäre wohl zu viel an Selbstgenügsamkeit.
Die aktuelle Neo-Linke hat derweil keinerlei theoretische Substanz im Sinne einer gesellschaftlichen Alternative, wie wohl das ihre Aufgabe sein müsste in Zeiten von Euro-Rettung, Massenmigration und einer fehl geleiteten EU-Agenda.
Sie wirkt allenfalls im Sinne einer Verstärkung, der auch durch europäische Konservative lancierten und befeuerten omnipotenten Merkel-Agenda und ist sich dabei offensichtlich nicht einmal bewusst, dass sie wesentliche Elemente der Aufklärung verrät.

Der Vorgang ist insoweit dialektisch, als die einzig erkennbare Oppositionspartei in Deutschland, die ja keine linke Partei ist, auch als ein Korrektiv für einen Konservatismus in Erscheinung tritt, welcher in weiten Teilen einer Beliebigkeit anheim gefallen ist, die sich fälschlich als liberal begreift.
Dies findet sich u.a. in der unreflektierten Akzeptanz der islamischen Herrschaftskultur unter dem Banner der Religionsfreiheit.

Der konservative Widerstand gegen die Politik einer sich konservativ begreifenden Altpartei kommt viel zu spät und ist einer manifesten Verstörung geschuldet.
Diese bezieht ihre wesentliche Substanz (auch) aus einer deutschen Schuldkultur mit ihrem Dreh und Angelpunkt in Auschwitz und einer daraus abgeleiteten ewigen Wiedergutmachungsverpflichtung.
Insoweit befindet sich ein Großteil des Konservatismus in der gleichen Falle, gemeinsam mit einer Neo-Linken, welche aus dieser „Verpflichtung“ exakt jenen Hypermoralismus konstruiert, welcher augenblicklich dabei ist, die Welt von allem Bösen erretten zu wollen.

Herzlichst
Michael Mansion

und hierzu eine Stellungnahme von Hartmut Krauss:

Lieber Michael Mansion,

vielen Dank für die Information.

M.E. muss man grundsätzlich unterscheiden zwischen einem Strukturkonservatismus und einem Wertekonservatismus. Wertkonservativ ist auch eine herrschaftskritisch-emanzipatorische Grundposition,  die sich auf das revolutionäre Sozialerbe insbesondere in Gestalt der Radikalaufklärung sowie auf die Kritik der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft im Anschluss an Marx und Engels bezieht. Das wäre dann so etwas wie ein „progressiver Konservatismus“ in strikter Abgrenzung vom postmodernen (antiaufklärerischen und antimarxistischen) Wahrheits-  und Fortschrittsdefätismus (den Strukturkonservative  wie Rechtsextremisten aus Unverständnis als „links“ missverstehen bzw. fehletikettieren.) De facto aber ist der Postmodernismus die Leitideologie der wertenihilistischen Träger des multikulturalistischen Globalkapitalismus, wie er sich nach der Implosion des „Realsozialismus“ und den damit verbundenen neuen Weltmarktchancen verstärkt herausgebildet hat.

Strukturkonservativ hingegen ist eine Position, die für die Bewahrung/Verteidigung bzw. Wiederherstellung  hierarchischer Sozialstrukturen/Herrschaftsverhältnisse  einschließlich  der diesbezüglichen traditionellen Legitimationsideologien, Menschen- und Geschichtsbilder eintritt. Insofern ist immer auch ein („klasseninterner“) Konflikt zwischen den profitlogischen Erneuerern/neoliberalen “Marktanpassern“ und den strukturkonservativen Abteilungen des westlichen Kapitalismus vorprogrammiert. („Demokraten“ gegen „Republikaner“, EU gegen „Rechtspopulisten“ etc.)

Auffällig ist, dass die Strukturkonservativen immer sehr larmoyant darauf bedacht sind, sich von ihren unehelichen rechtsextremistischen „Kindern“ zu distanzieren, während sie andererseits in ihrer ideologischen Feindbildküche Marx, Engels, Vulgärmarxismus, Stalin, Mao, Pol Pot, die „Kulturmarxisten“, die heterogegen 68er, Claudia Roth, Ralf Stegner, Judith Butler, Angela Merkel etc. hemmungslos in einen Topf werfen.

Beste Grüße

Hartmut Krauss