Einsperren mit Merkel, Ausbrechen mit Kant

Thomas Rießinger, Gastautor / 29.03.2021

„Man muss es als Sternstunde deutscher Parlamente bezeichnen, als Fanal der Menschenfreundlichkeit, ja sogar der Menschenliebe, bezeugt und ausgesprochen an einem parlamentarischen Rednerpult. „Ich liebe, ich liebe doch alle, alle Menschen. Ich liebe doch – ich setze mich doch dafür ein“, hörten im November 1989 die versammelten Abgeordneten, die vergeblich zu erfahren hofften, wofür sich denn die fleischgewordene Verkörperung der Menschenliebe einsetzte, weil der begonnene Satz bis heute nicht vollendet wurde.

Betrachtet man nur die beeindruckende sprachliche Gestaltungskraft, die Klarheit und Präzision der Ausdrucksweise, so könnte man der Idee verfallen, es habe sich um eine der zu recht hochgelobten Äußerungen der Kanzlerin gehandelt, der anmaßenden Anwältin argumentfreier Alternativlosigkeit. Sie pflegt ihre Menschenliebe allerdings nur selten in Worte zu fassen und artikuliert sie vorzugsweise in Form fürsorglicher freiheitsberaubender Festsetzungen, garniert mit hängenden Mundwinkeln und jener charakteristischen Handstellung, die man so gerne und liebevoll als Raute bezeichnet – obwohl es sich doch streng und geometrisch genommen um einen Drachen handelt, was vielleicht auch psychologisch stimmiger sein mag.“ (…)

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