Zachor – זכור – Wer vergisst wiederholt!

Prof. Dr. Gerhard Amendt

Ein unglaublicher Vergleich! — In DIE PRESSE

Ich empfehle die Lektüre der PRESSE vom 26. Januar 2020.

Und zwar die Seiten 34 bis 37 im Buch LEBEN.

 

Dort werden Passagen einer Autorin mit masochistisch geprägten Beziehungen zu „prügelnden Männern“ umstandslos mit den Texten der Jüdinnen Helga Pollak-Kinsky und Batsheva Dagan sowie der Katholikin redaktionell aneinandergereiht.

Diese Frauen berichten über die Grauen von Theresienstadt, Auschwitz und von Arbeitslagern. Was die Redaktion dazu veranlasst hat, ausgerechnet zum Tag der Befreiung von Auschwitz-Birkenau durch die Sowjetarmee den Bericht einer Autorin mit partnerschaftlichen Gewalterfahrungen mit dem Entsetzen von Shoah-Überlebenden in eine thematische Gemeinsamkeit zu zwingen, kann nur die Redaktion beantworten.

Die „freundlichste“ Antwort auf die Kombination von unvergleichbaren Erfahrungen wäre noch, dass die Redaktion sich nichts dabei gedacht hat. Das wäre schlimm genug, denn es weist auf die Verharmlosung der Shoah hin, indem sie mit gängigen gesellschaftlichen Missverhältnissen gleichsetzt wird. Missverhältnisse, wie sie in allen Gesellschaften und Kulturen in dieser oder jener Ausprägung zu allen Zeiten auftreten. Hier sind es gewalttätig ausgetragene Episoden zwischen Beziehungspartnern und deren Familien. 

Und wie das dieser Tage so üblich ist, argumentiert die geschlagene Autorin mit falschen Daten, die zwanghaft darin enden, dass alle Frauen gefährdet und irgendwann auch Opfer sein werden. Wobei sie offensichtlich umstandslos an ihre eigenen Gewaltepisoden in intimen Beziehungen anknüpft. Sie hat sie als Quasi-Naturereignisse erlebt und nicht als etwas, wogegen sie sich hätte wehren können, zumal sie selber daran mitgewirkt hat. Denn wer gleich mehrmals im Leben sich in „Schläger“ verliebt und nichts daraus lernt, für den hat das Geschlagen werden etwas erotisch Anziehendes, das unwiderstehlich ist und deshalb sogar begehrt wird. 

Nachdem der Leser diese Simplifizierungen hinter sich gebracht und enttäuscht darüber ist, dass auch diese Buchauszüge Frauen abermals nur als Opferkollektiv sich vorstellen kann, fragt man sich schon: Was hat das aber mit Auschwitz, was mit Birkenau oder Bergen-Belsen und was mit der 75. Wiederkehr der Befreiung von Auschwitz-Birkenau durch sowjetische Truppen zu tun? 

Vom Elend haben die drei Überlebende berichtet. Sollen ihre Erfahrungen und ihre Erinnerungen verharmlosend in das Pseudokollektiv der geschlagenen Frauen eingemeindet und dadurch trivialisiert werden?

Bereits in den 80er Jahren wurde Feministen ihr judenfeindlicher Gründungsmythos vorgehalten, nach dem die Urväter des Judentums der Ursprung aller Gewalt – auch der gegen Frauen – seien. Vor allem jüdische Wissenschaftler wie M. Brumlik, I. Korotin, A. Silbermann, J. H. Schoeps, S. Heinen haben diese antisemitische Theorie kritisiert wie sie von C. Mulack, G. Weiler u. a. vertreten wird.

In der Gleichsetzung des individuellen Leids von geschlagenen Frauen mit der kollektiv zugefügten Erniedrigung und Auslöschung im Holocaust wird nahegelegt, dass Frauen heutzutage ebenso dem Terror und alltäglichen Todesdrohungen ausgesetzt seien – wie Juden damals. Und so gipfelte die Verharmlosung auch darin: Frauen seien die Juden von heute! Wer das nahelegt, verharmlost nicht nur die Geschichte, sondern auch das Leid und den massenhaften Tod von Millionen Juden.  

Und so stellt sich bereits die „freundlichste“ Deutung der Redaktionsentscheidung als etwas zutiefst Erschreckendes dar. Die Grauen der Shoah werden geleugnet. Und bereits die Manipulation, wie erinnert werden soll, ist ein Schritt zur Wiederholung, denn die Verharmlosung ist Teil der Leugnung des Holocaust. –