Paul Collier: Solidarische Gesellschaften brauchen Patriotismus

„Der Ökonom Paul Collier lehrt Wirtschaftswissenschaften an der Universität Oxford. In seinem Buch „Sozialer Kapitalismus! Mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft“ verteidigt er den Solidaritätsbegriff der klassischen politischen Philosophie gegen dessen Negierung durch neoliberalen Globalismus und neomarxistische Identitätspolitik. Diese würden den Zusammenhalt in westlichen Gesellschaften auflösen. Wachsende soziale und ethnische Polarisierung sowie das Erstarken populistischer Gegenbewegungen seien die Folgen. Die Antwort darauf sei ein solidarischer Patriotismus, der die Bindungskräfte in diesen Gesellschaften bewahrt und stärkt.1
(…) „Die von diesen Ideologien zunehmend geprägte Politik habe in westlichen Gesellschaften das „Gefühl gemeinsamer Zugehörigkeit aktiv untergraben“ und „den Zerfall der reziproken Verpflichtungen“ beschleunigt, „von denen unser Wohlergehen abhängt“.7 Diese Ideologien hätten „die Bürger aktiv dazu ermuntert, antagonistische Identitäten auszubilden, und solche Identitäten sind Gift für die Gesellschaft“. Sie zerstörten das Gemeinwesen und Fähigkeit der in ihm lebenden Menschen zu gemeinwohlorientiertem Handeln.8

Von diesen Ideologien beeinflusst erfände man inflationär Rechte ohne korrespondierende Pflichten und zerstöre dabei die kulturellen Grundlagen, von denen der Bestand des Gemeinwesens abhänge. In Großbritannien etwa dürften Schulen nicht mehr die Wörter „Vater“ und „Mutter“ verwenden, weil dies die mutmaßlichen Rechte gleichgeschlechtlicher Paare verletze. Diese Begriffe bzw. die damit verbundenen Konzepte seien jedoch von fundamentaler Bedeutung für das Gemeinwesen. Sie im Namen neu erfundener Rechte abzuschaffen, sei Ausdruck eines Egoismus, der keine Rücksicht auf das Gemeinwohl nehme.9

In besonderem Maße zersetzend für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wirke sich die gegenwärtige Entsolidarisierung gesellschaftlicher Eliten Europas mit ihren sozial schwachen Landsleuten in Migrationsfragen aus. Die Tatsache, dass man gegenüber Fremden gegenüber größere Solidarität zeige als gegenüber den Armen im eigenen Land habe das Vertrauen sozial schwacher Gruppen in diese Eliten untergraben und Zweifel an der Legitimität ihrer Herrschaft verstärkt. Dass seitens der Eliten darauf vorwiegend mit Verachtung reagiert werde, verstärke die entstandenen Bruchlinien weiter.“ (…)

Paul Collier: Solidarische Gesellschaften brauchen Patriotismus