Generation Beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei.

By Hartmut Krauss
Posted 14. Januar 2021  In Rezensionen:

Caroline Fourest:

Generation Beleidigt.

Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei.

Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer. Eine Kritik

Buchbesprechung

Aus dem Französischen von Alexander Carstiuc, Mark Feldon, Christoph Hesse. Edition TIAMAT Verlag Klaus Bittermann. Deutsche Erstveröffentlichung. 1. Auflage Berlin 2020. Paperback. 144 Seiten. ISBN: 978-3-89320-266-9. 18,00 €.

Die Autorin beleuchtet in ihrer sehr konkreten und lebhaft schildernden Abhandlung mit dem allerdings viel zu weichen Titel den scharfen Gegensatz zwischen zwei sich unversöhnlich gegenüber stehenden Konzepten des Antirassismus. Auf der einen Seite der klassisch linke oder besser: herrschaftskritisch-emanzipatorische universalistische Antirassismus, der gegen irrationale Vorurteile und die essentialistische Festschreibung von Identitäten als unentrinnbare (verdinglichte) Gegebenheiten antritt, eine Gleichbehandlung im Namen des Universalismus fordert und das Resultat einer langen Geschichte ist, „die von der Philosophie der Aufklärung bis zur allgemeinen Erklärung der Menschenrechte reicht“ (S. 50). Dem steht auf der anderen Seite ein identitärer Antirassismus gegenüber, der das Prinzip der kritischen Betrachtung und Hinterfragung desavouiert und eine besondere Behandlung bzw. „positive Diskriminierung“ im Namen der festgefügten und unantastbaren kulturellen Identität propagiert, auch wenn die zugrunde liegenden Kulturen autoritär-hierarchisch strukturiert und irrational scheinlegitimiert sind. In seinen radikalen Auswüchsen kippt dieser angebliche „Antirassismus“ in einen neuen Rassismus der einfachen Negation um, indem nunmehr ein antiweißer Suprematismus der „people of color“ propagiert und zum Teil auch praktiziert wird.

Betrachtet man die von der Autorin beschriebenen Auffassungen und Handlungsweisen dieses identitären Antirassismus, dann fragt man sich als gesellschaftswissenschaftlich und politisch gebildeter Mensch, was denn nun an diesem „identitären Antirassismus“ vor dem tradierten Hintergrund des herrschafts- und religionskritischen Diskurses der Radikalaufklärung sowie des revolutionären Humanismus Marxscher Prägung eigentlich „links“ sein soll. Denn was Caroline Fourest beschreibt, deutet im Näheren eher auf die Auswüchse eines neuen postmodernen Faschismus mit starken islamischen Anleihen hin, der mit dem Begriff „Antirassismus“ eine sehr ähnliche ideologische Demagogie betreibt wie der Hitlerfaschismus mit dem Begriff „Sozialismus“.

Zum Werdegang dieser ideologischen Degeneration stellt die Autorin, die sich selbst als lesbische Feministin der „universalistischen Linken“ zuordnet, Folgendes fest: „Nachdem dieser identitäre Antirassismus die Linke in den angelsächsischen Ländern, von den USA über Großbritannien bis nach Kanada, zerschlagen hatte, begann er die europäische Jugend zu kontaminieren, die immer mehr den gewalttätigen und gefälligen Radikalismus eines Malcom X der Weisheit Martin Luther Kings vorzieht. Sie verteidigt damit eine fundamentalistische Auslegung von Identität, und das in Ländern, in denen sich die radikale Rechte aus Angst vor dieser Entwicklung erhebt“ (S. 53).

Im Näheren zeichnet sich diese identitär-antirassistische Bewegung nach Fourest durch Folgendes aus:

⇒ „Sie hat … keinerlei Skrupel, sich mit fundamentalistischen und antisemitischen Gruppen zu verbünden, solange diese nur behaupten, gegen den Kapitalismus oder den Imperialismus zu kämpfen.“ (S. 53).

