Das verdrängte revolutionäre Sozialerbe

Aufklärung 2.0 als Antwort auf die islamische Herausforderung

By Hartmut Krauss
Posted 14. Januar 2021  In Spätkapitalistische Systementwicklung

„Infolge der Verknüpfung von geistig-kultureller (Aufklärung), antifeudaler und industrieller Revolution avancierte Europa im 19. und 20. Jahrhundert zum zivilisatorischen Zentrum der Welt. Trotz des Kolonialismus, Imperialismus und zweier Weltkriege sowie der kapitalistischen Negation zahlreicher emanzipatorischer Gründerideale gelang hier erstmalig und nachhaltig die Überwindung vormoderner Herrschaftsverhältnisse sowie die Hervorbringung eines ganzen Ensembles „moderner“ bzw. posttraditionaler Prinzipien: So die Entkoppelung von Glauben und Wissen als Basis für die Entstehung der modernen Wissenschaften und zugleich als Voraussetzung für die Säkularisierung (Verweltlichung) von gesellschafts- und selbstbezogenen Denk- und Handlungsformen; das Konzept der universellen Menschenrechte – gegen die ständisch-religiöse bzw. geburtsrechtliche Zuteilung von Lebenschancen; die Trennung von Religion einerseits und Staat, Recht und Privatsphäre andererseits; die Idee des freien und emanzipationskompetenten Individuums; das Regulativ der Gewaltenteilung; die Prinzipien der Volkssouveränität, der Demokratie sowie der Rechtsbindung des Regierungsinstanzen etc. Kurzum: Europa ist die Geburtsstätte der kulturellen Moderne und einer säkular-menschenrechtlichen Lebensordnung.

Was den europäischen Kulturraum demnach auszeichnet, ist der revolutionäre Übergang von der mittelalterlich-feudalen ‚Prämoderne‘ zur neuzeitlichen ‚Moderne‘, der schließlich zur Etablierung einer spezifisch eingebetteten bzw. normativ-institutionell auf besondere Weise eingehegten bürgerlich kapitalistischen Gesellschaftsformation geführt hat. Genauer betrachtet vollzog sich diese soziokulturelle Transformation als mehrstufiger Umwälzungsprozess in Gestalt von Renaissance, Reformation und Aufklärung, der von antifeudalen Oppositionskräften unter Führung städtebürgerlicher Schichten getragen wurde.

Im Rahmen dieses Prozesses wurde die ideologisch-kulturelle Prägekraft des theozentrischen Weltbildes und die gesellschaftliche Normierungsmacht der christlichen Religion systematisch untergraben und geschwächt, was im Endeffekt dazu führte, dass diese ihre Eigenschaft als absolute, d.h. allein gültige und letztlich entscheidende geistig-moralische Deutungs- und Normierungsinstanz einbüßt hat. D.h.: Es kam zu einer radikalen Aufhebung der privilegierten, mit zahlreichen Sonderrechten versehenen Monopolstellung des Religiösen als geistig-moralischer Herrschaftsinstanz.

Dieses revolutionäre Sozialerbe könnte und sollte die zentrale Identitätsgrundlage einer kulturhistorisch gewachsenen Wertegemeinschaft bilden, die es insbesondere auch gegen nichtwestlich-herrschaftskulturelle Anfeindungen und regressive Zersetzungen zu bewahren und auszubauen gilt.

