Nach wie vor fehlen sichere Masken und die App

Corona: Was kaum zu verzeihen ist

Montag, 27. April 2020

Ulrich Horn

Hierzulande hat die Corona-Pandemie Besorgnisse geweckt, aber keine Panik ausgelöst. Dabei gibt es Grund genug, mehr als nur besorgt zu sein. Seit drei Monaten ist bekannt, dass vom Corona-Virus große Gefahr ausgeht. Doch bis heute gelingt es den 17 deutschen Regierungen, den 17 Gesundheits- und 17 Wirtschaftsministern, ihren Verwaltungen und der deutschen Wirtschaft nicht, den Bedarf an sicheren Schutzmasken zu decken.

Kein ausreichender Schutz


Ob es an Trägheit, Dummheit oder Hilflosigkeit liegt: Dass Europas stärkste Wirtschaftsmacht die Massenfertigung der Schutzmaske, eines Cent-Produkts, über Wochen nicht zustande bringt – diesen Skandal nehmen die Bürger erstaunlich gelassen hin.

Dabei war dieses Defizit einer der Gründe, warum die Regierungen in Bund und Ländern das öffentliche Leben und die Wirtschaft rigoros abwürgten, – eine Maßnahme, die viele Menschen in große Bedrängnis brachte. Mit ausreichenden Schutzvorkehrungen wäre der  „Shutdown“ in diesem Ausmaß wohl nicht nötig gewesen.

Ab heute herrscht Maskenpflicht. Dass offizielle Stellen zunächst abrieten, Masken zu tragen, ist nur mit ihrem Mangel zu erklären. Die Regierungen konnten zu Beginn der Krise Masken nicht vorschreiben, wie es geboten ist, weil kaum welche verfügbar waren.

Äußerste Vorsicht geboten

Wenn CDU-Gesundheitsminister Spahn sagt: „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen“ , dann gewiss auch dies: dass versäumt wurde, den Mangel an Masken rasch zu beheben. Dass versäumt wurde, die App schnell einzuführen, die in Asien gegen die Pandemie gute Dienste leistet. Dass auch versäumt wurde, Konsequenzen aus dem Gutachten zu ziehen, das der Bundestag zum Thema Pandemie 2013 veröffentlichte. Diese drei Unterlassungssünden haben viele Leben gekostet – und, nebenbei gesagt, jede Menge Geld.

Der Mangel an Schutzmaterial wird abnehmen, aber den Umgang mit der Pandemie weiterhin prägen. Die Beschränkungen können nur behutsam gelockert werden. Selbst kleinste Schritte müssen mit großen Mahnungen begleitet werden. Äußerste Vorsicht ist geboten, denn nach wie vor fehlen die App und anderes Schutzmittel.

Man muss es sich vor Augen führen: In der hoch entwickelten deutschen Volkswirtschaft  schreiben Politiker den Gesichtsschutz vor – und empfehlen den Bürgern, ihn sich selber zu basteln oder sich einen Schal vor das Gesicht zu halten – wohl wissend, dass dieser Schutz seinen Träger vor dem Virus gar nicht schützt. Das ist mehr als nur kurios oder bizarr. In den Umfragen bewertet die Mehrheit der Bürger die Arbeit der Regierungen positiv. Dieses Urteil ist nur zu verstehen als Ausdruck großherzigen Verzeihens. – Ulrich Horn

Kommentar GB:

In einem würde ich Ulrich Horn widersprechen: meine einfache Gesichtsmaske schützt zwar die anderen ggf. vor mir, aber umgekehrt gilt dasselbe, und deswegen ist das Tragen solcher Masken sehr wohl mit einer Verringerung eines Ansteckungsrisikos verbunden. –

Man muß nachdrücklich darauf hinweisen, daß eine qualitativ bemerkenswert treffsichere Risiokoanalyse aus dem Jahre 2012 vorlag, sowohl der Regierung wie dem Bundestag. An Vorsorge auf dieser Grundlage ist exakt geschehen: nichts, gar nichts.

Ein schwerwiegendes Versäumnis!

Herr Bahr (FDP) hatte nur ein Jahr Zeit dafür, Herr Gröhe (CDU) immerhin fünf Jahre, und seither ist Herr Spahn (CDU) im Amt. Also hatte schon vor Herrn Spahn vor allem Herr Gröhe alle Zeit der Welt, das Land und das Gesundheitswesen auf dieses Risiko angemessen vorzubereiten, aber auch Herr Spahn hätte noch rechtzeitig tätig werden können.

Offenbar wurde das bekannte Pandemierisiko aber schlicht ignoriert.

WARUM?

Ein Grund liegt vermutlich in der außerpolitischen Qualifikation der Gesundheitsminister. Sobald Probleme anstehen, deren Verständnis und Beurteilung eine biologische oder genauer eine medizinische Fachqualifikation erfordern, wäre es sicher wünschenswert – oder richtiger nötig, daß entsprechend qualifiziertes Personal ins Amt käme, und nicht irgendwelche Politiker. Dieses Problem liegt bei den Parteien, deren Aufgabe die Auswahl und Bereitstellung von wirklich geeignetem, also politisch  u n d  fachlich geeignetem Personal für Spitzenposten wäre.

Bei dieser zentral wichtigen Aufgabe leisten sie nicht selten nicht das, was erwartet werden muß. Das Realitätsprinzip in Gestalt der Corona-Pandemie macht alle diese Mängel auf dem Feld der Gesundheitspolitik schlaglichtartig sichtbar.

Man kann übrigens sicher sein, daß es auf anderen Politikfeldern weitere vergleichbare Mängel dieser Art gibt.