Welches „dritte Geschlecht“?

Zur Geschlechtsidentitätspolitik des Bundesverfassungsgerichts und seiner Berater

Posted by uwesteinhoff

September 27, 2021  –  Uwe Steinhoff

Wenn man, was nicht mehr überflüssig ist, in Deutschland auf den seit Jahrtausenden bekannten Sachverhalt hinweist, daß es nur zwei Geschlechter gibt und die Geschlechtszugehörigkeit von objektiven biologischen Fakten, nicht vom subjektiven Empfinden abhängig ist, wird einem von gewissen Kreisen unter anderem gern das Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) zum sogenannten dritten Geschlecht vorgehalten.[1] Dieses Urteil zeigt jedoch lediglich, daß das BVerfG sich hat schlecht beraten lassen und daß der kulturelle Einfluß unwissenschaftlicher Ideologien auch institutionell mächtiger ist, als liberalen Demokraten lieb sein kann. Das Urteil ist nämlich nicht so sehr „progressiv“ denn, wie im folgenden gezeigt wird, begrifflich unklar, empirisch haltlos und logisch unschlüssig. Im übrigen hat das BVerfG zwar einige Interessengruppen um Rat gefragt – aber keine, die gezielt die Interessen von Frauen vertreten würde. Die im Urteil ausgedrückte offizielle Sorge um Gleichberechtigung wird daher von dem angewandten Verfahren konterkariert. Auch inhaltlich werden Frauen von dem Urteil in besonders negativer Weise betroffen, da es, wie schon die Transsexuellenurteile zuvor, abermals die ominöse „Geschlechtsidentität“ über die biologische Realität stellt und es somit Männern erleichtert, in geschützte Bereiche vorzudringen, die aus guten Gründen Frauen vorbehalten werden sollten. Mehr noch, der berechtigte Versuch, solche Eindringlinge abzuwehren und beim Namen („Mann“) zu nennen, wird durch die Geschlechtsidentitätspolitik und der ihr folgenden Rechtsprechung in Diskriminierung umgedeutet. Der Angriff auf Frauenrechte im besonderen und Redefreiheit im allgemeinen erfolgt somit zu allem Überfluß auch noch im Namen der Gerechtigkeit. Engländer nennen dies adding insult to injury. Da sich Grüne und FDP diese Ideologie auf die Fahnen schreiben, könnte sie weiter an gesetzlicher und institutioneller Macht gewinnen.

Der Biologie zufolge gibt es genau zwei Geschlechter

Es ist daher eine wichtige Gegenmaßnahme klarzustellen, daß der Ideologievorwurf durch das Urteil des BVerfG keineswegs widerlegt, sondern durch dessen Analyse nur bestätigt wird. Indem das BVerfG einen dritten „positiven Geschlechtseintrag“ fordert und sich dabei auf die Medizin beruft, impliziert es schließlich, daß es de facto, nicht nur als juristische Fiktion, ein drittes Geschlecht gibt. Dafür sollte es dann eine sehr gute Begründung haben. Es hat jedoch überhaupt keine. Dies erkennt man, wenn man sich klarmacht, wie eine Begründung für die Existenz einer bestimmten Anzahl von Geschlechtern aussehen müßte. Als erste Prämisse benötigte man eine Definition dessen, was ein Geschlecht überhaupt ist. Eine Definition ist nicht einfach nur eine vage Eigenschaftszuschreibung, sondern gibt die notwendigen und hinreichenden Bedingungen dafür an, daß etwas unter einen Begriff fällt. Als zweite Prämisse (sofern die Definition nicht bereits voraussetzt, was zu beweisen wäre) benötigt man eine für diese Definition relevante empirische These; um sodann drittens aus den beiden Prämissen die Existenz einer ganz bestimmten Anzahl von Geschlechtern logisch abzuleiten. Dies läßt sich am Beispiel des sich wenig überraschend an der sexuellen Fortpflanzung orientierenden Arguments für die Existenz von genau zwei Geschlechtern veranschaulichen. Definition: Das Geschlecht ist die Entwicklungsrichtung eines Organismus hin auf die Produktion einer bestimmten Art von anisogametischen Keimzellen. Weist der Organismus Entwicklungsschritte hin auf die Produktion der einen Art von anisogametischen Keimzellen auf, gehört er dem einen Geschlecht an; weist er Entwicklungsschritte hin auf die Produktion einer anderen Art von anisogametischen Keimzellen auf, gehört er einem anderen Geschlecht an. Empirische Prämisse: Es gibt nur zwei Arten von anisogametischen Keimzellen: große (Eizellen) und kleine (Sperma). Schlußfolgerung: Es gibt genau zwei Geschlechter (weiblich und männlich). Diese Auffassung von Geschlecht und die Affirmation der damit verbunden Zweigeschlechtlichkeit, die mit dem Phänomen der Intersexualität logisch völlig vereinbar ist, findet man in einschlägigen Lehrbüchern und Fachaufsätzen zur Genetik und Entwicklungsbiologie.[2]

Da das BVerfG drei Geschlechter zählt, ohne je zu klären, was ein Geschlecht überhaupt ist, weiß es buchstäblich nicht, wovon es redet (Hervorhebung GB)

