Lucas Schoppe über Biologismus und identitäre Linke

Lucas Schoppe:

Ich weiß nicht, ob es wirklich eine gute Idee ist, dem Biologismus der identitären Linken – die sich auf die Kategorien Rasse und Geschlecht kapriziert – mit einem anderen Biologismus zu begegnen. Dass Frauen stärker auf Gefühle, Männer stärker auf Sachebenenen bezogen wären, ist klischeehaft und erklärt zudem die linke Identitätspolitik, die sich auch in den „Grievance Studies“ ausprägt, nicht gut.

Denn deren Kennzeichen ist es ja keineswegs, dass dort Gefühle wichtig wären, sondern dass sauber zwischen Menschen unterscheiden wird, die Unterstützung verdienen, und denen, die es nicht tun. Die Gefühle der Menschen, die zur zweiten Gruppe gehören, werden dann entweder als toxisch dämonisiert oder als „white/male tears“ etc. lächerlich gemacht. Jeder klassische Sozialdemokrat war vielfach empathischer, als linke Identitätspolitiker es sind.

Gefühle sind bei denen lediglich eine Auszeichnung derjenigen Gruppen, die als wichtig wahrgenommen werden. Der Sinn einer Fixierung auf Gefühle ist es dann nicht aber etwa, diesen Menschen gerecht zu werden (denn dazu müssten Gefühle ggfs. ja auch mal kontextualisiert werden) – sondern ihnen die Last zu nehmen, ihre Position allgemein nachvollziehbar, mit Bezug auf eine gemeinsame Welt und in einem gemeinsamen Diskurs begründen zu müssen. Was für Gefühle sie haben, ist dann völlig unwichtig – wichtig ist lediglich, dass die Berufung auf Gefühle von Begründungspflichten und Plausibilitätserwartungen befreit. „Ich erlebe das so – willst DU mir das absprechen?“

Gut erkennbar ist die identitätspolitische Zweiteilung der Menschen am Beispiel der WUT, die bei den einen als Kennzeichen ihrer Niedrigkeit dasteht und ihre Position völlig entwertet („Angry white men“ etc.), bei den anderen als kräftiger und vitaler Ausdruck von Gerechtigskeitsbedürfnissen durchgeht.

Das ist u.a. deswegen interessant, weil die Zuschreibung der Wut zuerst SCHWARZE Männer und auch Frauen getroffen hat. Es ist eine im Kern immer schon rassistische Zuschreibung von oben herab, in der Emotionen als Ausweis von Primitivität hingestellt werden.

Kennzeichen der linken Identitätspolitik ist also keineswegs die Berufung auf Gefühle, sondern die Absage an universelle Konzepte. Dass ausgerechnet eine „linke“ Politik sich so entwickeln konnte, lässt sich leicht erklären. Mit dem Erfolg linker (in Deutschland: sozialdemokratischer) Politik wurden linke Parteien für Menschen interessant, die Positionen in den Institutionen anstrebten. Die SPD hat sich z.B. im Vergleich zur SPD der sechziger Jahre zu einer durchweg bürgerlichen Partei entwickelt, in der klassische Arbeiter kaum noch Chancen haben.

Das heißt: Hier sind jetzt Akteure entscheidend, die nicht mehr an gleichen Rechten für alle interessiert sind, sondern die ihre eigene, durchaus privilegierte Position behaupten und politisch orchestrieren möchten. Dafür ist es sinnvoll, Menschen in Opfer und Täter, Marginalisierte und Privilegierte etc. einzuteilen. Das knüpft erstens oberflächlich an klassische linke Konzepte an und dient zweitens der Begründung institutioneller Machtausweitungen – denn es gibt ja immer Gruppen von Menschen, die gegen andere Gruppen von Menschen Schutz und Beistand brauchen.

Die biologistische Orientierung (Rasse/Hautfarbe, Geschlecht) macht die Zuordnung jeweils sehr leicht und dient zudem dazu, ÖKONOMISCHE Unterschiede und Abhängigkeiten zu kaschieren. Daher ist es auch Kennzeichen der identitäten Linken, ökonomische Argumente immer nur oberflächlich anzuführen und von „Strukturen“ so zu reden, dass regelrecht gezielt Diffusion hergestellt wird. Um Gefühle geht es dabei nicht: Die Berufung auf Gefühle dient lediglich dazu, vielen allgemein relevanten Fragen ausweichen zu können.

Daher finde ich es auch völlig falsch, diese Politik auf Marx zurückzuführen. Ich würde an Marx zwar einiges aussetzen, aber DIESE Politik ist so ziemlich genau das Gegenteil von dem, was er vertreten hat.

Quelle:

Lucas Schoppe über Biologismus und identitäre Linke