Verdrängung der Klassenfrage durch Intersektionalismus

– oder wie Privilegierte mit gutem linken Gewissen privilegiert werden

Billy Coen

(…) „Ein Einfallstor, zumindest in Europa, dürfte dabei tatsächlich die irrige Ansicht gewesen sein, Feminismus sei links, so dass sich mit dieser Ideologie erstmals im linken Lager eine eindeutig auf biologistischem Essentialismus aufbauende Weltsicht ausbreiten konnte (Männer unterdrücken Frauen). Schon damals wurde dabei standhaft der offensichtliche Widerspruch dieses Gemeinplatzes zur traditionell linken Klassenfrage ignoriert, gewiss nicht ohne teils erhebliches Bewältigen kognitiver Dissonanzen. Die Frage, wie ein männlicher Tagelöhner denn bitte die Gattin eines Bankchefs unterdrücken solle, war so naheliegend und derart entwaffnend, dass sie einfach nicht mehr gestellt werden durfte, sobald es um die „Geschlechterfrage“ ging.“ (…) „Identitätslinke müssen keine kognitiven Dissonanzen mehr auflösen, um die offenen Widersprüche ihres biologistischen Essentialismus‘ zur Klassenfrage zu bewältigen, sie sehen diese Widersprüche einfach nicht mehr, weil das Konzept von Klasse in ihren Überlegungen gar nicht mehr auftaucht.“ (…)

Billy Coen: Verdrängung der Klassenfrage durch Intersektionalismus, oder wie Privilegierte mit gutem linken Gewissen privilegiert werden

Kommentar Hartmut Krauss:

Begreift man „links“ in klassischer Form als wissenschaftlich („kritisch-theoretisch“) begründetes und fundiertes Streben nach Überwindung/Zurückdrängung zwischenmenschlicher Herrschafts-, Ausbeutungs-, Unterdrückungs- und Bevormundungsverhältnisse, dann haben die gegenwärtigen –extrem niveaulosen und regressiven – politisch-ideologischen Grabenkämpfe der KulturrelativistInnen, GenderistInnen, AntirassistInnen, AntifaschistInnen etc. gegen ihre rechtpopulistischen GegnerInnen nichts mehr mit „links“ zu tun. Ich erkenne darin keinerlei begreifende Analyse der globalkapitalistischen Herrschaftsformation mit ihrem „neuen“ – funktional passförmigen – multikulturalistischen „Überbau“.  

Siehe:

Anhang

Zur strukturellen Komplexität zwischenmenschlicher Herrschaftsverhältnisse1

So wie der Entstehungsprozess zwischenmenschlicher Herrschaftsverhältnisse kein gleichförmig und monokausal verlaufender Vorgang gewesen ist, sondern ein zeitlich und räumlich differenziertes und multikausales ‚Entwicklungsgefüge‘ darstellt, so ist auch das strukturelle Resultat dieses Prozesses nicht als eindimensional ableitbares Verhältnis zu fassen, sondern als mehrdimensionales Beziehungsgeflecht mit spezifischen Interdependenzen zu begreifen. D. h.: Um ‚zwischenmenschliche Herrschaft‘ als komplexe Ganzheit zu erfassen, muss zum einen ein mechanistisch-reduktionistisches Herangehen im Stil ‚ein-seitiger‘ Klassen-, Patriarchats- Rassismusanalyse etc. vermieden werden. Zum anderen ist auch die Koexistenz von konkret-gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen zu berücksichtigen, die nach dem herkömmlichen Formationsschematismus unterschiedlichen Gesellschaftstypen zugeordnet werden. Zu beachten ist folglich der „Mischcharakter“ konkreter Herrschaftsverhältnisse28, also z. B. die ‚realgesellschaftliche‘ Gleichzeitigkeit bzw. ‚Überlagerung‘ und Verflechtung ‚moderner‘ und ‚traditioneller‘ Herrschaftsverhältnisse. Zudem ist auch die Ungleichzeitigkeit bzw. das unterschiedliche ‚Auswirkungstempo‘ objektiv-gegenständlicher (materieller), geistig-ideologischer (ideeller) und mentaler (psychischer) Veränderungsprozesse angemessen zu berücksichtigen. Insbesondere ist hier das Augenmerk darauf zu lenken, dass nicht etwa „nur“ die Produktionsverhältnisse, sondern die in der Subjektivität der Gesellschaftsmitglieder inkorporierte ‚Herrschaftsideologie‘ in all ihren soziokulturellen Ausdrucks- und Institutionalisierungsformen als „Fessel“ bzw. langfristige Blockade progressiver Gesellschaftsentwicklung zu fungieren vermag. Daraus ergibt sich auch das aktuelle Phänomen der gewalttätigen Resistenz (Zählebigkeit) prämoderner Herrschaftskultur innerhalb der neoliberal-kapitalistisch dominierten ‚Spätmoderne‘ sowie die Konstituierung neototalitärer Massenbewegungen auf religiös-fundamentalistischer Grundlage29. Das Bewusstsein ist demnach nicht einfach der mechanische „Abdruck“ des aktuellen gesellschaftlichen Seins, sondern ein zugleich aktiv-‚eigenlogisches‘ und durch vorgängige Seinsprozesse entscheidend geformtes Wirkungsmoment des gesellschaftlich-historischen Prozesses.

Im Rahmen der verallgemeinernden Rekapitulation des Entstehungsprozesses zwischenmenschlicher Herrschaftsverhältnisse sind auch die ‚Umschlagpunkte‘ und sozialen ‚Ebenen’/Bereiche erkennbar geworden, an bzw. auf denen vormalige kollektiv-egalitäre ‚Handlungs-Macht‘ in antagonistisch werdende Beziehungsverhältnisse zwischen ‚Aneignern‘ und ‚Enteigneten‘ der lebensrelevanten Verfügungskompetenzen transformiert wird. Daraus lässt sich auch ein kategorialer Leitfaden für die Analyse zeitlich-räumlich konkreter Herrschaftssysteme30 abstrahieren. Im Einzelnen sind hier folgende strukturellen Dimensionen zu unterscheiden:

  1. Die erste, ökonomische Herrschaftsebene erfasst die ‚klassendialektische‘ Beziehung zwischen der Masse der unmittelbaren Produzenten/innen einerseits sowie den verfügungskompetenten (Grund-)Eigentümern und Leitern/Kommandeuren des gesellschaftlichen Produktionsprozesses andererseits. Bei näherer Betrachtung tritt diese ökonomische Herrschaftsbeziehung in zwei konstitutiven Realisierungsweisen in Erscheinung: Erstens in Gestalt der Abpressung/Aneignung von ‚Mehrarbeit‘ der unmittelbaren Produzenten/innen in den historischen Gestalten von Sklavenarbeit; Fronarbeit (Arbeitsrente), Produktrente und Geldrente; sowie Lohnarbeit. Zweitens in Form des Ausschlusses der unmittelbaren Produzenten/innen von der Kontrolle/Verfügung über die Ziele , Bedingungen und Ergebnisse der gesellschaftlichen Produktion. Zu berücksichtigen ist hier natürlich das jeweils konkrete Ausmaß der ‚Ausbeutung‘, der außerökonomischen Gewaltanwendung sowie der Einschränkung persönlicher Freizügigkeit. „Fronarbeit ist Zwangsarbeit. Aber ungleich der Sklavenarbeit, die zeitgleich unbegrenzt ist, wird der Frondienst periodisch und vorübergehend in Anspruch genommen. Wenn der Fronarbeiter seinen Dienst getan hat, darf er heimkehren und seinen eigenen Angelegenheiten nachgehen. Infolgedessen ist der Frondienstpflichtige freier als der Sklave, aber weniger frei als der Lohnarbeiter. Er kann nicht auf dem Arbeitsmarkt frei verhandeln“ (Wittfogel 1962, S. 77).
  2. Die zweite, politische Herrschaftsebene bezieht sich auf den Gegensatz zwischen ‚Regierenden‘ und ‚Regierten‘, wobei die ‚Regierenden‘ als Inhaber der ‚Staatsgewalt‘ die multiple Verfügungskompetenz über die allgemeinen/“infrastrukturellen“ Angelegenheiten monopolisieren, während die Masse der ‚Regierten‘ als weitestgehend ausgeschlossenes (Verfügungs-)Objekt der Regierungsgewalt fungiert. Dabei besteht die staatsvermittelte politische Herrschaft „insbesondere in bestimmten Verfügungsgewalten über die jeweiligen politischen Untergebenen (z.B. Bürger/innen, Nichtbürger/innen, Unfreie) und über Güterabgaben (Tribute, Steuern, Abgaben, Beiträge), wobei ihr Kern die primäre Verfügungsmacht über ein Gebiet ist. Die Ungleichheit in Bezug auf solche Verfügungsgewalten bedeutet Ungleichstellung von Gesellschaftsangehörigen, insbesondere die von Inhaber/inne/n und inländischen Nichtinhaber/inne/n von Staatsgewalt, ferner die von Gebietsangehörigen und Gebietsfremden, die auch als Ausländer/innen bzw. Fremde bezeichnet werden. Insgesamt geht es hierbei um politische Macht-Ohnmacht-Verhältnisse“ (Tjaden-Steinhauer/Tjaden 2001, S. 17f.). Zu berücksichtigen ist auch hier das konkrete Ausmaß der Unterdrückung und Fremdbestimmung der ‚Regierten‘, bedingt durch die Praktizierung unterschiedlicher politischer Herrschaftsformen (z.B. autoritär-despotisch/diktatorisch/totalitär; konstitutionell-monarchisch, scheinparlamentarisch; formaldemokratisch/pluralistisch ) sowie durch das Verhältnis von unmittelbar gewaltförmigen und ‚hegemonialen‘ Herrschaftsmethoden31. Zudem ist dem Tatbestand Rechnung zu tragen, dass die Staatsbürokratie nicht etwa nur funktional und ‚interessenpolitisch‘ mit den ökonomischen Herrschaftsträgern verquickt ist, sondern relevante Teile von ihr als Akteure parasitärer Mehrwertabschöpfung (per Aneignung von Bestechungsgeldern, Unterschlagung, Mittelverschwendung etc.) und Verfügungsberechtigte über ‚öffentliche‘ Gelder auch ökonomische Herrschaft ausüben.