Das BVerfG will es besser wissen als diese biologischen Fachtexte. Wie aber könnte es, und zwar logisch und aufgrund empirischer Fakten, zu seiner abweichenden Auffassung kommen? Zum einen könnte es, nobelpreisverdächtig, einen dritten anisogametischen Keimzellentyp entdeckt haben. Das hat niemand. Oder es könnte eine andere Definition von Geschlecht verwenden und sich auf etwas anders als Keimzellentypen stützen. Tatsächlich aber findet sich in der Urteilsbegründung überhaupt keine Definition von Geschlecht, wie auch keine Angabe, welches die relevanten empirischen Prämissen sind und warum sie relevant sind, und mithin erfolgt auch keine logische Ableitung. Kurz, das BVerfG bleibt nicht nur ein logisch schlüssiges Argument für seine These vom dritten Geschlecht schuldig, sondern erklärt nicht einmal, was es mit „Geschlecht“ überhaupt meint. Es weiß offenbar buchstäblich nicht, wovon es redet. (Hervorhebung GB)

Auch die Bundesärztekammer weiß es nicht

Dies kann nicht weiter überraschen, wenn man berücksichtigt, wo das BVerfG sich Rat holt (Biologen zu fragen, kam ihm nicht in den Sinn). So beruft es sich für die Feststellung, daß aus „medizinischer Sicht … an einer allein binären Geschlechtskonzeption nicht festgehalten werde“ auf eine Stellungnahme der Bundesärztekammer und zitiert diese mit der Erklärung, daß das Geschlecht einer Person mit „Varianten der Geschlechtsentwicklung … nicht mehr eindeutig den biologischen Kategorien ‚männlich’ oder ‚weiblich’ entspreche.“ Die Bundesärztekammer führt hierzu aus, daß unter „Varianten/Störungen der Geschlechtsentwicklung … angeborene Variationen der genetischen, hormonalen, gonadalen und genitalen Anlagen eines Menschen mit der Folge verstanden [werden], daß das Geschlecht einer Person nicht mehr eindeutig den biologischen Kategorien ‚männlich’ oder ‚weiblich’ entspricht.“[3] Da die Bundesärztekammer jedoch auf eine Definition der Begriffe „Geschlecht“, „männlich“ oder „weiblich“ verzichtet, ist die zuerst gemachte Aussage eine bloße Behauptung. Im Lichte der oben angeführten biologischen Definitionen ist diese Behauptung zudem falsch. (Hervorhebung GB)

Verschiedene genetische und hormonale Einflüsse sind lediglich ein Mechanismus, welcher in Organismen die Entwicklung in Richtung der Produktion von kleinen oder großen Keimzellen verursacht, aber es ist diese gerichtete Entwicklung selbst, welche das biologische Geschlecht definiert, nicht der sie verursachende Mechanismus (der zwischen verschiedene Arten erheblich differieren kann und innerartlich nicht in jedem individuellen Fall denselben Effekt zeitigt).[4] Dies bedeutet auch, daß Individuen mit biologischen Störungen der sexuellen Entwicklung mitnichten die Binarität des Geschlechts in Frage stellen. Sie lassen sich meist eindeutig dem einen oder dem anderen Geschlecht oder vielleicht sogar beiden zuordnen, aber immer eindeutig keinem dritten, da es keinen dritten Keimzellentyp gibt. (Hervorhebung GB)

Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie weiß es auch nicht

Des weiteren zitiert das BVerfG die Deutsche Gesellschaft für Psychologie mit der Erklärung, das Geschlecht sei „ein mehrdimensionales Konstrukt, dessen Entwicklung durch das komplexe Zusammenspiel verschiedener körperlicher, psychosozialer und psychosexueller Einflussfaktoren bedingt” sei (eine ähnliche, etwas kürzere Formulierung findet sich auch bei der Bundesärztekammer). Auch dies ist jedoch keine Definition, sondern klingt wie eine Entschuldigung für die eigene Unfähigkeit, eine zu geben: Es ist halt so kompliziert. Daß dies in der Tat keine Definition von Geschlecht ist, sieht man unter anderem daran, daß auch ein Swingerclub ein mehrdimensionales Konstrukt ist, dessen Entwicklung durch das komplexe Zusammenspiel verschiedener körperlicher, psychosozialer und psychosexueller Einflußfaktoren bedingt ist. Aber ein Swingerclub ist kein Geschlecht. Jedoch ist er in der Tat ein Konstrukt, sogar ein soziales, etwas von Menschen Geschaffenes. Vom Geschlecht kann man das nicht sagen. Das existierte schon bei Algen lange vor der Menschheit.

Der Ethikrat weiß nicht einmal zwischen Worten und Dingen zu unterscheiden

Auch der deutsche Ethikrat, eine andere Institution, auf die das BVerfG sich beruft, weiß anscheinend nicht zwischen biologischen Phänomen und sozialen Konstrukten zu unterscheiden – ein typischer Fehler jener, die der (unter Genderideologien akzeptierten) Philosophie des sozialen Konstruktivismus folgen. So erklärt der Ethikrat in seiner ausführlichen Stellungnahme zur Intersexualität, es handele sich beim Geschlecht „um eine komplexe Kennzeichnung, die sich aus der Kombination mehrerer, ganz unterschiedlicher Eigenschaften ergibt. Diese treten auf der genetischen, hormonellen und anatomischen Ebene in Erscheinung. Hinzu kommt die Selbstwahrnehmung der betreffenden Menschen, die sich einem Geschlecht, beiden Geschlechtern oder keinem Geschlecht als zugehörig empfinden, sowie ihre soziale Zuordnung zu einem Geschlecht, das heißt die Einordnung durch andere.“[5]

