Coronavirus: Epidemische Lage von nationaler Tragweite?

Ein Artikel von: Redaktion

„Die Bundesregierung und ihre Berater predigen gebetsmühlenartig: „Wir stehen erst am Anfang der Epidemie.“ Sie tun dies, obwohl seit Wochen ein anhaltender Rückgang bei den gemeldeten Zahlen an Neuansteckungen erkennbar ist. Dieser begann wahrscheinlich bereits vor dem verhängten Lockdown.

Für den früheren Vorsitzenden der Europäischen Region des Internationalen Verbands der Epidemiologen, Ulrich Keil, zeigt sich hier ein saisontypisches Phänomen. Nach epidemiologischen Studien klingen Coronaviruswellen im April ab. Im Interview mit den NachDenkSeiten meldet er Zweifel an, dass es mit SARS-CoV-2 diesmal ganz anders kommt.

Mit ihm sprach Ralf Wurzbacher.

Zur Person: Ulrich Keil, Jahrgang 1943, war Direktor des Instituts für Epidemiologie und Sozialmedizin der Universität Münster, arbeitete über Jahrzehnte als Berater der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und fungierte bis 2002 als Vorsitzender der Europäischen Region der International Epidemiological Association (IEA), des Weltverbands der Epidemiologen.


Herr Keil, die mangelnde Aussagekraft der vom Robert Koch-Institut (RKI) täglich veröffentlichten Fallzahlen der positiv auf das SARS-CoV-2-Virus Getesteten ist auf den NachDenkSeiten wiederholt problematisiert worden (vgl. z. B hier und hier). Nun gehen diese Zahlen seit mehreren Wochen tendenziell nach unten und bewegen sich inzwischen stabil unter dem Niveau von 2.000. Am Samstag zählte das RKI sogar erstmals unter 1.000 Fälle, wobei die fraglichen Neuinfektionen mitunter schon vor zwei Wochen erfolgten. Wie interpretieren Sie als Epidemiologe diesen Verlauf?“ (…)

Coronavirus: Epidemische Lage von nationaler Tragweite?

Kommentar GB:

Insgesamt sehr, sehr lesenswert!

Aus gesundheitspolitischen und methodischen Gründen ist die folgende Passage besonders hervorzuheben:

(…) „Wir sind eine Gruppe von Experten, die die Schweinegrippe vor zehn Jahren aufgearbeitet hat. Dazu gehören unter anderem Mitglieder der AG Gesundheitswesen von Transparency International Deutschland e.V. Wir haben schon beim Fehlalarm der Schweinegrippe 2009/2010 eindringlich auf die Notwendigkeit einer bevölkerungsbezogenen Infektionsepidemiologie auf der Basis von regelmäßigen Zufallsstichproben-untersuchungen hingewiesen. Ein verlässliches Bild gewinnen wir nur mit diesen institutionalisierten Zufallsstichprobenuntersuchungen, wie man das etwa vom Mikrozensus kennt. (Vgl. hierzu zwei Papiere aus dem European Journal of Epidemiology von 2011. link.springer.com/article/10.1007/s10654-011-9575-4 & link.springer.com/article/10.1007/s10654-011-9573-6)“ (…) (Hervorhebung GB)