  3. Die dritte, ideologische bzw. geistig-kulturelle Herrschaftsebene resultiert aus der Monopolisierung der realitätsbezogenen Deutungs-, Interpretations- und Definitionsmacht seitens spezifischer Teilgruppen der Herrschenden (Priesterschaft, Klerus, moderne Geisteselite), die vermittels besonderer ‚Apparate‘ (Kultstätten, Bildungs- und Erziehungseinrichtungen, normsetzende und -kontrollierende Institutionen etc.) die herrschaftskonforme Sozialisation der ‚bevormundeten‘ Gesellschaftsmitglieder organisieren. Bei genauerer Betrachtung geht es hierbei nicht nur darum, dass die „Ideen der Herrschenden“ zu den „herrschenden Ideen“ werden und folglich gesamtgesellschaftlich dominieren (d. h.: ein Präsentationsübergewicht besitzen), sondern darum, ‚alltagswirksame‘ Bedeutungssysteme32 zu schaffen, deren Verinnerlichung/Habitualisierung zur massenhaften Herausbildung von herrschaftsakzeptierender Subjektivität und Lebensführung führt. Auf diese Weise entsteht eine bewusstseins- und verhaltensprägende Herrschaftskultur mit spezifischen Riten, Sitten, ideologischen Artikulationsformen, Mentalitäten etc., die widerständiges/herrschaftskritisches Denken, Fühlen und Handeln im Keim verhindern soll. Erst diese ‚Übersetzung‘ zwischenmenschlicher Herrschaftsverhältnisse in eine ideologisch-normative, d. h. bewusstseins- und verhaltensprägende Herrschaftskultur gewährleistet die reproduktionsfähige Stabilität eines Herrschaftssystems. Leo Kofler (1968, S. 110f.) hat das psychische Verinnerlichungsresultat der Übernahme herrschender Ideologie durch die Beherrschten als „repressives Menschenbild“ bezeichnet: „Durch Jahrtausende die Geschichte der Klassengesellschaft begleitend, wird es immer stärker zur ideologischen ‚Gewohnheit‘ und dringt immer tiefer in den subjektiven Erlebnis- und Gefühlsbereich, um schließlich archaische Bedeutung zu erlangen.“ Im Hinblick auf sein ideologisch-psychologisches Wesen ist das repressive Menschenbild genauer als das Resultat stagnativer und regressiver Verarbeitung vielschichtiger Unterdrückungs-, Ausbeutungs- und Ausgrenzungserfahrungen zu bestimmen, das nachfolgenden Generationen von Beherrschten als weltanschauliche Orientierungsgrundlage des sich Einrichtens in der als ausweglos erlebten und gedeuteten Abhängigkeit tradiert wird. – Zu berücksichtigen ist auch auf dieser Ebene wieder der variierende Ausprägungsgrad geistig-kultureller Bevormundung und Fremdbestimmung der Gesellschaftsangehörigen bzw. das konkrete Ausmaß der herrschaftlichen Bewusstseins- und Verhaltenskontrolle.
  4. Die vierte, klassenübergreifend und mikrostrukturell wirksame, patriarchalische Herrschaftsebene bildet das familiale Verhältnis zwischen väterlichem Haushaltsvorstand, der Ehefrau, den Nachkommen sowie – in prämodern-agrarischen Herrschaftsordnungen – den Hof- und Haushaltsbediensteten. Im Zentrum dieses patriarchalischen Herrschaftsverhältnisses steht damit letztlich die Verfügungsgewalt des ‚Hausvaters (pater familias) über die Personen und Sachen seines Hausverbandes. Als grundlegende Formen dieser rechtlich kodifizierten und religiös-ideologisch legitimierten Herrschaftsausübung des ‚Patriarchen‘ sind folgende Realisierungsweisen anzuführen: 1) Die Entscheidungskompetenz über den Einsatz, die Nutzung und die Vererbung des Familienvermögens (Grund und Boden; Sach- und Geldvermögen). 2.) Die Vormundschaft über die Ehefrau und die Kinder im Sinne einer strikt-autoritären Verhaltenskontrolle und Gehorsamspflicht, beispielsweise in Form der Zwangsverheiratung der Töchter; sowie. 3) Die disziplinarische Strafgewalt in Gestalt des väterlichen und ehemännlichen Züchtigungsrechtes33. Während im Zuge der ‚westlichen‘ Säkularisierungs-, Entfeudalisierungs- und rechtlichen Liberalisierungstendenzen patriarchalische Herrschaftsverhältnisse nachhaltig erodierten und zumindest formalrechtlich eine ‚Gleichstellung der Geschlechter‘ durchgesetzt werden konnte, besitzt die patriarchalische Dimension in nichtwestlichen Herrschaftssystemen eine noch weitgehend ungebrochene alltagskulturelle Normierungskraft. Das gilt insbesondere für Länder und Gesellschaftsordnungen mit einer ‚gesetzesislamisch‘ fundierten („schariatischen“) Herrschaftsideologie34, aber auch für fundamentalistische Bewegungen innerhalb des Christentums, der jüdischen Religion sowie des Hinduismus35.
