Medienspiegel

77 tote Ärzte, und in Deutschland wird über Schutzkleidung gestritten

Ärzte als Opfer der Virenlast [neue Studien]

Zwischen Roberto Stella und Federico Vertemati liegen knapp 20 Tage. Roberto Stella war der erste italienische Arzt, der am 11. März an COVID-19 verstorben ist, Frederico Vertemati ist der bislang letzte Arzt, der an COVID-19 gestorben ist. Die Liste der italienischen Ärzte, die an COVID-19 gestorben sind, umfasst mittlerweile 77 Namen, darunter 40 Ärzte aus Kliniken, die im direkten Kontakt mit schwer an COVID-19 Erkrankten waren.

Nach den Angaben des Istituto Superiore di Sanità befinden sich derzeit 11.252 Ärzte oder Pfleger unter den 112.401 positiv auf COVID-19 Getesteten. Dies entspricht in etwa dem, was aus China bekannt ist. Dort waren rund 10% der positiv auf COVID-19 Getesteten Ärzte oder Pfleger. Die hohe Zahl der Infektionen unter Ärzten und Pflegern muss vor dem Hintergrund der vielen Schichten von Schutzkleidung, die im Kontakt mit schwer an COVID-19 Erkrankten getragen wird, erstaunen, jedenfalls auf den ersten Blick.

Auf den zweiten Blick ist die Frage falsch gestellt. Sie lautet nicht: Wieso infizieren sich Ärzte und Pfleger, obwohl sie Schutzkleidung tragen, sie muss lauten: Wie viele Ärzte und Pfleger hätten sich infiziert, wenn sie keine Schutzkleidung getragen hätten?

Und damit sind wir beim neuesten Fiasko aus dem Land der perfekten Organisation, in dem so gut wie niemand an COVID-19 stirbt und “die Chefin” alles im Griff hat, wie man bei der ARD suggerieren will: Schutzkleidung. Dieselbe ist so knapp, dass selbst die ARD-Tagesschau nicht anders kann als darüber zu berichten.

“”Zum jetzigen Zeitpunkt, wo wir den Mangel weltweit haben, können wir ja jetzt schlechterdings nicht sagen ‘Die ganze Bevölkerung soll medizinische Schutzmasken tragen’, wo wir nicht mal für Pflegekräfte und Ärzte ausreichend haben”, erklärt Gesundheitsminister Jens Spahn – und benennt damit auch gleich das Problem: Ausgerechnet für diejenigen, die den größten Risiken ausgesetzt sind, nämlich Ärzte und Pflegekräfte, mangelt es an Masken, an Brillen, an Kitteln.

Auch der Deutsche Städtetag tat seine Sorge über fehlende Ausrüstung, etwa in Kliniken, Praxen und Pflegeinrichtungen, kund. Laut Berechnungen des Robert Koch-Instituts haben sich bereits 2300 Krankenhaus-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert.”

Daten vom 3. April.

Damit ist auch klar, warum die ganze Zeit in Deutschland vom Tragen von Masken abgeraten wird: Es sind nicht genug Masken für alle da. Deshalb wird erzählt, es sei nicht sicher, ob Masken schützen oder nicht. Dass Masken einen Schutz vor Infektion bieten, ist so offenkundig, dass man sich eigentlich fragt, wer hier nicht alle Tassen im Schrank hat, derjenige, der erzählen will, Masken würden keinen Schutz bieten oder derjenige, der das glaubt oder beide. Wer die Gründe dafür, sich eine Maske zuzulegen, wissen will, wir haben sie hier zusammengestellt.

Natürlich sind Masken nicht weltweit knapp. In Taiwan gibt es ebenso wie in China und Hongkong und Singapur ausreichend Masken, zumeist so viele, dass die Bevölkerung mit mehreren pro Person versorgt werden kann. Dass dem so ist, liegt daran, dass vorgesorgt wurde, während man sich in Deutschland darauf verlegt hat, den Mangel, der aus nicht vorhandener Vorsorge entstanden ist, zu verwalten und die Schuld für den Mangel, hin und her und her und hin zu schieben.

