Mit Vernunft gegen die Gefühligkeit

24.01.2022 | Von Wolf Lepenies

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article236412153/Voltaire-Warum-wir-ihn-vermissen.html

Kommentar Hartmut Krauss:

In der selektiven ideologisch geprägten Erinnerungspolitik des postrevolutionären kapitalistischen Bürgertums wird die „gemäßigte“ Aufklärung (insbesondere Voltaire) gefeiert, während die Radikalaufklärung (Holbachkreis) als der eigentliche Wesenskern des emanzipatorischen Sozialerbes der Aufklärung verdammt und/oder eliminiert wird.

Siehe dazu:

Philipp Blom: Böse Philosophen Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung

https://www.perlentaucher.de/buch/philipp-blom/boese-philosophen.html

Ein kleiner Auszug aus meinem Exzerpt zu diesem Buch:

Epilog

Die radikalaufklärerische Religions- und Herrschaftskritik von Holbach und seinen Freunden wird abgewehrt, da die Gottlosigkeit der Gruppe angeblich zu einem amoralischen Sittenverfall führe. S.358.

Im Rahmen der Französischen Revolution wurden die Argumente der Radikalaufklärer nicht umgesetzt, weil sie a) in ihrer herrschaftskritischen Dimension den Akteuren zu weit gehen (Schaffung einer Gesellschaft von Ebenbürtigen) und b) die revolutionären Kräfte zwar das tradierte Christentum abschaffen wollen, aber stattdessen eine neue Religion kreieren (Kult des Höchsten Wesens). S.359f.

Für Robespierre, dem totalitären Kopf der Jakobinerdiktatur und Gründer des neuen Kults des höchsten Wesens, der in Rousseau und dessen unverrückbar staatsreligiöser Grundeinstellung die modellsetzende Leitfigur sah, war der Atheismus sowie die emanzipatorisch-hedonistische Moral der Radikalaufklärer genau so sehr ein Feind wie die katholische Kirche. S.361! Rousseau wird als neuer Prophet verherrlicht. Zitat von Robespierre, der sich als wahre Verkörperung des allgemeinen Willens sah: „Oh göttlicher Rousseau …“. S.361unt. Rousseaus Büste als Repräsentant der höchsten Tugend S.362ob.

Rituelle Verbrennung einer Statue des Atheismus zu Ehren des höchsten Wesens S.362mi-unt. Robespierre befahl auch die Zerstörung einer Büste von Helvétius, die seit Jahren im Jakobiner-Club neben der Büste von Rousseau gestanden hatte. S.362unt (Robespierre sah in Helevétius paradoxerweise einen Feind der Revolution, weil dieser die Religion als repressive Macht gegeißelt hatte. ebd.unt- 363ob.)

Nur Graccus Babeuf berief sich nach dem Sturz der Jakobiner auf Diderot und Holbach; ansonsten wurde sie Opfer der Erinnerungspolitik S.363unt- 365ob.

Diderot „war zu sehr Künstler, zu sehr Schriftsteller, zu sehr leidenschaftlicher Diskutant, um einzelne Fragen auf dieselbe leidenschaftliche Weise anzugehen, wie sein Freund Holbach es tat.“

Trotz seiner systematisch konstruierten Werke wurde auch Holbach wegen seines rigorosen Atheismus sowie seiner materialistischen Kernthesen erinnerungspolitisch missachtet und ist bis heute fast völlig vergessen. Er erlangte nur kurzzeitige Popularität als Vorgänger des Sowjetmarxismus. Unter den Bedingungen des postmodernen Beliebigkeits- und Vagheitsfetischismus „hat seine dauernde Bemühung um größtmögliche intellektuelle Klarheit wenig Anziehungskraft.“ S.365unt-367ob.

Die Romantiker verabscheuten die Radikalaufklärer für ihre Zurückweisung aller metaphysischen Mystifikation; die auf den deutschen Idealismus (insbesondere Kant und Hegel) fixierten Philosophielehrbücher des 19.Jahrhunderts reduzierten die radikalen Aufklärer zu einer kuriosen Fußnote. (Siehe zum Beispiel Vorländer.) 367mi-368ob.

Die den Interessen der kapitalistischen und imperialistischen Bourgeoisie angepasste und erinnerungspolitisch aufpolierte „gemäßigte“ Aufklärung wurde von Voltaire repräsentiert. Die Radikalaufklärung wurde hingegen von den Ideologen des aufstrebenden Kapitalismus verschmäht, weil sie bereits Herrschaftsaspekte kritisiert hatte, die jetzt virulent wurden: Nationalismus, Kulturchauvinismus, Kolonialismus, Ausbeutung der Armen; aber insbesondere auch die Rolle der Religion als Mittel zur ideologischen Beherrschung der werktätigen Klassen im Interesse einer kleinen Kaste von Herrschenden. „Das 19. Jahrhundert brauchte eine philosophische Tradition, die ihre kolonialen Abenteuer und die industrielle Ausbeutung der billigen Arbeit rechtfertigte“. Dementsprechend betonten die europäischen und amerikanischen Historiker die gemäßigt-deistische Strömung der Aufklärung des 18. Jahrhunderts und marginalisierten die radikalaufklärerischen Stimmen dieser Zeit. S.368.