  5. Die fünfte, interkulturelle Herrschaftsebene ergibt sich aus dem Ausschließungs- und Unterdrückungsverhältnis zwischen gesellschaftlich dominierenden Bevölkerungsgruppen und den Angehörigen ausgegrenzter/unterworfener/diskriminierter Gemeinschaften. Konkrete Erscheinungsformen dieses Herrschaftsverhältnisses sind insbesondere a. die Beziehungen zwischen Eroberern/Kolonialherren und okkupierten/kolonisierten Völkern; b. zwischen ethnisch definierter Mehrheitsgesellschaft und (Gebiets-)Fremden/Ausländern/Einwanderern; c. zwischen den „rechtgläubigen“ Angehörigen dominierender Religionsgemeinschaften und den anders- und/oder nichtgläubigen Mitgliedern minoritärer Glaubens- und Weltanschauungsgemeinschaften; sowie d. zwischen ideologisch konstruierter „Herrenrasse“ und den Angehörigen ‚unterlegener‘ „Fremdrassen“. Kulturelle, religiöse, ethnische, „rassische“ etc. ‚Andersartigkeit’/’Unterschiedlichkeit‘ wird diskursiv in ‚Minderwertigkeit‘ übersetzt und zudem vielfach mit ‚Bedrohlichkeit‘ assoziiert. Erst einmal zu einem festgefügten Wahrnehmungs- und Wertungsstereotyp geronnen, dient diese diskursive Verknüpfung von Anderssein/Minderwertigkeit/Bedrohlichkeit als Legitimationsgrundlage für die mehrdimensional wirkenden Ausschließungs-, Entrechtungs-, Unterdrückungs- und Diskriminierungsprozesse, denen die pauschal negativ etikettierten Fremden/Ungläubigen/Unterworfenen/“rassisch“ Unterlegenen ausgesetzt sind. Beispiele für diese Herrschaftsbeziehung sind der weitgehende Ausschluß der negativ bewerteten Gemeinschaftsangehörigen von lukrativen Ämtern und beruflichen Positionen, die Zuweisung von „niederen“ Arbeiten, die Vorenthaltung von Rechten, die Behinderung kultureller Ausdruckmöglichkeiten etc.36
  6. Unterhalb der bislang skizzierten ‚offiziellen‘ Herrschaftsebenen ist eine weitere, informelle/inoffizielle bzw. ’subkulturelle‘ Herrschaftsebene zu berücksichtigen, die sich jenseits der staatlich legitimierten und rechtlich sanktionierten Herrschaftsordnung entwickelt, aber mit dieser oftmals vielfältig verwoben ist. Dabei handelt es sich um die gewaltgestützte Ausbeutung, Unterdrückung und Versklavung von bestimmten Menschengruppen durch reproduktionsfähige illegale/kriminelle Organisationen, Verbände, Netzwerke etc., denen es gelingt, Zonen der Gesetzlosigkeit zu schaffen, in denen keine sanktionsfähige Ordnungsmacht mehr existiert. Herausragende gegenwärtige Erscheinungsformen dieser informellen/subkulturellen Herrschaft sind a. das ‚organisierte Verbrechen‘ mit seinen operativen Verbindungen in den Bereichen Drogenhandel, Frauenhandel/Kinderhandel/Sexindustrie, Handel mit Körperteilen, Waffenschieberei, Einschleusung von illegalen Einwanderern etc. ; b. die neue Sklaverei in Form von Leibeigenschaft, Schuldknechtschaft und Vertragssklaverei37 sowie c. die terroristisch-raubökonomische Gebietsherrschaft von militärischen Banden unter Führung von ‚Warlords‘ in zerfallenden Staaten (vornehmlich im subsaharanischen Afrika). In Rechnung zu stellen ist der Tatbestand, dass heute vielerorts eine staatliche Duldung illegaler Herrschaftszonen zu verzeichnen ist und oftmals auch eine enge Kooperation zwischen Staatsorganen, Wirtschaftsunternehmen/Banken und organisierter Kriminalität praktiziert wird. „Diese Kontinuität zwischen Profiten aus krimineller Tätigkeit und ihrer Investition in legale Tätigkeiten macht es unmöglich, die wirtschaftlichen Auswirkungen des globalen Verbrechens allein auf den kriminellen Bereich zu begrenzen, weil der legale Sektor eine große Rolle dabei spielt, die Gesamtdynamik des Systems zu sichern und zu verschleiern. Ferner gehört zur Durchführung von Geschäften auch die Kombination einer geschickten Manipulation legaler Verfahren und Finanzsysteme in jedem einzelnen Land und international mit dem gezielten Einsatz von Gewalt und weit verbreiteter Korruption von Beamten, Bankern, Bürokraten und Gesetzeshütern“ (Castells 2003, S. 179).