⇒ Das führt manchmal so weit, das ganz offen auch Positionen des schwarzen und radikalislamisch aufgeladenen Rassismus und Antisemitismus eines Malcolm X („Der weiße Mann ist von Natur aus böse und muss vernichtet werden.“) und eines Louis Farrakhan verteidigt werden, der Hitler bewunderte und „die Juden mit den satanischen Weißen gleichsetzte , sie manchmal sogar als Termiten bezeichnete, die vernichtet werden müssten.“ (S. 54)

⇒ So ließ sich Tamika Malory, eine der Initiatorinnen des Frauenmarsches, auf einer Zusammenkunft der „Nation of Islam“ bei einem innigen Kuss mit Farrakhan ablichten und die verschleierte Anführerin des Frauenmarsches, Linda Sarsour, eine „Unterstützerin Palästinas nach Art der Hamas“, grundiert ihren „Antirassismus“ laut Fourest folgendermaßen: „Unsere allerhöchste und wichtigste Priorität ist es, einzig Allah, dem allmächtigen Gott, zu gefallen.“ (S. 55)

⇒ Auch in Frankreich haben sich Gruppen gebildet, die Positionen ähnlich der „Nation of Islam“ vertreten und ihren „Antirassismus“ als Tarnvorhang für ihre reaktionär-islamische Identitätspolitik instrumentalisieren. So die Anführerin der „Indigenen der Republik“, Houria Bouteldja in ihrem Buch „Die Weißen, die Juden und wir“, die ihre trotzig-dogmatische Identität und Integrationsverweigerung folgendermaßen posaunt: „Mein Körper gehört mir nicht. Keine noch so große Autorität kann mich dazu bewegen, ein Motto zu unterstützen, das von und für weiße Feministinnen geschaffen wurde. Ich gehöre zu meiner Familie, zu meinem Clan, zu meiner Nachbarschaft, zu meiner Rasse, zu Algerien, zum Islam.“ (S. 56)

⇒ Diese identitäre Unterwerfung unter die autoritär-antiemanzipatorischen Herkunftskultur geht so weit, dass eine Frau, die von einem Mann ihrer Sippe bzw. Herkunftskultur vergewaltigt wurde – er also schwarz, arabisch oder moslemisch sei –, diesen nicht anzeigen sollte, weil sonst der „Rassismus“ befeuert würde. „Das gilt zumal, wenn sie selbst Moslemin ist, denn sonst macht sie sich des Verrats schuldig“. (S. 57). „Konkret bedeutet dies: Harvey Weinstein darf wegen Vergewaltigung angezeigt werden, Tariq Ramadan nicht“ (S. 62)[1]. Angesichts dieser „Haltung“ ist es dann keine große Überraschung mehr, dass diese Person offen bekennt, von großen Emotionen überwältig zu werden, wenn sie das islamische „Sieg Heil“, nämlich den Ruf „Allahu akbar“ (Gott ist am größten) hört, „der die Ungläubigen in Angst und Schrecken versetzt.“ Dies, so Caroline Fourest, sei eine besonders fragwürdige Aussage in einem Land, „in dem mehr als 263 Franzosen, nachdem sie diesen Schrei gehört hatten, bei Attentaten ermordet wurden.“ (S. 57).

Den heutigen postmodernen IntersektionalistInnen[2] wirft Fourest vor, diese würden im Gefolge von Michel Foucault und dessen reaktionärer Verklärung des iranischen Mullah-Regimes die Islamisten als dominante Kraft nicht wahrnehmen wollen, sondern vermengten diese lieber mit allen anderen Moslems, „so als ob es eine … traute Gemeinschaft wäre, wenn sie sie nicht gar als bedrängte Minderheit, als Opfer des Rassismus des Westens halluzinieren. Ob sie nun vergewaltigen, verschleiern oder enthaupten, in dieser kruden Wahrnehmung sind sie vor allem eines: Rebellen und Verdammte dieser Erde, die versuchen, sich selbst zu dekolonisieren“ (S. 63). In diesem Kontext ist daran zu erinnern, wie abgrundtief verlogen die Inszenierung der islamischen Umma als „Opfergemeinschaft“ vor dem Hintergrund historischer Realitäten ist, wo doch dem westlichen Kolonialismus ein expansiver islamischer Imperialismus vorausging, das muslimische Sklavereisystem das westliche deutlich übertraf und die heutige Ausbeutung ausländischer Arbeitskraft in den arabisch-islamischen Ölmonarchien die westlich-spätkapitalistische Mehrwertabpressung in den Schatten stellt[3].

Vor diesem Hintergrund beschreibt die Autorin zahlreiche Praxen der repressiven Intoleranz seitens der Verfechter des identitären Antirassismus und Kulturrelativismus und bezeichnet diese zusammenfassend als Agenda einer neototalitären bzw. inquisitorischen „Gedankenpolizei“.

