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Die Zerstörung der Geistes- und Sozialwissenschaften: Lage und Ausblick

(…) „Neoliberale Ideologie lehnt den klassischen Bildungsbegriff ab und geht stattdessen von einem Bildungsverständnis aus, das diese ganz auf berufliche Qualifikation reduziert. Der auf dieser Ideologie beruhende Bologna-Prozess hat den Geistes- und Sozialwissenschaften schweren Schaden zugefügt, weil sie nicht länger einen Raum darstellen, in dem junge Menschen, die über die nötigen geistigen Anlagen und Voraussetzungen verfügen, sich in eigener Verantwortung unter der Führung von Mentoren mit den besten Gedanken der abendländischen Tradition auseinandersetzen, um daran zu wachsen und zu Trägern dieser Tradition und ihres Erbes zu werden. Die neoliberale Universität ähnelt im Gegensatz dazu einer Massenschule, an der als unfrei verstandene Menschen durch enge inhaltliche Vorhaben und ständige Prüfungen auf die möglichst reibungslose Integration in wirtschaftliche Prozesse vorbereitet werden sollen. Der Historiker Andreas Rödder sprach in diesem Zusammenhang 2019 von einer „Konformisierung der Universitäten durch die Reformen im frühen 21. Jahrhundert“. Die Umgestaltung von Universitäten nach dem Vorbild von Unternehmen sei damit verbunden, dass die Leistung von Wissenschaftlern auch an den von ihnen eingeworbenen Forschungsgeldern bemessen werde. In den Geistes- und Sozialwissenschaften handele es sich dabei aber vor allem um staatliche Mittel. Dies erzeuge hohen politischen Konformitätsdruck.“ (…) „Großen Schaden haben den Geistes- und Sozialwissenschaften auch postmoderne Ideologien zugefügt. Der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht analysierte 2020 am Beispiel der sogenannten „Postcolonial Studies“ die fortschreitende Zerstörung der Geistes- und Sozialwissenschaften durch diese Ideologien bzw. durch den Poststrukturalismus, der die Möglichkeit der Erkenntnis von Wahrheit grundsätzlich ablehnt:“ (…)

Die Zerstörung der Geistes- und Sozialwissenschaften: Lage und Ausblick

 

Kommentar GB:

Ein ausgezeichneter, wichtiger, wirklich sehr lesens- und diskussionswürdiger Artikel, insbesondere für alle diejenigen, die mit den Hochschulen direkt zu tun haben!

Ich verweise ergänzend auf :

Prof. Dr. rer. oec. Günter Buchholz

Die Zukunft der Hochschulen

Politische Ökonomie der Hochschulpolitik in der Ära des Finanzmarkt-Kapitalismus

(2007)

Das deutsche Bildungssystem – Hochschulen und Schulen – befindet sich seit Beginn der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts in einem von den ökonomischen und politischen Eliten gewollten Transformationsprozess. Das bisher staatliche Hochschulsystem verliert dabei schrittweise seinen Charakter als Öffentliches Gut und entwickelt sich hin zu einem formell halbstaatlichen Teilsystem unter indirekter Kontrolle der privaten Wirtschaft. Für diese Umgestaltung wird es nach dem Vorbild der privaten Wettbewerbswirtschaft reorganisiert, ökonomisch rationalisiert und technokratisch gesteuert. Zugleich wird es einer internen Partizipation wie einer externen parlamentarischen Kontrolle unterzogen.

https://www.wiwi-online.de/Literatur/Fachartikel/361/Die+Zukunft+der+Hochschulen