Das Geschlecht als „Kennzeichnung“ zu bezeichnen ist ein Kategorienfehler. Man muß zwischen erstens Begriffen/Klassifikationen, zweitens Worten/Kennzeichnungen, und drittens den von diesen Begriffen klassifizierten oder diesen Worten gekennzeichneten Dingen unterscheiden. (Hervorhebung GB)

Spanier und Deutsche etwa klassifizieren bestimmte Dinge in derselben Weise, zum Beispiel Wespen. Sie begreifen sie als derselben Klasse zugehörig; sie haben somit einen Begriff von Wespen. Diesen Begriff drücken sie jedoch mit zwei unterschiedlichen Worten aus, nämlich „avispa“ und „Wespe“. Offenbar sind aber Begriffe sowie Worte wie „avispa“ und „Wespe“ selbst keine Wespen, was man daran erkennt, daß Wespen manchmal fliegen und stechen, Worte und Begriffe hingegen nicht. Und Wespen sind für ihre Existenz nicht von der Existenz menschlicher Worte und Begriffe abhängig. Menschliche Worte und Begriffe schon. Klassifizierungen und Worte sind also sozial konstruiert, das gilt auch für das Wort „Geschlecht“. Wespen sind es nicht. Das Geschlecht auch nicht. Es ist, was es ist. (Hervorhebung GB)

Die vom Ethikrat definitionsfrei betriebene Inflation der „Geschlechter“ ist konzeptuell verworren

Also was ist es? Darauf gibt der Ethikrat keine Antwort. Er unterscheidet zwar, wie wir gerade sahen, zwischen biologischem, psychischem und sozialem Geschlecht. Er liefert aber für keins dieser sogenannten Geschlechter eine Definition, das heißt, die Angabe notwendiger und hinreichender Bedingungen dafür, eins dieser Geschlechter zu sein. Zwar finden sich im Glossar des Textes Angaben, die offenbar als Begriffsklärungen dieser drei vermeintlichen Geschlechtsbegriffe gemeint sind. Sie klären aber tatsächlich nichts und sind keine Definitionen. So steht im Glossar unter „Geschlecht, biologisch“: „Körperliches Geschlecht (auch als sex bezeichnet), das das chromosomale, gonadale und hormonale Geschlecht umfasst.“ Daß dies nichts klärt, sieht man, wenn man das Wort „Geschlecht“ mit dem Word „Bruzni“ ersetzt: „Bruzni, biologisch: Körperliches Bruzni (auch als schnarz bezeichnet), das das chromosomale, gonadale und hormonale Bruzni umfasst.“ Wissen Sie jetzt, was ein biologisches Bruzni ist? Offenbar nicht. Dafür müßte man Ihnen zunächst erklären, was ein Bruzni (oder schnarz) ist. Ebenso müßte der Ethikrat zunächst erklären, was ein Geschlecht (oder sex) ist. Zu diesem Begriff findet sich im Glossar jedoch bemerkenswerterweise kein Eintrag.

Zudem redet der Ethikrat vom männlichen oder weiblichen Geschlecht. Es ist aber offensichtlich, daß das Wort „Geschlecht“ in „männliches Geschlecht“ nicht dasselbe meinen kann wie das Wort „Geschlecht“ in „psychisches Geschlecht.“ Dies erkennt man am verunglückten folgenden Dialog: „War der Verdächtige männlichen Geschlechts?“ „Nein, Herr Kommissar, psychischen Geschlechts.“ Und natürlich verweigert der Ethikrat dem Leser wiederum jedwede Definition, was er mit Geschlecht im ersten und was mit Geschlecht im zweiten Sinne meint. Klar aber ist, daß der Ethikrat offenbar glaubt, das Geschlecht im ersten Sinne sei irgendwie durch die „Kombination“ der drei anderen (biologischen, psychischen und sozialen) sogenannten Geschlechter konstituiert. Wie genau? Auch dies erklärt der Ethikrat nicht. Voraussehbar also führt der inflationäre Gebrauch des Wortes „Geschlecht“ nicht zu analytischer Klarheit, sondern zu konzeptueller Konfusion.

„Geschlechtsidentität“: Die eingebildete Fähigkeit der Mitglieder des Ethikrates, sich mit etwas zu identifizieren, von dem sie nicht wissen, was es ist

Das Ausmaß der Konfusion zeigt sich auch darin, daß der Ethikrat die „Geschlechtsidentität“, also das „psychische Geschlecht“, mal als „Sammelbezeichnung“ und mal als „inneres Gefühl“ bezeichnet.[6] Mindestens eins von beiden ist falsch, denn Bezeichnungen sind keine Gefühle. Bleiben wir bei der weniger unplausiblen zweiten Version. Der Ethikrat meint: „Unter Geschlechtsidentität ist dabei das innere Gefühl eines Menschen zu verstehen, sich einem Geschlecht zugehörig zu fühlen, wobei sich dies darauf beziehen kann, weiblich, männlich oder auch anders zu sein.“[7] Nun hat der Ethikrat aber nicht definiert, was ein Geschlecht ist, auch nicht, was ein weibliches, männliches oder anderes Geschlecht ist. Wie, fragt man sich, bringen Mitglieder des Ethikrates ein Zugehörigkeitsgefühl zu etwas auf, von dem sie nicht wissen, was es ist? (Hervorhebung GB)

Wie kann man sich als Bruzni fühlen, wenn man nicht weiß, was ein Bruzni ist? Genderkritische Feministinnen scheinen einen Punkt zu haben, wenn sie „Geschlechtsidentität“ für einen sinnlosen Begriff halten.