Ins Auge sticht dabei ein eigentümlicher Widerspruch. Zum einen eine extreme Hypersensibilität auf Seiten der „identitären AntirassistInnen“, zum anderen eine hohe Bereitschaft zu hemmungsloser Diffamierung und aggressiver Repression. In diesem Kontext wird der Aufstieg der Opferkultur an den us-amerikanischen Universitäten beschrieben. Hinter dem „Spektakel der Viktimisierung“, die eng mit einer Unkultur des über Gebühr zur Schau gestellten Beleidigtseins korrespondiert, stecke keine echte Solidarität mit echten Opfern ungerechter und repressiver Behandlung, sondern eine Strategie zur Beseitigung von Konkurrenten. Psychologisch getriggert wird diese Opferkultur durch eine pathologisch anmutende Weichlichkeit und Verletzlichkeit, bei der die auf eigentümliche Weise verformte subjektive Empfindsamkeit zu einem unhinterfragbaren Wahrheitsbarometer aufgebläht wird. So fordern zahlreiche amerikanische Studentenvertretungen ein „Recht auf Rückzug“ bzw. auf Lernverweigerung im Falle „empfindlicher Studieninhalte“, die Studierende womöglich auf mikroaggressive Weise[4] kränken könnten. Das gilt dann im Grunde für alle willkürlich rassifizierten Werke weißer westlicher Autoren. Diese Texte, so heißt es in einem Manifest der Columbia-Universität, könnten die Identitäten von Studierenden verletzen und marginalisieren. Sie seien „auf intime Weise mit Geschichten und Erzählungen der Ausgrenzung verbunden“ und „könnten für Überlebende, farbige Menschen oder Studenten aus bildungsfernen Milieus schwer zu lesen und zu studieren sein“ (S. 107).

Die Autorin fragt angesichts dieser regressiven Tendenzen zu Recht: Wie soll Bildung funktionieren, wenn bestimmte Emotionen und, so wäre hinzuzufügen: unbequeme Informationen, von vornherein ausgeschlossen werden? Die Antwort kann nur lauten: Überhaupt nicht. Was hier stattfindet ist vielmehr geistig-moralische Verunstaltung als Ausdruck postmoderner Dekadenz, die leicht in eine offen-faschistoide Lynchstimmung im Namen eines neuen antiweißen Rassismus mit stark islamischen Beimengungen umschlagen kann, wie sie Fourest unter anderem im Kapitel „Der Alptraum von Evergreen“ anhand der Umtriebe an einer Kunsthochschule im Bundesstaat Washington beschreibt. Verallgemeinernd mit Blick auch auf französische Universitäten sowie unter dem Eindruck eigener massiver Erfahrungen mit dem politischen Terror des lumpenakademischen Mobs an der Freien Universität Brüssel, wo sie unter Polizeischutz und den Schreien „Dreckige Jüdin! Freimaurerin! Islamophobe!“ eine Vorlesung hielt, schreibt Caroline Fourest: „Studenten aus der identitären radikalen Linken greifen Referenten, die ihre Überzeugungen nicht teilen, regelmäßig an, und zwar mit körperlicher Gewalt. Dabei können ihre Opfer genauso der Rechten wie der gemäßigten, sozialdemokratischen oder universalistischen Linken angehören. An zahlreichen Universitäten ist es nicht mehr möglich, Personen einzuladen, die diesen sektiererischen linken oder islamistischen Studenten nicht genehm sind. Die Redner werden sogleich von einem Mob fanatischer Studenten verjagt, die ihnen vorwerfen, ihren Safe Space zu verletzen“ (S. 131f.).

Der Autorin ist selbstverständlich zustimmen, wenn sie zum Schluss betont, dass man dieser Einschüchterung trotzen müsse. Die „Tyrannei der Beleidigung“ und – so wäre hinzuzufügen – die Zerstörung des progressiven Sozialerbes „erstickt uns“. Es sei an der Zeit, so Caroline Fourest abschließend, „Luft zu holen und von neuem zu lernen, die Gleichheit zu verteidigen, ohne der Freiheit zu schaden.“ Wie wahr!

Hartmut Krauss, Januar 2021

Anmerkungen:

[1] Es muss hier aber auch der Hinweis der Autorin angeführt werden, dass 1976 „sektiererische Marxisten“ ebenso verkommen argumentierten, als eine Feministin von einem eingewanderten Arbeiter vergewaltigt worden war.

