Bundesbank: Der Falke macht den Abflug

Mit Jens Weidmann verlieren alle diejenigen einen Unterstützer in der Europäischen Zentralbank, der sich gegen eine grenzenlose Verschuldung der Eurostaaten gewehrt hat und vor Inflationsrisiken warnte. Er war der „Dr. No“ im Rat der EZB. Für Sparer werden die Zeiten damit noch härter. Die sich formierende Koalition in Berlin steht vor einer schwierigen Nachfolgesuche. Wer das Amt des Bundesbankpräsidenten übernimmt, wird über die Stabilität des Euro mitentscheiden.

Von Oliver Stock / WirtschaftsKurier

https://www.wirtschaftskurier.de/titelthema/artikel/bundesbank-der-falke-macht-den-abflug-11825.html

und ergänzend

Weekender-Themen: Altersvorsorge, Schuldenbremse I, Zuwanderung, Föderalismus, Schuldenbremse II

Kommentar GB:

So wenig die – medial verschwiegene – ernsthafte Gefahr einer sozioökonomischen Depression jemals zu unterschätzen war – und die Zentralbanken hatten diese Gefahr durchaus im Blick und sind ihr geld- und zinspolitisch begegnet – so wenig sollte jetzt die Gefahr einer Inflation unterschätzt werden. Denn einerseits gibt es eine fast unbegrenzte Geldmengenausdehnung durch die EZB, die allerdings einerseits weitestgehend noch im Finanzsektor gebunden ist, und die andererseits in den Vermögenspreisen (Aktien- ud Immobilienmarkt) Anlage sucht und findet und dort zu Preissteigerungen führt, folgerichtig dann auch bei den Mieten. Also gibt es eine Übersetzung in den lebensweltliche Bereich, und sobald – ggf. in Verbindung mit anderen Verknappungen aufgrund der Post-Covid-Krise – nun Preise steigen, die die Lebenshaltungskosten erhöhen, werden Lohnforderungen nachfolgen, die ihrerseits Preisüberwälzungen  nach sich ziehen werden. Die Preis-Lohn-Preis-Spirale beginnt sich zu rühren; erste Anzeichen dafür gibt es bereits. Und darin steckt eben das Inflationsrisiko. Je eher die Zentralbanken wohldosiert gegenhalten, desto wirkungsvoller wäre die Geldpolitik in dieser Hinsicht, aber dazu müßte die Geldmenge verknappt statt ausgeweitet werden, und das Zinsniveau müßte schrittweise nach oben geschleust werden, zunächst in den positiven Bereich, und dann auf ein situationsgerechtes Niveau. Der Banksektor erhielte damit seine klassische Kreditfunktion zurück. Allerdings wäre zugleich damit zu rechnen, daß die seit längerem schon konkursreifen Unternehmen reihenweise aufgeben müßten, was spürbare Arbeitslosigkeit nach sich zöge. Und die Staatsfinanzierung der öffentlichen Haushalte würde teuer – im EU-Süden womöglich zu teuer. Falls Herr Lindner Finanzminister werden sollte, dürfte er mit solchen und weiteren politischen Widersprüchen viel zu tun haben. Die Finanzlage könnte und dürfte die Klippe werden, an der all die ideologischen Projekte scheitern wie einst die spanische Armada im Ärmelkanal. Wenn sich ein zukünftiger Finanzminister Lindner in diesem Sinne verhielte, und wenn er dabei zugleich die entschlossene Rückendeckung eines Kanzlers Scholz fände, dann ließe sich einiges durchsetzen. Aber die Frustration der Grünen dürfte in diesem Fall die Dauer einer Ampelkoalition stark begrenzen. Den Grünen – und ebenso den Jusos – steht ihr Realitätsschock wohl noch bevor.

 

 

 

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