Brisante Geheimdiplomatie: Die EU nähert sich Taiwan an

29. Oktober 2021

Während sich das Verhältnis zu China spürbar abkühlt, nähert sich die EU an Taiwan an. Außenminister Joseph Wu kam zu einem “geheimen” Besuch nach Brüssel, EU-Abgeordnete fliegen in der kommenden Woche auf die Insel. Die USA sehen es mit Wohlgefallen.

Brisante Geheimdiplomatie: Die EU nähert sich Taiwan an

Kommentar GB:

Für die Seemacht USA geht es nach dem Abzug aus Afghanistan, also nach dem Machtverlust in Zentralasien, nun um die Einhegung des russischen und des chinesischen Einflusses in Eurasien, insbesondere in Zentralasien und Transkaukasien.

Die EU verkennt m. E. die eigene Interessenlage in Eurasien, wenn sie sich faktisch in die – durchaus nachvollziehbare – Geopolitik und Geostrategie der USA – d.h. des Pentagon – einordnet. Dessen Konfrontationspolitik hat zur Zeit zwei Frontlinien. Eine besteht in Osteuropa, und zwar auf jener Einflußlinie, die sich historisch bereits einmal nach Brest-Litowsk militärisch und politisch ergeben hatte, also so ganz ähnlich schon einmal am Ende des Ersten Weltkrieges bestand – vom Baltikum bis zur Ukraine und dem Schwarzen Meer. Und eine zweite Frontlinie, die entlang der gesamten chinesischen Küste verläuft, in Grenzgewässeren politisch-militärischen Einflusses, die zwischen der Seemacht USA und China faktisch umstritten sind und deren Blockadegefährdung für Bejing aus zwingenden wirtschaftlichen Gründen strategisch nicht akzeptabel sein dürfte. Das ist neben der erkennbar offensiveren Haltung des USA vermutlich der aktuelle Grund dafür, daß die alte Formosa-Frage wieder auf der außenpolitischen Tagesordnung steht.

Die Gefahren für den Weltfrieden, die damit verbunden sind, sie liegen auf der Hand, insbesondere, wenn die nuklearen Optionen und Risiken bedacht werden, die in Beijing und ebenso in Moskau zweifellos deutlich wahrgenommen werden.

Die EU wäre m. E. gut beraten, sich nicht einfach – sozusagen als Versorgungsschiff – in den US-Militärkonvoi einzuordnen, sondern allererst die eigenen Interessen mit unterschiedlichen Zeithorizonten im Hinblick auf die USA einerseits und auf Eurasien andererseits zu reflektieren. Dieser Widerspruch wäre zu durchdenken und dann in Ziele, Strategien und Taktiken der EU (bzw. ggf. einzelner Staaten) zu übersetzen.

 

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