[2] Der Begriff „Intersektionalität“ bezieht sich zunächst objektiv beschreibend auf die Überschneidung gleichzeitig gegebener tatsächlicher Diskriminierung bezüglich einer Person z.B. anhand der Zugehörigkeitskategorien Klasse, Geschlecht, Ethnie sowie hinsichtlich sexueller Orientierungen oder Behinderungen. Festzustellen ist aber mittlerweile eine ideologische Instrumentalisierung des Begriffs. Etwa wenn Gruppen um den Rang der größten Diskriminierung wetteifern, sich gegenüber Kritik a priori immunisieren wollen, einen „Opferstatus“ nur behaupten oder von eigener Diskriminierungspraxis ablenken wollen.

[3] An anderer Stelle, wo die Autorin die Soziologin Robin DiAngelo wegen deren rassistischer These kritisiert, wonach ein/e Weiße/r zwangsläufig ein Rassist sein muss, heißt es sarkastisch und zutreffend: „Denn selbstverständlich gibt es weder antischwarzen Rassismus noch Sklaverei in irgendeinem arabischen Land, wo der Handel mit Sklaven dreizehn Jahrhunderte dauerte, oder im Maghreb, wo man Schwarze auch Kakerlaken nennt und wo Fundamentalisten ihnen absprechen, echte Moslems zu sein.“ (S. 125f.)

[4] Unter dem Begriff „Mikroaggression“ versteht man, wie die Autorin in Anlehnung an Campbell & Manning zitiert, „kleine und banale, absichtlich oder unabsichtliche, verbale, verhaltensmäßige oder alltägliche Übertretungen, die ein Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit oder der Abwertung bezüglich der Rasse, der sexuellen Orientierung oder des Geschlechts vermitteln, oder aber Beleidigungen und Kränkungen religiöser Natur, die sich gegen eine Gruppe oder Person richten“ (S. 104).

Quelle:

Generation Beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer

 

und eine weitereRezension hierzu, von Josef Kraus:

Wie die Sprach- und Gedankenpolizei die Hochschulen erfasst

Caroline Fourest: “Generation Beleidigt”

Rezension: Josef Kraus

„Tagespost“ vom 15. April 2021

Diese Frau passt in kein Schema: Die französische Autorin Caroline Fourest (*1975) hat für Charlie Hebdo gearbeitet, sie analysiert die Spannung zwischen Multikulturalismus und Universalismus, sie gilt als La Polémiste (ein französischer Titel für eine engagierte Intellektuelle) und sie schrieb Bücher. Mit analytischer Schärfe hat sich Fourest auch mit dem Aufstieg des Front National, insbesondere mit Marine Le Pen, auseinandergesetzt. Das hat ihr – zunächst – Lob bei den Linken eingebracht. Allerdings stieß sie dort in dem Moment auf Ablehnung, als sie den Fundamentalismus und Antisemitismus der „Kulturtaliban“ in migrantischen und islamistischen Milieus zu untersuchen begann. Mit ihrem 2004 veröffentlichten Buch Frère Tariq (Bruder Tariq), in dem sie sich kritisch mit dem islamistischen Intellektuellen Tariq ­Ramadan auseinandersetzt, wurde sie zum Hassobjekt linker und islamistischer Kreise.

Nun ist Fourests topaktuelles Buch „Génération offensée. De la police de la culture à la police de la pensée“ ins Deutsche übersetzt worden. Der deutsche Titel lautet: „Generation Beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei“. Die Kernaussage des Buches ist: Jeden Tag taucht eine neue Minderheit auf, die sich zur Opfergruppe hochstilisiert. Unter Berufung auf Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe versucht man, die Hegemonie über die öffentliche Rede zu erreichen. Allen vor sind die Universitäten die naiven Steigbügelhalter der neuen, identitären Linken geworden.

Caroline Fourest unterscheidet überhaupt zwischen einer universalistischen, laizistischen, freiheitlichen Linken (zu der sie sich selbst rechnet) und einer radikalen, fundamentalistischen, puristischen, totalitär-gestimmten identitären Linken, die „Identitätspolitik“ als Politik der aktiven, ja privilegierten Akzeptanz von – willkürlich konstruierten – Opfer- und Minderheitengruppen versteht. Unter dem Label „Kampf gegen Islamophobie“ macht sich die identitäre, übrigens auch die feministische Linke in schier schizophrener Weise mit der Ideologie des politischen (frauenverachtenden) Islams gemein. Hier wird unter Einsatz von Ellenbogen die Rasse-, Geschlechter- oder Gender-Karte gespielt, wenn es identitären linken Zielen zu nützen scheint.