So ist Peter Altmaier, der den deutschen Wirtschaftsminister mimt, der Ansicht, man könne ihn nicht dafür kritisieren, dass in Deutschland nicht ausreichend Schutzkleidung und Masken vorhanden seien: “Altmaier lässt das [die Kritik] zurückweisen: Die Federführung bei der zentralen Beschaffung von Schutzkleidung liege im Gesundheits- und Innenministerium, heißt es aus seinem Haus.” Im gemeinsamen Regierungshaus herrscht strikte Trennung, wenn es darum geht, die Schuld zu verteilen. Schuld sind demnach Jens Spahn, das kann man nachvollziehen und Horst Seehofer, nicht Peter Altmaier. Eine wichtige Erkenntnis, die zwar nichts daran ändert, dass Masken und Schutzbekleidung fehlen, aber ganz klar macht: Peter Altmaier hat mit all dem Mangel nichts zu tun.

Die neue Posse der Planungswunder aus Deutschland könnte erheitern, würde sich nicht auf dem Rücken von Ärzten und all denen ausgetragen, die in direktem Kontakt mit COVID-19-Patienten sind und ohne adäquate Schutzkleiderung ihre Gesundheit, und wie die oben verlinkte Liste zeigt, ihr Leben riskieren. Das gilt nicht nur für Ärzte, die in Krankenhäusern tätig sind. Das gilt auch für Allgemeinmediziner, die der erste Anlaufpunkt für Verdachtsfälle sind und für Zahnärzte, die quasi der Virenfabrik im Rachen eines mit COVID-19 Infizierten am nähsten kommen.



Wie wichtig Schutzkleidung ist, das kann man anhand von zwei neuen Arbeiten einer Forschergruppe um Kelvin Kai-Wang (2020) und Yang Liu (2020) aus Hongkong deutlich machen. Die beiden Forschergruppen haben sich mit der Virenlast befasst, was man grob als die Menge von Viren, die ein Infizierter aushustet, bezeichnen kann. Die Virenlast variiert nicht nur mit einer Erkrankung, sie steht auch im Verdacht, mit der Schwere einer Erkrankung in Verbindung zu stehen: Je mehr SARS-CoV-2-Viren ein Mensch aufnimmt, desto höher ist sein Risiko, schwer an COVID-19 zu erkranken.

Kelvin Kai-Wang et al. (2020) haben auf Basis von 30 Patienten, die eine milde und eine schwere COVID-19 Erkrankung durch- und überlebt haben, untersucht, wann die Virenlast, die ein Erkrankter an seine Umgebung abgibt, am höchsten ist. Sie sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Virenlast zu Beginn der Infektion, wenn Patienten noch asymptomatisch sind oder die ersten Symptome zeigen, am höchsten ist. Im Verlauf der Erkrankung wird die Virenlast dann geringer. Was jedoch nicht bedeutet, dass die Virenlast vernachlässigbar ist, schon weil es einen erheblichen Unterschied zwischen Patienten mit milder und schwerer COVID-19-Erkrankung gibt. Hier setzt nun die Studie von Liu et al. (2020) an, die auf Daten für 76 Patienten, 46 mit milder und 30 mit schwerer COVID-19 Erkrankung, basiert. Als schwer erkrankt werden Patienten klassifiziert, die beatmet werden müssen, deren Sauerstoffsaturation des Blutes bei weniger als 93% liegt, die Kurzatmig sind (mehr als 30 Mal pro Minute Luft schnappen), die Atemschwierigkeiten, Atemstillstand oder einen septischen Schock erlitten haben und eine invasive Form der mechanischen Beatmung als Folge notwendig hatten. Die Virenlast, die diese schwer erkrankten Patienten abgeben, ist um das 60fache höher als die Virenlast, die Patienten mit milder Erkrankung abgeben. Das zeigt, wie wichtig Masken zum Schutz von Ärzten und Pflegern sind, und zwar nicht nur die Masken, die sie selbst tragen, sondern auch die Masken, die Patienten tragen, um die freie Verteilung von SARS-CoV-2 zu verhindern.

