Medienspiegel

Corona-Lektionen IV: Verschwörungstheorien

By |31.05.2020

„Alte Debattenkultur und neue Diskurslandschaften

Einen Augenblick lang schien es so, als habe die deutsche Gesellschaft in der Corona-Krise zurückgefunden zur Debattenkultur der Bonner Republik. Denn das erste Halbjahrhundert der bundesrepublikanischen Geschichte war bestimmt von großen Kontroversen über politische Richtungsentscheidungen – Kontroversen, die in Parlament und Öffentlichkeit leidenschaftlich geführt und in meist knappen Abstimmungen im Bundestag entschieden wurden.

Das ist lange vorbei. Die großen politischen Richtungsentscheidungen der vergangenen vier Legislaturperioden, beginnend mit der „Euro-Rettung“, sind unter weitgehendem Ausschluss, zum guten Teil auch Selbstausschluss, einer räsonierenden Öffentlichkeit und unter Verzicht auf kontroverse politische Diskussionen im Parlament mit überwältigenden Mehrheiten getroffen worden.

In der Corona-Krise ist einiges anders. In ihr hat es dem politischen und medialen Betrieb einen Moment lang die Sprache verschlagen. Die Gretas und die Luisas, die Roberts und die Annalenas sind still geworden. Und auch dass der Scheinriese „Fridays for Future“ wieder auf sein natürliches Zwergenformat geschrumpft ist, gehört zu den erfreulichen Corona-Nebenwirkungen.

Über „Corona“ und die politischen Konsequenzen wurde öffentlich und kontrovers diskutiert wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Im Zug dieser Diskursauflockerungs­orgien wagte sich sogar das Bundesverfassungsgericht aus der Deckung und fasst erstmals einen zart europakritischen Beschluss. Das politisch-mediale Stakkato allerdings, das daraufhin über das Gericht hereinbrach, lässt einen erstaunt wenige Wochen zurückblättern zu den vielen Berichten und Kommentaren, in denen die gleichen Medien und die gleichen Politiker sich über die Unabhängigkeit der Justiz in Polen besorgt zeigten.

Die Krise hat alle, Öffentlichkeit, Politik, Justiz, Medien, Wissenschaft, erst einmal sprachlos gemacht.“ (…)

Wie mündig sind die Bürger?

Dass eine über mehrere Legislaturperioden sich erstreckende gouvernementale Diskurs- und Rationalitätsverweigerung irgendwann eine Gegenreaktion hervorrufen würde, war abzusehen. Erstaunlich ist allenfalls, dass es so lange gedauert hat und dass sich das angestaute Unbehagen ausgerechnet an der Corona-Krise entzündete. Denn die nahm ihren Ausgang nun wirklich nicht von politischen Fehlentscheidungen. Aber eine systematisch betriebene Entintellektualisierung, eine Emotionalisierung und Moralisierung des politischen Diskurses kann auf Dauer nicht ohne Folgen bleiben.

Was der Grandseigneur des deutsch-britischen Liberalismus, Ralf Dahrendorf, über den „Populismus“ gesagt hat, gilt auch für dessen ältere Schwester, die „Verschwörungstheorie“: Ihr Auftreten ist ein Indiz für das Versagen des Parlamentarismus, und mehr noch: ein Versagen der öffentlichen Debattenkultur.

Wer einer ganzen Generation die Fähigkeit zum rationalen Denken, schlüssigen Argumentieren und flüssigem Sprechen abtrainiert, wer statt dessen emotional und moralisch aufgeladene Volksbelehrungen als medialen Frontalunterricht oktroyiert, muss damit rechnen, dass das irgendwann genauso wieder zurückkommt: emotional, irrational, aggressiv, reflexions- und begriffslos, kulturfeindlich und geschichtsvergessen – als „Verschwörungstheorie“ eben.

Corona-Lektionen IV: Verschwörungstheorien