Al-Kaida für Christen und Antimarxisten

Anders Breivik und die reaktiven Folgen des 11. September 2001 (pdf)

23. Juli 2021

Hartmut Krauss

(…)

„Anders Breivik als spiegelverkehrter Djihadist

Zentrale Auslöser einer psycho-ideologischen Entwicklung zum individuellen Terroristen können bei entsprechender Disposition insbesondere gravierende kollektive Traumata wie zum Beispiel Kriege oder vorgängige terroristische Großereignisse sein.

Bei Anders Breivik waren es eindeutig die Mega-Attentate vom 11. September 2001. Einerseits lösten diese aus unbändigem islamistischen Hass auf die westlich-nichtmuslimische Zivilisation entspringenden Terroraktionen einen ebenso unbändigen Gegen-Hass bei Anders Breivik aus, andererseits war dieser von der gigantischen Inszenierung der Anschläge fasziniert. Ihm ging es fortan darum, den terroristischen islamischen Djihadismus operativ-praktisch zu kopieren und in begründungsideologischer Hinsicht ein direkt gegensätzliches Feindbild zu kreieren.

Nach eigenem Bekunden ließ sich Breivik von der Terrororganisation Al-Kaida, die er als „erfolgreichste Revolutionsbewegung der Welt“ bezeichnete, unmittelbar inspirieren. Er habe diese Organisation mehrere hundert Stunden lang im Internet und über Filme studiert. Zwar sei das Problem der militanten Islamisten, dass sie zu sehr auf Sprengstoff und nicht auf Amokläufe mit Schusswaffen setzten, aber insgesamt seien sie so erfolgreich, weil sie „Märtyrer“ (Selbstmordattentäter) einsetzten, die den Tod nicht fürchteten. „Ich habe viel von Al-Kaida gelernt“, erklärte Breivik. Das Ziel sei gewesen, eine Art Al-Kaida für Christen zu schaffen.“

(…) „Um seinen reaktiven Impuls zum okzidentalen Counter-Djihad (als individualpsychologische Verarbeitungsform) zu begründen, kann Breivik deshalb zum einen nicht auf eine anschlussfähige kulturinterne Legitimationsideologie zurückgreifen und sieht sich zum anderen mit der (von ihm unbegriffenen) Dominanz proislamischer und multikulturalistischer Toleranzdiskurse konfrontiert, die er in völliger Verblendung als „Kulturmarxismus“ (statt globalkapitalistischen Postmodernismus) fehlinterpretiert.“ (…) (Hervorhebung GB)

PDF: Hartmut Krauss: Al-Kaida für Christen und Antimarxisten

als Hilfestellung zum analytischen Verständnis von:

NZZ: Wie kann Norwegen über die Utöya-Attacke sprechen? Auch zehn Jahre nach Breiviks Terrorangriff herrscht Ratlosigkeit