Fazit:
Allgemeinmediziner und Zahnärzte, die asymptomatische Patienten mit COVID-19 oder solche mit ersten, noch nicht COVID-19 zugeordneten Symptomen behandeln, sind besonders gefährdet, weil in dieser Phase der Erkrankung die Virenlast, die ein Infizierter an seine Umgebung abgibt, am höchsten ist.

Ärzte und Pfleger in Krankenhäusern, die mit schwer an COVID-19 Erkrankten konfrontiert sind, sind besonders gefährdet, weil die Virenlast, die schwer Erkrankte abgeben, viel höher ist, als die Virenlast, die Patienten mit milder Erkrankung abgeben.

Wenn in Deutschland nicht ausreichend Masken und Schutzkleidung für Ärzte, in- und außerhalb von Krankenhäusern, für Pfleger in- und außerhalb von Krankenhäusern zur Verfügung stehen, dann ist dies nicht nur das Ergebnis von Misswirtschaft und Schlamperei, es ist auch eine Form des Euthanasie-Lottos, in dem Ärzte und Pfleger dann jeden Tag mit der Gewissheit, eine wegen dieses Mangels erheblich reduzierte Überlebenswahrscheinlichkeit zu haben, ihren Dienst antreten müssen.

Es kommt selten vor, dass das, was Politdarsteller nicht tun, die Bevölkerung gefährdet oder konkret schädigt. Normalerweise schädigen Politdarsteller die Bevölkerung durch das, was sie tun und beschließen. Die Gefährdung von Ärzten und Pflegern durch Politdarsteller ist eine Ausnahme. Hier hätte man sich ausnahmsweise einmal einen Politdarsteller mit Entschlusskraft und mittlerer Weitsicht gewünscht, zugegeben, eine sehr seltene Spezies, aber es gibt sie, es gibt sie in Taiwan, in Hongkong, in Singapur, …



Fakten zu SARS-CoV-2/COVID-19:

Kommentar GB:

Hierzu ergänzend aus den heutigen Nachdenkseiten:

„7. Krankenschwester – “Ich will nicht infiziert sein und arbeiten müssen”
Nina Böhmer muss Mundschutz und Kittel mehrfach benutzen und soll auch dann pflegen, wenn sie infiziert ist. Die Krankenschwester fordert mehr als nur ein Danke.
Die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts für das Krankenhauspersonal wurden angepasst: “Medizinisches Personal muss künftig nach Kontakt zu COVID-19-Erkrankten nicht mehr so lange in Quarantäne und darf bei dringendem Bedarf in Klinik oder Praxis arbeiten, solange keine Symptome auftreten”, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler. Hier erzählt die 28-jährige Krankenschwester Nina Böhmer aus Berlin, welche Sorgen ihr das bereitet und weshalb ihr Danksagungen nur wenig helfen.
Quelle: ZEIT

Anmerkung Jens Berger: Der Umgang dieser Gesellschaft mit dem Pflegepersonal ist – Sonntagsreden der Politik hin, Applaus her – ein einziger Skandal. Was ist eigentlich aus Jens Spahns Versprechen geworden, ausreichend Masken zu bersorgen? Frankreich hat in China erst einmal eine Milliarde Masken vertraglich geordert, die deutschen Angebote waren offenbar nicht gut genug. Warum gibt es eigentlich noch keine Rücktrittsforderungen gegen Spahn? Er hat seit Beginn der Corona-Krise auf ganzer Ebene versagt.“

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