Irrtümer darüber, welchem von zwei Geschlechtern man angehört, schaffen kein drittes

Der Ethikrat erklärt zudem die „sexuelle Identität“ (gemeint ist die Geschlechtsidentität) müsse „dem Körpergeschlecht nicht entsprechen und kann in einem Spannungsverhältnis dazu stehen.“[8] Da der Ethikrat weder das eine noch das andere definiert, gibt es tatsächlich keine Grundlage für die Unterstellung, das „Körpergeschlecht“ sei etwas anderes als die „Geschlechtsidentität.“ Aber nehmen wir an, es ist etwas anderes. Woher kommt dann das „Spannungsverhältnis“? Wenn eine „weibliche Geschlechtsidentität“ meint, sagen wir stereotyp, daß man rosa Kleidung mag und gern Liebesfilme schaut und sich in diesem Sinne eher „feminin“ fühlt, dann gibt es ein „Spannungsverhältnis“ zum männlichen Körpergeschlecht allenfalls in den Köpfen von Menschen mit einem starren Verständnis von Geschlechterrollen. Definiert man hingegen das „Körpergeschlecht“ als Entwicklungsrichtung hin auf die Produktion einer der beiden anisogametischen Keimzellen und die „Geschlechtsidentität“ als das „Gefühl“, körperlich einem bestimmten dieser beiden biologischen Geschlechter anzugehören, dann kann es sehr wohl ein Spannungsverhältnis geben – jedoch nur in Form eines Irrtums. Irrtümer darüber aber, welchem von zwei Geschlechtern man angehört, schaffen kein drittes.

Das BVerfG irrt über die Biologie so sehr wie über Diskriminierung

Somit fehlen dem BVerfG sowohl die analytischen als auch die empirischen Grundlagen für sein Urteil. Es ist schlicht unmöglich, ein nicht-existentes drittes Geschlecht dadurch zu diskriminieren, daß man Paßkennzeichnungen nur für die beiden existierenden Geschlechter zuläßt. (Hervorhebung GB)

Die Beschwerdeführende selbst etwa weist nach Aussagen des BVerfG einen atypischen Chromosomensatz auf, der als Turner-Syndrom bezeichnet wird. Es gibt verschiedene Ausprägungen des Turner-Syndroms, aber in diesem Falle wies die Beschwerdeführende die sogenannte klassische Variante auf (Fehlen eines X-Chromosoms), nicht eine mosaische Variante, bei denen Körperzellen auch ein Y-Chromosom enthalten können. Das BVerfG erklärt, die Einordnung dieser Person als Frau sei „fehlerhaft“. Tatsächlich aber sind Menschen mit klassischem Turner-Syndrom im Sinne der oben angegebenen biologischen Definition – und nochmals: eine alternative Definition hat das BVerfG nicht zu bieten – immer weiblich,[9] und die Ärzte hatten das weibliche Geschlecht bei der Geburt auch ganz richtig festgestellt. Dem Duden zufolge wiederum sind erwachsene Personen weiblichen Geschlechts Frauen. Also handelt es sich bei der beschwerdeführenden Person um eine Frau. (Hervorhebung GB)

Das BVerfG meint aber zudem, ein solcher Eintrag entspreche nicht ihrer „Geschlechtsidentität“ und erklärt: „Verlangt das Personenstandsrecht einen Geschlechtseintrag, verwehrt es einer Person aber zugleich die personenstandsrechtliche Anerkennung ihrer geschlechtlichen Identität, ist die selbstbestimmte Entwicklung und Wahrung der Persönlichkeit dieser Person spezifisch gefährdet.” Erstens gibt es keine validen empirischen Studien dazu, wie sich Einträge des Geschlechts im Personenstandsregister auf die Persönlichkeit von Personen auswirken. Zweitens müßte man nach derselben Logik dann auch Reichsbürgern ihren Eintrag als solche bewilligen, sofern die simple Notierung „deutsch“ ihrer „nationalen Identität“ widerspricht und somit die Wahrung ihrer Persönlichkeit „spezifisch gefährdet“. Drittens notiert der Paß das Geschlecht, nicht die „Geschlechtsidentität“, so wie er ja auch tatsächliche Nationalität, Größe und Augenfarbe notiert, nicht „Augenfarbenidentität“. Viertens gäbe es eine tatsachenkonforme Lösung des vermeintlichen Anerkennungsproblems: Man trägt sowohl das Geschlecht als auch die „Geschlechtsidentität“ ein, etwa „männlich“, „betrachtet sich als weiblich.“ Natürlich wird das Frauen, die sich einem „dritten Geschlecht“ zugehörig fühlen und Männer, die sich für Frauen halten, nicht in jedem Fall zufriedenstellen, denn zwar längst nicht alle, aber doch viele solcher Personen wollen nicht nur „anerkannt“ sehen, daß sie entsprechende Gefühle haben, sondern vor allem, daß diese der Realität entsprechen. Jedoch ist es nicht Aufgabe des Staates, die Gefühlsregungen oder Selbsteinschätzungen seiner Bürger in deren Pässe einzutragen und als realistisch „anzuerkennen.“ Wenn er dies bei niemandem tut, ob sie sich nun mit ihrem Geschlecht oder ihrer Größe „identifizieren“ oder nicht, behandelt er alle gleich. Von Diskriminierung kann daher von vornherein keine Rede sein. Umgekehrt ist es aber sehr wohl Pflicht des Staates, seine Bürger nicht dazu zu zwingen, Personen wider besseren Wissens und Gewissens als etwas „anzuerkennen“, was sie nicht sind. Solcher Zwang widerspräche dem Persönlichkeitsrecht sowie der Gewissens- und Meinungsfreiheit. (Hervorhebung GB)

