Keine Erzählung aus dem Decamerone

1. März 2020

Dr. Gudrun Eussner

Das Schaf zur Zeit des Coronavirus

Liebe Freunde! Inzwischen bin ich in Personalunion selbst das Schaf!

Das steht heute um 8 Uhr auf und entdeckt, daß es in der Wohnung kein Wasser gibt, nicht in der Küche, nicht im Badezimmer! Schaf ruft seinen Vermieter an und berichtet es ihm. „Ich kümmere mich,“ sagt er, „ich rufe den Klempner an.“

Früher, als das Schaf noch ich und kein Schaf war, hat es Wasser in Flaschen gekauft, Vittel, Evian, aber das macht das Schaf, als es noch ich war, schon lange nicht mehr, ist ihm zu viel Schlepperei, und unser Wasser aus dem Hahn schmeckt gut und ist trinkbar.

Ungeduscht, Zähne ungeputzt, mit trockenem Hals geht das müffelnde Schaf zum Einkaufen.

Aber zuerst wirft es wie üblich, als es noch ich war, seinen Müll in die Container für Haushaltsmüll und für Papier. Da kommt ein Mann, seinen Hund im Arm, wir grüßen uns, der Hund duckt sich, als er des Schafes ansichtig wird, und will zu knurren anfangen, überlegt es sich dann aber anders und schließt die Augen. In gebotenem Abstand blöke ich: „Ich habe in meiner Wohnung kein Wasser. Antwortet er: Wir auch nicht. Die ganze Straße hat kein Wasser.“

Rein in den Supermarkt, unterm Bahnhof, das tägliche Croissant gekauft und schleunigst zwei Flaschen Vittel, eine davon umgehend geköpft, *schluckschluckschluck*. „Aaah,“ blök!

Dekoration in der Poissonnerie

Dann durch den Bahnhofstunnel auf die andere Seite, zum Fischhändler. Auf dessen Tresen liegt wie in der Zeit, als das Schaf noch ich war, körniges Eis, darüber winden sich heute aber nur Girlanden aus Stechpalmen, stachlige Blätter, rote Beeren. Alles aus Kunststoff!

„Gibt es auch Fisch,“ blökt schüchtern das Schaf. „Auch Fisch!“  Die Fischhändlerin holt einen weißen Styroporkasten und hebt eine Scholle empor. Scholle will das Schaf nicht, zu umständlich, und Mehl ist auch nicht im Haus. Ein Stück Kabeljau, aus dem anderen Kasten, tut’s auch.

Zum Fleischer, nebenan! Der empfängt das Schaf mit den Worten: „Guten Tag! In Italien hat es bis Freitagabend mehr als 600 weitere Tote gegeben.“ „Wie geht es Ihnen?“ blökt das Schaf mutig. „Unkraut vergeht nicht,“ lacht er. Es soll morgen die gute ostwestfälische Erbsensuppe geben, wie bei Omma. Dazu braucht es gutes Suppenfleisch und schönen Räucherspeck, in Würfeln.

Das Schaf kommt beim Bäcker vorbei, der geschlossen hat, weil er eigentlich kein gewöhnlicher Bäcker ist, sondern ein für seine Kuchen und Torten berühmter Konditor. Seine Kunstwerke liefert er an Restaurants in Perpignan und Umgebung, die aber alle dicht machen mußten, so daß sich die Arbeit für einige Baguettes und Brote nicht lohnt. Der Supermarkt ist ja da!

Das Schaf zieht tänzelnder Klaue weiter zum Gemüsehändler und besorgt die Zutaten für die Erbsensuppe sowie Obst. An der Kasse blökt es die Gemüsefrau an: „Wir haben bei uns kein Wasser, ich bin ungeduscht und ohne Zähneputzen von zu Hause los!“ Sie hat es schon gehört, daß hinter der Bahn, also, von ihr aus gesehen – von uns aus gesehen ist ihr Laden hinter der Bahn, und wer jemals in einer Stadt groß geworden ist, durch die Bahnschienen führen, mit Unterführung oder mit Brücke, der weiß, daß hinter der Bahn eine andere Welt existiert -, daß hinter der Bahn, bei uns, vor der Bahn, ganze Straßenzüge ohne Wasser sind. „Ihr Armen!“ säuselt sie mitleidig. „Ist morgen geöffnet,“ blökt das Schaf fragend. „Ja, bis Mittag.“  – „Bis morgen!“ – „Dann kommst du aber gewaschen und mit geputzten Zähnen, klar?!“