Die gemäßigte Aufklärung will die wissenschaftliche Vernunft und die Religion versöhnen, indem sie einerseits die ideologisch repressive und herrschaftslegitimierende Funktion der religiösen Setzung ausblendet und andererseits den Schöpfungsmythos durch die Hintertür wieder hereinlässt (Kant: Gott als Garantiemacht für den Glauben an Gute; Spekulation über eine reine spirituelle Realität jenseits der Erfahrung. Voltaire: Glaube an Gott ohne Mysterien; Gott als unverzichtbare moralische Zuchtrute für den Pöbel.) 369.

Somit eignete sich die gemäßigte Aufklärung für den Überbau der Werte des industriellen Kapitalismus: Die Vernunft wird aufs Instrumentell-Naturwissenschaftliche zurückgeschnitten und damit auf ihre profitable Funktion verkürzt; gleichzeitig aber bleibt das Terrain der religiösen Wirklichkeitsverklärung sowie der religiösen Formung untertäniger Subjektivität unangetastet und wird in dieser Wirkungsweise herrschaftsstrategisch einverleibt. S.370.

 

 

Zu Holbach und Diderot

„Das entschleierte Christentum“ als erstes wichtiges Werk Holbachs S.127obf. Zum illegalen Vertrieb der religionskritischen Untergrundliteratur und zur massiven Bestrafung ihrer Verleger und Leser S.127mi-unt.

Das Christentum ist gefährlicher Unsinn, der das menschliche Vernunftvermögen herabwürdigt und die Gläubigen im Interesse der Herrschenden als Sklaven einer irrationalen Illusion gefangen hält. Deshalb galt es – im Anschluss an Meslier – die inneren Widersprüche der religiösen Lehren aufzudecken S.129ob-131unt.

(Zur Irrationalität des Sündenfallnarrativs. Für Holbach ist Gott ein Sultan, ein Despot, ein Tyrann mit unvorhersehbar negativen und widersprüchlichen Handlungen und mit perverser Freude am menschlichen Leiden. Im Grunde beruht das Christentum, so Holbach im Gegensatz zu Voltaire, auf moralischer Perversion und impliziert legitimationsideologische Bigotterie S.30ob-mi.) Das katholische Christentum sei nicht nur unlogisch und moralisch pervers, sondern schwäche seine Anhänger sowohl intellektuell als auch moralisch, indem es ihre natürlichen Impulse korrumpiert. Ebd.unt-131ob! Holbachs radikal-kritische Sicht auf die Herrscher: Sie verbünden sich mit den Priestern, um die Vernunft auszulöschen und die widerständigen Geister zu unterdrücken. „Eines Tages werde dieser Mut siegreich sein, glaubte Holbach, auch wenn es einer Revolution bedürfe, um die Menschheit von der Religion und dem schweren Joch der hochmütigen Priester und heiligen Tyrannen zu befreien.“ (S.131untmi)

Holbachs Empörung gegen Unfähigkeit der Theologen, sich den Fakten der Naturwissenschaft zu beugen S.131unt- 132mi. Das Erdbeben von Lissabon und seine geistig-moralischen Auswirkungen S.133ob-134unt.

Diderots Beziehung zu Sophie Volland .136ob-139unt. Diderots Skepsis bzgl. der Aufklärung des dummen Pöbels S.140obmi-unt. Die Amoralität der Natur S.141. Zitat zur Vergänglichkeit des individuellen Seins S.141untmi.

Zu Diderots „D’Alemberts Traum“: die Menschen als denkende Materie. Es zeigt sich nach Blom, dass Diderot und seine Diskussionspartner in Holbachs Salon (…) bereits einen Vorläufer von Darwins Evolutionstheorie entwickelt hatten.“ „Gott ist also nichts als eine Projektion unseres Bedürfnisses, Ursachen und Begründungen zu finden, ein perfektes Wissen, aber er kann nicht existieren.“ S.142untmi-145ob.

Diderots und Holbachs Materialismus ließ keinen Raum für metaphysische Spekulationen oder göttliches Eingreifen. S.145obuntmi.
Voltaires aus Eifersucht und materiellen Interessen erfolgende Schmähung des radikalaufklärerischen Kreises um Holbach und Diderot konnte den Aufschwung atheistischer Ideen nicht bremsen! S.145untmi-147unt.

 

 

 

 

 

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