Das angebliche Diskriminierungsproblem wird durch Einführung des „dritten Geschlechts“ ohnehin nicht beseitigt – man benötigte eine hemmungslose Inflation von weiteren „Geschlechtseinträgen“

Im übrigen löst die Einführung eines imaginierten „dritten Geschlechts“ das angebliche Problem nicht einmal. Die Beschwerdeführende erklärt, ihr allgemeines Persönlichkeitsrecht werde verletzt, wenn sie sich in ein „binäres System“ einordnen müsse, das ihrem eigenen „Identitätsempfinden“ nicht entspreche. Das BVerfG gibt ihr recht und proklamiert das dritte Geschlecht. Unglücklicherweise gibt es jedoch auch zahllose Menschen, denen selbst ein triadisches System zu eng ist. Ein Blick auf die kindisch wenn nicht närrisch anmutende immer länger werdende Liste von vermeintlichen Geschlechtern auf Facebook genügt.[10] Warum aber sollten dann nicht auch all die anderen „Geschlechtsidentitäten” im Paß ihre „Anerkennung“ finden? Man kann nur hoffen, daß das BVerfG dem Kaninchen der Genderideologie nicht bereits so weit in den Bau gefolgt ist, daß es bereit ist, eine solche schrankenlose Geschlechterinflation mitzutragen. Doch die Geister, die es rief, kann es vor dem Hintergrund seines eigenen Urteils nur noch mit purer Willkür dämmen, nicht mehr mit rationaler Argumentation. So mag es vielleicht sagen, daß Notierungen wie „drittes Geschlecht“ oder „divers“ Sammelbezeichnungen für all die anderen Geschlechter seien. Aber dies hilft nicht, denn ist es nicht „diskriminierend“, wenn „männlich“ und „weiblich“ einen eigenen Eintrag bekommen, aber all die vermeintlichen anderen Geschlechter oder „Geschlechtsidentitäten“ de facto unter „ferner liefen“ verbucht sind? Oder aber das BVerfG behauptet, es sei eine objektive Tatsache, daß es genau drei „positive“ Geschlechter gebe. Dafür hat es jedoch kein Argument angeführt, ja, es mangelt an jedweder Grundlage für ein Argument. Umgekehrt wurde für die Existenz von genau zwei Geschlechtern das auf empirischen Fakten und einer klaren Definition beruhende logisch schlüssige Argument oben bereits gegeben. In einer liberalen, der Aufklärung verpflichteten Demokratie aber ist ein binäres System, für daß es schlüssige Argumente gibt, einem triadischen, für das es keins gibt, sicher vorzuziehen.

Wenn ideologische und Geschäftsinteressen vermeintlich objektiver Ratgeber konvergieren

Die Haltlosigkeit des Urteils des BVerfG ist bedauerlich genug, aber ihrerseits Ausdruck sowohl tiefer liegender als auch allgemeinerer Probleme. Zum einen ist das BVerfG nicht gut beraten, wenn es Organisationen wie die Bundesärztekammer und die Deutsche Gesellschaft für Psychologie quasi als Quellen objektiven wissenschaftlichen Rats in Anspruch nimmt. Bei der ersten handelt es sich erklärtermaßen um einen Interessenverband, und derweil die zweite angeblich nur gemeinnützige Zwecke verfolgt, arbeitet sie mit den psychologischen Berufsverbänden zusammen. In jedem Falle werden einige Mitglieder beider Organisationen durchaus Interessen haben, welche mit jenen der Genderideologie übereinstimmen.

„Therapien“ für die seit Kurzem erschreckend steigende Zahl von Kindern und Jugendlichen, die sich von der Genderideologie animiert „im falschen Körper“ wähnen (man siehe Abigail Shrier’s Buch Irreversible Damage), sind eine gute Einnahmequelle; vor allem, wenn sie, wie die Genderideologie fordert, „affirmativ“, daß heißt den Patienten in seinem Glauben bestärkend verlaufen. Diese „Affirmation“ führt den Patienten auf einen langen und letztlich in der Tat irreversiblen Weg, den der Therapeut und Arzt über Jahre lukrativ begleiten kann. Dies soll weder heißen, daß Hormongaben und operative Eingriffe an den Geschlechtsmerkmalen (die Rede von „Geschlechtsumwandlung“ ist irreführend) immer und grundsätzlich falsch sind, noch daß es nicht zahlreiche Ärzte und Psychologen gäbe, die der Genderideologie und der Forderung unkritischer Affirmation mit Skepsis oder offener Ablehnung gegenüberstehen. Nichtsdestoweniger wäre es blauäugig anzunehmen, daß es nicht auch jene gäbe, bei denen ideologische Ausrichtung und finanzielle Interessen unheilvoll konvergieren. Sich ihrer selbst unsichere Jugendliche, die ohne hormonelle und chirurgische Eingriffe besser dastehen würden, sind Leidtragende dieser Konstellation. Die Enthüllungen um die britische Tavistock „Genderklinik“ bestätigen dieses Bild und dürften nur die Spitze des Eisbergs sein.[11] (Hervorhebung GB)