Bereits die Kapitelüberschriften von Fourests Buch lassen aufhorchen – zum Beispiel: „Die zwei Gesichter des Antirassismus“, „Das Abdriften der Identitätspolitik“, „Wettbewerb der Opfer“, „Die Universität der Angst“, „Hexenjagd“. Im besonderen aber nimmt die Autorin die heutige „akademische“ Jugend ins Visier. Eine Meute von „Inquisitoren“ nennt sie sie mit Blick auf die Universitäten vor allem in den USA, aber auch in Kanada, Belgien und Frankeich. (Für eine Neuauflage des Buches könnte man einige deutsche Beispiele beisteuern!)

Eine Art Lynchjustiz würden lautstarke und aktivistische Teile der studentischen Jugend über die sozialen Netzwerke betreiben – im Gegensatz zu ihren protestierenden Vorfahren, die mit Spruchbändern in die Kälte auf die Straße gegangen seien. Heute meckert man bequem von zu Hause aus, im Warmen sitzend und aus der Anonymität heraus.

Ein nicht geringer Teil der heutigen Massenhysterie, so Fourest, habe mit der extremen Dünnhäutigkeit der jüngeren Generation sowie mit der Tatsache zu tun, dass ihr die existentielle Bedeutung des ständigen Jammerns und Anklagens beigebracht worden sei. Während Ehrgemeinschaften einst dem Heldentum kriegerischer Männlichkeit geschmeichelt hätten, sei die heute protestierende Jugend ständig auf der Suche nach irgendeinem Opferstatus. Dieser Viktimisierungswahn richte sich aber weniger gegen die Herrschenden, sondern gegen abweichende Stimmen. Seit einigen Jahren hätten Professoren denn auch große Angst, über Themen zu sprechen, die ihre Studenten als „beleidigend“ oder als „Mikroaggressionen“ wahrnähmen könnten.

Caroline Fourest warten zur Veranschaulichung mit zahlreichen, zum Teil auch selbst erlebten und erlittenen Beispielen auf. In Kanada ­erhielten behinderte Studierende seit langer Zeit Yogaunterricht. Aktivisten forderten, mit dieser „kulturellen Aneignung“ Schluss zu ­machen, denn Yoga gehöre den Indern. An der Columbia-Universität in New York forderten Studenten, Ovids „Metamorphosen“ aus dem Lehrplan zu nehmen, weil der Text „eurozentrisch“ und „zu gewalttätig“ sei. In Frankreich wähnen sich linke Gruppen trauma­tisiert, wenn Weiße sich eine Afrofrisur verpassen lassen, während es für sie normal ist, wenn weiße Studentinnen am „Hijab-Tag“ aus Solidarität mit dem Kopftuch herumlaufen.

Eine Sprecherin der linksidentitären Gruppe „Indigènes de la République“ forderte gar, Vergewaltigungen nicht anzuzeigen, wenn der ­Täter muslimisch ist, um ihn vor rassistischer Polizei- und Staatsgewalt zu schützen. Fourest erinnert hier an den Fall einer Französin, die 1976 von einem migrantischen Arbeiter vergewaltigt wurde. Feministinnen hatten damals versucht, das Opfer von einer Anzeige abzuhalten – mit dem ­Hinweis, die Strafverfolgung schade dem Proletariat und nützt den rassistischen Unternehmern. Heute erklären Feministinnen jungen Frauen gar, dass der Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung und das Kopftuch den Rassisten helfe.

Alles in allem: Caroline Fourest ist eine mutige Frau, denn sie nimmt es in Kauf, als „rassistisch“ und „islamophob“ beschuldigt zu werden. Dennoch meint sie: Man müsse der Einschüchterung trotzen, wenn man dem Krieg der Identitäten Einhalt gebieten wolle. Eine solche Intervention erfordere, dass man die absurden Anschuldigungen nicht länger hinnehme; dass man die Universitäten zurückerobere. Ehe es zu spät sei und die Universität vor lauter bornierter „wokeness“ wie die Sorbonne in Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ zur muslimischen Universität geworden ist.

Caroline Fourest: Generation Beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Paris 2020 „Génération offensée“, übersetzt Berlin 2020, 143 Seiten