Eine Betrachtung der Komplexität zwischenmenschlicher Herrschaftsverhältnisse bliebe unvollständig, wenn nicht neben der Interdependenz bzw. der wechselseitigen Stützung der hier aufgewiesenen Strukturebenen auch die internen Abstufungsverhältnisse innerhalb der Klassen der Herrschenden und Beherrschten wenigstens Erwähnung fänden. Z. B. ist zu beachten, dass ökonomisch Beherrschte auf anderen Ebenen durchaus Nutznießer (interkulturelle Ebene) und selbst Herrschaftsausübende (patriarchalische Ebene) sein können. Ein konkretes Herrschaftssystem erweist sich damit subjektseitig auch als kompliziert gegliedertes „Verstrickungssystem“, das spontan, d. h. ohne begreifende Analyse und progressive Widerspruchsverarbeitung auf der Grundlage der entwickeltsten gesellschaftskritischen Denkformen nicht überwindbar erscheint (Vgl. hierzu Holzkamp 1973 und 1983; Holzkamp Osterkamp 1977 und 1978; Krauss 1996 sowie Stiehler 1997, Kap. VIII).

28Ein prominentes Beispiel für die Anwendung des Konzeptes der ’strukturellen Heterogenität‘ bzw. der ‚Mischformationsanalyse‘ ist Lenins Bestimmung der unterschiedlichen sozialökonomischen Formationselemente innerhalb der postrevolutionären russischen Gesellschaft. Im Einzelnen zählt er folgende Elemente auf: “ 1. die patriarchalische Bauernwirtschaft, die in hohem Grade Naturalwirtschaft ist; 2: die kleine Warenproduktion (hierher gehört die Mehrzahl der Bauern, die Getreide verkaufen); 3. der privatwirtschaftliche Kapitalismus; 4. der Staatskapitalismus; 5. der Sozialismus“ (Lenin 1971, S. 395).