(Trans)Genderideologie, „sozialer Konstruktivismus“ und die Gefährdung der Wissenschaftsfreiheit

Das noch grundsätzlichere Problem freilich ist der kulturelle Einfluß der Genderideologie selbst, welche ihrerseits auf der philosophischen Irrlehre des sozialen Konstruktivismus aufbaut. Diese Lehre sucht den Unterschied zwischen Worten oder „Diskursen“ einerseits und Dingen andererseits einzuebnen. (Hervorhebung GB)

Frauen (interessanterweise wird in diesem Zusammenhang weniger von Männern geredet) sind demnach „sozial konstruiert“, nicht biologisch gegeben. Daß solche Irrlehren zu hanebüchenen Verwirrungen führen, steht zu erwarten. Exemplarisch sei hier auf einen das Urteil kommentierenden Artikel in der Zeit verwiesen, [12] in dem die Autorin Antje Schrupp erklärt, die Bedeutung von Wörtern sei „immer ein Ergebnis langfristiger gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse“. Wenn man „Aushandlungsprozesse“ metaphorisch versteht, ist dies richtig, aber dennoch kann man zum Beispiel transsexuelle Männer nicht zu Frauen oder Äpfeln machen, indem man sich darauf verständigt, die Worte „Frau“ oder „Apfel“ auf transsexuelle Männer anzuwenden. Dann würden zwar in Zukunft transsexuelle Männer als „Frauen“ oder „Äpfel“ bezeichnet werden, aber da in der regulären deutschen Sprache dieses Artikels die Worte „Frau“ und „Apfel“ weder auf gegenwärtige noch zukünftige transsexuelle Männer angewendet werden, bliebe und bleibt die Feststellung richtig, daß transsexuelle Männer keine Frauen sind und auch nie sein werden.

Auch gegenwärtige sektiererische Privatbedeutungen ändern dies nicht. So erkennt Schrupp zwar die „reproduktive Differenz“ an, doch will sie diese genderideologisch sogleich „von der Geschlechterdifferenz … lösen“, nämlich mit der Erklärung „Männer gebären Kinder.“ Zum Beweis verlinkt sie zu einem englischen Artikel, der davon berichtet, daß ein „Transgendermann gebärt“ habe. Hier offenbart sich abermals die Konfusion zwischen Worten und Dingen. Man muß nämlich unterscheiden zwischen der normalsprachlich verfaßte Nachricht über eine wissenschaftliche Sensation und der in sensationsheischend idiosynkratrischer Sprache verfaßten Nachricht über eine Banalität. Wenn eine Sekte das Wort „Transauto“ erfindet und definiert, daß etwas ein „Transauto“ genau dann ist, wenn es eine Elefantenkuh ist, die einmal an einem Auto vorbeigegangen ist, dann lehrt uns die von dieser Sekte verkündete Botschaft „Ein Transauto hat gebärt“ nichts Neues über Schwangerschaften oder Autos. Da analog „Transgendermann“ lediglich die idiosynkratrische Bezeichnung für transsexuelle Frauen ist, sagt der verlinkte Bericht gleichermaßen nur, daß eine transsexuelle Frau, keineswegs ein Mann, gebärt hat. Dies unterminiert nicht, sondern bestätigt die Validität der Unterscheidung von Männern und Frauen.

Beunruhigend konstruktivistisch klingt auch die von der Bundesärztekammer getätigte Aussage, die „Diskussion um die Nomenklatur“ verdeutliche, „dass die Medizin nicht eine rein naturwissenschaftlich geprägte Disziplin darstellt, sondern in Inhalt und Ausdruck auch kulturell geprägt wird und damit aktuellen gesellschaftlichen Strömungen unterliegt.“[13] In einem trivialen Sinne ist dies richtig, nämlich in dem Sinne, in dem Franzosen ihre Resultate eher in einer französischen statt deutschen Nomenklatur zum Ausdruck bringen und puritanische Zeitalter allzu explizite Nomenklaturen vermeiden. Aber erstens wird die Bundesärztekammer diese Aussage nicht getätigt haben, um lediglich Triviales zum Ausdruck zu bringen, und zweitens gilt die triviale Aussage auch für rein naturwissenschaftlich geprägte Disziplinen. Es ist also zu befürchten, daß die Bundesärztekammer durchaus mehr aussagen will, nämlich daß auch die Wahrheit der in einer bestimmten Nomenklatur aufgestellten medizinischen Behauptung von kulturellen Einflüssen abhängt statt lediglich von den mit der Behauptung konstatierten Fakten. Doch diese Aussage ist für die Medizin ebenso falsch wie für die Naturwissenschaften.

Im übrigen ist die Rede von „Aushandlungsprozessen“ und „gesellschaftlichen Einflüssen“ im Kontext der Genderideologie verharmlosend. Genderideologen versuchen ihren Sprachgebrauch mit massivem sozialen Druck, Diffamierungskampagnen und cancel culture durchzusetzen. Das kürzlich gegründete Netzwerk Wissenschaftsfreiheit hat sich nicht zufällig auch im Widerstand gegen den genderideologischen Druck formiert.[14] (Hervorhebung GB)

Und in der Tat ist die Wissenschaft gegen ideologischen und moralistischen Aktivismus, der ihre Ergebnisse im Sinne einer vermeintlich a priori erkannten Wahrheit zensieren und ihre Terminologie zugunsten eines ideologischen Neusprech säubern und verzerren will, entschieden zu verteidigen. Sonst fällt sie als objektiver Ratgeber nicht nur für Politik und Juristen, sondern auch für den Normalbürger mit fatalen Folgen aus.