Mohammed und der Islam in der Sicht der Radikalaufklärung

Ein zentrales Prinzip der europäischen Aufklärung im Allgemeinen sowie der Französischen Revolution im Besonderen kommt in ebenso knapper wie klarer Form in Artikel 10 der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom 26 August 1789 zum Ausdruck:

„Niemand soll wegen seiner Anschauungen, selbst religiöser Art, belangt werden, solange deren Äußerung nicht die durch das Gesetz begründete öffentliche Ordnung stört.“

Bei näherer Betrachtung enthält diese Aussage folgende normativen Implikationen:

Es gibt – entgegen dem nihilistischen Liberalismus – keine absolute (grenzenlose) weltanschauliche Äußerungs- und Ausübungsfreiheit. Diese steht vielmehr unter dem Vorbehalt, die neue „moderne“ (postfeudale) öffentliche Ordnung, die Freiheit, Gleichheit und zwischenmenschliche Solidarität begründen soll, nicht zu stören bzw. negativ zu beeinträchtigen oder gar revidieren zu wollen. Es gilt somit das Prinzip „Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit“ bzw. Freiheitsbeschränkung für die Kräfte der Restauration vormoderner Herrschaftsverhältnisse.
Es gibt – in Anbetracht der Erfahrungen mit der Rolle der christlichen Religion als Machtinstanz feudaler Herrschaftsverhältnisse und Quelle kriegerischer Zwietracht – keine Privilegien mehr für „Anschauungen religiöser Art“. Religiöse und nichtreligiöse (säkular-humanistische, atheistische etc.) Weltanschauungsformen sind fortan gleichgestellt.

Eine spezifische „Religionsfreiheit“ jenseits und zusätzlich zur ohnehin kodifizierten Weltanschauungsfreiheit im Rahmen der neuen „modernen“ öffentlichen Ordnung ist überflüssig. (Hervorhebung GB)

Im Gesamtkontext der Kollision des postmodernen Kapitalismus mit der islamischen Herrschaftskultur wird nun genau dieser aufklärungshumanistische Kernaspekt der kulturellen Moderne negiert bzw. von den westlichen Herrschaftsträgern einschließlich der sogenannten (besser: pseudo-)linken Parteien mehrheitlich verraten.

Betrachtet man hingegen die religionskritischen Reflexionen und Positionen der Vertreter des Aufklärungsmaterialismus bzw. der „Radikalaufklärung“, so findet man bei ihnen bereits viele grundlegende Erkenntnisse, die nicht nur für das Christentum als Legitimationsideologie des europäischen Feudalismus Gültigkeit besitzen, sondern auch und gerade auf den Islam und die durch ihn geprägte und bis heute unaufgeklärt gebliebene Herrschaftskultur zutreffen.“ (…)

„Alle Menschen, denen der Erhalt der säkular-demokratischen Lebens- und Gesellschaftsordnung wichtig ist und die gleichzeitig die verständliche Sorge haben, in den Sog reaktionärer einheimischer Fremdenfeinde gezogen zu werden, sollten sich eindringlich folgenden Tatbestand klarmachen und ihre Selbsteinschüchterung preisgeben:

Im Vergleich zu den radikalislamischen Kräften und Terroristen mit ihren Arbeitsteilungsstrukturen und funktionalen Netzwerken sind die einheimischen Rechtsextremisten zwar verabscheuungswürdig, aber definitiv das kleinere Übel. Genau dieser Sachverhalt wird aber von der politischen Klasse und den ihr nahestehenden Medien auf den Kopf gestellt. Sie verkennen, dass der zugewanderte islamisch-orientalische Rechtsextremismus das eindeutig größere und gefährlichere Problem darstellt und daraus entsprechende Schlussfolgerungen zu ziehen sind. (Hervorhebung GB)

Längst überfällig ist eine spürbare Umwälzung der öffentlichen Debattenkultur über den Islam: Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Islam auf emanzipatorisch-menschenrechtlicher Grundlage muss nicht nur erlaubt sein, sondern sollte zur fortschrittlich-demokratischen Staatsräson werden. Moderne, an den Ideen der Aufklärung orientierte, säkular-demokratische Gemeinwesen können sich schon aus Selbsterhaltungsgründen keine „Neutralität“ gegenüber totalitären Weltanschauungen leisten, auch dann nicht, wenn diese in einem religiösen Gewand auftreten.“ (…)

Das verdrängte revolutionäre Sozialerbe. Aufklärung 2.0 als Antwort auf die islamische Herausforderung