29Zur Formierungslogik totalitärer Bewegungen als Verflechtung prämoderner Herrschaftskultur mit strategisch nutzbaren Momenten ökonomisch-technisch-bürokratischer Modernität vgl. meine Studie „Faschismus und Fundamentalismus. Varianten totalitärer Bewegung im Spannungsfeld zwischen ‚prämoderner‘ Herrschaftskultur und kapitalistischer ‚Moderne'“ (Krauss 2003).

30Ein ‚Herrschaftssystem‘ ist das Resultat der Synthese zeitlich-räumlich konkreter Herrschaftsverhältnisse zu einem funktional gegliederten interdependenten ‚Beziehungsganzen‘. Während der Begriff ‚Gesellschaft‘ das Ensemble der sich historisch bewegenden zwischenmenschlichen Beziehungs- und Handlungsstrukturen sowie das Verhältnis des zwischenmenschlichen Beziehungsganzen zur natürlichen Lebensumwelt („äußere Natur“) beinhaltet, akzentuiert der Begriff ‚Herrschaftssystem‘ den ‚Beschaffenheitscharakter‘ des gesellschaftlich-zwischenmenschlichen Beziehungsganzen.

31Die ‚hegemoniale‘ Herrschaftsmethode setzt auf die Reproduktion geistig-ideologischer Dominanz durch Sicherung eines Übergewichts herrschaftslegitimierender Ideen, Wirklichkeitsinterpretationen, Normen etc. in den „bewusstseinsbildenden“ Institutionen (Religiöse Einrichtungen, Wissenschaft, Bildungs- und Erziehungssystem, öffentliche Medien etc.). Ihr Ziel ist letztlich die Selbstentmündigung der Beherrschten auf dem Wege der Verinnerlichung herrschender Ideologie.

32Bedeutungssysteme sind relativ kohärente ideologische Komplexe aus korrelierenden Aussagen/Realitätserklärungen, Werturteilen und Normen.

33Im mittelalterlichen „Muntrecht“ ging die männliche Verfügungsgewalt des Ehemannes über die Person der Frau so weit, „dass (…der Mann) die in flagranti ertappte Frau im Fall eines Ehebruchs samt dem Nebenbuhler (…) ungestraft töten durfte“ (Goetz, zit.n. Tjaden-Steinhauer/Tjaden 2001, S. 124).

34Während in den westlichen Medien der Islam vielfach in realitätswidriger Weise nur als eine Religion (im Sinne eines Paradigmas frommer Lebensführung) vorgestellt (bzw. verharmlost) wird, fungiert er de facto nicht bloß als ‚Glaubenssystem‘, sondern als eine ganzheitlich-absolutistische, religiös artikulierte Weltanschauungslehre mit einem eigenen Rechtssystem, einer integralen politische Ideologie und einem staatlichen Ordnungskonzept. Vgl. hierzu ausführlicher Krauss 2003.

35Was in diesen Bewegungen zum Tragen kommt, ist die ‚radikal-patriarchalische‘ Koppelung der Mannes- und Familienehre an das sexualmoralische Verhalten seiner weiblichen Verwandten. Ein Beispiel hierfür ist die Praxis der Ehrenmorde, wie sie aus der Türkei, aber auch aus Pakistan berichtet wird. Danach gilt eine durch Vergewaltigung geschwängerte Frau nicht nur als „unrein“, sondern auch als „entehrende Schande“ für all ihre männlichen Familienangehörigen. Um die Familienehre wiederherzustellen und dem Ausschluss aus der Dorfgemeinschaft zu entgehen, muss die „Entehrerin“ getötet/gesteinigt werden, wobei das reinigende Tötungsritual durch Hissen einer weißen Fahne angezeigt wird.

36Es muss hier allerdings nachdrücklich der komplizierende Tatbestand hervorgehoben werden, dass die beherrschten kulturellen Minderheiten oftmals eine eigene herrschaftlich-repressive Binnenstruktur aufweisen. Deshalb ist es erforderlich, diese „Repression des Repressiven“ einer gesonderten Analyse und Bewertung zu unterziehen.

37Nach den vorsichtigen Schätzungen von Bales (2001, S. 17) „beläuft sich die Zahl der Sklaven weltweit auf 27 Millionen.“

38Kritisch anzumerken ist hier gegenüber Marx, dass er die aktive Beharrungskraft prämoderner Herrschaftskultur unterschätzt und – in eurozentristischer Perspektive – einen ‚mechanischen Automatismus‘ zwischen dem Verfall vorkapitalistischer Herrschaftsstrukturen und dem Aufstieg kapitalistischer Tendenzen konstruiert. Die realgeschichtlich vielfach zu konstatierende ’nichtwestliche‘ Verflechtung von prämoderner Herrschaftskultur mit kapitalistischen (Re-)Produktionsprozessen wird dadurch im Ansatz verfehlt.

1 Auszug aus: Hartmut Krauss ‚Herrschaft‘ als zentraler Problemgegenstand kritisch-emanzipatorischer Gesellschaftstheorie http://www.glasnost.de/autoren/krauss/herrschaft3.html