Wenn das BVerfG nicht zwischen neuen Erkenntnissen einerseits und ideologisch motivierten neuartigen Verwendungen von Worten andererseits unterscheiden kann, sind Liberalismus und Demokratie gefährdet (Hervorhebung GB)

Dies genau zeigt daß Urteil des BVerfG. Vermeintlich objektive Ratgeber, einschließlich des Ethikrates, haben als Transmissionsriemen für eine Ideologie gedient, der sich das BVerG offenbar nicht zu entziehen wußte – oder auch wollte. Vielleicht liegt dies daran, daß es selbst Schwierigkeiten hat, zwischen neuen Erkenntnissen in der Sache und lediglich neuen Verwendungen von Worten zu unterscheiden. So erklärt es: „Dass dem Verfassungsgeber 1949 bei der Formulierung von Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG kaum Menschen weiteren Geschlechts vor Augen gestanden haben dürften, hindert die Verfassungsinterpretation nicht daran, diese Menschen angesichts des heutigen Wissens um weitere geschlechtliche Identitäten in den Diskriminierungsschutz einzubeziehen.“ Das BVerfG suggeriert, daß es hier neues Wissen gebe und dies für die Auslegung der Verfassung relevant sei. Da irrt es sich. (Hervorhebung GB)

Ein Beispiel mag helfen. Nehmen wir an, das BVerfG fällt das Urteil, daß die absichtliche Tötung aus niedrigen Beweggründen von Rothaarigen kein Mord sein kann, da Rothaarige, wie angeblich neue Erkenntnisse beweisen, keine Menschen sind. Dieses Urteil wäre völlig verfassungskonform, wenn man tatsächlich herausgefunden hätte, daß Rothaarige keine Menschen sind. Wie hätte man dies herausfinden können? Nun, in einem Science Fiction Szenario zum Beispiel, indem man mithilfe neuer Verfahren und empirischer Untersuchungen entdeckt, daß Rothaarige nur nanotechnologisch unglaublich avancierte Roboter sind, Infiltratoren einer vermutlich außerirdischen Macht. In diesem Fall wäre das Urteil verfassungsgemäß, weil es das in der Verfassung implizit vorausgesetzte biologische Verständnis von „Mensch“ akzeptiert und eben ganz richtig feststellt, daß Rothaarige keine Menschen im Sinne der Verfassung sind.

Betrachen wir nun ein zweites Szenario. Hier kommt das BVerfG zu seinem Urteil, weil es ratgebenden Organisationen glaubt, daß erstens Rothaarige sich im Gegensatz zu anderen nicht mit ihrem Menschsein „identifizieren“ und daß zudem „Speziesidentität“ in Form der Identifikation mit der menschlichen Spezies Teil der Bedeutung von „Mensch“ sei. Selbst jedoch, wenn es in diesem Szenario wahr wäre, daß Rothaarige sich im Gegensatz zu anderen nicht als Menschen identifizieren, so wäre dies verfassungsrechtlich dennoch irrelevant, da der in der Verfassung vorausgesetzte Begriff des Menschseins die Zugehörigkeit zur Spezies Mensch keineswegs von der Selbstidentifikation, sondern allein von den biologischen Fakten abhängig macht. Anders gesagt, das BVerfG hätte in diesem zweiten Szenario, anders als im ersten, den Boden der Verfassung verlassen, weil es die Bedeutung, die deren Worte haben, bei der Rechtsprechung ignoriert oder verdreht.

Analoges gilt für „Geschlecht“ und „Geschlechtsidentität.“

Es ist eine Sache, ein drittes Geschlecht tatsächlich zu entdecken, nämlich indem man einen dritten Keimzellentyp entdeckt. Es ist eine völlig andere Sache, die in der Verfassung vorhandenen Begriffe von Mann, Frau und Geschlecht umzudefinieren oder zu verdunkeln, indem man der in der Verfassung überhaupt nicht vorkommenden „Geschlechtsidentität“ immense Wichtigkeit zuschreibt und behauptet, daß Geschlecht sei von der „Geschlechtsidentität“ irgendwie mitbestimmt. Den in der Verfassung verwendeten Geschlechtsbegriff hat man damit hinter sich gelassen, und zwar mit einiger Willkür. Man kann ein solches Vorgehen getrost illiberal nennen. Zudem ist es auch undemokratisch. Wenn von einer demokratischen Mehrheit verabschiedete Gesetzestexte, die Frauen besonderen Schutz durch Frauenhäuser, Frauengefängnisse oder Frauensport oder auch besondere Vorteile durch Frauenquoten zugestehen, durch die ideologische Umdeutung des Wortes „Frau“ ausgehebelt werden, so ist dies ein Affront gegen die demokratische Selbstbestimmung – und gegen Frauen. Solche Probleme lassen sich vermeiden, wenn man an dem tatsächlich in der Verfassung und der deutschen Sprache vorausgesetzten Geschlechtsbegriff festhält. Dieser ist biologisch und objektiv und impliziert in Konjunktion mit empirischen Fakten die Zweigeschlechtlichkeit. (Hervorhebung GB)

© Uwe Steinhoff 2021

[1] BVerfG, „Beschluss des Ersten Senats vom 10. Oktober 2017 – 1 BvR 2019/16 -, Rn. 1-69,
http://www.bverfg.de/e/rs20171010_1bvr201916.html.