Zu Hause angekommen, stellt sich heraus, daß es Wasser gibt. Nichts, wie unter die Dusche, Zähne geputzt, dann Teewasser aufgesetzt und gefrühstückt. Dabei den französischen Sender LCI eingeschaltet, ob sie schon so weit sind, daß Alte gar nicht mehr raus dürfen. Dann, grummelt das Schaf vor sich hin, wäre es besser gewesen, im Kochtopf oder am Spieß geendet zu sein.

So, wie’s aussieht, dürfen auch die Alten weiter raus, also einen anderen Sender zur Unterhaltung beim Frühstück geschaut. Auf HR gibt es die Wiederholung der gestrigen Folge der Sendung „3nach9„, die sich versteht als „Unterhaltung zum Mitdenken„. Das Schaf hat solches noch niemals vorher eingeschaltet, Corona macht’s möglich. Da tritt ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo auf, der „Medienmacher“ mit den zwei Staatsbürgerschaften, der sich bei Günter Jauch, 2014, brüstet, bei den Wahlen zum EU-Parlament doppelt abgestimmt zu haben.

Ko-Moderatorin ist Judith Rakers, aus Paderborn. Die Ostwestfalen haben zum Glück außer Oliver Welke, aus dem Harsewinkel, doch noch etwas hingekriegt. Hanns-Joachim Friedrichs, Abitur in meiner Heimatstadt Herford, ist schon lange tot – und sein berühmter Spruch vom Journalisten, der sich mit keiner Sache gemein machen sollte, auch nicht mit einer guten, ist im Staatsfernsehen DDR1 und DDR2 in fast allen Formaten längst in die Tonne getreten.

„Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.“

Es gibt heuer Haltungsjournalisten wie Stefan Fries und Anja Reschke, die behaupten, das hätte Hanns-Joachim-Friedrichs nicht so gemeint, und sie bieten dazu als Beweis seine einleitenden Sätze zu einem Song von Udo Jürgens, der darin Kritik an der Sexualmoral der katholischen Kirche übt. Diese Behauptung hat nur einen Haken: Hanns-Joachim Friedrichs ist da nicht in der Rolle des Journalisten, sondern als Künstler, der seine Meinung äußert.

Was soll ich blöken? Die Sendung „Diskussion über das Coronavirus“, mit den Gästen Tiertrainerin Anne Krüger-Degener, Mediziner und Gesundheitswissenschaftler Prof. Dr. Dr. Eckhard Nagel, Mediziner und Philosoph!, mit dem Kabarettisten Florian Schroeder, dem Journalisten Carlo von Tiedemann und dem Erfahrungsexperten für Resilienz Marc Wallert ist wider Erwarten des Schafes sehr unterhaltsam, humorvoll, lehrreich und vor allem aufbauend.

Ausgewähltes Publikum zum Klatschen an der richtigen Stelle gibt es keines, man muß sich nicht darüber ärgern, die Runde witzelt über den Abstand den alle voneinander halten, das Urgestein des NDR Carlo von Tiedemann, nächstes Jahr 50. Jubiläum, freut sich, endlich mal wieder einen „Knochen“ in Händen zu halten. „Knochen“ nennt man in seinen Kreisen das Mikrofon, das man in die Hand gedrückt kriegt, heute abgelöst von den kaum sichtbaren Klips.

Leider ist gen Ende der Sendung ein Bemoll zu beklagen; da meint nämlich Florian Schroeder einmal mehr, seine Begeisterung für Angela Merkels Regierung artikulieren zu müssen, diesmal, in dem er behauptet, sie hätte die Corona-Pandemie hervorragend gemanagt. Ist wirklich wahr! Zum Glück kommt das zum Schluß, und das Schaf haut mit seiner Klaue auf den Knopf zum Ausschalten.

Menschen und Schafe können die Sendung vom Rotfunk Bremen in der Mediathek ansehen.

Blök!
Euer Schaf,
noch Corona-verschont,
weil es sich trotz hin und wieder trockenen Wasserhähnen
immer brav wäscht!

https://de.wikipedia.org/wiki/Decamerone

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