Wahrheit, die ich meine

Johannes Eisleben / 21.07.2020 /

(…) „Chaim Noll berichtete an dieser Stelle darüber, wie bei der New York Times die klassische Wahrheitsfindung durch eine dogmatisch definierte politische Wahrheit ersetzt wird. Bari Weiss, eine NYT-Redakteurin, die wegen des von Noll geschilderten Versagens der Redaktion gekündigt hat, stellt fest: Wahrheit sei “nicht mehr ein Prozess gemeinsamer Entdeckung, sondern eine Orthodoxie, die schon vorher erleuchteten Wenigen bekannt ist.” Damit beruft sie sich auf den um die vorletzte Jahrhundertwende von den US-amerikanischen Pragmatikern beschriebenen diskursiven Wahrheitsbegriff, den auch der deutsche Philosoph Jürgen Habermas, nach eigener Einschätzung ein Westmarxist, verwendet. Danach ist Wahrheit das Ergebnis eines gemeinsamen Entdeckungsprozesses, der zu einem Konsens darüber führt, was eine Gruppe für wahr erachtet. Diese soziologische Sicht von Wahrheit ist modern und hat ihre Tücken. Es ist charakteristisch, dass eine amerikanische Journalistin sich darauf beruft, und die damit verbundene Gefahr werden wir gleich kennenlernen.“ (…)

„Der diskursive Wahrheitsbegriff hat in den letzten Jahrzehnten den Korrespondenz- und den Konsistenzbegriff nicht ergänzt, sondern ersetzt. Einflussreiche Diskursteilnehmer definieren heute in kleinen Gruppen angesichts politischer Interessen und Kriterien, was als wahr zu gelten hat. Dabei wird nicht mehr, wie im Platonischen Dialog, Korrespondenz und Konsistenz als Grundlage benutzt, sondern vor allem politische Machtverhältnisse. Das ist die Tücke des verabsolutierten diskursiven Wahrheitsbegriffs.“ (…)

https://www.achgut.com/artikel/wahrheit_die_ich_meine

und

https://www.achgut.com/artikel/zwischen_herrschaftswillen_und_anbiederung