[2] Siehe etwa Jussi Lehtonen und Geoff A. Parker, „Gamete competition, gamete limitation, and the evolution of two sexes“, Molecular Human Reproduction 20(12) (2014), S. 1161–1168. Douglas J. Futuyma, Evolutionary Biology, Third Edition. Sinauer Associates, Sunderland 1998: „ANISOGAMOUS organisms have large (eggs) and small (sperm) gametes, defining male and female sexual functions.“ Astrid Kodric-Brown and James H. Brown, „Anisogamy, sexual selection, and the evolution and maintenance of sex“. Evolutionary Ecology 1 (1987), S. 95-105, hier S. 98: „The essence of maleness and femaleness is the production of either small, mobile or large, nutritive gametes, respectively.“ Ebenso unerhaltsam wie lehrreich und leicht zugänglich ist der blog der Entwicklungsbiologin Emma Hilton: https://fondofbeetles.wordpress.com/2019/07/22/from-humans-to-asparagus-females-are-females/. Für eine philosophische Explikation des biologischen Geschlechtsbegriffs siehe Alex Byrne, „Is Sex Binary? The answer offered in a recent New York Times opinion piece is more confusing than enlightening“, https://medium.com/arc-digital/is-sex-binary-16bec97d161e, abgerufen am 27. April 2021.

[3] Vorstand der Bundesärztekammer, „Stellungnahme der Bundesärztekammer: Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Varianten/Störungen der Geschlechtsentwicklung (Disorders of Sex Development, DSD), Deutsches Ärzteblatt (30. Januar 2015´), S. 2. DOI: 10.3238/arztebl.2015.stn_dsd_baek_01.

[4] https://fondofbeetles.wordpress.com/2019/07/22/from-humans-to-asparagus-females-are-females/.

[5] Deutscher Ethikrat, „Intersexualität: Stellungnahme“. Deutscher Ethikrat, Berlin 2012, S. 27.

[6] Ibid., S. 33, 74, Fn. 95, und 191.

[7] Ibid., S. 74, Fn. 95.

[8] Ibid., S. 34.

[9] Zum Turner-Syndrom siehe umfassend Patricia Y. Fechner (Hrsg.), Turner Syndrome. Pathophysiology, Diagnosis and Treatment. Springer, Cham 2020. Übrigens sind wohl auch Patientinnen mit mosaischer 45, X0/46, XY-Variante weiblich, wenn auch vielleicht weniger „eindeutig.“

[10] https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/geschlechter-liste-alle-verschiedenen-geschlechter-und-gender-arten-bei-facebook-13135140.html#void.

[11] https://www.bbc.com/news/uk-56539466; https://www.bbc.com/news/uk-55282113.

[12] https://www.zeit.de/kultur/2020-01/geschlechterdebatte-gender-maenner-frauen-feminismus-j-k-rowling-10nach8.

[13] Vorstand der Bundesärtzekammper, „Stellungnahme der Bundesärztekammer: Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Varianten/Störungen der Geschlechtsentwicklung (Disorders of Sex Development, DSD), Deutsches Ärzteblatt (30. Januar 2015´), S. 2. DOI: 10.3238/arztebl.2015.stn_dsd_baek_01.

[14] https://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de/.

Quelle:

Welches „dritte Geschlecht“? Zur Geschlechtsidentitätspolitik des Bundesverfassungsgerichts und seiner Berater

und von demselben Autor:

https://www.cicero.de/kultur/kulturkampf-transgender-ideologie-totalitaer-cancel-culture?utm_source=cicero_newsletter

Kommentar GB:

Der Text illustriert meine These, daß Juristen als Normspezialisten keinerlei ontologische Urteile abgeben können.

Tun sie es dennoch, dann dilettieren sie.

Als Normspezialisten bewegen sich Juristen geistig im Horizont des Alltagswissens des eigenen Kulturkreises. Das fehlende Fachwissen bezüglich beliebiger Fächer (Biologie, Orientalistik, Ökonomik, usw,) muß von fachlicher Seite durch Gutachter eingeführt werden, aber das Risiko, daß es sich dabei nicht um den „state of the art“ handelt, ist beträchtlich. Denn die fehlende ontologische Urteilsfähigkeit bedingt zugleich die Unfähigkeit, Gutachter auszuwählen, weil es abgesehen von bloß plausibel klingenden Auswahlkriterien kein juristisches Kriterium dafür gibt, solche Gutachter zu bestellen, die tatsächlich in der Lage wären, den „state of the art“ zu referieren. Daher dürfte die tatsächliche juristische Praxis unvermeidlich eine dezisionistische, also eine willkürliche sein. Es kann und dürfte daher in der Regel sehr leicht dazu kommen, daß Juristen sich solche Gutachter suchen, die nicht etwa unabhängig den state of the art referieren, sondern solche, von denen erwartet werden kann und erwartet wird, daß sie sich – aus welchen Gründen auch immer – den Vorurteilen der auswählenden Juristen unterzuordnen bereit sind. Und das ist kein erfreuliches Ergebnis.

https://www.bverfg.de/e/rs20171010_1bvr201916.html