Machen Kinder glücklich?

Bernhard Lassahn

Gerade wurde zu später Stunde eine Talkshow wiederholt –

aus dem Jahre 2006, wenn ich mich recht erinnere:

Machen Kinder glücklich?

„So hieß die Fragestellung bei der Talkshow Nachtcafé, zu der ich eingeladen war. Mir kam die Frage überflüssig vor, als wüsste sowieso jeder, wie das ist: Man kann sich unbeschreiblich an Kindern erfreuen, sie können allerdings auch eine ziemliche Belastung sein. Dass es das Glück ist, merkt man erst, wenn es vorbei ist – im Rückblick.

Ich wollte eigentlich sagen, dass es nicht die Aufgabe von Kindern ist, andere glücklich zu machen, doch ich bin nicht dazu gekommen und es wäre auch keine passende Antwort gewesen. Ich hätte auch Peter Handke zitieren können, der, als er als alleinerziehender Vater lebte, sagte, dass »die einzige gültige Wirklichkeit« die »mit einem Kind« ist und in der Kindergeschichte schreibt: »Sind Kinder allen Menschen doch die Seele. Wer dies nicht erfuhr, der leidet zwar geringer, doch sein Wohlsein ist verfehltes Glück.« Das hätte gut zum Thema gepasst.

Immerhin ist mir spontan der Spruch eingefallen: »Die Stunde der Väter kommt später«. Zuerst kommt die Mutter. Die Nähe zur Mutter ist – gerade in der ersten Zeit – überwältigend. Doch es würde täuschen, davon ausgehend auf eine mangelnde Liebe bei den Vätern zu schließen. Väter sind anders, sie handeln strategisch und nicht taktisch, sie sind Langstreckenläufer, keine Sprinter.

Das Beste fällt einem sowieso erst ein, wenn es zu spät ist. Inzwischen weiß ich, was ich hätte sagen sollen: Es kommt nicht darauf an, ob Kinder einen glücklich machen oder nicht, denn es gibt etwas Besseres als Glück. Das können nur Kinder geben. Was ist das? Ein Hauch von Ewigkeit. Ein winziger Anteil an der Unendlichkeit.“

So heißt es in dem neuen Buch

„Frau ohne Welt“, Band 3, Der Krieg gegen die Zukunft.

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Manuscriptum.

Dazu meint wiederum Jordan Peterson:

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Glück ohne Kinder – wollen Sie das wirklich?

Eine Kolumne von Jordan B. Peterson Deutsch von Bernhard Lassahn

Wieviel Ärger möchten Sie nicht haben? Das scheint eine seltsame Frage zu sein. Denn in Wahrheit wollen Sie sich an etwas messen, Sie wollen sich beweisen. Sie möchten echte Probleme haben. Sie wollen nicht im Bett liegen und sich die gebratenen Tauben in den Mund fliegen lassen und so tun, als wären damit alle Probleme gelöst.

Nein, Sie möchten es viel lieber mit Schwierigkeiten zu tun haben, die Sie überwinden können, und sich ernsthaften Herausforderungen stellen. Sie wollen lieber etwas vor sich haben, das es zu überwinden gilt; etwas, woran Sie wachsen können, um Teil einer großartigen Unternehmung zu sein.

So geht es einem zum Beispiel, wenn man Kinder hat. Die psychologische Literatur zu diesem Thema ist eindeutig. Wenn man Vergleiche anstellt und in verschiedenen Lebensphasen Leute, die Kinder haben, vergleicht mit denen, die keine haben, dann stellt sich schnell heraus, daß die Kinderlosen glücklicher sind.

Nun neigen Psychologen dazu, etwas in den falschen Hals zu kriegen, selbst dann, wenn sie – wie in diesem Fall – eine intelligente Entdeckung gemacht haben. Sie ziehen dann vorschnell den Trugschluß – weil ja Glück unangefochten das oberste Ziel sein soll –, daß an Kindern etwas dran ist, das einen unglücklich macht und deshalb nicht gut für einen ist.

Aber vielleicht stimmt hier etwas mit der Metrik nicht. Natür- lich ist man weniger glücklich, wenn man Kinder hat, weil man dann auch mehr Sorgen hat. Meine Nachbarin, eine recht kluge Frau, sagte einmal zu mir: »Du kannst immer nur so glücklich sein wie dein unglücklichstes Kind.« Das fand ich sehr treffend.

