Über den Zerfall der Nationalstaatlichkeit in der Corona-Krise

9. Januar 2022

„Der Literaturwissenschaftler Magnus Klaue ist am Dubnow-Institut in Leipzig tätig. In einem heute in der Zeitung „Welt am Sonntag“ erschienenen Aufsatz analysiert er am Beispiel von Äußerungen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron „Symptome für den Zerfall von Nationalstaatlichkeit in Europa“ im Zusammenhang mit der Corona-Krise.“ (…)

„Macron verwende in seiner Beschreibung nicht gegen COVID-19 geimpfter französischer Staatsbürger zunehmend eine vulgäre Sprache. Diese sei in der Vergangenheit vor allem dann zum Einsatz gekommen, „wenn gesellschaftlich ohnmächtige oder sich ohnmächtig fühlende Gruppen es denen da oben mal richtig zeigen wollten“. Einem Präsidenten hingegen stünden „Gossensprache“ und „Fäkalsprache“ nicht gut zu Gesicht.

Zudem habe Macron in seiner jüngsten „rhetorischen Entgleisung“ den „Ungeimpften“ abgesprochen, Staatsbürger zu sein:

„Der Staatsmann, der dem renitenten Teil des Souveräns die Bürgerrechte abspricht, sieht sich von der Pflicht entbunden, zu ihnen wie ein mündiger Mensch zu sprechen. Er hat es nicht mehr nötig, Argumente zu formulieren, sondern darf agieren wie die Infantilen, zu denen er seine Gegner erklärt […].“
Eine ähnliche Tendenz sei in Deutschland zu erkennen, wo regierungsverantwortliche Politiker die eigenen Staatsbürger als “Idioten” adressierten, „mit denen man reden müsse wie mit Babys“ oder die man „gleich als Staatsfeinde behandelt“.

Die hier sichtbar werdende „Krise der Staatsbürgerschaft“ betreffe ganz Westeuropa, wo sich gegenwärtig eine „Entwertung von Staatsbürgerrechten zugunsten qua Impfpass dokumentierter Gesundheitsrechte“ vollziehe, während tatsächlichen Nicht-Staatsbürgern bzw. irregulären Migranten seit 2015 umfassende Rechte eingeräumt würden.

In diesem Zusammenhang falle auch auf, dass Macron gegenüber “dem Alltagsislam” eine „sprachsensible Contenance wahrt“, die er anderen Bürgern verweigere. Er praktiziere dadurch eine „Kumpanei mit den Starken“ und offenbare „eine Affinität von Mob und Elite füreinander“, der „nachzugeben einem republikanischen Staatswesen nur schaden kann“.1 “ (…)

Über den Zerfall der Nationalstaatlichkeit in der Corona-Krise

 

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