Ab 5:47 Uhr wird erzogen

Gabor Steingart bürdet sich die Last des weisen Mannes auf, Polen endlich mit Härte zur Räson zu bringen.

Mit ihm kommt der Berliner Journalismus ganz zu sich

In der deutschen Presse steht von allen Wissenschaften die Bescheidwissenschaft am höchsten.

Auch und gerade gegenüber dem Ausland.

„Was dem perfiden Albion, der bildungsfernen USA und dem verstockten Polen guttut, weiß niemand so gut wie ein Journalist aus Berlin. In diesem Punkt gibt es ausnahmsweise seit über einhundert Jahren keinen Traditionsbruch. Einen mustergültigen Text über Polen, der im Prinzip hundert ähnliche Kommentare anderswo zusammenfasst, veröffentlichte Gabor Steingart, Chefdenker von Pioneer, am 27. Oktober in seinem „Morning Briefing“, das er um 5:47 Uhr herausschickte und damit eine historische Marke haarscharf streifte.

Die Überschrift seines Polen-Textes zeigt schon, wo es lang geht: „Mehr Härte wagen“. Wie man weiß, handelt es sich um ein altes deutsches Problem – die Skrupel, ob Härte gegen den Polen wirklich gewagt werden darf. Unsere ewige Zurückhaltung gegenüber dem östlichen Nachbarn. Dafür, beruhigt Steingart, Pardon dürfe nun nicht mehr gegeben werden:

„Unser schwieriger Nachbar Polen will nicht so, wie wir wollen.“

Dann, wenn er wollte wie wir – und nur dann – könnte man nämlich auf Härte verzichten.

Was will der schwierige Pole denn?“ (…)

Wäre Steingart nicht ein so hervorragender Vertreter seines Milieus, das immer den gleichen Kommißstiefel schreibt, dann würde er zumindest den Satz Hannah Arendts kennen: „Wer erwachsene Menschen erziehen will, will sie in Wahrheit bevormunden und daran hindern, politisch zu handeln.“ “ (…)

Von Alexander Wendt

Ab 5:47 Uhr wird erzogen

Kommentar GB:

Aus polnischer Sicht würde ich mir die Einmischung in innere Angelegenheiten schlicht verbitten. Und wenn eine geradezu exemplarisch undemokratische Institution wie die EU ständig von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie redet, während in der EU nationale Verfassungsnormen – nicht zuletzt in Deutschland – bereits massiv unter die Räder gekommen sind, dann wirkt das derart unglaubwürdig, daß man sich über die diesbezügliche Ignoranz in Brüssel nur wundern kann, um es höflich auszudrücken. In Wahrheit geht es klarerweise lediglich um die Frage, ob sich Polen nun Brüssel-Berliner Diktaten endlich, endlich „freiwillig“ unterordnet, oder ob es sich diesem Herrschaftsanspruch – zumindest teilweise – uneinsichtig verweigert. Unterwerfung ist das mindeste, was von EU-Mitgliedsstaaten erwartet wird. Sonst kommt zwar nicht die (inexistente) Wehrmacht, aber dafür kein Geld. Aber die Polen haben eben etwas gegen Unterwerfung, so wie einige andere Länder auch, übrigens mit großer Klarheit insbesondere in soziokultureller Hinsicht. Sie haben die Stoßtruppen des Islam nicht deshalb vor Wien militärisch geschlagen, um sich nun dem Islam doch noch zu unterwerfen. So dumm ist man eben nur in Berlin und in Brüssel.

 

 

 

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