Wenn es nun stimmt, daß Kinder einen nicht glücklich machen, dann heißt die Konsequenz aber nicht, daß man keine Kinder bekommen sollte. Vielmehr sollte man dann seinen Begriff von Glück überdenken und sich von einer trivialen Vorstellung trennen. Das wäre der richtige Weg. Denn es hat etwas Nobles, ein hochgestecktes Ziel zu verfolgen.

Das macht einen verantwortlich. Du hältst ein Baby in den Händen und denkst, besonders wenn du das zum ersten Mal erlebst: Was um alles in der Welt soll ich jetzt damit anfangen? Auf einmal bist du für den Rest deines Lebens erledigt. Auf einmal schläfst du schlecht, weil du dich um die Kreatur sorgst, um die du dich zu kümmern hast. Immer wieder fragst du dich: Was bist du überhaupt wert, wenn du das jetzt – oder etwas, das vergleichbar schwierig ist – nicht schaffst?! Wenn man dir so eine Verantwortung noch nicht aufgeladen hat, bist du noch nicht richtig herausgefordert worden.

Nichts gegen das Glück! Freu’ dich, wenn es dir einen kleinen Besuch abstattet. Aber die Vorstellung, daß es das sei, das man anstreben soll, verrät eine äußerst laxe Einstellung zum Leben. Von wegen. Man lebt nicht nur, um glücklich zu sein.

Sonst wärst du geliefert, sobald dir etwas Furchtbares zustößt. Du bekommst plötzlich die Diagnose »Krebs«. Was ist dann mit deiner Vorstellung vom Glück als oberstem Lebensziel? Vielleicht trifft es dich nicht direkt. Vielleicht trifft es deinen Vater, der Alzheimer hat oder eine andere furchtbare Krankheit. Es gibt selten jemanden, der nicht wenigstens eine Katastrophe erlebt, die jemand in seiner unmittelbaren Nähe erleiden muß.

Von wegen, das Leben soll einen glücklich machen. Das ist einfach nicht wahr. Soviel können wir auch aus der Heiligen Schrift herauslesen. Da steht nirgendwo geschrieben, daß unser Ziel das Glück sei. Gott ist vollkommen einverstanden damit, den Menschen, mit denen er einen imaginären Bund eingegangen ist, Glück und Wohlstand zu gewähren, aber es steht nirgendwo geschrieben, daß das der Sinn des Lebens sei.

Die Spielregel lautet in etwa so: Strebe ein möglichst hohes Gut an, reiß dich zusammen und bemühe dich, so gut du kannst. Deine Hingabe an ein hohes Ideal kann dir ein Schutzschild sein, das dich durch katastrophale Zeiten geleitet. Das ist jedenfalls eine sehr viel reifere Art, die Dinge zu sehen.

Man muß die Augen nur halbwegs geöffnet haben, um zu er- kennen, daß die fundamentale Wirklichkeit des Lebens im Leiden liegt – und in der Tragik. Das heißt jedoch nicht, daß das Leben damit unerträglich wäre und oder daß es etwas ist, das es besser gar nicht erst geben sollte.

Es heißt nur, daß du bereit sein mußt, dich dem Leiden und der Tragik zu stellen.

Die Voraussetzung ist, daß du bereit bist, Verantwortung für dich und für andere zu übernehmen. Wenn du das einigermaßen hinkriegst, kannst du vielleicht hier und da ein wenig Glück erleben. Dann wird dir vielleicht am Ende des Tages eine halbe Stunde geschenkt, in der dein Gewissen rein ist und nichts anliegt, das dringend getan werden muß. Dann kannst du dich entspannen und denken, »So wie es gerade ist, so ist es gut. Gott sei Dank.« Dann, vielleicht, bist du glücklich.

Jordan B. Peterson, geb. 1962 in Edmonton, ist kanadischer Psychologe und lehrt an der Universität Toronto. In der New York Times wurde er 2018 als der aktuell einflußreichste Intellektuelle der westlichen Welt bezeichnet. Seine Youtube-Videos haben bislang über 40 Millionen Zuschauer gesehen. 2018 erschien von ihm 12 Rules for Life. Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt.

Bernhard Lassahn, geb. 1951 in Coswig, ist Schriftsteller und wurde u. a. mit seinen Geschichten von »Käpt’n Blaubär« bekannt. 2014 erschien von ihm Frau ohne Welt. Trilogie zur Rettung der Liebe, Teil 2. Inzwischen gibt es den dritten Teil.

Aus Cato 4/2019

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