Die Entfremdung des Geldes von der Realität

Roger Letsch / 12.05.2021

(…) „Die Überraschung der Biden-Administration über das ausbleibende Jobwunder ist mit Händen zu greifen. Das neue, Billiarden Dollar schwere Infrastrukturprogramm, das ja nur zu einem kleinen Teil in echte Infrastruktur fließt und stattdessen vor allem in die Taschen irgendwelcher politischer Initiativen wandert, sorgt offensichtlich nicht für neue Jobs, sondern vor allem für Mitnahmeeffekte. Das „frische Geld“, das die Wirtschaft ankurbeln soll, versickert in überbewerteten Immobilien, an den Börsen und in Spekulationen, wie wir sie seit dem Crash 2008 und dem Platzen der Dotcom-Blase 2001 nicht mehr gesehen haben.“ (…)

https://www.achgut.com/artikel/die_entfremdung_des_geldes_von_der_realitaet

Kommentar GB:

Die ökonomische Welt der ineinandergreifenden und sich wechselseitig bedingenden drei Kapitalkreisläufe (Marx-Engels-Werke, Bd. 24: „Die Zirkulation des Kapitals“) ist vollständig aus den Fugen.

Man sieht das z. B. an einem anomal niedrigen Zinsniveau: wenn nun sogar Negativzinsen vorkommen, dann besteht ein perverser Zustand. Und man sieht es an einer expansiven Geldpolitik, die Geld als freies Gut behandelt und unbeschränkt emittiert, um die ökonomischen Widersprüche zumindest bis auf weiteres zuzudecken.

Es sind daher die Zentralbanken, die zunehmend die bisherige Funktionalität des Banksystens – Optimierung der Allokation der Ressourcen durch selektive Kreditvergabe – ersetzen, indem sie mittels Geldflutung und indirekter Staatsbudgetfinanzierung die Allokationsfunktion ausschalten. Und der Staat wiederum geht zu einer irgendwie – aktuell angeblich „klimapolitisch“ – legitimierten lenkenden Industriepolitik über, die die Märkte von oben umformt.

Wenn nicht alles täuscht, vollzieht sich derzeit eine Transformation einer vom Einzelnen zum Ganzen hin strukturierten Marktwirtschaft in eine umgekehrt vom Ganzen zum Einzelnen hin strukturierten Staatswirtschaft, die vermutlich nicht umhin kommen wird, Schritt für Schritt immer weitgehendere Regulierungen um- und durchzusetzen, selbstverständlich vorzugsweise auf dem Verordnungswege, denn auch der ehemalige Souverän – das sogenannte Volk – wird als Bevölkerung zum bloßen Objekt staatlicher Politik, die ihrerseits mindestens faktisch die Rolle des Souveräns übernimmt. Die sogenannte Digitalisierung dürfte dabei das technologische Rückgrat sein, denn anders ist eine Kontrolle, Steuerung und Lenkung der Weltbevölkerung durch die Oligarchen wohl nicht vorstellbar.

Damit wäre die Transformation in Richtung auf das im Westen als bemerkenwert erfolgreich oder sogar als überlegen wahrgenommene chinesische Gesellschaftsmodell der epochale Vorgang („Great Reset“), um den es hier geht.

Zwar sind die westlichen Wirtschaftseliten, die maßgeblichen Akteure, keine Mitglieder einer Kommunistischen Partei, sondern bevorzugen bisher clubartige Formen, aber die bereits deutlich erkennbare, bisher aber noch maskierte, jedoch demnächst wohl ganz offene oligarchische Herrschaft in den westlichen Gesellschaften wäre so etwas wie die „grüne“ Entsprechung des „roten“ chinesischen Mandarinats.

Die Strukturen der gesellschaftlichen Herrschaft hätten sich damit mehr oder minder angeglichen. Aber die Freiheit wäre verloren. –