Caspar Hirschi: „Kosmopolitischer Liberalismus“ als Treiber gesellschaftlicher und politischer Auflösungsprozesse

„Der Historiker Caspar Hirschi lehrt an der Universität St. Gallen in der Schweiz. In der Neuen Zürcher Zeitung analysiert er den zunehmenden Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts und die Erosion der Demokratie in westlichen Gesellschaften. Als wesentlichen Treiber dieser Entwicklung betrachtet er den “kosmopolitischen Liberalismus” der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Eliten.

Hirschi bezieht sich auf eine Studie der Politikwissenschaftler Ronald Inglehart und Pippa Norris, denen zufolge das Erstarken alternativer Parteien in Europa in erster Linie nicht die Folge sozialer Entwicklungen darstelle, sondern eine Reaktion auf die kulturelle Entfernung der erwähnten Eliten von den jeweiligen Bevölkerungen sei.

Die Skepsis gegenüber diesen Eliten, die hinter dem als “Populismus” bezeichneten Phänomen stehe, sei dabei häufig begründet und nicht als Ausdruck von verzerrter Wahrnehmung abzutun:“ (…)

„Der von Hirschi zur Korrektur dieser Entwicklung geforderte Elitenaustausch ist jedoch mittelfristig nicht absehbar, weil diese Entwicklungen letztlich kulturelle Ursachen haben und gleichzeitig nicht mehr ausreichend kulturelle Substanz vorhanden ist, die eine am Gemeinwohl orientierte Elite hervorbringen könnte. Populistische Parteien sprechen zwar einige der krisenhaften Tendenzen in westlichen Gesellschaften und ihre Symptome an, verfügen aber fast durchgängig nicht über eine kulturelle Vision und langfristig wirksame Konzepte zu ihrer Überwindung oder auch nur ein Verständnis der kulturellen Ursachen der von ihnen zum Teil erkannten Krisensymptome.

Zur Korrektur der angesprochenen Entwicklungen wäre daher zunächst die Erneuerung kultureller Substanz erforderlich, um eine hinreichend kompetente Elite mit einer solchen Vision zu erzeugen. Da dies jedoch allenfalls langfristig gelingen könnte, ist das durch den Soziologen Wolfgang Streeck beschriebene Szenario wahrscheinlicher. Dieser geht davon aus, dass die beobachteten Auflösungsprozesse mit immer größerer Polarisierung und immer stärkerer Erosion der politischen Ordnung verbunden sein werden, was in deren Zusammenbruch münden würde. Im daraus resultierenden Chaos würden dann neue Ordnungskräfte entstehen, wobei noch offen sei, wer diese sein und wie von ihnen geschaffene Ordnung aussehen könnte.“

Caspar Hirschi: „Kosmopolitischer Liberalismus“ als Treiber gesellschaftlicher und politischer Auflösungsprozesse