Langzeit-COVID: Ein wachsendes Problem ?

Hartmut Krauss

Viele fürchten sich vor Long Covid: Aber wie schlimm und wie häufig ist es wirklich?

Das wahre Ausmass von Long Covid ist schwer abzuschätzen. Denn je nach Studie leiden zwischen 2 und 76 Prozent der Sars-CoV-2-Infizierten an langanhaltenden Symptomen. Das lässt Raum für Interpretationen.

(…) Während eine britische Untersuchung zeigte, dass lediglich 2,3 Prozent der Befragten mehr als zwölf Wochen nach einem positiven Testergebnis noch Symptome hatten, stellte eine grosse Zürcher Studie fest, dass 25 Prozent der Infizierten sich nach mehr als sechs Monaten immer noch nicht erholt fühlten. In einer chinesischen Studie litten gar 76 Prozent der Covid-19-Patienten nach mehr als sechs Monaten noch an mindestens einem Symptom.(…)

Wissenschaftler unterscheiden bei Long Covid bis zu vier verschiedene Patientengruppen mit unterschiedlichen Symptomkomplexen. Diese müssen auch anders behandelt werden.

Keine perfekte Studiengruppe

Die meisten bis anhin publizierten Studien halten sich allerdings nicht an diese Definitionen. Sie fragen unterschiedliche Patientengruppen nach anhaltenden Symptomen. Die chinesischen Forscher untersuchten beispielsweise Patienten, die in Wuhan im Spital behandelt wurden und mehrheitlich schwere Covid-19-Verläufe hatten. Das kann den hohen Anteil von 76 Prozent Long Covid erklären. Die britischen und die Schweizer Forscherinnen und Forscher befragten dagegen eine heterogene Bevölkerungsgruppe von Personen mit asymptomatischen bis schweren Verläufen. In beiden Studien waren mehr schwere Verläufe eingeschlossen, als man in der normalen Bevölkerung erwarten würde.

Das Forschungsteam unter der Leitung von Claire Steves vom King’s College in London wertete die Angaben von Nutzerinnen und Nutzern einer App aus, die täglich Fragen zu ihrem Gesundheitszustand während der Pandemie beantworteten. Knapp 60 Prozent der Teilnehmenden waren weiblich und um die 46 Jahre alt. Die Gruppe war deshalb nur bedingt repräsentativ für die ganze Bevölkerung.

Der Vorteil der Studie ist aber, dass die Teilnehmenden die Fragen unabhängig von einer Covid-19-Erkrankung mehrere Monate lang fast täglich beantworteten. Dadurch gibt es gute Vergleichswerte von vor und nach einer Erkrankung und auch von Personen, die nie an Covid-19 erkrankten. Die Arbeit wurde kürzlich in «Nature Medicine» publiziert. In der App wurde allerdings nur nach zehn Symptomen gefragt, was ein Grund für die vergleichsweise tiefe Häufigkeit von anhaltenden Beschwerden sein kann.

https://www.nature.com/articles/s41591-021-01292-y

Attribute und Prädiktoren von Long-COVID

Zusammenfassung

Berichte über lang anhaltende Symptome der Coronavirus-Krankheit 2019 (COVID-19), der sogenannten „langen COVID“, nehmen zu, aber es ist wenig bekannt über Prävalenz, Risikofaktoren oder ob es möglich ist, einen langwierigen Verlauf in einem frühen Stadium der Krankheit vorherzusagen. Wir analysierten Daten von 4.182 inzidenten COVID-19-Fällen, bei denen die Betroffenen ihre Symptome prospektiv in der COVID Symptom Study app1 selbst berichteten. Insgesamt 558 (13,3%) Teilnehmer berichteten über Symptome, die ≥28 Tage andauerten, 189 (4,5%) über ≥8 Wochen und 95 (2,3%) über ≥12 Wochen. Eine lange COVID war durch Symptome wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, Dyspnoe und Anosmie gekennzeichnet und war mit zunehmendem Alter und Body-Mass-Index sowie weiblichem Geschlecht wahrscheinlicher. Das Auftreten von mehr als fünf Symptomen in der ersten Krankheitswoche war mit einer langen COVID assoziiert (Odds Ratio = 3,53 (2,76-4,50)). Ein einfaches Modell zur Unterscheidung zwischen kurzer COVID und langer COVID nach 7 Tagen (Gesamtstichprobengröße, n = 2.149) zeigte eine Fläche unter der Kurve der Receiver Operating Characteristic Curve von 76 %, mit Replikation in einer unabhängigen Stichprobe von 2.472 Personen, die positiv für das schwere akute respiratorische Syndrom Coronavirus 2 waren. Dieses Modell könnte zur Identifizierung von Personen mit einem hohen Risiko für eine langwierige COVID-Erkrankung für Studien zur Vorbeugung oder Behandlung sowie zur Planung von Aufklärungs- und Rehabilitationsmaßnahmen verwendet werden.

Eine Ergänzung:

https://orf.at/stories/3203445/

CoV und Fettleibigkeit als Doppelkrise

Die Erfahrung der letzten Monate habe deutlich gezeigt, dass vor allem Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 30 kg/m2 – und damit der Diagnose Adipositas bzw. Fettleibigkeit – ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe haben. (…)

In der Adipositas-Ambulanz beobachte sie nun auch, dass Patienten und Patientinnen bei einer überstandenen Covid-19-Erkrankung erheblich mit „Long Covid“ zu kämpfen hätten. (…)

Der Lockdown habe die Situation auch verschärft: Homeoffice und Home-Schooling, weniger Bewegung, ungesünderes Essen sorgten bei vielen für mehr Kilos.

Vier Vorerkrankungen als Risiko

Den Zusammenhang zwischen Covid-19 und Adipositas untermauern zahlreiche Studien aus den USA, auch eine Antikörperstudie für Wien habe einen Zusammenhang zwischen Covid-19 und Adopisitas sowie Diabetes gezeigt. Große Beachtung fand dabei zuletzt eine US-Studie, laut der ein Großteil der schweren Verläufe mit vier Vorerkrankungen zusammenhängt: Adipositas, Bluthochdruck, Diabetes und Herzinsuffizienz. Ohne diese Risikofaktoren könnten mehr als 60 Prozent der Spitalsaufenthalte vermieden werden, so die Studie. Es sind Erkrankungen, die oft einen engen Zusammenhang mit Adipositas haben und sich begünstigen: „Oft stellt sich die schwierige Frage, wo welche Krankheit anfängt und wo die andere aufhört“

Jährlich sterben derzeit etwa 2,8 Millionen Menschen an den Folgen von Fettleibigkeit. Zum Vergleich: In der Coronavirus-Pandemie starben im Vorjahr rund zwei Millionen, an Krebs etwa zehn Millionen Menschen.